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Von der Raupe zum Schmetterling

von Otti Neumeier

Immer wieder hört man Eltern jammern, wie schwierig es ist mit Pubertierenden umzugehen, aber wer fragt sich, wie Bub oder Mädel sich in dieser Zeit fühlen. Gerade waren sie noch Kinder, die ständig ihren Eltern folgen mussten, und auf einmal sollten sie vernünftige Fast-Erwachsene sein. Niemand kann in diesem Alter wirklich damit umgehen, weder die Eltern noch die Sprösslinge.

Eben empfand man noch die Buben in der Schule als relativ blöde Raufgegner, und auf einmal stellt man fest, dass der eine oder andere eine ganz andere Wirkung auf einen hat. Es wurde auch schwieriger zu raufen und zu boxen, denn uns Mädchen wuchsen empfindliche Hügel am Oberkörper, die uns einerseits „genant“ und andererseits auch interessanter werden ließen.

Da meine Mutter bezüglich meiner Freundschaften sehr großzügig war, hatte ich manchmal die Wohnung am Nachmittag für mich allein und konnte handverlesene Schulkollegen und Freundinnen zu mir einladen. So benutzten wir zur Neuentdeckung des anderen Geschlechts den „Polsterltanz“, bei dem man sich bekanntlich küsst. Das war eine ganz neue Erfahrung, wenn man dem heimlich Angehimmelten den Polster zuwarf, sich niederkniete und mit geschlossenen Augen und Lippen, unter dem Gaudium der anderen, erstmals die ebenso verkrampften Lippen des anderen Geschlechts berührte.

Nun, auch diese Zeit ging mit der letzten Klasse der Schule zu Ende, und es hieß, einen Posten als Lehrling zu finden. Das war 1950 äußerst schwierig, denn nach dem Krieg kam die erste große Arbeitslosigkeit, und Lehrstellen waren Mangelware. Mein Wunschberuf war Maskenbildnerin, denn zum Theater zog es mich seit dem ersten Besuch im Volkstheater. Der fand an einem Sonntagvormittag im Winter 1945 bei Eiseskälte statt, alle saßen in Mäntel und Schals gehüllt und froren. Es gab eine Aufführung der „Dreigroschenoper“, und in mir war ein Saatkorn gelegt worden. Für diesen Beruf als Maskenbildnerin wäre allerdings eine Lehre als Friseurin erforderlich gewesen, aber diese arbeiteten damals noch am Samstag bis 7 Uhr abends, und da sagte mein Vater nein.

Fotografin war die zweite Wahl, aber ich trug Augengläser und war daher für diesen Beruf „absolut ungeeignet“, wie man mir bei einem Vorstellungsbesuch versicherte. Krankenschwester wollte ich auch werden, aber das wäre erst ab dem 16. Lebensjahr möglich gewesen und zwei Jahre zu Hause sitzen war bei unseren pekuniären Umständen nicht möglich. Also sprach mein Vater mit seinem Bruder, der die große „graue Eminenz“ bei der Firma „Austria Email“ war, und ich musste etwas werden, was ich damals überhaupt nicht wollte: Lehrling zum Industriekaufmann. Heute weiß ich, dass mir nichts Besseres hätte passieren können, aber damals ...

Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Ich musste jedes halbe Jahr in eine neue Abteilung zur Ausbildung, lernte auf einer „Underwood“ maschinschreiben – das sind die mit den Ringerln um die Buchstaben, die man heute nur mehr in Museen sieht – und in der Berufsschule Stenografie.

In meinem Privatleben gab es seit 1948 die politische Jugendgruppe der „Freien Österreichen Jugend“, und dort fand ich endlich Anschluss an andere Heranwachsende mit Spaß und Sport. Wir trafen uns einmal wöchentlich, zuerst noch als Kinder, sangen und spielten in unserem Clublokal, und im Sommer hatten wir unser Bad an der Alten Donau. Ich liebte es, Kajak zu fahren und ganz besonders Volleyball zu spielen, das damals erstmals aufkam. Wir waren Buben und Mädel, wurden Mädchen und Burschen, und begannen langsam die Pubertät zu spüren.

