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Einkaufen einst und jetzt

von Hans Kasper

Wie ich in meinen früheren Berichten auf www.MenschenSchreibenGeschichte.at bereits ausgeführt habe, bin ich als uneheliches Kind bei meinen Großeltern sowie Onkeln und Tanten auf einem kleinen Landwirtschaftsbetrieb im Montafon in recht bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen. Wenn auch das bäuerliche Anwesen recht klein war, Arbeit gab es dennoch – oder gerade deshalb – recht viel, um sich möglichst selbst versorgen zu können. Man hatte ja keinerlei Maschinen und so wurden in „Handarbeit“ Kartoffel, Mais und recht viel Gemüse angebaut. Auch musste das erforderliche Heu für zwei Kühe, ein bis zwei Pferde und einige Schafe zum Teil im Tal und größere Mengen auf abgelegenen Bergwiesen – Maisäße und Bergmähder genannt – im wahrsten Sinne des Wortes „zusammengekratzt“ werden.

Leider waren die großjährigen Kinder der Familie, also Tanten und Onkel, an verschiedensten Arbeitsstellen und standen also nur an wenigen Wochen des Jahres daheim zur Mithilfe zur Verfügung. So arbeiteten meine Mutter und auch eine Tante von Anfang Mai bis Ende Oktober als Saisonkräfte in Schweizer Hotels. Lediglich Onkel Friedrich war doch recht oft zur Mitarbeit daheim. Um die Schuldenlast von Kaspers, bedingt durch einen Neubau mit Wohnungen und Wagnerwerkstätte im Jahr 1928, ein wenig zu lindern, kaufte er im Jahr 1930 von „durchziehenden“ Zigeunern zu günstigem Preis ein Ross und konnte mit diesem bei Landwirten und kleineren Baubetrieben doch so manchen Schilling verdienen.

Wenn auch recht viele Produkte selbst angebaut wurden, fallweise war ein Einkauf im hiesigen Konsum bzw. in der daneben liegenden Gemischtwarenhandlung Koller doch erforderlich. Da daheim Arbeit an allen Ecken und Enden anstand, wurde mir schon als kleiner Bub diese Tätigkeit zugemutet. Zumindest einmal wöchentlich bekam ich einen Einkaufszettel in die Hand gedrückt, um das Notwendigste zu besorgen. Da ich zum Tragen der einzukaufenden Waren nicht kräftig genug war, ging ich mit einem vierräderigen, kleinen Leiterwägelchen auf die „Einkaufstour“. In einer knappen halben Stunde gelangte ich in eines der genannten Geschäfte, wo mir dann die Waren laut Zettel bereitgestellt wurden.

Einkaufen war zur damaligen Zeit gar nicht so einfach und vor allem oft recht zeitraubend. Personen, welche unter Zeitdruck standen, brauchten manchmal gute Nerven. Schließlich waren bei jedem Produkt bis zur Bezahlung etwa sechs Arbeitsgänge erforderlich. In großen und kleineren Truhen standen die Hauptnahrungsmittel wie Mehl, Zucker, Grieß, Mais, Salz und vieles mehr möglichst in der Nähe der Waage. Gegenüber der heutigen Zeit war die Entscheidung beim Brotkauf recht leicht. Weißbrot, Roggenbrot, Brötle und Semmel waren im Angebot. Verständlich, denn großteils wurde das Brot daheim im Kachelofen gebacken und das erforderliche Mehl etwas preisgünstiger in Säcken zu 50 Kilogramm gekauft. Durchschnittlich wurden etwa fünf bis acht Laibe gebacken, welche dann einige Wochen ausreichen mussten.

Nachstehend die wichtigsten sechs Schritte bis zur Bezahlung an der Ladenkasse:

1)      abfüllen bzw. abzählen oder einfüllen in Papiersäcke, recht oft in selbst mitgebrachte Leinensäckle oder Flaschen;
2)      zum Abwiegen auf die alte Waage am Ladentisch;
3)      nachfüllen oder entnehmen um die gewünschte Menge in etwa zu erreichen;
4)      Gewicht bzw. Liter oder Stück sowie den Einzelpreis im „Büchle“ eintragen;
5)       Menge mit dem Preis multiplizieren;
6)      alle Positionen addieren und dann kassieren.

