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Die Zeit, in der es an allem und jedem fehlte ...

von Siegfried Mittermayr

KRIEGSALLTAG - LUFTSCHUTZ: Allmählich wandelte sich das tägliche Leben. Splittergraben und Löschteich im Loquaipark habe ich schon erwähnt. In wenig frequentierten Gassen, z.B. in der Matrosen- oder Fügergasse und in der Fillgradergasse wurden swimmingpoolähnliche Wasserbehälter für Löschwasser errichtet. Anfang 1944 wurde mit dem Bau des Flakturms im Esterhazypark begonnen. Schon etwas früher wurde unter der Corneliusstiege bei unserer Schule ein Stollen gebaut: Eine Feldbahn führte ins Erdinnere, eingesetzt wurden Kriegsgefangene, ich glaube Franzosen. Obwohl sie nicht schlechter ernährt erschienen als die übrige Bevölkerung, steckten wir ihnen Brot zu. Das war zwar verboten, aber die Bewacher kümmerten sich nicht darum. Manche Buben tauschten das Brot auch gegen Abzeichen ein. Gefangene beim Arbeitseinsatz gehörten bald zum alltäglichen Erscheinungsbild. So sah ich in Amstetten KZ-Häftlinge beim Bau des Luftschutzstollens. Ihre Kleidung bestand bei winterlicher Temperatur aus blau-weiß gestreiften Papieranzügen in der Qualität von Zementsäcken.

Die Zeitungen rühmten das „Kaufhaus der Wiener“ (= Gerngroß), weil es die Vorsorge für den Luftschutz so gekonnt in die Kaufhausarchitektur integriert habe. Das mussten wir uns ansehen. In der Tat hatte man das ganze Erdgeschoß in einen südlichen Garten mit Beeten aus gelb und grün besprühtem Sand, einigen Wasserbecken und künstlichen Pflanzen verwandelt. Den Raum dafür freizubekommen, war keine Kunst: es gab ohnehin fast keine Waren.

Luftschutz war überhaupt ein Thema: Sofort mit Kriegsbeginn versank das ganze Reich bei Einbruch der Nacht in tiefe Dunkelheit. Die Zeitungen verlautbarten wöchentlich, wann verdunkelt werden musste. Die Autos trugen Scheinwerferkappen, die durch einen Lichtschlitz das Licht nur nach unten fallen ließen. Ab März 1941 erhielten die Scheiben der Straßenbahnen, der Stadtbahn und der städtischen Autobusse einen blauen Anstrich, nur ein schmaler Sichtstreifen blieb frei (auch noch lange nach dem Krieg zu sehen; „Neues Wiener Tagblatt“ v. 25.3.1941).

Beliebt waren die plötzlich in den Geschäften aufgetauchten phosphoreszierenden Anstecker, mit denen man sich in den stockdunklen Straßen bemerkbar machen konnte.

Trotz dieser ägyptischen Finsternis hörte ich wenig von Kriminalität. Nur einmal rief spätabends unter unseren Fenstern eine Frau laut um Hilfe. Es war eine Hausbewohnerin, die beim Aufsperren des Haustores überfallen wurde, jedoch den Täter in die Flucht schlagen konnte. Verdunkelungsraub brachte einen ins KZ, das war bekannt – und auch, dass das kein angenehmer Aufenthaltsort war.

Auch dazu ein Erlebnis, allerdings nicht aus Wien: Im Juni 1940 übersiedelten wir aus Plovdiv vorerst nach Bad Homburg v. d. Höhe. Nach rund 36-stündiger Bahnfahrt kamen wir in tiefer Nacht in Frankfurt am Main an, wo wir umsteigen sollten. Die Bahnhofshalle lag in völligem Dunkel, meine Eltern waren wohl auch etwas eingenickt, kurzum, sie merkten zu spät, wo wir angekommen waren. Nun folgte ein hastiges Ausladen der zahlreichen Koffer und Kleidungsstücke, jedoch mittendrin fuhr der Zug an, wir im Zug und ein Teil des Gepäcks am Bahnsteig. Wir fuhren bis zur nächsten Station – Mainz, warteten den Gegenzug ab und landeten am hellen Morgen wieder in Frankfurt. Ist es zu glauben, dass unser Gepäck nach wohl fünf Stunden unverändert und unversehrt am Bahnsteig stand?

