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Geräusche, Gerüche und Heimat-Gefühle II: Gäste und Nachbarn

von Elisabeth Lopéz-Semeleder

Zur Umsatzhebung im Gasthaus wurden alle möglichen Treffen akzeptiert. Der Trachtenverein tanzte hier, Fechter, Teilnehmer bei Turnieren in der Maria-Theresien-Kaserne ruhten sich in der Bauernstube aus, Wahlhelfer zählten die Stimmen.

Nach der Sonntagsmesse kamen die feinen Damen „von hinten“ in die Küche und tranken einen Aperitif, erzählten den neuesten Tratsch, richteten die Leute aus, hielten meine Mutter vom Arbeiten ab – waren aber trotzdem gern gesehen. Und lustig war’s! Essen „über die Gasse“ wurde abgeholt. Mit zunehmendem Alter mussten wir Kinder das Essen zustellen, das kleine Trinkgeld lockte uns sehr. Oft „beleidigten“ wir die Gäste. Wir grüßten sie nicht gebührend. Kamen sie dann nicht zum Essen, waren wir Kinder schuld. Beim Tisch eines älteren, kinderlosen Ehepaares durften wir am Sonntag im Lokal oder Garten essen. Ging alles gut, wurden wir gelobt. Setzte sich Frau Schreiber nach drei Achtel Gumpoldskirchner neben den Sessel und fragte sie mein Bruder: „Frau Schreiber, bist b’soffen?“, waren wir schlecht erzogen, Gasthauskinder halt. Nach längerem Ausbleiben wurde meine Mutter vom Vater zu Familie Schreiber geschickt, musste sich entschuldigen, dann kamen sie wieder.

Am Montag probte der Kirchenchor mit Orchester. Durch einen Spalt der Tür beobachteten mein Bruder und ich die innig singenden und musizierenden Nachbarn. Jedes Hochamt erinnert mich an diese Begebenheit. Dass das aus der „Deutschen Messe“ von Schubert war, was die alten Weiblein sangen, gewahrte ich erst viel später.

Frühmesse, Abendmesse, Sonntagsmesse, Rosenkranz. Kreuzweg, Maiandacht ... Wer nimmt sich noch die Zeit dafür? Früher machte man noch alles mit dem Lieben Gott aus, heute ist es der Psychiater, Mediator oder Buddha ... die Stille in der Kirche, der Weihrauch- und Kerzenduft ...

Außenansicht eines Wiener Vorstadtwirtshauses
Das Gasthaus "Waschkuchlwirt" in Wien-Hetzendorf mit angrenzender Trafik (um 1970)

In unserem Haus war neben den Geschäftsräumen eine Trafik. Die Trafikantin, Frau Reschny, eine alleinstehende Frau, hatte einen Salon mit quergestelltem Sofa. Solche Eleganz war uns Kindern fremd. Hier durften wir uns oft Micky-Maus- und Sigurd-Hefte anschauen und vor allem Frau Reschny beobachten. Waren wir allein, spielten mein Bruder und ich „Feine Dame“, indem wir nachäfften, was wir sahen und erlebten.

Frau Reschny hatte noch zwei Kabinette, eine Küche, in der sie eine Sitzbadewanne aus Blech bei Bedarf aufstellte. Wir konnten uns nicht vorstellen, wie man sich da hineinsetzen konnte. Frau Reschny schlief im vom Geschäft am weitesten entfernten Raum – auch ein Rätsel für uns, aber hier konnte sie der Tabakgeruch nicht belasten. Herr Kantor, der Freund, war gut gekleidet, rauchte Pfeife und trug immer Sonnenbrille.

Zu den täglichen Kunden zählte Baumeister Lachner, der im Mercedes mit auf-und abspannbarem Dach um Zeitung und Tabak kam.