Bezahlt wurde bar, es gab jedoch auch die Möglichkeit monatlich abzurechnen. Diese Zahlungsart war besonders für Eltern angenehm, denn oft mussten eben die Kinder zum Einkaufen, und da hatten manche Erwachsene doch Angst, den Kleinen Geld mitzugeben.

Abbildung einer Schalenwaage in einem Geschäft

Als großer Fortschritt galt schon die sogenannte neue modernere Zeigerwaage. Rechts wurde das Produkt aufgelegt, links die Gewichte, ein, zwei, fünf oder zehn Kilo. Die Waage zeigte das genaue Gewicht zwischen den aufgelegten Gewichten.

Das „Konsumbüchle“ und später auch die Kassenzettel der Registrierkassen wurden gut aufbewahrt, denn zum Jahresende erhielten Konsummitglieder eine dreiprozentige Rückvergütung. Recht gefährlich war das langfristige Schuldenmachen. Es gab ja Geschäftsleute, da konnten vor allem Haus- und Grundbesitzer jahrelang auf „Pump“ einkaufen. Urplötzlich wurde von den Geschäftsleuten die angesammelte Schuldensumme zur Zahlung fällig, doch die Schuldner hatten kein Geld. So wurde schonungslos auf Wiesen oder Waldflächen zurückgegriffen, ja leider kamen oft Haus und Hof zur Versteigerung.

Etwas rosiger sah es dann ab März 1938 aus. Als Hitler die Macht übernahm, ging die jahrelange große Arbeitslosigkeit zu Ende, und man sah recht guten Zeiten entgegen. Schulden wurden abgebaut, es konnte wieder mehr eingekauft werden, kurz gesagt, der Lebensstandard erhöhte sich beachtlich.

Auch bei mir änderte sich so manches. Ich trat im September 1937 das erste von acht Schuljahren in unserer aus drei Klassenzimmern bestehenden Volksschule an, und lernte recht schnell lesen und schreiben. Dies hatte ja den Vorteil, dass ich bei meinen aufgetragenen Einkäufen den Einkaufszettel nicht mehr aus der Hand geben musste, sondern die „Wünsche“ persönlich der jeweiligen Bedienung vortragen konnte. Dieser Fortschritt machte mich richtig stolz. Auch wurde ich immer kräftiger und konnte so manchen Einkauf bereits in einem Rucksack heimtragen.

hagerer alter Kaufmann vor einer alten Registrierkassa

Bedingt durch steigende Umsätze gab es auch Fortschritte in so manchem Geschäft. Hier sei vor allem die moderne mechanische Registrierkasse erwähnt. Mit gut eingeübter Fingerfertigkeit wurden die Preise jedes errechneten Produktes eingetippt und durch gewisse Drehungen mit der Handkurbel sogar addiert; zum Schluss erschien ein Kassenzettel mit der errechneten Gesamtsumme.

Diese Zeit, in welcher an eine bessere Zukunft gedacht wurde, ging leider viel zu schnell zu Ende. Bereits am 1. September 1939 erklärte Adolf Hitler den Polen den Krieg, und der folgenschwere Zweite Weltkrieg nahm seinen Anfang.

Bereits zwei Tage vorher wurden die Lebensmittelkarten eingeführt, um Hamsterkäufen vorzubeugen. Ab dieser Zeit hatte mein Leiterwägele zu einem Einkauf endgültig ausgedient, denn bei den Lebensmittelkarten war die Zuteilung nach Wochen beschränkt, und so war der Rucksack ausreichend. Die Wochenzuteilung bei den Lebensmittelkarten war leider auch erforderlich, sonst hätte so manche Familie womöglich in der ersten Woche des Monats gut gelebt und dann eine leere Karte vor sich gehabt. Natürlich waren es nicht nur die Lebensmittel, welche rationiert wurden, auch für Bekleidung, Schuhe, Werkzeuge und andere Produkte mussten Bezugscheine beantragt werden. Und auch da gab es beachtliche Unterschiede, zum Beispiel für Büroangestellte nur leichte Straßenschuhe, für Waldarbeiter den stabilen Gebirgsarbeitsschuh.

