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Aus dem Leben eines Volksschullehrers II

von Franz Ramsauer

Die meisten Lehrer waren sechs bis acht Jahre stellenlos. Eines Tages kommt am Vormittag der Schuldiener von der Volksschule in Hall zu uns und fragt, ob da der Lehrer Ramsauer ist. Ich soll sofort hinaufkommen zum Direktor. Ich bin über den steilen Graben hinauf gelaufen zum Direktor Pregenzer. Der hatte sein letztes Dienstjahr. Er sagte, dass er krank ist und dass ich ihn bis Weihnachten in der vierten Klasse vertreten soll. Zu Weihnachten hat sich dann herausgestellt, dass er noch nicht gesund ist und dass es Ostern werden wird.

In der Klasse waren 35 Buben – und eine Disziplin habe ich da gehabt! Das hat mich gefreut und die Buben auch. Aber einmal gab es ein Problem: Ich habe Durchfall gehabt. Die Kinder haben mit der Tintenfeder eine Schularbeitenverbesserung gemacht. Ich habe gesagt: „Macht schön weiter, ich komme gleich wieder.“ Und bin ins Klo hinaus. Und wie ich erleichtert zurückkomme – Totenstille – steht der Waltinger auf und sagt: „Herr Lehrer, der Schulinspektor war da.“ – „Aha, und was hat er gemacht?“ – „Er hat nur herumgeschaut, was wir machen. Dann ist er wieder gegangen.“ Da dachte ich mir: „Na gute Nacht!“, habe aber nichts mehr davon gehört.

Jedes Jahr mussten wir neu um eine Lehrerstelle ansuchen. In Hall war es eine Aushilfsstelle, die sich auf das ganze Jahr ausgedehnt hat. Danach habe ich das Glück gehabt, dass ich eine Zuweisung kriegte als Lehrer in Innsbruck, was ja ganz selten war. Das hat sich dadurch ergeben, dass beim sogenannten „Lehrermarkt“ der Stadtschulinspektor Zölestin Kofler erklärt hat: „Ich brauche in der Leopoldschule einen Lehrer, der einmal Ordnung schafft“. Worauf der Haller Inspektor Steger gesagt haben soll: “Da weiß ich euch einen.“ Und so bin ich nach Innsbruck gekommen und habe da eine Klasse mit circa 30 oder 35 Buben übernommen. Ich war gern an dieser Schule. Aber sobald ich bei der Schultüre draußen war, bei der Triumphpforte hat mich kein Mensch mehr gekannt. Ich war Lehrer in diesem Ort, aber vollkommen unbekannt. Einmal bin ich die Maria-Theresien-Straße hinunter gegangen, und plötzlich schreit einer: „Grüß Gott, Herr Lehrer!“ Der Gutmann war das. Das war das einzige Mal, dass ich in der Stadt erkannt worden bin als Lehrer.

Wie dann die neue Ausschreibung gekommen ist für das nächste Schuljahr, bin ich zum Bezirksschulrat gegangen. Dort hieß es, dass ich in Innsbruck bleiben kann. Ich wollte aber lieber in eine Landschule. „Ja, wohin wollen Sie denn?“ hat der Bezirksschulinspektor gefragt. „Sie sind ein weißer Rabe! Bei dieser Tür kommen im Juni 20 Lehrer vom Land herein, die zu uns in die Stadt möchten.“ Ich habe ihm aber gesagt, dass ich das nicht möchte, und so hat er mich als „weißen Raben“ entlassen.

Volksschulklassenfoto mit Lehrer, 1932/33
Der Autor mit Kindern der Volksschule Innerweerberg im Schuljahr 1932/33

Dann bin ich nach Innerweerberg gekommen, in die einklassige Volksschule. Ich hatte nie gelernt, wie man da unterrichtet und habe halt müssen selber etwas erfinden. Schließlich habe ich ein großes Heft für die Vorbereitung genommen. Dort habe ich vier Spalten gemacht, den direkten Unterricht habe ich rot unterstrichen, den indirekten Unterricht blau. Ich habe das sehr genau geplant und habe die Uhr am wackeligen Pult liegen gehabt – wie ein Bahnbeamter. Ich habe vier Abteilungen gemacht. Anfangen musste ich immer mit den Kleinsten. Am Nachmittag vorher oder am Abend habe ich für die Größeren schon auf die Tafel geschrieben: Rechenbuch Seite soundso und für die anderen Seite soundso. In der Früh haben wir zuerst gebetet. Die Größeren haben dann auf die Tafel geschaut und haben angefangen zu rechnen. Ich habe mich zu den Kleinen hingesetzt und habe mit ihnen mit Erbsen oder Kastanien gezählt und gerechnet. Hie und da habe ich die Älteste von der achten Schulstufe als „Hilfslehrerin“ eingesetzt. Und ich habe mich inzwischen mit den Größeren unterhalten. Und so ist es ganz gut gegangen.