Im Farben- und Lackhaus Ruhser, beim Halada und beim Büchinger & Smejkal roch es anders als im Gasthaus. Wurden Gegenstände mit Farbe gespritzt, war es im Straßenabschnitt zu riechen. Beim Halada gab es neben Waschmitteln Soda, ich glaube zum Wasserenthärten, Seifen und in Literflaschen Parfums. Dort ließen wir uns in leere Flacons billiges Eau de ... per Pipette einfüllen: Jasmin, Veilchen, Rose, etc. Angeblich für die Mutter, aber es gehörte für uns zum „Feine-Dame-Spielen“.

Büchinger & Smejkal: Büchinger war Drogist, hier roch es am weihevollsten: nach Tee, Kräutern, Tinkturen. Büchinger war freundlich, Smejkal machte uns Angst.

Kleinkind in Innenhof mit Spielzeuggefährt
Im Hof des elterlichen Hauses (um 1947)

Frau Kosch kam jeden Freitag Wäsche waschen. Der Kessel in der Waschküche wurde von meiner Mutter vorgeheizt, das Haustor blieb offen für sie, die um 4 Uhr zu Fuß von der Wienerbergbrücke kam. Sie bekam schon zum Frühstück ein Gulasch, was uns Kindern nicht einleuchtete. Das Getränk wurde ihr in einem Halbliter-Henkelglas gereicht. Die Wäsche wurde ausgekocht, mit Schichtseife im Trog gebürstet und in einem großen Bottich geschwemmt, dann im Hof zum Trocknen aufgehängt. Manchmal riss die Leine!

Die Wohnung meiner Tante roch nach Schichtseife. Sie reinigte den Boden, ihre Küchenmöbel, ihre Wäsche, vielleicht auch sich mit Schichtseife.

Anders Tante Elly aus Datteln in Westfalen. Sie verbrachte als Zwischenkriegskind Ferien in unserer Straße, war bei Leuten ohne Kindern untergebracht, schielte immer nach meinem Vater und Geschwistern und überzeugte meine Großmutter, sie doch zu nehmen. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam Tante Elly mit ihrer Tochter auf Besuch. Sie war für uns die „Tante aus Amerika“. Sie brachte Spielzeug, eine Sprech-/Gehpuppe, Schuhe, einen Duden, einen Tretroller mit dicken Gummireifen und vieles mehr. Sie bezog während ihres Aufenthaltes unser Kinderzimmer. Tante Elly rauchte ägyptische Zigaretten, wusch sich mit Yardley-Lavender-Seife und besprühte sich mit 4711. Der feine Geruch dieser Mischung ist mir unvergesslich, ist einfach Tante Elly. Er verduftete ganz schnell, als wir wieder einzogen: ein Bad pro Woche, „Katzenwäsche“, Nachttopf im Zimmer.

Nach Tante Ellys Besuch unternahm meine Mutter mit uns Kindern eine Reise nach Bayern, nach Selb-Stadt (Rosenthal Porzellan), wo die Großeltern wohnten. Auf der Fahrt bei Enns steigerte sich die Nervosität meiner Mutter, die sich auf uns übertrug. Die Russen kontrollierten die Reisenden. Im Abteil eine junge Holländerin, die plötzlich ein oranges Ding zu schälen begann. Es war die erste Orange, die ich zu Gesicht bekam und dann auch schmecken durfte. Herrlich der Geruch der Schale und erst der Geschmack der Orangenspalte!

Die Besuche von Tante Elly aus Datteln in Westfalen zeigten uns (meinem Bruder und mir), was „feine Damen“ sind. Wir tranken aus Tante Mitzis feinem Porzellan Melanda-Würfel-Kaffee, rauchten Zigaretten, die pro Stück bei Frau Reschny zu bekommen waren, vornehmlich ägyptische (wie Tante Elly). Mein Vater hatte sich als Jugendlicher beim Rauchen angeschissen, uns passierte das nicht, also bewies es uns: Rauchen gehörte zur „feinen“ Gesellschaft. Virginier, Zigarren, Austria 3, die meist verkauften Tabakwaren, natürlich gekauft bei Frau Reschny, waren nichts für uns.

Später sollte ich bei Swissair arbeiten. Der Ausgangspunkt für jede Reise war Zürich. Welch edler, weltmännischer Geruch, der Zigarrenduft am Zürcher Flughafen, gemischt mit teurem Parfum der Damen.