Lebensmittelmarken aus dem Jahr 1941

Da die angeführten Lebensmittelkarten zum Teil recht kompliziert waren – es gab Abschnitte in verschieden Grammeinheiten –, war meine Ahna (Großmutter) recht froh, wenn ich beratend zur Seite stand. Fallweise wurde ich auch bei älteren Nachbarsleuten um Hilfe gebeten. Die zugeteilten Lebensmittelrationen wurden mit jedem Kriegsjahr geringer, und auch die Bezugscheine bekamen Seltenheitswert. Bedingt durch diese Engpässe ergaben sich gute, zum Teil jedoch auch strafbare Notlösungen. Das Tauschgeschäft und der strengst verbotene „Schwarzhandel“ kamen so richtig in Bewegung. So war auf den Anschlagtafeln vor Geschäften oder in so manchen Wochenzeitungen beispielsweise zu lesen: „Tausche Arbeitsschuhe, Größe 42, gegen solche, Größe 39“. Wenn auch die Ablieferungspflicht für unsere Bauern enorm war, kleine Vorteile gab es doch. Obwohl strengstens verboten – mit Schnaps, Speck, Butter, Obst, auch mit Milch konnte doch so manches Produkt leichter erworben werden. Notgedrungen sah sich so manche Frau gezwungen, Kleidungsstücke ihres im Krieg gefallenen Mannes zu veräußern, um Lebensmittel oder Bekleidung für die Kinder einzuhandeln. Das Angebot in den Geschäften war auf ein Minimum beschränkt, und Einkaufen wurde beinahe eine Kunst.

Im Winter 1944/45 sah man sehnlichst einem Ende dieses grausamen Weltkrieges entgegen. In den ersten Maitagen war es dann endlich so weit, Deutschland kapitulierte, und aus der Ostmark wurde wieder Österreich. Schon am 5. Mai marschierten die französischen Truppen bei uns im Montafon ein. Voller Hoffnung erwartete sich die Bevölkerung bessere Zeiten. Dem war jedoch nicht so, einige Jahre hielt die Notlage an. Noch im Jahr 1945 wurden Reichsmark und Pfennig durch Schilling und Groschen ersetzt. Es folgten die erwähnten Geldentwertungen, die Lebensmittelkarten gab es noch bis zum Jahr 1952, dies war jedoch wichtig, denn sonst hätten wohlhabende Personen die Geschäfte leer gekauft.

Gottlob, ab dieser Zeit ging es, wenn auch langsam, besseren Zeiten zu. Das Warenangebot, ob Lebensmittel oder sonstige Produkte, wurde laufend erweitert, und so machte das Einkaufen doch wieder ein wenig Spaß. Auch die Gemischtwarenhandlungen und Konsumgeschäfte reagierten ab Mitte der Sechzigerjahre auf den immer stärker werdenden Bedarf der Kunden. So standen die wichtigsten Nahrungsmittel wie Mehl, Grieß, Zucker, Kaffee und vieles mehr bereits abgepackt und mit Gewicht versehen in den Regalen. Zum Teil konnte man sich schon selbst bedienen. Auch ein nachträgliches Abwiegen entfiel bei recht vielen Produkten.

Das altbewährte „Konsumbüachli“ wurde in Etappen von den bereits ausführlich beschriebenen Registrierkassen abgelöst. Einige Jahre später folgte die Selbstbedienung. Man war mit dem Einkaufskorb, bald danach auch mit dem Einkaufswagen im jeweiligen Geschäft „unterwegs“ und konnte sich die gewünschten Artikel – welche inzwischen bereits einen Preisaufkleber hatten – selbst von den Regalen nehmen. Von den eingekauften Produkten wurden die Preise in die zum Teil schon elektronischen Kassen eingetippt, und in kürzester Zeit konnte man vom ausgedruckten Kassenzettel den zu zahlenden Betrag ablesen. Ab diesem Zeitpunkt erübrigte sich das altbewährte „Büchlein“, jedoch mussten diese Kassenzettel für die Jahresrückvergütung gesammelt werden. Jeder Kunde freute sich am Jahresende auf dieses Geld und erfüllte sich damit recht oft einen besonderen Einkaufswunsch.