größere Gruppe von Volksschülern auf einem Ausflug bzw. im Freien

Eines Tages kommen sie daher im tiefen Winter, und der Loisele in der ersten Bank hat auf einmal angefangen zu weinen. Ich fragte: „Was hast du denn heute? Warum rearst du denn?“ Die größere Schwester sagte dann: „Mir ham a Poppele kriagt, und das stirbt.“ – „Na, na!“ Hab ich gesagt, „so schnell stirbt man nicht! Ich gehe heute nach der Schule gleich hinein zu euch, dann schauen wir einmal.“ Da waren sie etwas beruhigt. Nach der Schule bin ich durch den Schnee gestapft, so zwanzig Minuten bin ich gegangen. Die Wöchnerin ist noch im Bett gelegen, und der Säugling war ganz blau. Die Hebamme war auch da, aber die hat sich nicht zu helfen gewusst. Ich habe ihn umgedreht, und kaum ist er auf dem Bauch gelegen, hat er gespieben als wie – der wäre erstickt. Und dann hat es im Dorf geheißen: Der neue Lehrer war da und hat dem Kind das Leben gerettet.

Mein Gott, die ersten Weihnachten! Die Kinder haben keinen Christbaum gekannt. Da habe ich einen Baum besorgt, primitiv behängt und dann auf jeden Platz so ein Papiertasserl hingelegt mit einem Apfel und ein paar Keks. Die hat meine Mutter gemacht.

Es sind dann ab und zu Leute gekommen zu mir: „Tätest du mir nit das Sparbüchl von der Raiffeisen nachrechnen?“ Sie glaubten, dass das nicht stimmen kann. Ich habe es angeschaut und gesagt: „Das stimmt alles. Mir scheint, du kannst nur selber nicht mehr gut rechnen!“ – „Ja, ja das geht schon mehreren so!“ Da sagte ich: „Du, pass auf, denen es so geht wie dir, denen mache ich einen Abendkurs. Kommt so um sieben und dann tun wir eine Stunde oder zwei rechnen und rechtschreiben!“

So zwanzig, fünfundzwanzig sind gekommen. Ich sagte zu ihnen, dass jeder ein Scheit Holz mitbringen soll, damit wir einheizen können. Dann haben wir gerechnet – ganz einfach – und ebenso in Deutsch, immer ein bisschen gesteigert. Ich habe nichts verlangt dafür, das hat ihnen sehr imponiert.

Aber dann ist etwas passiert. Eines Tages kommt die Moidl herüber, die Nachbarin: „Na, Herr Lehrer, jetzt muss ich Ihnen etwas sagen. Die Mander, die da abends in die Schule kommen, die nehmen immer von meiner Holzzoan das Holz weg.“ Ich habe es kaum geglaubt. Aber sie hatte alle ihre Scheiter mit einer blauen Kreide gemerkt. Jetzt waren sie überführt. Da sagte ich: „Tut mir leid, das werde ich abstellen.“ Wie sie gekommen sind, habe ich zu ihnen gesagt, dass sie das Holz schon von daheim mitnehmen müssen, nicht von der Nachbarin. Solche Sachen hat es halt gegeben.

Einmal war in Innsbruck ein großes Fest mit Schützen und Musikkapellen. Politisch war das von der Vaterländischen Front. Von den Musikanten am Weerberg haben ein paar gesagt: „Da sollten wir auch hinauf – wie alle Tiroler Musikkapellen!“ Da fragte ich sie, warum sie nicht hinfahren. – „Ja, das muss organisiert werden. Und wenn wir hinaufkommen und mitmarschieren, dann bekommen wir in der Ottoburg einen Schweinsbraten und einen Knödel und ein Bier!“ Da bin ich nach Innsbruck hinaufgefahren und habe in der Hofburg vorgesprochen, dass ich am Sonntag, den soundsovielten mit 40 Musikanten komme und ob wir dann da essen können. Beim Fest sind wir durch die Stadt marschiert mit Tschinderassabum, die Musikkapellen und die Schützen. Danach sind wir in die Ottoburg gegangen, und dort bekamen wir einen wunderbaren Schweinsbraten und einen Knödel. Es hat alles geklappt wie besprochen. Da waren sie begeistert. Dann sind wir heimgefahren, und sie haben mich auf ihren Schultern durchs Dorf hineingetragen.

