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Erinnerungen an 1945 III: Vor der Ausweisung

von Ingeborg Wozilka

DIE RUSSEN KOMMEN

Die Gänge, die unter der ganzen Stadt verzweigt waren, führten bis zum Kapuziner-Kloster. Von dort konnte man durch den Garten die Wohnung meines Vaters erreichen. Sie war aufgebrochen worden, die Möbel zerschlagen, Betten aufgeschlitzt, Koffer zerschnitten und durchwühlt, Geschirr zerbrochen und zum Teil ausgeraubt. Also auch keine Bleibe.

Mein Vater erschien. „Sie werden mich holen“, sagte er mit angstvollen Augen, „und werden mich erschlagen. Ich muß fort.“ Und dann nahm er mich zur Seite: Er legte seine Hände auf meine Schultern und meinte: „Es ist eh alles aus. Ich weiß einen unterirdischen Gang unter unserem Garten. Dort findet uns niemand. Komm mit mir dorthin. Ich mache uns einen angenehmen Tod.

Mädchen mit Hund
Die Autorin (1940er Jahre)

Aber ich wollte noch nicht sterben. Schon gar nicht so. Ich machte mich los und lief davon, durch den Garten ins benachbarte Kapuziner-Kloster. Die Kapuziner-Mönche dort hatten schon mehrere Frauen und Kinder versteckt bei sich. Sie wiesen ihnen leerstehende Zellen zu. Jeder war überzeugt, das sei ein geschützter Raum, eine geweihte Stätte. Daß der Zutritt für Frauen im Kloster nicht gestattet war, galt nicht mehr. Es war eine außergewöhnliche Zeit, da konnte Außergewöhnliches passieren. Soldaten würden hier keine hereinkommen, auch unter Russen gab es fromme Menschen, die Kirchen und Klöster respektierten. Über die unterirdischen Gänge konnte man alle Straßen der Stadt erreichen. Russen würden sich in dieses Labyrinth nicht begeben.

Auf diese Weise beruhigt, gastierte ich in einer Zelle und nicht mehr in den nassen Gewölben. Aber nur ein paar Tage. Die Mönche waren freundlich, sie sprachen deutsch. Einer der Mönche, der in sich verschlossener schien als seine Mitbrüder, trat mir am Flur entgegen und reichte mir ein Buch. Es hieß „Vorsommer“ von Karl Benno von Mechov. Wie er dazu wohl gekommen war? Möglicherweise habe ich mich bedankt. Sonst haben wir kein Wort miteinander gewechselt. Von da an las ich nur noch und war in einer anderen Welt.

Vielleicht war eine Woche vergangen, da versetzte der Pater Quardian alle in Aufregung. Die Russen kommen. Vom Glockenturm hängte jemand ein weißes Leintuch heraus. Sollte heißen: „Wir kämpfen nicht!“ oder „Verschont uns, hier ist geweihter Boden!“

Und dann ratterten die Panzer unten über das Kopfsteinpflaster der Straßen, Planwagen quietschten, Pferde wieherten, Soldaten riefen sich brüllend unverständliche Worte zu. Ab und zu fiel ein Schuß. Wir hatten strikte Anweisung, jeder in seiner Zelle zu bleiben, von innen abzuschließen und sich ruhig zu verhalten. Mehrmals am Tag hämmerten sie gegen die Klosterpforte. Manchmal konnte sie Pater Quardian nach längerem Überzeugungsreden abweisen. Manchmal wurden Fässer mit Wein aus dem Keller über die steilen Felsentreppen heraufgewuchtet, und die Russen trollten sich damit zufrieden. Es gab nichts zu essen. Obwohl ich annehme, daß das Kloster eine gut bestückte Vorratskammer hinter der Küche hatte. Die Vorräte wären schneller aufgebraucht gewesen, hätte sich jeder daraus bedient. Wie sich die anderen beholfen haben, weiß ich nicht. Jedenfalls stand unter Mitzis Bett ein Koffer voller Zuckerwürfel, das wußte ich. Trotz aller Warnungen verließ ich meine Zelle und schlüpfte zu ihr. Meistens war sie abwesend, und da holte ich mir rasch eine handvoll heraus von der begehrten Süße, für eine zeitlang war der Hunger gestillt. Auch meine Mutter war in der einen oder anderen Zelle abgeblieben. Ich hatte mein Buch und war damit entrückt. Irgendwann würde alles wieder gut werden, Ordnung wie vorher sein, das Haus würde gerichtet werden, die Schule würde weitergehen, der Krieg war vorbei, es gäbe sicher etwas zu essen. Vielleicht könnten wir die Wohnung im ersten Stock beziehen, und mein Zimmer würde ich so und so einrichten.

