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Die Greißlerei meiner Tanten

von Adolf Katzenbeisser

In meinem Waldviertler Geburtsort Hörmanns bei Litschau gab es eine kleine Greißlerei, die von der Frau meines Großonkels Markus Katzenbeisser betrieben wurde. Er war von Beruf Maurerpolier und erweiterte das einfache Wohnhaus mit einem Zubau, 1913 konnte das Geschäft eröffnet werden. Davor hatte es im Dorf schon einen kleinen Laden gegeben, der aber nur das wirklich Nötigste anzubieten hatte.

ANTONIA KATZENBEISSER – GEMISCHTWARENHANDLUNG stand auf einem Holzschild über dem Eingang. Neben der Tür gab es Emailschilder, die für Waschpulver, Schuhcreme, Milchmargarine und eine Kaffeemischung warben. Der Laden lag in Ortsmitte gegenüber der Schule direkt an der Durchzugsstraße.

Der Mann der Greißlerin starb früh. Als erster im Dorf besaß er ein Fahrrad, damit fuhr er täglich bei jedem Wetter zu den entfernten Baustellen, wobei er sich eine tödliche Lungenentzündung holte. Er war Hauptmann der 1910 gegründeten freiwilligen Feuerwehr. Unterstützung hatte die Greißlerin vorerst von ihren zwei Töchtern, bis die eine im Alter von 25 Jahren kurz nach ihrem Vater ebenfalls an Lungenentzündung starb. Die zweite, Leopoldine, heiratete nach Litschau. Jetzt blieb ihr noch die Schwester meines Vaters, Resi. Die Nichte wurde als einjähriges Kind von ihr aufgenommen, quasi adoptiert, nachdem ihre Mutter 1916 verstorben und der Vater im Kriegseinsatz war. Mein Vater und drei weitere Geschwister kamen ebenfalls zu Verwandten oder Fremden in der Umgebung.

„Resitante“ heiratete einen Maurer aus dem Dorf, der bald darauf im Krieg fiel. Mit ihrem 1940 geborenen Sohn Franz wohnte sie weiterhin bei der Tante und führte mit ihr das Geschäft. Daneben wurde eine Landwirtschaft mit zwei Kühen und einem Schwein betrieben. Die Grundstücke lagen in gut einem Kilometer Entfernung. Fielen handwerkliche Arbeiten an, half mein Vater. In der Besatzungszeit waren im Bodenzimmer zwei Russen einquartiert.

Ortsansicht mit einstöckigen Häusern und drei ländlich gekleideten Frauen im Vordergrund
Die Greißlerei in Hörmanns: die alte Greißlerin mit ihrer Tochter Poldi (links) und der Nichte Resi (Ende der 1940er Jahre)

Vor dem Geschäft saß der schwarze Dackel Hexi, begrüßte mit Schwanzwedeln Kunden und Vorbeigehende und bellte Radfahrern nach. Ich hielt mich oft und gerne dort auf. Mein Cousin, der im Dorf „Greißler-Franzi“ genannt wurde, hatte interessante Spielsachen, unter anderem einen Anker-Metallbaukasten. Wir blätterten in der "Wunderwelt" – eine bunte Kinderzeitung – und waren fasziniert von den "Den Abenteuern des Zwergs Bumsti". Um zehn Groschen bekam man im Geschäft ein „Stollwerck“, von diesen eingewickelten Karamell-Zuckerln hatte Franzi welche in der Hosentasche, und ich naschte mit.

Das Dorf zählte rund 200 Seelen, die nächste Möglichkeit zum Einkaufen war im drei Kilometer entfernten Litschau mit mehreren Gemischtwarenhandlungen und einem Konsum. In die Kleinstadt ging man nur am Wochenende zum Fleischhacker, sonst um Schuhe, Kleidung, Geschirr, Metallwaren und Werkzeuge. Dreimal jährlich fand dort zum Leidwesen der Geschäftsleute ein Jahrmarkt statt.