MANGELWIRTSCHAFT: Es war die Zeit, in der an allem und jedem Mangel herrschte. In den Parkanlagen wurden statt Blumen Sonnenblumen angebaut, z.B. zwischen den Gürtelfahrbahnen und vor der Votivkirche am damaligen Hermann-Göring-Platz. Die LKW und sogar manche PKW wurden auf Holzgasbetrieb umgestellt: Zwischen Führerhaus und Plateau wurde ein ca. zwei Meter hoher runder Kessel montiert, in dem Holzklötzchen von der Größe eines halben Briketts „trocken destilliert“, d.h. ohne Sauerstoffzufuhr verkohlt wurden. Mit dem dabei erzeugten Holzgas wurde der Motor betrieben. Beim PKW wurde der entsprechend kleinere Kessel hinten in den Kofferraum hineingeschnitten. Mit einem solchen LKW hat der Gastwirt und Fuhrwerksunternehmer Mock aus Euratsfeld, ein Verwandter des bekannten Politikers, im September 1945 unseren Rücktransport nach Wien besorgt.

Ein Witz aus dieser Zeit: Ein Mütterchen sieht Holzgas-LKW und sagt zum Fahrer: „So ist’s recht! Immer nur schön den Rücken warm halten!“

Es war die Zeit der Kunst- und Ersatzstoffe: Kunstspeisefett, Kunsthonig, Kunstseide, Kunstleder, Ersatzkaffee. Die Zeitungen brachten Tipps, ja, es gab eigene Kochbücher für die Kriegszeit. Tee aus getrockneten Apfelschalen, das ging ja noch; aber Kaffee aus klein geschnittenen und angerösteten Eicheln, der war schlicht ungenießbar. Auf einer Schuhpastadose las ich eine Aufforderung zum sparsamen Verbrauch: „Sie legen ja auch die Butter nicht messerrückendick aufs Brot. Tragen Sie doch die Paste ebenso hauchdünn auf!“ Vielleicht ein Tipp für heutige Verkaufsstrategen?!

Kriegsseife: Unsere Seife war die „RIF-Seife“, grün, schwer, mit viel Sand und garantiert nicht schäumend, amtlich als Kaolinseife bezeichnet. 1943 tauchte ein neuer, deutlich angenehmerer Seifentyp auf, leicht, auf dem Wasser schwimmend, ohne Sand und ganz gut reinigend. Trotzdem von uns mit geheimem Grauen betrachtet: Wir nannten sie „KZler-Seife“, weil wir mutmaßten, sie könnte aus den Leichen getöteter KZler hergestellt sein. Ich lese jetzt in der „Dokumentation 1938 - 1945“, S. 498, es handle sich um „die sogenannte Mersolseife, die kurzerhand Schwimmseife genannt wird, weil sie „…Luft hineingepumpt erhält und so auf der Wasseroberfläche schwimmen bleibt.“ Sei dem, wie ihm wolle: Daraus geht doch hervor, dass meine ältere Schwester und ich (woher eigentlich? Gerüchte?) nicht wussten, aber doch ahnten, dass es in den Konzentrationslagern Massentötungen gab.

Energiesparen war ein wichtiges Thema. Turmkochen wurde empfohlen; es gab eigene Kochtopfserien (Marke Problemtöpfe?) zum übereinander Kochen. Kochkisten sollten verwendet werden. Meine Mutter bastelte sich eine mit Heu ausgestopfte und mit einem Tuch ausgelegte Kochkiste samt gepolstertem Deckel; Speisen wurden angekocht und dann zum Weiter- und Fertigkochen in die Kochkiste gesteckt. Und wirklich: Nach gar nicht langer Zeit waren Kartoffel gar gekocht.

Auch Batterien wurden bald Mangelware. So tauchten in den Geschäften Taschenlampen mit Dynamobetrieb auf: Ein mit dem Daumen herunterzudrückender Hebel setzte den Dynamo in Betrieb und erzeugte mit leisem Surren einen Lichtschein. Vor einiger Zeit kamen diese Dinger in grün-alternativen Kreisen wieder in Mode!

