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Der Führerschein

von Horst Thom

Karl P. hatte ein passendes Auto für mich gefunden und so schnell konnte ich gar nicht schauen – hatte ich es auch schon gekauft. Es war kein unüberlegter Kauf, ein solcher stand schon längere Zeit auf meinem Programm – und jetzt war es eben so weit. Was mir aber noch fehlte, war der Führerschein. Ich nahm zwar schon einige Zeit Fahrstunden in Perg in Oberösterreich, wo meine Mutter wohnte, aber jetzt hatte ich es natürlich eilig.

Brandeilig sogar.

Telefonisch bat ich Mutter, für mich den nächstmöglichen Prüfungstermin im Bezirk Perg zu buchen, und der war in Königswiesen. Dann eben in Königswiesen, dachte ich mir, da gibt es wenigstens keine Straßenbahn …

Was mir total fehlte, war allerdings der Theoriekurs zum Führerschein. Die Fahrstunden in Perg zu nehmen war kein Problem, aber für den Theoriekurs hatte ich natürlich keine Zeit. Den machte ich mit dem bewährten Lernbehelf “Perlenreihe”.

Zwei Tage intensives “Strebern” in Perg – der Nachmittag des dritten Tages sah mich dann schon im Schwimmbad blättern, denn ich wollte nicht “total überstrebert” zur Prüfung antreten.

Ich spekulierte natürlich auch mit meiner verbalen Überlegenheit gegenüber den Mühlviertler Bauernbuben, die ihren Führerschein wegen der Traktoren und landwirtschaftlichen Geräte brauchten, mit denen sie auch öffentliche Verkehrsflächen befahren mussten. Für sie war der Schein absolut notwendig, aber auch meine Spekulation ging auf. Es war nämlich nicht ganz unüblich, dass ein Kandidat bei der Frage, was das Verkehrszeichen “Wildwechsel” bedeutet, kaltblütig antwortete: “dass a Hirsch kummt!” Meine verbale Überlegenheit war in der Tat erdrückend.

Die Prüfungskommission kam aus Linz und zwar total verspätet, was sie allerdings telefonisch ankündigte. Natürlich nicht mit dem Handy, das war ja noch nicht erfunden. Ich hatte aber reichlich Zeit, mir ein Achterl Rotwein zu bestellen – die Fahrprüfung fand in einem Gasthaus statt. Und weil es fast eine Stunde dauerte, bis die Kommission endlich kam, auch noch ein zweites Achterl.

Meine Nervosität hielt sich daraufhin in Grenzen, und wenn man es genau bedenkt, bin ich zur Prüfung eigentlich alkoholisiert angetreten. Stimmt nicht wirklich, denn damals waren noch 0,8 Promille erlaubt. Trotzdem war es gut, dass die Kommission von meinem “Doping” nichts wusste.

Mein Kamerad (im gleichen Prüfungsauto) musste einem Mähdrescher ausweichen und ich musste vor der Kirche bergauf starten und anfahren – die Herausforderungen hielten sich also in Grenzen. Beide haben wir die Prüfung bestanden.

Ich habe sogar den Motorrad-Führerschein geschafft, obwohl ich die schwere BMW-Beiwagenmaschine beim Achterfahren zweimal abwürgte. Das war allerdings im gepflasterten Hof des Gasthauses und die Niveauunterschiede zwischen den einzelnen Steinen betrugen bis zu 10 Zentimeter. Meine Ungeschicklichkeit wurde deshalb toleriert …

Dieser Tag im Mai 1963 machte mich also zum stolzen Führerscheinbesitzer.

Schwarz-weiß Graphik eines Autos
Fahren gelernt habe ich auf einem Peugeot 404, mein erstes Fahrzeug war eine Renault Dauphine-Gordini. Der abgebildete Wagen ist ein Renault R8 er war mein zweiter motorisierter Untersatz. Die abgebildete Strichumsetzung habe ich 1965 gemacht.

Jetzt hatte ich zwar den Führerschein, nur fahren konnte ich noch lange nicht, zumindest nicht wirklich. Die ersten Fahrten in Wien waren für mich der reine Horror. Was man da laut Theoriekurs beim Abbiegen alles zu tun hatte! Zum Beispiel in beide Außenspiegel schauen, Blick in den Rückspiegel, Blinker betätigen, schalten, womöglich mit Zwischengas – und das alles mit nur zwei Händen? Welche Hand bleibt da zum Rauchen? Und ist das überhaupt erlaubt?

So führte mich mein erster Urlaub über den Großglockner nach Südtirol auf die Dolomitenstraße, und als das Wetter schlechter wurde, weiter nach Venedig. Die Bergstrecken, die ich vom Radfahren her alle kannte, waren kein wirkliches Problem. Die waren nur allesamt mit dem Fahrrad wesentlich mühsamer gewesen. Der Stadtverkehr in Venedig war natürlich viel einfacher – mit dem Vaporetto!

Im ehemaligen Jugoslawien sammelte ich im Herbst 1963 neue Erfahrungen. 1964 fuhr ich in die Türkei, nach Istanbul und Eskisehir, und über Griechenland wieder zurück nach Wien …

Mit einem inzwischen gebraucht gekauften R8 (von Karl P.) fuhr ich 1965 erneut über Istanbul quer durch Anatolien, bis nach Adana und Antalya. Die 22 Zentimeter Bodenfreiheit des R 8 kamen mir dabei sehr zustatten, denn ein guter Teil der Strecke war mehr Piste als Straße …

Dann kam mein Fiat 125, die “blunzenfarbene Wuchtel”. Den Linksverkehr lernte ich mit dem Fiat 1968, damals Auto des Jahres, in Südengland und London kennen. Das war gar nicht so kompliziert, wie ich es ursprünglich erwartet hatte, weil ich das ständige Linksfahren von zu Hause her schon gewöhnt war. In England sitzen die Lenker im Auto allerdings rechts. So galt für mich das europäische Motto “immer auf der Überholspur” in Großbritannien nur sehr bedingt!

Informationen zum Artikel:

Der Führerschein

Verfasst von Horst Thom

Auf MSG publiziert im April 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Oberösterreich, Mühlviertel / Wien
  • Zeit: 1960er Jahre

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