In diese Tagträume hinein platzte Pater Quardian mit der Nachricht, daß die deutschen Mönche das Kloster verlassen müßten. Sie hätten ein Angebot, in ein Kloster in Südtirol zu kommen. Sie waren wie ein Schwarm aufgescheuchter Tauben. Es gab keine Fahrzeuge, keine Pferde, außerhalb unseres Hauses nur wilde Russen mit dreckigen Uniformen, kleingewachsene Burschen mit geschlitzten Augen, breiten Gesichtern und platter Nase. Es war immer noch die Einmarschtruppe, die, habe ich mir später einmal erklären lassen, das Plünderungsrecht hatte. Es waren Mongolen. Drei Tage, es waren mehr, nach Einnahme einer Stadt gab es ungestrafte Plünderungsfreiheit, das war der Kriegslohn.

Für die friedgewohnten Mönche war das sicher die schlimmste Nachricht. Wie hätten sie sich nach Südtirol durchschlagen sollen? Wie haben sie es überhaupt fertiggebracht, das „Dritte Reich“ unbehelligt in dieser Idylle zu überdauern? Was waren es für Leute? Was erwartete sie? Aber es hieß, die tschechischen Mönche warteten schon auf den Einzug, und so verloren sie sich allmählich, einer nach dem anderen, wer weiß wohin.

Daß diese Maßnahme der Beginn der Ausweisung war, ahnten wir damals nicht. Es war eine praktische Lösung der Stadtverwaltung, denn auch die im Kloster versteckten Leute mußten nun ausziehen. Durch die Stadt fuhren plötzlich Jeeps da saßen Männer drin in Partisanenuniformen und sie schwenkten eine tschechische Fahne. Die Republik wurde ausgerufen. Die Zweite Tschechische Republik.

Einmal wagte ich es, mich in die Höckstraße zu schleichen. Die Wohnung war schon zum großen Teil ausgeraubt. Da hörte ich schrilles Pfeifen und Peitschenknallen auf der Straße. Ein einzelner Partisan kam auf das Haus zu. Ansonsten war die Straße leer. Ich flüchtete in den Keller und versteckte mich hinter der großen Wäschemangel. Ich hörte, wie der Mensch da oben durch unsere Wohnung streifte und die provisorischen Holztreppen in die oberen Stockwerke erklomm. Er hatte anscheinend nicht gefunden, was er suchte. Beim Hinausgehen habe ich ihn erkannt. Seine Eltern hatten eine Apotheke in der Wienerstraße. Es waren Tschechen. Um sich zu schützen, haben sich viele Tschechen Partisanenuniformen angezogen. So konnte man sie nicht unterscheiden von den „Echten“, die aus irgendwelchen Balkanländern, in denen sich das deutsche Militär unbeliebt gemacht hatte, in die ausgestorbene Stadt gebracht worden waren. Sie waren Feinde, rigoros, sie machten keine Ausnahme. Sie trafen nicht auf bekannte Deutsche, denen gegenüber sie doch Scheu gehabt hätten, sie schlecht zu behandeln.

Dieser hier aber war einer, den ich kannte. Wenn ich mit dem Fahrrad in die Klavierstunde gefahren war, mußte ich die Wienerstraße hinunter. Da sah er mich vorbeifahren, schnappte sein Fahrrad und fuhr hinter mit her. Er war in meinem Alter. Gesprochen haben wir miteinander nie. Er hatte meistens einen Adjudanten bei sich, einen kleinen, viel jüngeren Kerl. Dieser war eines Tages im Pausenhof der Schule auf mich zugekommen und hatte mir eine Tulpe gereicht. Er sagte: „Schönen Gruß vom Mirek!“ – „Wo hast du denn die Tulpe her?“, fragte ich. Und er antwortete treuherzig: „Von der Rabatte am Granitzweg.“ Das war unsere Gemeinsamkeit. Und jetzt durchstöberte er unser Haus als Partisane, Peitsche schwingend.

