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Ein Verletztentransport im Sommer 1946

von Hans Kasper

Es war ein schöner Morgen auf der Alpe Vilifau (auf 1750 Meter Seehöhe) im Rellstal am Fuße der Zimba. Die Kühe, welche nachts ja immer im Freien sind, kamen in die Stallungen, jede an ihren Platz, wurden angebunden und dann gemolken. Anschließend stand das Frühstück bereit. So wie praktisch jeden Morgen üblich, gab es den „altbekannten“ Brösel – eine Maisspeise, welche in Vorarlberg auch als Riebel bekannt ist und beim Alppersonal aus der Pfanne „gelöffelt“ wird – und dazu frische Milch, je nach Belieben, kalt oder warm. Dann geht es zu den Stallungen, um zuerst eventuell verletzte Tiere zu behandeln. Gleich danach werden die Kühe von ihren Halsketten befreit, um anschließend auf die Weide gebracht zu werden.

Bei dieser Arbeit passierte das Unglück, der Hirte Gebhard Maier, „Halda Gäbhard“, wurde durch ein Missgeschick beim Losbinden einer Kuh von dieser mit einem Horn tief in den Bauch gestochen (deshalb werden heute bei vielen Kühen die Hörner entfernt). Schwerverletzt wurde er zur danebenliegenden Sennhütte getragen. Dann musste rasch gehandelt werden. Es gab ja damals auf einer Alpe weder eine Funkverbindung noch Telefon, und so hieß es raschest ins Tal zu kommen, um einen Arzt zu rufen.

Wer konnte schneller rennen als der 15-jährige Kleinhirte (Junghirte), welcher sofort mit diversen Aufgaben, die zu erledigen waren, in Richtung Tal rannte.

Sein erstes und auch schnellstens zu erreichendes Ziel war die Krauthobelfabrik und Sägewerk Dietrich in Innerbach, einem Ortsteil von Vandans, denn dort gab es auch eines der wenigen Telefone. Sofort wurde von dort aus versucht, einen der beiden Ärzte in Schruns zwecks raschester Hilfe zu erreichen. Dr. Sprenger (evtl. Dr. Walser), ich bin hier nicht ganz sicher, war bereit, seine Ordination vorzeitig zu schließen, und versprach, mit seinem Auto schnellstmöglich bis zur „Lende“, etwa einen Kilometer oberhalb von Vandans, dem Ende der Fahrstraße, zu kommen. Von dort hieß es zu Fuß durch das Rellstal zur Alpe Vilifau aufzusteigen. Jedoch wurde dem Doktor Aufstiegshilfe, also fallweise Entlastung mit einem noch zu organisierenden Pferdegespann, zugesagt.

Gebirgslandschaft mit Almhütten
Die „stolze“ Zimba (2700 Meter) – das Matterhorn Vorarlbergs. Vorne eine von den zwei kleinen Sennhütten, in welcher der Verunfallte zuerst versorgt wurde

Nach der Zusage des Doktors und der Abklärung über den Treffpunkt musste sich der junge Bub schnellstens um ein Fuhrwerk bemühen. Für die versprochene Hilfe beim Aufstieg, vor allem jedoch für den eventuell erforderlichen Abtransport des Verletzten, war nur ein Pferdeeinsatz möglich. Beim Sägewerk Dietrich wurde dem Jungen der kürzeste Weg zum Fuhrmann Friedrich Kasper in Rodund geschildert. Und hier hatte der junge Mann wirklich Glück.

Friedrich, mein Onkel, war mit einem Ross bei einem Landwirt in der Nachbargemeinde beschäftigt, jedoch mit einem Pferd war ich daheim bei der Heuarbeit. Damals waren ja noch die diversen Mäh- und Heubearbeitungsmaschinen, wenn auch nur mit Pferdezug, eine ganz große Hilfe für jeden Landwirt.

Mann sitzt auf einem von einem Pferd gezogenen Heuwender
Allein diese einfache Maschine (Heuwender aus dem Jahr 1940) – man konnte nur Gras „zetten“ und wenden – nahm schon recht viel mühevolle Handarbeit ab.