Drei Familien aus dem Ortskern mieden die Greißlerei aus irgendwelchen Gründen ganz, ebenso Leute der Streusiedlung Kainraths, die es näher nach Litschau hatten. Blieben etwa fünfundvierzig Haushalte, die ihre Einkäufe im Dorf tätigten, wo alles für den täglichen Bedarf zu haben war, von der Semmel bis zum Petroleum, ebenso Schulhefte und Schreibwaren. Semmeln und anderes Weißgebäck wurden in einem Korb vom Pferdewagen mitgebracht, welcher die Milch der Bauern morgens in die Molkerei Litschau brachte. Brot gab es auf Bestellung, in den meisten Häusern wurde selber gebacken. Die übrigen Waren lieferten zwei Großhändler aus der 28 Kilometer entfernten Bezirksstadt Gmünd mit dem LKW an. Während der Ausladung und Übernahme der Waren ruhte der Verkauf an die Kunden, bei den Tanten herrschten Hektik und Nervosität. Wenn frische Quargeln ankamen, waren sie im Nu verkauft. Kühlgerät gab es keines.

Die Greißlerei lebte hauptsächlich von den Kleinhäuslern. Die Hälfte von ihnen betrieb, so wie wir, eine kleine Wirtschaft und versorgte sich teilweise selbst. Zwanzig der sechzig Häuser waren Bauernhöfe. Diese Bauern waren reine Selbstversorger, sie kauften nur das Notwendigste: Salz, Viehsalz, Zucker, Essig und Gewürze, aber keine anderen Lebensmittel. Sonst brauchten sie Nägel, Schichtseife, Spagat, im Frühjahr Samen, weiters Saupech, Kerzen, Dochte und Petroleum für die Lampen. An das kleine E-Werk des Müllers waren nur wenige angeschlossen, unter anderem mein Geburtshaus und die Greißlerei. Nur abends gab es ein paar Stunden Gleichstrom von geringer Spannung, vorausgesetzt, der Mühlbach führte genug Wasser und trieb die Turbine an. Die Vollelektrifizierung des Dorfes erfolgte erst 1948/49.

Viele bezahlten mit Eiern, die von den Großhändlern entgegengenommen und nach Wien weiterverkauft wurden. So kamen pro Woche oft Hunderte Eier zusammen. Für diejenigen, die auch keine Eier anzubieten hatten, gab es ein Aufschreibbücherl. Ein Bauer, der unverheiratete „Miadler Hans“, der mit seiner Mutter den Hof bewirtschaftete, ging grundsätzlich im blauen Schurz einkaufen, in dem er seine Eier brachte und die paar Sachen heimtrug.

An der Geschäftstür war oben ein Stück Metall angeschraubt, das beim Öffnen ein darüber montiertes Glöckchen anschlug, welches das Eintreten einer Kundschaft anzeigte und eine Weile nachklang. Eine Tür mit kleinen Glasscheiben im oberen Bereich und mit Vorhang führte von der großen Stube, wo gewohnt, gekocht und geschlafen wurde, direkt in den Verkaufsraum. Kunden, die außerhalb der Geschäftszeiten dringend etwas benötigten, klopften an der Wohnungstür an. Gerne sahen das die Frauen nicht, sie hatten mit Haushalt und Wirtschaft genug zu tun.

Zum Greißler gehen war für die Leute mehr als ein Einkauf; der Laden war Kommunikationszentrum – in erster Linie für die Frauen. Männer trafen sich in den zwei Wirtshäusern. Die Neuigkeiten wurden von der Greißlerei aus verbreitet, und man stellte sich gerne länger an. Meine Mutter brauchte für ihre Einkäufe oft ein bis zwei Stunden, es kam zu einem längeren Tratsch im oder vor dem Geschäft. Niemand hatte es eilig. Viele besorgten ihre Einkäufe an dem Tag, wo der „Waldviertler Wegweiser“ eintraf, eine Wochenzeitung, die 1949 in den Besitz der SPÖ-Landesorganisation überging und zwei Jahre später als „Waldviertler-Wachauer Nachrichten“ erschien. 1955 wurde der Titel in „Kremser Volkszeitung“ geändert.