Etwas einfacher machte es sich schon damals die „Hofer“-Kette. Dort waren die Einzelpreise nur am jeweiligen Produktregal ersichtlich. Das Personal an den Kassen hatte nach einer gründlichen Einschulung etwa 200 Einzelpreise „im Kopf zu speichern“ und konnte so die Einkäufe der Kunden im Eiltempo eintippen. Auf dem jeweiligen Kassenbeleg war keine Produktangabe, sondern nur der Preis angeführt. Vorsichtige Einkäufer nahmen die bereits neu im Handel erhältlichen Taschenrechner mit und tippten Stück für Stück laut Regalpreis zur Kontrolle ein.

Die größte und in jeder Hinsicht wertvollste „Wandlung“ folgte dann ab dem Jahre 1980. Die Einführung des Strichcodes führte wohl zu ungeahnten Vorteilen, vor allem Zeiteinsparungen in allen Geschäftsbereichen. Durch charakteristische Kombinationen von Strichen und Zwischenräumen ist es möglich, alle Produkte des täglichen Bedarfs zu kennzeichnen. Auch sind alle Lebensmittel und Getränke mit Preis und dem jeweiligen Ablaufdatum versehen. Lediglich Obst und Gemüse sind zum Teil noch mit einer Nummer versehen und müssen noch auf die Waage, jedoch erscheint auch hier ein Strichcode-Aufkleber mit Produkt- und Preisausdruck.

Und ein weiterer Fortschritt folgte um das Jahr 2000. Die erforderlichen neuen Scannerkassen konnten anhand dieser Striche das Gewicht, den Preis und vieles mehr ablesen. Mit dieser Neueinführung wurde das Eintippen der gekauften Waren an den Kassen hinfällig, und die oft langen Wartezeiten gehörten großteils der Vergangenheit an. Diese Strichcodes wurden in der Folgezeit auch bei der Auszeichnung von Bekleidung, Möbeln, ja praktisch bei allen Produkten angewendet.

Heute, im Jahr 2011, können wir auf beinahe zehn Jahre modernste Kassentechnik zurückblicken. So läuft es großteils an den Kassen in Supermärkten, Lebensmittelgeschäften und manch anderen Betrieben ab. Die im Einkaufswagen oder -korb gekauften Produkte kommen auf ein Förderband, werden von der Kassiererin mit dem Strichcode kurz zum Scanner gehalten und schon sind Produkt, Gewicht, Einzel- und Gesamtpreis an der elektronischen Kasse ersichtlich. Diese Kassen sind jeweils versetzt platziert, einmal direkt vor der Kassiererin und einmal in Sichthöhe für den Kunden. Bei sperrigen oder schweren Waren, z.B. Getränkekisten, werden die Strichcodes mit Kabelscanner abgelesen. Jetzt darf nur noch bezahlt werden. Auch hier kommt man ohne Bargeld zurecht, denn beinahe in jedem Geschäft kann der erforderliche Betrag mit der kleinen Plastikkarte beglichen werden.

Das Einkaufsverhalten hat sich in den letzten 50 Jahren gewaltig verändert. So wurde damals vor einem Einkauf genau geprüft, was wirklich dringend benötigt wird. Heute verhält es sich zum Teil beinahe umgekehrt. „Shopping“ bzw. „Shoppen“ heißt das Wort für den neuzeitlichen Einkauf. Man legt sich auf kein Produkt fest und kauft, wenn irgendein Artikel ins Auge sticht.

 Vandans, am 21. November 2011

Informationen zum Artikel:

Einkaufen einst und jetzt

Verfasst von Hans Kasper

Auf MSG publiziert im Dezember 2011

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Vorarlberg, Bludenz / Montafon, Vandans
  • Zeit: 1930er Jahre, 1940er Jahre, 1950er Jahre, 2000er Jahre

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