Sofort habe ich umdisponiert und den Zweiradkarren (ca. 1 Meter Breite), beladen mit einer Menge Decken startklar gemacht. Da damals ins Rellstal ja nur ein schmaler und stellenweise recht steiler Weg führte, konnte wie immer nur ein Zweiradkarren, ein sogenannter Alpkarren, gezogen von nur einem Pferd, verwendet werden. Da diese Karren nur eisenbereift waren, legte ich vorsichtshalber die erwähnten Wolldecken dazu, um dem Verunfallten einen halbwegs angenehmen Transport ins Tal zu ermöglichen.

Beinahe gleichzeitig war der gerufene Arzt aus Schruns mit seinem Auto und ich mit Ross und Karren an der Fahrweg-Endstation auf der bereits erwähnten „Lende“. Er legte seine Arzttasche, gefüllt mit diversen Instrumenten und Medikamenten, auf den Karren und benützte an nicht steilen Wegstücken jede Gelegenheit, um auf dem Karren sitzend befördert zu werden.

Normal konnte man ja einem Pferd auf dem Rellsweg bei einigen Ruhepausen eine Zugleistung bis zu 200 Kilogramm zumuten, doch hier war das Ladegewicht nur gering und Zeitgewinn enorm wichtig, und so wurde ohne Pause im Eiltempo der Alpe Vilifau zugesteuert.

zwei Pferdekarren und ein Fohlen nebst einem Mann und einem Buben
Onkel Friedrich und ich brachten mit den beiden Pferden Lebensmittel und Getränke zur Heinrich-Hueterhütte (oberhalb der Alpe Vilifau); transportiert wurde auf den erwähnten Zweiradkarren, welche vor allem bei schmalen Bergwegen verwendet wurden. Das circa sechs Wochen alte Fohlen musste die anstrengende Tour mitmachen, um mit frischer "Muttermilch" versorgt zu werden (Sommer 1944)

Mit schweißgebadetem Ross am Ziel angelangt, wandte sich der Doktor gleich zum Patienten. Gebhard lag jammernd auf einer Pritsche in der kleinen Alphütte. War es nun der Schmerz als Folge des Horneinstiches oder evtl. die Reaktion auf die „Erste Hilfe“-Maßnahme des Senners? Dieser Mann wollte „Schlimmeres“ verhindern und versorgte die Einstichwunde in kurzen Abständen durch Auflegen von Tüchern, welche in „Obstler“ (Schnaps) getränkt waren. Keine schlechte Idee, jedenfalls sprach der Arzt dem Senner für diese Erstbehandlung ein Kompliment aus. Diese Art von Wundbehandlung wurde bei diversen Verletzungen angewendet. Besonders wenn es zu Holzarbeiten in abgelegene Waldgebiete ging, war der gute Obstler immer dabei; er tat stets recht gute Dienste bei inneren und äußerlichen Problemen.

In der Zeit während den ärztlich dringend erforderlichen Behandlungsschritten wie Injektionen gegen Wundstarrkrampf, Schmerzen usw. wurde der Zweiradkarren in Eile für den Patiententransport vorbereitet. Da der Verunfallte nur liegend befördert werden konnte, wurde aus starken Brettern eine Liege auf den 1,20 Meter langen Karren „gezimmert“ und mit Heu und Wolldecken gepolstert. Den vor Schmerzen jammernden Gebhard brachte man vorsichtig auf diese Notliege, und rasch ging es in Begleitung des Doktors der „Lende“ zu. Wirklich schlecht und recht holprig war das Wegstück von der Alpe Vilifau bis zur Rellskapelle, da tat uns Gebhard schon recht leid. Die weiteren sechs Kilometer des Rellsweges waren zwar in etwas besserem Zustand, jedoch wie bereits erwähnt, auch zu schmal und manchmal recht steil, um ein Eiltempo zu wagen. Obwohl ein rascher Transport erforderlich war, konnte mit dem Pferd nur in schnellem Laufschritt gefahren werden.

Auf der Lende gottlob gut angelangt, wurde Gebhard in das Auto vom Doktor „umgebettet“ und gleich ins Spital nach Bludenz gebracht. Im Arztauto konnte der Beifahrersitz flach umgelegt werden, und so ergab sich eine Notliege. Dann trennte ich mich von Arzt und Patient und ließ mich, wirklich recht müde, auf dem sogenannten Alpkarren heimfahren.