Mehl, Grieß, Zucker, Salz und Viehsalz waren offen in Holzbehältern und wurden eingewogen. In jedem Fach steckte die dazugehörige Schaufel. Meine Mutter schimpfte oft über die Staubzucker-Brocken, die sie mit dem Nudelwalker zerkleinern musste. Das Geschäft war an einen Hang gebaut worden, die rückwärtige Wand war feucht, in Bodennähe bildete sich Schimmel.

Auf der Budel stand eine beige Zeigerwaage mit den dazugehörigen Gewichten. Gespannt beobachtete ich jedes Mal den hinaufschnellenden Zeiger und wie, einer Zeremonie vergleichbar, mit der Blechschaufel so lange das Papiersackerl gefüllt wurde, bis das nötige Gewicht erreicht war. War von vornherein zu viel eingefüllt worden, wurde mehr herausgenommen als nötig und wieder vorsichtig mit kleinen Rüttelbewegungen nachgefüllt. Dabei war auch der Blick der Kundschaft auf den Zeiger gerichtet. Im hinteren Bereich stand eine große Dezimalwaage.

Auf Stellagen im Eingangsbereich lagen Strickwolle und in Ballen Blaudrucke, Barchent und grobes Leinen zum Selbermachen von einfachen Kleidern und Schürzen. Daneben lehnte der Meterstab.

Im Blickfeld waren die Rückseiten liegender Gläser mit Zuckerln, deren Inhalt einem den Mund wässrig machte. Saure, Gefüllte, Blockmalz, Pfefferminz, Rachenputzer, Krachmandeln und Früchte-Dragees ließen sich die Kunden einwiegen, oft nur drei Deka.

Petroleum, Essig und Rum waren im Keller gelagert, der von der Stube aus nach Anheben eines Fußbodendeckels über finstere Stufen zu erreichen war. Beim Kauf dieser Sachen brachten die Kunden ihre Flaschen und Kannen mit. Fürs Petroleum hatten sie durchwegs Zwei-Liter-Kannen, deren Öffnungen schnabelförmig waren und mit einem stoffumwickelten Holzstoppel verschlossen wurden.

Einen Vorfall sehe ich noch heute vor meinen Augen. Bei der Anlieferung von Petroleum saugte ein Mann aus dem Fass vom LKW mit dem Mund an einem Schlauch, damit das Öl abgezapft werden konnte. Er hörte zu spät mit dem Saugen auf und bekam Petroleum in den Mund. Er hustete und spuckte, und es wurde ihm schlecht. Ein Glas Milch wurde ihm gereicht.

Als Rechnungszettel diente in Streifen geschnittenes weißes Packpapier, zusammengerechnet wurde mit dem Tintenblei. In der Zeit der Lebensmittelmarken saßen die Tanten abends beim Stubentisch und klebten diese mit Mehlpapp ein; sie waren nicht gummiert. Währenddessen hörten Sie Radio. Der Apparat stand oben auf einem Kasten und wurde mit einer Bleibatterie betrieben. Wenn sie leer war, holte sie der Mann von Polditante zur Aufladung ab. Der Arztsohn betrieb zusammen mit seinem Bruder in Litschau ein Radiogeschäft mit Werkstätte. Mich faszinierte an dem Gerät das große, grüne magische Auge.