So ist das Schuljahr am Weerberg herumgegangen. Die Leute haben dann gesagt, wenn ich da bleibe, bauen sie mir ein neues Schulhaus. Ich bin aber nachher abgezogen. Es war mir doch zu wenig, zu einfach. Dann hätten sie mich nach Kufstein versetzt – aber ich wollte ja in keine Stadt. Schließlich bin ich nach Hopfgarten gekommen. 1932 war das, wie die Morde und die vielen Brände und das alles gerade im Gang war. Auch politisch war die Situation sehr angespannt. Ich war Vertreter der Vaterländischen Front und habe Versammlungen abgehalten. Armselig war das alles. Die Plakate habe ich selber auf Packpapier gemalt und angeschlagen.

Aber da habe ich einmal eine Dummheit begangen: Ich habe eine Ansprache gehalten beim Michlwirt in dem alten Saal. Viele Leute waren da. Die waren alle irgendwie interessiert, was es Neues gibt. Und bei der Gelegenheit habe ich dann gesagt: „Mir gefällt es gut in Hopfgarten, aber ich muss schon sagen, irgendwie leichtlebig sind die Leute hier schon. Jedes dritte Kind ist außerehelich ...“. Das wusste ich aus den Unterlagen in der Schule. Nachher bin ich mit dem Kooperator Jessacher, der später Pfarrer in Oberau war, heimgegangen, und der hat gesagt: „Franz, recht hast du gehabt, tausendmal recht – aber sagen hättest du es nicht sollen!“

Hochzeitspaar

Im Sommer 1935 habe ich geheiratet und im Herbst bin ich dann als Oberlehrer nach Jochberg gekommen. Der frühere Oberlehrer ist aus politischen Gründen nach Reith bei Kitzbühel strafversetzt worden.

1937 ist die Gerti auf die Welt gekommen. Sie war ein reizendes Kind. Manchmal sind die Bärbel und ich Schifahren gegangen, dann haben die Schwestern vom Altersheim auf sie geschaut. Die haben sich gestritten, wer sie haben darf.

Aber in der Schule habe ich schlimme Sachen erlebt. Erstens: Ich habe einen Alkoholiker als Lehrer gehabt. Am Montag ist er oft nicht in die Schule gekommen. Er schickte ein Brieferl, er sei gestürzt oder so was. Vorher war er in Telfs Lehrer und hat sich dort versoffen. Er ist dann nach Jochberg versetzt worden. Seine Mutter ist zu mir gekommen, ob ich ihn nicht auf den rechten Weg derbringe. Ich habe mich bemüht. Aber er war ein Trinker. Musiker war er auch. Bis zum Evangelium ist er auf der Orgel gewesen, bei der Predigt ist er geschwind hinunter zum Wirt einen Tee mit Rum trinken und dann wieder hinauf zur Orgel.

Aber da sind noch ganz andere Sachen passiert. An der Schule waren zwei barmherzige Schwerstern als Lehrerinnen, eine in der ersten Klasse und eine in der dritten. Und ein gewisser Öggl hatte die Oberstufe. Der hat auch Orgel gespielt. In meiner Klasse stand ein Harmonium, und da hat der Öggl am Nachmittag oft geübt, was er am nächsten Sonntag in der Kirche auf der Orgel gespielt hat. Da hat dann eine Schwester, eine barmherzige, dazu gesungen. Eines Tages haben aber die alten Weiberleute im Dorf gemerkt, dass der Lehrer mit der Sängerin ein Techtelmechtel hat. Und das ist mir zugetragen worden. Die sind auch zum Inspektor Kecht nach Kitzbühel gegangen. Da haben sie den Öggl entlassen – auf Knall und Fall. Er wusste nicht, was er tun sollte. Und ich gab ihm einen Rat: „Am Donnerstag ist beim Landesschulinspektor eine Sprechstunde. Da fährst du nach Innsbruck hinauf und sagst: Grüß Gott, ich bin der Öggl, der da angezeigt wurde – pfeilgerade! Ich rate dir, tu das!“ Das war schon gegen Ende vom Schuljahr. Er ist dann versetzt worden ins Spertental hinein, und schließlich ist er als Oberlehrer nach Rinn gekommen. Sie ist heim nach Kufstein und hat die Kutte weggetan. Dann haben sie geheiratet, und so ist alles in Ordnung gegangen.