Auch auf den Osterlagern in unserer Hütte im Helenental, die wir nur zu Fuß erreichten, konnten wir die neue Freiheit ausleben. Wir kochten selbst und alles war sehr abenteuerlich, weil es endlich ohne die gewohnte Aufsicht der Eltern erfolgte. Manchmal legte sich eine Burschenhand um die Schulter, und erweckte ganz neue, unbekannte Gefühle.

mehrere Mädchen posieren in einem Zelteingang

Im Sommer fuhren wir auf Zeltlager, wo wir zehn Mädchen in einem Zelt schliefen, geschlichtet wie die Tortenstücke, bei Regenwetter klebte der Schlamm an den Schuhen, oder wir bekamen vom Ausspülen der Menagereindln im kalten Bachwasser Durchfall. Mit knapp 14 Jahren durfte ich 1950 nach Berlin zu den Weltjugendfestspielen fahren, das war meine erste große Reise. Wir wohnten am Prenzlauer Berg, lernten viele junge Menschen aus aller Welt kennen, und eine dieser Freundschaften mit einem ostdeutschen Mädchen hielt sich bis 1987.

Solange ich in die Schule ging, war die Mode noch kein Thema, aber in der Austria-Email war es üblich, einen Arbeitsmantel zu tragen, und ich hatte keinen. Von irgendjemand bekam ich dann einen geschenkt, wie ihn Zahnärzte trugen, mit kleinem Stehkragen und hinten zum Schließen. Obwohl ihn Mutter grün färbte, trug das auch nicht wesentlich zu Verbesserung bei, sondern ich fühlte mich nun als eine grüne Raupe.

Überhaupt spielte die Bekleidung nun eine große Rolle. Der Verdienst des ersten Lehrjahres betrug im Monat 160 Schilling. Ich musste zwar zu Hause nichts hergeben, aber ich musste mich selbst einkleiden. Weit sprang man nicht mit diesem Geld, denn die heißbegehrten Nylonstrümpfe kosteten zum Beispiel 25 Schilling und hatten sehr schnell Laufmaschen. Mit meiner Freundin, die Schneiderin lernte, nähten wir uns die damals modernen kreisrunden schwarzen Taftröcke mit zehn Zentimeter breitem Gummigürtel und „Gold“-Schnalle, strickten uns Badeanzüge aus Schafwolle die, wenn sie nass wurden, juckten was das Zeug hielt, aber ein paar Jahre später gab es dann schon den ersten goldfarbenen elastischen Badeanzug. Lange zahlte ich an den Raten für einen Double-Face-Wintermantel, in der hochmodischen Farbe „Petrol“, der aus weicher Wolle war und sich in Eleganz und Tragegefühl ungemein von meinem seinerzeitigen „Decken-Mantel“ unterschied.

zwei Männer Arm in Arm mit zwei Frauen in Taftröcken
In selbstgeschneiderten Taftröcken

1953, im letzten Lehrjahr, verdiente ich immerhin schon monatlich 240 Schilling, und für den Dienst am Stand meiner Firma auf der Wiener Messe musste ich gut gekleidet sein. So erstand ich eine Homespuns-Schoß und eine unglaublich kratzende aber bügelfreie Bluse des letzten Schrei’s.

Nun entpuppten sich die Schmetterlinge und für unsere Begriffe flogen wir in die große weite Welt.

Mit 17 Lenzen waren wir Blickfang für alle männlichen Konkurrenz-Firmeninhaber, die uns einluden und zum Tanz auf den Cobenzl führten. Großartigerweise im “Opel Kapitän“. Wir schminkten und lackierten uns die Nägel wie die Ladys in den amerikanischen Filmen, was ja im Büro verboten war, und fühlten uns ein ganz kleines bisschen verrucht. Unsere Kavaliere waren alle hochanständig und freuten sich einfach, sich mit uns zeigen zu können.

junger Mann und Frau in antiquiertem Schianzug

In meiner kleinen privaten Welt lernte ich mit 17 meine erste große Liebe kennen, denn die Hormone hatten nun doch alle moralischen Bedenken weggeschwemmt, und ich denke noch gerne an die ersten Skiausflüge mit meinem Freund auf die Wienerhütte oder die Kugelwiese im Wienerwald zurück. Stundenlang schleppten wir die Skier bergauf, bis wir die Wiese erreicht hatten, fuhren hundert Meter bergab, um anschließend – ohne Skilift – wieder hinaufzukriechen. Immer wieder.