Die Markenbögen mussten wöchentlich zur Kartenstelle in Litschau gebracht werden. Die Verrechnung war kompliziert und erforderte erheblichen Zeitaufwand. Für Normalverbraucher, Selbstversorger, Teilselbstversorger, Kleinkinder, Kleinstkinder (unter drei Jahren) und Schwerarbeiter (Holzmacher) gab es jeweils andere Bezugsmengen. Die Lebensmittelrationierungen gingen mit dem 31. August 1950 zu Ende, die Marken wurden erst am 1. Mai 1953, nach dreizehn Jahren, abgeschafft.

An die Wirtschaftsgebäude schloss direkt ein hölzernes Glockenhäuschen an, das auch als Warenlager diente. Im Zweiten Weltkrieg musste die Glocke wegen herrschender Buntmetallknappheit abgegeben werden, nach Kriegsende wurde für eine neue gesammelt. Zur Glockenweihe kam der Propst von Eisgarn. Dreimal täglich wurde von den Tanten oder vom Cousin geläutet: im Sommer um 5, 12 und 20 Uhr, im Winter um 6, 12 und 19 Uhr. Bei einem Sterbefall erklang sie ebenfalls.

Vorgesehen war gewesen, dass Tante Resi das Haus erbt und das Geschäft übernimmt. Das Radiogeschäft, welches der Schwiegersohn der Greißlerin zusammen mit seinem Bruder, einem Ingenieur, betrieb, konnte Mitte der fünfziger Jahre zwei Familien nicht mehr ernähren. Polditantes Mann war der Verlierer, die Greißlerin übergab Haus und Geschäft ihrer leiblichen Tochter. Nach dem Erbrecht völlig in Ordnung. Für die Resitante war kein Platz mehr. Mehr als ihr halbes Leben lang hatte sie sich fürs Geschäft und für die Wirtschaft geopfert, ohne sie wäre der Laden schon längst nicht mehr gelaufen. Nicht einmal angemeldet war sie, sie bezog eine kleine Hinterbliebenenrente. Sie zog weg, nach Klosterneuburg, wo sie im Haus ihrer Schwägerin Unterkunft fand. Ihr Sohn Franz hatte bereits ein Jahr davor in Klosterneuburg eine Elektrikerlehre angetreten. Im oberen Waldviertel waren Lehrstellen rar.

Der Wohnbereich war für die zugezogene Familie zu klein, über dem Geschäft wurde aufgestockt. Bald darauf starb die alte Greißlerin. Die Zeit brachte es mit sich, dass so ein kleiner Dorfladen mit minimaler Gewinnspanne kaum mehr was einbrachte. Da half es auch nicht, dass der Ehemann von Polditante mit dem VW-Käfer Kunden die Einkäufe ins Haus lieferte. Die Leute hatten inzwischen Fahrzeuge und besorgten ihre Einkäufe in der Stadt. Außerdem war die Einwohnerzahl des Dorfes wegen Abwanderung und niederer Geburtenrate gesunken, was 1972 zur Schließung der Volksschule führte. Und so kam es bald darauf zur Auflassung der Greißlerei. Die Tür wurde zugemauert, aus dem Verkaufsraum wurde ein Wohnraum. Jetzt wird das Haus Hörmanns 34 von Zweitwohnbesitzern genutzt. Das Glockenhaus verfiel allmählich, an anderer Stelle wurde eine kleine, gemauerte Kapelle errichtet.

Informationen zum Artikel:

Die Greißlerei meiner Tanten

Verfasst von Adolf Katzenbeisser

Auf MSG publiziert im Juni 2011

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Waldviertel, Litschau, Hörmanns
  • Zeit: 1910er Jahre, 1940er Jahre, 1950er Jahre, 1960er Jahre, 1970er Jahre

Anmerkungen

Eine etwas kürzere Beschreibung dieser Greißlerei findet sich im Band 10 der Buchreihe "Damit es nicht verloren geht ..." - "Kleiner Puchermann lauf heim ...". Für eine Lesung im Mai 2011 im Café Schottenring im Rahmen der Schreibgruppe "Schreiben macht Freu(n)de" erweiterte ich den Text.

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