KOHLENKLAU: Im Feber 1944 tauchte die Figur des „Kohlenklau“ in den Zeitungen auf: Ähnlich dem Schwarzen Mann von „Feind hört mit“, eine schwarze Figur, die einen Kohlensack davonschleppt. „Wenn in ganz Großdeutschland in jedem Haushalt eine 40-Watt-Glühlampe eine Viertelstunde unnötig brennt, fallen Kohlenklau fast 70 Millionen Kilo Kohle zum Opfer. Damit könnten 12 Millionen Liter Treibstoff für unsere Jäger und Bomber hergestellt werden.“ Nach diesem Muster waren tägliche Cartoons in den Zeitungen gestrickt. In den Schulen wurde ein Wettbewerb für weitere Kohlenklau-Ideen veranstaltet. Viele dieser Sparideen sind mir in Fleisch und Blut übergegangen und wären heute im Zeichen des Kyoto-Zieles aktuell; leider standen sie alle im Dienst der Kriegswirtschaft.

Zeitungsausschnitte vom Kohlenklau
Zeitungsausschnitte vom Kohlenklau (Privatsammlung Erika Mittermayr)

ANSTELLEN: Schon damals machte ich mir Gedanken: So ganz allmählich begann die Zeit des Schlangestehens. Dass in einem Geschäft der Platz vor der „Budel“ ausgefüllt war, gehörte zum normalen, sozusagen kommunikativen Einkaufserlebnis. Fallweise bildete sich dahinter eine zweite Reihe, wenn der Platz ausreichte, auch eine dritte. Immer häufiger aber kam es vor, dass das Geschäft voll war und die Kunden vor der Tür warten mussten. Dieser Vorgang erinnerte mich an das philosophisch/mathematische Problem, wann aus ein paar Körnern ein Haufen wird! Schließlich gehörte das Sich-Anstellen-Müssen zum Alltag: Wo immer es etwas gab, bildeten sich lange Schlangen. Beim oft stundenlangen Warten wechselten wir uns ab, nach dem Krieg wurde selbst meine sechsjährige Schwester zum Brotkaufen vorgeschickt; immerhin wurde sie als Platzhalterin respektiert. Wenn es dann Ernst wurde, kam meine Mutter oder eines von uns älteren Geschwistern nach.

Es war die Zeit, in der es an allem und jedem fehlte: Nahrung, Kleidung, Kohle, Gas, Strom, Wasser und – Frieden!

Und es war die Zeit, in der alles und jedes gespart, gesammelt, requiriert, bewirtschaftet und verwertet wurde: Kleidung, Schuhe, Schier, Papier, Bücher, Glocken, Gartengeländer aus Metall, Seife, Hundekuchen, Nähnadeln, Altpapier, Flaschen, Knochen und Lumpen. Und das alles natürlich für die Kriegswirtschaft, für den totalen Krieg!

Die Wiederverwertung von Altstoffen und die Idee des Energiesparens waren so mit NS-Regime und Krieg befrachtet, dass ein vorurteilsfreies Herangehen an dieses Konzept erst nach vollen fünfzig Jahren möglich war: Es brauchte dazu den Druck der überfüllten Deponien und der Verpflichtungen des Kyoto-Zieles! Als kurz nach Kriegsende die Wiederaufnahme der Altstoffsammlung aufs Tapet kam, schrieb eine Zeitung (das Neue Österreich?): Zum Glück ist die Zeit vorbei, in der wir Lumpen sammeln mussten, während die größten Lumpen das Land tyrannisierten!

Informationen zum Artikel:

Die Zeit, in der es an allem und jedem fehlte ...

Verfasst von Siegfried Mittermayr

Auf MSG publiziert im April 2011

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 6. Bezirk
  • Zeit: 1940er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag gibt einen Textausschnitt aus der Broschüre von Siegfried Mittermayr, "Erinnerungen an die Jahre 1941-1956 in Mariahilf und anderswo" Wien 2007, wieder.

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