Bei Nachbarn – zwei Fräulein, eine Schuldirektorin, die andere eine der ersten weiblichen Angestellten bei den Verkehrsbetrieben – waren wir, mein Bruder, ich und Tante Mitzi, gern zu Besuch. Hier roch es nach Äpfeln und Mottenkugeln. Die Fräulein waren um unsere Bildung besorgt und brachten uns so einiges bei. Noch zu unserer Mittelschulzeit borgten uns Tante Anna und Tante Lina Reiseführer, „brieften“ uns vor jeder Reise und holten uns nach der Reise zum Bericht. Wir reisen heute noch so, wie sie es uns beibrachten.

Eine Nichte der beiden, angehende Ärztin, untersuchte meine Ohren. Bei einmal Baden in der Woche waren die natürlich schmutzig, ansonsten O.K.

Offensichtlich arbeiteten damals die Leute in der unmittelbaren Nachbarschaft. Im Gemüsegeschäft, in der Bäckerei etc. waren bekannte Gesichter zu sehen unter den Arbeitenden wie den Kunden. Das Postensuchen und -finden scheint kein Problem gewesen zu sein.

Hermi Murowatz arbeitete bei uns als Kellnerin, ihre Familie lebte einst in unserem Haus. Ihre Schwester war zeitweise Schaffnerin auf der Linie 62. Die Straßenbahnwagen waren damals vorne und hinten offen, es wurde geraucht, die Schaffner waren Respektspersonen und hatten alles unter Kontrolle (und erst die Kontrollore, die sahen aus wie Leute von der städtischen Bestattung!).

Eine Schulfreundin und ich mussten einmal die Plattform säubern bevor wir aussteigen durften: Anlässlich Nikolo verspeisten wir Erdnüsse und ließen die Schalen einfach auf den Boden fallen. Die Wagen wurden modernisiert, geschlossener, der Schaffner bekam einen fixen Platz … Jetzt gibt es nur noch Fahrer.

Frau Zelder aus dem Nachbarhaus unterrichtete mich im Schneidern. Sie wohnte über der Konditorei Hoffmann, von der ein sehr angenehmer Duft hochkam. (Dieser folgte später eine Tierhandlung, deren Geruch weniger gut auszuhalten war.) Noch vor ihrem Tod kaufte sie eine neue Küche. Ich bekam ihre alten Möbel samt Eiskasten, die mir in meiner Wohnung lange Zeit gute Dienste leisteten. Die Frau meines Cousins, eine Tischler-Tochter, war über meine „individuelle“ Küche sehr erstaunt.

Jeden Duft verbinde ich mit einem Erlebnis, und er versetzt mich scheinbar in jene Zeit zurück. Geräusche verbinden nicht so sehr wie Gerüche. Geräusche empfindet man eher negativ als positiv. Das „An-den-Platz-Rücken“ der Gasthaustische nach dem abendlichen Auskehren störte mich sehr und riss mich nach dem Einschlafen oft aus dem Schlaf. Das Stimmgemurmel der Gäste und der Singsang des Kirchenchores dagegen war schlaffördernd. Die Streitereien – ein Theater!

Geruch ist eher auch mit Heimat-Gefühl (heimelig) in Verbindung zu bringen als Geräusche – siehe Gasthausatmosphäre.

Unlängst beim Einkaufsbummel stieg eine Dame aus dem Auto und näherte sich der Boutique, vor der ich stand. Ein feiner Duft umgab sie. Ich erkannte es sofort: mein erstes Parfum „Ma Griffe“ von Carven. Wie und wovon ich das damals bezahlte, ist mir nicht mehr in Erinnerung.

Informationen zum Artikel:

Geräusche, Gerüche und Heimat-Gefühle II: Gäste und Nachbarn

Verfasst von Elisabeth Lopéz-Semeleder

Auf MSG publiziert im Februar 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 12. Bezirk, Hetzendorf, Rosenhügelstraße
  • Zeit: 1950er Jahre

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