Ich schlich mich wieder zurück ins Kloster. Ich ging in die Kirche. Da war ich allein. Ich wollte beten. Aber der Kopf war wie verstopft. Das Herz wohl auch.

Plötzlich wurde die Kirchentüre aufgeschlagen. Die große, schwere Türe, ein Portal eigentlich, ging nicht so leicht auf. Ich hatte noch Zeit, mich in einem Beichtstuhl zu verstecken. Es war einer jener, die aussahen wie altdeutsche Kommoden – dunkel, verschnörkelt, voller Geheimnisse. Dreigeteilt. In dem Mittelteil hing ein dunkelroter Vorhang. Da hinein bin ich gekrochen. Das alte Holz knarrte. Ich getraute mich nicht, mich zu rühren. Den Mittelgang entlang polterten ein paar Russen. „Nur nicht entdeckt werden.“ Zu allem Elend würden mich auch noch die Patres verurteilen, weil ich ohne Erlaubnis das Haus verlassen hatte. Ich machte mich so klein, wie ich konnte. Auf dem Sitz lag ein abgeschabtes dünnes Kissen. Davon ging ein widerlicher Duft aus. Mir wurde übel, mit Mühe hab ich ein Niesen unterdrückt. Die Russen schienen kunstbeflissen, soweit das die ärmliche Kapuziner-Kirche überhaupt bieten konnte. Es dauerte unendlich lange, bis sie wieder gingen. Sie schlugen nicht um sich, sie nahmen nichts mit. Mit steifen Knien stieg ich aus dem Schrank, in den ich niemals freiwillig hineingestiegen wäre.

Von früheren von Neugierde und Entdeckerlust getriebenen Exkursionen war mir ein Gang bekannt, der vom Kloster in die Kirche führte und hinter dem Altar den Ausstieg hatte. das war der Weg der Mönche, wenn sie nachts zu ihren Andachten gingen. Dadurch konnten sie den Weg über die Straße vermeiden. Den Weg benutzte ich jetzt, zurück in meine Zelle.

DIE AUSWEISUNG

Im Dritten Reich hatte man die „Sondermeldungen“ nicht nur über das Radio gehört, das waren damals die kleinen, „Volksempfänger“ genannten Rundfunkgeräte – eben „für das Volk“, klein und billig, für jeden erschwinglich –, sondern es sollten auch diejenigen mit den besonderen Nachrichten erreicht werden, die sich zufällig auf der Straße befanden und kein Radio im Augenblick zur Verfügung hatten. Alle Menschen sollten von den Errungenschaften des Militärs und dem bevorstehenden „Endsieg“ erfahren. Um das zu erreichen, sind im ganzen Stadtgebiet Lautsprecher angebracht worden, meistens an den Lichtmasten von öffentlichen Plätzen, großen Straßenkreuzungen, vor den Kinos oder Sportplätzen, kurz eben da, wo mehrere Menschen, vermutet wurden. Man war jederzeit auf dem neuesten Stand informiert.

Nun, diese Meldungen waren ab dem 8. Mai eingestellt. Auch der letzte Glaubenstreue mußte wissen, was es geschlagen hatte. Wer konnte noch an den Endsieg glauben, wenn sich die Russen in der Stadt bewegten?

