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Auf dem Bauernhof (19421950)

von Brigitta Hafner

In meiner Kindheit gehörten Tiere zu meinem täglichen Leben. Als mein Vater in den Krieg ziehen musste, wollte meine Mutter nicht allein in Wien bleiben, und wir gingen heim zu ihren Eltern nach Güssing, welche dort eine Landwirtschaft führten. Im Haus wohnten auch noch die Urgroßeltern und eine Schwester meiner Mutter mit ihren Kindern, und das ergab eine stattliche Anzahl von Personen.

Weiters gab es am Hof Kühe, Schweine, Hühner, Katzen und Gänse. Also fast alles Nutztiere, die im Verband mit einem Gemüsegarten einen reichen Nahrungstisch bescherten. So habe ich die Kriegszeit ohne Hunger in Erinnerung.

am hinteren Ende eines landwirtschaftlichen Hofes füttert ein Kind Hühner
Beim Hühnerfüttern

Das Bauernhaus schloss mit dem Wohnhaus, den Stallungen, einem Geräte- bzw. Materialschuppen und einem Stadel einen Innenhof ein. Hier spielte sich das tägliche Leben in guter Einheit ab. Und da war auch ein Hund, der hieß Dodo. Sein Fell war ganz schwarz und er war sehr kinderlieb. Er hatte eine eigene Hundehütte im Laubengang des rechten Gebäudetrakts, wo er seine Aufgabe, fremde Eindringlinge zu melden, gut wahrnahm.

Damals lagerten auf der Wiese neben dem Bahndamm oft die Zigeuner. Die Tiere blieben dann in den Stallungen und die Wäscheleine blieb unbenützt. Sie kamen zum Hof, um ihre Waren anzubieten, und auch, wenn sie Trinkwasser benötigten. Auf unserem Anwesen gab es im Innenhof einen Schöpfbrunnen. Mit geübtem Schwung konnte man mit Hilfe des Eimers am Haken der fünf Meter langen Brunnenstange das kühle Nass zu Tage fördern. Für uns Kinder war beim Brunnen Sperrgebiet.

Mädchen in längerem Kleid vor Fenster
Die Autorin (um 1945)

Wir Kinder waren unter der Woche einfach gekleidet, und wenn es die Temperatur erlaubte, immer barfuß unterwegs. Wir hatten unsere kleinen Aufgaben im Familienverband und kaum ein Spielzeug, sodass wir uns eher mit den Tieren vergnügten. Wir holten uns heimlich aus dem Schuppen Weizenkörner und lockten die Hühner, bis sie uns vertrauensvoll folgten. Wir platzierten die Katze im Puppenwagen, bis sie dann oft mit einem Tüchlein um den Bauch unwillig davonsauste. So wollten wir natürlich auch den Hund an eine Leine nehmen und ihn spazieren führen. Wir hatten aber nur eine Schnur, und die banden wir Dodo um den Hals.

Eine Zeitlang funktionierte diese Methode, aber durch die Bewegung zog sich die Schnur immer fester zu und schnitt dem Hund in das Fleisch des Halses, bis er wund war. Ab diesem Zeitpunkt ließ Dodo niemanden mehr an sich heran. Er knurrte uns furchterregend an, und wir mussten unser Tun den Erwachsenen gestehen. Die Wunde eiterte, und ich sehe heute noch das Bild vor mir, wie Dodo selbst versuchte, das Ende der Schnur zu erwischen und sich aus dieser misslichen Lage zu befreien. Warum kein Tierarzt aufgesucht wurde, kann ich nicht beantworten. Ich denke, dass in dieser Nachkriegszeit von den Erwachsenen eher auf die Nutztiere geschaut wurde oder mein Opa schon wusste, dass sich der Hund letztendlich selbst von dem Ungemach befreien würde, was ja auch geschah. Er wurde wieder gesund und wir hatten die Lektion für unser Handeln gelernt.

zwei Buben mit kleinem schwarzen Hund vor Hundehütte sitzend
Mein Bruder und mein Cousin mit Dodo

Die Schweine wurden in der kalten Jahreszeit geschlachtet, denn es gab keinen Kühlschrank. Der Fleischer kam ins Haus. Schon beim Einfangen quietschte das Tier herzerweichend, sodass wir auch auf der Wiese vorm Haus das Ereignis miterlebten.

Ich erinnere mich auch, dass einmal Not am Mann war. Mein Opa spannte die Kühe vor den Wagen, und ich musste mit ihnen auf das Feld fahren. Sie kannten den Weg, und so konnte ich den Auftrag gut erfüllen. Durch meine Mithilfe beim Beaufsichtigen auf der Weide waren mir die Tiere vertraut, und ich hatte keine Scheu vor ihnen. Spendeten sie doch die gute Milch, von der ich mir oft ein Schälchen erbettelte, wenn es neue Kätzchen gab.

Später in meinem eigenen Haushalt hatte ich nie das Bedürfnis nach einem Haustier. Meiner Tochter zuliebe stimmte ich der Anschaffung eines Wellensittichs zu. Letztendlich blieb die Pflege dieses gefiederten Freundes an mir hängen. Heute verirrt sich hin und wieder ein Fliege zu mir, und das ist genug.

Informationen zum Artikel:

Auf dem Bauernhof (19421950)

Verfasst von Brigitta Hafner

Auf MSG publiziert im Juli 2011

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Burgenland, Süd, Güssing
  • Zeit: 1940er Jahre

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