Ein Erlebnis waren auch die vielen Bälle, die ich zu dieser Zeit besuchte: Sofiensäle, Konzerthaus, Hofstallungen (heute Museumsquartier). Meine Firma spendete bei vielen solchen Veranstaltungen und hatte dann Eintrittskarten, die ich umsonst bekommen konnte; leisten hätte ich sie mir nie können. Ein Ballkleid hatte ich mir nähen lassen, denn das war damals billiger, als wenn man es fertig kaufte.

Dann hatte ich den ersten großen Liebeskummer meines Lebens hinter mir, und mein nächster Freund, mit dem ich mich auch verlobte, war ein begeisterter Jazz-Liebhaber. Mit ihm kam ich auch in den „Strohkoffer“, ein Lokal, in dem viele der heute renommierten und ebenfalls bereits ergrauten Künstler verkehrten. Der Jazz von Benny Goodman, Count Basie, Gene Krupa und Lionel Hampton, den ich persönlich im Konzerthaus hörte, tat mir neben meinem Hobby, dem Bücherlesen, eines neues Tor zur Welt auf. Als ich mich mit 21 Jahren von ihm trennte, war meine Teenagerzeit vorbei, alle Freundinnen waren inzwischen verheiratet und alle brauchbaren Männer auch.

Tanzen hatte ich kostenlos im Jugendclub gelernt, aber was mir noch fehlte, war der Boogie-Woogie. Mein Bräutigam liebte diesen Tanz, und so ging ich zum „Hochn“, das war die Tanzschule Hochstätter in der Margaretenstraße. Herr Liebe führte dort ein sehr strenges Regiment, und schlechtes Benehmen bei den jungen Herren führte zum sofortigen Lokalverbot. Seine Gattin, eine reizende Blondine war seine Mitarbeiterin und hatte jederzeit für den Liebeskummer der weiblichen Besucherinnen ein offenes Ohr. Dort lernte ich also in acht Zentimeter hohen Stöckelschuhen mit Pfennigabsätzen den Tanz der Fünfzigerjahre, der uns Jugendliche faszinierte und unsere Eltern zum Wahnsinn trieb: Boogie-Woogie.

2006 organisierten Freunde der Tanzschule Hochstätter ein Treffen im ehemaligen „Tabarin“, zu dem auch ich eingeladen war. Plötzlich befand ich mich in einem Déjà-vu-Erlebnis, als mir Herr und Frau Liebe, gebrechlich und hoch in den Neunzigern, in persona gegenüberstanden. Die Überraschung, die beiden noch einmal in meinem Leben zu sehen, war so groß, dass mich der ehemalige Respekt fast zu einem Knicks zwang.

Als die Tanzkapelle loslegte, und die nun doch schon etwas beleibteren Damen und Herrn weit in den Sechzigern die Tanzfläche füllten und sich temporeich im Boogie-Woogie-Sound bewegten, sahen ein paar Jugendliche zu, die sich verirrt hatten. Mit offenen Mündern und starr vor Staunen, blickten sie auf ein lebendig gewordenes Bild der Fünfzigerjahre, das sie nur aus den Erzählungen ihrer Großeltern kannten.

Informationen zum Artikel:

Von der Raupe zum Schmetterling

Verfasst von Otti Neumeier

Auf MSG publiziert im November 2011

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Erinnerungsbücher, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre, 2000er Jahre

Anmerkungen

Dieser Beitrag wurde in der 2012 erschienenen Erzählsammlung der Autorin mit dem Titel "Zwischen Calafati und Pompfuneberer" veröffentlicht.

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