Plötzlich jedoch funktionierten die Lautsprecher wieder. Jeder horchte auf die fremde Stimme von „oben“. Unglaublich, was da mit Befehlsstimme in die Straßen flutete, unüberhörbar, bezweifelbar wie die Verlautbarungen vor wenigen Tagen. „Achtung“, hörte man in deutscher Sprache, „die Bevölkerung wird darauf hingewiesen, daß bis zum 28. Mai alle Deutschen das Land verlassen müssen, widrigenfalls sie mit Gefängnisstrafen zu rechnen haben.“ Machte sich da jemand einen bösen Scherz? Wie sollte das vonstattengehen? Wo sollte man hingehen? Was geschah mit dem Eigentum? Weshalb sollte man eingesperrt werden? Wer hatte sich etwas zuschulden kommen lassen? Und die Stimme von oben setzte nach: „… alle Deutschen, auch Frauen und Kinder, auch solche, die keine politische Funktion innegehabt haben.“

Das Unsinnige stärkte sogar meiner Mutter die Meinung, denn sie sagte „Wir haben hier unser Haus, unsere Großeltern wohnten bereits hier, wir haben niemandem Leid angetan. Wir sind mit allen Leuten gut ausgekommen, Tschechen sind unsere Freunde gewesen, wir haben eine Gruppe Juden verpflegt und beschützt, obwohl es verboten war. Wir können nicht gemeint sein. Das gilt sicher für die Deutschen, die nach 1939 aus dem ‚Altreich’ zu uns gekommen waren.“

Die Unruhe blieb. Wer deutsch ist, sollte eine gelbe Armbinde tragen. So hieß es weiter. Wir hatten sowieso kein Zuhause. Nachdem wir das Kloster verlassen hatten, gewährte uns die Familie von Vera Danzerova Unterschlupf. Sie hatten eine sehr kleine, dunkle Wohnung in einem Hinterhof der Kalchergasse. Vera war während des Krieges als „Pflichtjahrmädchen“ im Haushalt meines Vaters tätig. Sie war mir mit der Zeit eine Freundin geworden, nur zwei Jahre älter als ich. Familie Danzer stellte meiner Mutter und mir ein Bett zur Verfügung. Selbst mußten sie sich wohl zur Not beholfen haben, denn außer ihren Eltern war plötzlich auch ihr Bruder da, den ich vordem nicht gekannt hatte, und dessen Freund. Wir kamen ja auch nur zum Schlafen, tagsüber waren wir Steine klopfen. Eines ist mir aufgefallen in der kleinen Tschechenwohnung: An der zur Innenseite der Wohnung gewandten Seite der Eingangstür hing mit Reißnägeln befestigt eine Landkarte, Karte Europas, darin waren mit bunten Stecknadeln die Frontlinien der russischen Armee gekennzeichnet. Sie wußten also mehr als wie wir, ging mir durch den Kopf. Immerhin war mein Vater Hauptmann bei der deutschen Luftwaffe, und er ging sehr locker mit seinem Wissen in politischen Dingen um, wenn er daheim war.

Meine Mutter und ich waren zum Kreisgericht einbestellt worden. Dort unterbreitete man uns, daß wir uns am nächsten Morgen um sieben Uhr früh bei den Fabriken am Bahnhofsgelände einfinden müßten. Dort trafen wir auf mehrere Frauen und Mädchen, alles Deutsche. Wir wurden von einem Mann angewiesen, die Schuttberge aufzuräumen. Wie macht man das? Nun, die brauchbaren, nicht ganz zersplitterten Ziegel von Mörtelresten befreien und so weit abklopfen, daß sie verwendet werden konnten. Die auf diese Weise gereinigten Ziegel wurden zu einer Mauer aufgeschichtet. Der Mann aber verließ uns wieder. Möglicherweise wollte er uns eine Chance geben, uns davonzumachen. Aber in unserer Naivität haben wir das nicht verstanden. Alle, die hier herumstanden, waren sich einig: „So ernst war alles nicht gemeint mit dem Schuttaufräumen“, und wir stiegen in das Wohnhaus, das so aufgerissen war von Bomben wie das unsere in der Höckstraße.