Natürlich wollte ich rasch wissen, wie es dem Gebhard wohl ginge, und so besuchte ich ihn schon am nächsten Tag. Im Spital bekam ich den erfreulichen Bescheid, dass die Operation gut verlaufen war und der Patient Riesenglück hatte. Obwohl das Horn dieser Kuh zwar weit in das Bauchinnere drang, wurde kein einziger Darm durchstochen. Somit konnte Gebhard nach etwa zwei Wochen das Spital verlassen. Die große Überraschung folgte, als ich erfuhr, dass Gebhard ungefähr einen Monat nach dem Unfall wieder als Hirte auf Vilifau im Einsatz war.

Und hier noch einige interessante Daten:

Von der Alpe Vilifau bis zur Krauthobelfabrik Dietrich in Vandans sind es etwa zehn Kilometer, weiter zum Fuhrmann Kasper noch ein Kilometer. Für diese Strecke benötigt man bei normalem Gehen talwärts gut zweieinhalb Stunden. Der Hirtenjunge schaffte es in einer Stunde.

Von der Lende bis zu Alpe Vilifau waren es wieder knapp zehn Kilometer, welche man bei raschem Gehen in etwa zweieinhalb Stunden schaffte.

Etwa die gleiche Zeit waren der Arzt und ich mit dem Ross talwärts unterwegs. Rechnen wir diesen Zeitaufwand zusammen: eine Stunde der Hirtenjunge, circa sechs Stunden mit dem Ross (ab Rodund bzw. ab der Lende berg- und talwärts) sowie eine halbe Stunde mit dem Auto nach Bludenz. Somit konnte vom Unfallereignis bis zur Aufnahme im Spital in Bludenz – Behandlung, Umladung und Transport mit einem Zeitaufwand von mindestens acht bis neun Stunden gerechnet werden.

Heute, im Jahr 2011, wäre der Ablauf wie folgt: Ein Handy-Anruf auf 144, der Rettungshubschrauber kommt nach etwa 10 Minuten, nach knapp einer halben Stunde liegt der Patient zur Behandlung im Spital.

Aufgezeichnet im Jänner 2011

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Anmerkungen: Gebhard Maier kam in Vandans im Jahr 1913 zur Welt und verbrachte dort seine Jugendjahre. Als junger Mann zog er nach Bartholomäberg, wo er sich mit Ludwina Sauerwein verehelichte.

Noch ein Wort zum erwähnten „Brösel“: Diese Speise setzte sich vor allem deswegen durch, weil die Zubereitung recht einfach und ohne großen Aufwand möglich war. Und noch wichtiger war die Zulieferung. Viele Alpen wurden erst in den letzten Jahrzehnten durch Zufahrtswege erschlossen, bis dahin mussten Lebensmittel und andere Gebrauchsgüter auf dem Rücken oder mit Tragtieren ans Ziel gebracht werden. Da bot sich der Maisgrieß besonders an, im Montafon „Törgga“ (Türken) genannt. Je Älpler rechnete man mit etwa 10 Kilogramm „Törgga“ für den Alpsommer. Kartoffeln wären vielleicht billiger gewesen, jedoch hätte das vielfache Gewicht geschleppt werden müssen, und auch die Lagerungsmöglichkeiten waren nicht vorhanden.

Nicht nur der „Brösel“, sondern beinahe täglich wurde auch Milchmus (Milchbrei) mit diesem Maisgrieß zubereitet. Bei beiden Speisen waren als Zutaten reichlich Butter aus eigener Produktion und ein wenig Salz erforderlich.

Dieser eintönige „Speiseplan“ war sicher über Jahrhunderte aktuell, doch seit der Errichtung der Zufahrtswege – großteils auch für Autos – gibt es auch für die „Älpler“ abwechslungsreiches Essen. Unter den alten Bedingungen wäre heute weder ein Hirte noch Senner für eine Alpsaison zu bekommen.

Informationen zum Artikel:

Ein Verletztentransport im Sommer 1946

Verfasst von Hans Kasper

Auf MSG publiziert im Oktober 2011

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Vorarlberg, Bludenz / Montafon, Rodund u.a.
  • Zeit: 1946

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