Schulklassenfoto mit Lehrer und Lehrerin

Aber jetzt kommt noch etwas: Eines Tages kommt ein Brieferl in meine Klasse: Die Lehrerin ist krank. Ich habe gesagt, sie soll schauen, dass sie wieder gesund wird und habe ihre Stunden eingeteilt, wie es halt möglich war. Später kam dann ein Gendarm zu mir, der sagte: „Herr Oberlehrer, was ist denn mit dem Fräulein N.?“ – „Krank ist sie, schwer verkühlt. Das kann vierzehn Tage dauern.“ Da sagte er: „Na, na, Sie wollen ihr nur helfen.“ Und dann erzählte er mir, dass die Gendarmerie bei ihr war. Die haben ein Kind getötet und in die Ache geworfen. Und davon hätte ich etwas wissen sollen. Die Frau war so geschnürt, dass ich das wirklich nicht erkannt habe. Aber dann hat sie eine Brustdrüsenentzündung bekommen und hat eine Ärztin aus Kitzbühel rufen müssen. Die hat sie untersucht und hat auch gefragt, wo sie das Kind hat. So ist dann alles aufgekommen. Warum sie das getan haben, weiß ich nicht. Sie ist natürlich irgendwie bestraft worden, aber gar nicht so schwer, wie ich es erwartet habe. Die ganze Geschichte ist in den Umbruch hinein gefallen. Das war ihr Glück, da haben sie etwas anderes zu tun gehabt.

Der Bürgermeister Aufschneiter war politisch schwarz – Vaterländische Front. Ich war Bezirksleiter. Dann kam das Jahr 1938 – der Umbruch. Das war wie überall: eitel Wonne und Begeisterung! Die Leute haben auf der Straße getanzt. Die Illegalen – der Jochberger Wirt und seine Söhne, die haben gejubelt. Jetzt waren die illegalen Nazi auf einmal auch wer. Ich hätte ja aus politischen Gründen hinausgeworfen werden müssen. Da ist mir aber zugute gekommen, dass der strafversetzte Kollege von Reith nicht gleich zurück wollte. Er war dort Organist. Dadurch bin ich noch ein Jahr ungeschoren in Jochberg geblieben, weil sie mich an der Schule gebraucht haben.

Dann bin ich versetzt worden nach Brixen im Thale. Dort war ich wieder Oberlehrer. Wir haben im Schulhaus gewohnt. 1941 ist meine zweite Tochter Inge geboren – beim Hohenbalken in Kitzbühel. Wie die Gerti auf die Welt gekommen ist, waren dort Kreuzschwestern, im Krieg dann Nazi-Schwestern, das waren grobe Weiberleut!

In der Schule sind dann diese Anordnungen gekommen: Das Hitlerbild muss vorne hin. Ich habe es aber nicht vorne, sondern auf der Seite hingehängt. Ich habe nicht alles so getan, wie es die neuen Leute haben wollten.

Ortsansicht mit großer Kirche und mit belebter Schipiste im Vordergrund

Im Ort war eine äußerst ungute Situation. Der Brixnerwirt und die alle, das waren Obernazi. Und der Zimmermann war der Ortsgruppenleiter. Die haben jeden fertig gemacht, der ihnen nicht genehm war. Da war ein biederer Postbeamter – der war halt gegen die Nazi – den haben sie einmal in der Unterhose durch das ganze Dorf gejagt. Traurige Sachen waren das! Der Bauernobmann, der hat vielleicht die Möglichkeit gehabt, hie und da einen, der einrücken sollte, zurückzuhalten. Er sagte zu den maßgeblichen Leuten: „Der wird daheim auf seinem Hof gebraucht“. Den haben sie einmal hergeschlagen auf der Kirchgasse, ganz brutal. Sie haben ihm die Schuld gegeben jedes Mal, wenn einer einrücken musste. Das waren so ungute Verhältnisse, dass ich, ehrlich gesagt, fast froh war, wie meine Einberufung gekommen ist. Die jungen Leute haben alle gehen müssen.