Die Wohnungstür war ausgebrochen, auf den Stiegen lagen Kleidungsstücke verteilt, Kindersachen, ein Schulranzen, Bücher, deutsche Bücher, Hefte, deutsch beschriebene, ein Poesie-Album, ein schön gebundenes Heft, und ich las, von Kinderhand geschrieben: „Znaim, das ist ein schönes Städtchen, es hat viele hübsche Mädchen, es hat auch einen Rathausturm, der ist höher als ein Wurm.“ Sicher waren dieses ersten literarischen Ergüsse gehütete Geheimnisse gewesen, jetzt lagen sie im Chaos am Boden herum, preisgegeben jedem dreckigen Stiefel. Ich schämte mich, kam mir vor wie ein Schnüffler, wie ein Eindringling in intime Sphären. Weg in die Küche. Da machten sich die Frauen schon zu schaffen. Hier standen auf dem Tisch, auf dem Fensterbrett, auch auf Stühlen Essensreste in Schüsseln, Tellern, Töpfen. Halbgeleerte Flaschen, Eßbesteck auf dem Boden, die Leute, die hier noch eine Mahlzeit nehmen wollten, waren offensichtlich überrumpelt worden. Es waren vermögende Leute diese Fabrikanten. Zu dem Mobiliar der Küche gehörte ein Eisschrank. Das war damals Luxus. Dieser da war angefüllt mit Lebensmitteln, ein kaum noch gekannter Anblick: Butter, Konservenbüchsen, Milch in Flaschen, und in der Vorratskammer hingen Stangen von Würsten, Brotlaibe lagen da, Einkochgläser mit Kompott, so herrliche Dinge hatten wir schon lange nicht gesehen.

Praktisch, wie Frauen sind, waren sich schnell alle einig. Man stopfte sich zuerst den Mund voll, so gut es ging, und danach die Schürzentaschen. Ich hatte keine Schürze. Mein Forscherdrang zog mich in die anderen Zimmer. Hier hingen keine Lüster. Das waren Kronleuchter hier im Speisezimmer: So wie ich es vom Theater her kannte. Glasperlen, Glaskerzen, Glasrauten, Glastropfen, Glastränen.

Noch einen Tag ließen wir uns darauf ein, Steine zu klopfen. Das beweist, was für ein unterwürfiges Denken wir gewohnt waren. Einer Stimme, die man nicht kannte, die man niemandem zuordnen konnte, einfach zu gehorchen.

Auf dem Weg zu unserer „Arbeit“ zogen immer wieder Grüppchen von Menschen vorbei, bepackt mit Binkeln aus Kissen, mit Taschen oder Säcken, und mit verschreckten Gesichtern. „Habt ihr es nicht gehört? Das ehemalige RAD-Lager (Reichsarbeitsdienst) auf der Prager Straße ist jetzt Strafgefangenenlager. Es sollen schon etliche Deutsche dort interniert und geschlagen worden sein. Jedenfalls hört man Schreie, wenn man vorbeigeht.“ – „Ihr müßt mitkommen. Eigentlich ist immer noch Krieg.“ – „Oder schon wieder.“

Die Danzers gaben uns vorsichtig zu verstehen, daß sie uns nicht länger beherbergen konnten. Die Razzia sei streng und bestrafe auch diejenigen Tschechen, die Deutsche in Schutz nehmen.

Im Hofe des Höckstraßen-Hauses stand seit eh und je ein kleiner Handleiterwagen. Den hatten wir benutzt, unsere Kohlen beim Händler zu holen. Der brachte schon lang keine mehr ins Haus. Wer Kohlen benötigte, mußte sie selbst holen und bekam doch nur eine begrenzte Menge. Diesen Leiterwagen bestückten wir mit einem Rucksack, der von Herbert zurückgelassen worden war, unserem Luftschutzgepäck, einer Decke, mit dem Buch, das ich von dem Mönch erhalten hatte und einem Faltenrock, den ich noch in der geplünderten Wohnung gefunden hatte. So zogen wir los, meine Mutter und ich, mit dem Wägelchen und unserem armen Hund, der auch nicht wußte, wie ihm geschah. Als wir bei Kloster Bruck die Thaya-Brücke passierten, warf ich einen Blick zurück. Dieser Abschiedsblick auf die erhobene Stadt prägte sich mir tief ein.

Informationen zum Artikel:

Erinnerungen an 1945 III: Vor der Ausweisung

Verfasst von Ingeborg Wozilka, unterstützt durch Hans Brennecke

Auf MSG publiziert im Juni 2011

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Tschechien, Südmähren, Znaim/Znojmo
  • Zeit: 1945

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