Beim Militär waren Lehrer sehr gefragt für die Ausbildung zu Offizieren. Das war auch bei mir so. Ich bin aber zum Hauptmann gegangen und habe gesagt: „Ich bin jetzt 33 Jahre alt. Es ist mir egal, ob ich als Gefreiter oder als Leutnant falle oder später einmal in der Heimat sterbe“. Das hat er eingesehen und hat mich in Ruhe gelassen. Ein zweites Mal haben sie mich wieder gepackt, das war in Wiesbaden. Der hat mich auch laufen lassen. Aber das dritte Mal habe ich mich nicht mehr derwehrt. Ein Landsknecht, ein verwundeter, hat mich gefragt: „Was sind Sie von Beruf?“ Ich antwortete, dass ich Lehrer bin. Da sagte er: „Kommen Sie herein! Nehmen Sie Platz!“ Und dann: „So, Sie werden Offizier!“ Wie ich meine Bedenken äußern wollte, hat er mich angeschrieen: „Sind Sie noch nicht draußen?“ Der hat mich einfach hinausgeschmissen. Danach habe ich einen polnischen Kollegen getroffen, mit dem ich befreundet war. Den habe ich gefragt, was ich machen soll. Und er sagte: „Lass den Karren laufen, wie er läuft.“ Also habe ich ihn halt laufen lassen.

Porträt als Soldat

Dann sind die Mutproben gekommen. Da musste man die Hocke über das Hochreck machen, dann die Grätsche über das Pferd, dann vom Trampolin in ein drei Meter tiefes Wasser springen – egal ob du schwimmen konntest oder nicht. Die Mutproben habe ich alle überstanden. Und so bin ich Reserveoffiziersbewerber (ROB) geworden.

Da sind wir geschunden worden, das kann man sich kaum vorstellen. Das würde heute kein Junger mehr aushalten. Irgendein Ober-Leutnant, der etwas werden wollte, hat uns mit voller Rüstung über einen Graben hinüberspringen lassen. Der hat uns fertiggemacht. Die Wäsche und alles ist uns am Leib geklebt. Wir haben uns dann geduscht und eine frische Wäsche angezogen und sind ins Kasino essen gegangen – das Übliche: Erdäpfel und Kraut. Wir haben die ganze Ausbildungszeit mit Erdäpfel und Kraut überstanden. Nur am Sonntag hat es ein kleines Stückerl Schweinsbraten gegeben und Kraut und Erdäpfel – jede Menge. Das haben wir zuerst gegessen und das Schweinsbratenstück zuletzt allein, dass wir wenigstens spürten, was wir haben.

Dann sind wir zur Frontbewährung nach Russland geschickt worden. Das war eine Prüfung: Wie benimmt er sich draußen? In Darmstadt bekamen wir eine neue Uniform und alles Mögliche, was man halt so brauchte.

Inzwischen ist es Winter geworden. Vor der Abfahrt haben wir einen Buben beauftragt, er soll uns einen kleinen Tannenbaum besorgen. Dann ist die endlose Fahrt nach Osten losgegangen – in einem Viehwaggon mit Stroh auf dem Boden. Einige Tage sind wir so gefahren. Wo kamen wir eigentlich hin? Nach Kiew! Mittelabschnitt. Zu Weihnachten, am Heiligen Abend haben wir unseren Christbaum mit einem Draht im Waggon oben angehängt und haben „O Tannenbaum“ und „Stille Nacht“ gesungen. Dann ist es ruhig geworden...

Informationen zum Artikel:

Aus dem Leben eines Volksschullehrers II

Verfasst von Franz Ramsauer

Auf MSG publiziert im Jänner 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Tirol, Unterland, Weerberg, Hopfgarten, Jochberg, Brixen im Thale / Tirol, Innsbruck/Umland, Innsbruck
  • Zeit: 1930er Jahre, 1940er Jahre

Anmerkungen

Als mein Vater schon weit über neunzig Jahre alt war, habe ich seine Erzählungen mit dem Kassettenrecorder aufgenommen und das Gesprochene möglichst genau niedergeschrieben. Geringfügige Veränderungen habe ich nur vorgenommen, um den Text etwas flüssiger zu gestalten. Vieles von seinen Ausführungen war mir schon bekannt (er hat immer gern erzählt), ich habe aber auch viel Neues erfahren.
Dr. Inge Ramsauer

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