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Fürchterlich war das tägliche Frisieren

von Annelies Gorizhan

Ich hatte weißblonde Negerlöckchen, durch die sich Kamm oder Bürste nur sehr mühsam ihren Weg bahnen konnten. Es riss ganz grausig, so sehr Mamma auch aufzupassen bemüht war. Gottlob glätteten sich die Löckchen in zunehmendem Alter, wie auch die Haare nachdunkelten. So schwarz wie Muttis Haare allerdings wurden sie nie. Und mit der Zopfflechterei wurde bis auf klägliche Reste mein lockiges Haar glatt und glätter.

Kleinkind mit lockigen Haaren umarmt seine Mutter

Gedankensprung: Mutti hatte in den späteren Zwanzigern wie alle Damen natürlich auch einen Bubikopf und die unsäglichen topfförmigen Hüte getragen. Als ich Jahrzehnte später irgendwo die Abbildung eines solchen fand, sagte ich zu meinem Teenager-Sohn, um den Zeitpunkt drastisch zu unterstreichen: „Schau, solche Hüte hat auch die Oma aufg’habt, wie ich auf die Welt ‘kommen bin!“ - Mein Sohn darauf trocken: „Bist erschrocken, gell?“

Wie alle Frauen benützte auch Mutti die Ondulierschere [Brennschere], wenn die Dauerwellen sich nicht mehr so richtig frisieren lassen wollten. Diese wurde über einer Flamme erhitzt, der Wärmegrad überprüft, was man an einem Stück Papier ausprobierte (das Papier musste sich leicht bräunlich färben, aber nicht zu dunkel, auf dass die Kopfhaut nach Möglichkeit unversehrt bliebe). Und dann wurden damit die Haare mehr oder minder gekonnt gewellt. Kleinen Mädchen wurden die Haare mittels Zuckerwasser oder Bier verschönert. Dies blieb mir ebenso erspart wie die beinahe obligate „Schaumrolle“, denn ich hatte, wie erwähnt, sowieso Negerlöckchen, und später waren eben Zöpfe ‚in’.

In Kitzbühel, wo ich ebenso wie in Ruppersdorf zu keinem Arzt, Zahnarzt oder Friseur gekommen war, erfand ich selber eine Frisur, die nicht zu kindlich, aber leicht herzustellen war. Ich flocht keine Zöpfe, sondern drehte die Haare zu zwei Schlingen, die sich beim Hochstecken von selbst zusammenzwirbelten (wie wenn man eine gedrehte Schnur macht) und dann irgendwie hinter den Ohren befestigt wurden.

Waren in Normalzeiten die Haare zu trocken oder die Frisur zu widerspenstig, wurde sie, bevor es Haarspray gab, mittels Brillantine gebändigt – siehe „Der g’schupfte Ferdl ...“ Hatte man sich neue Dauerwellen verpassen lassen, durfte man am nächsten Morgen zum unentgeltlichen ‚Auffrisieren’ beim Friseur aufkreuzen, das war allgemein Brauch. Dieser kam erst ab bzw. geriet in Vergessenheit, als die Dauerwellen immer besser und die  meisten Kundinnen berufstätig waren.

Vater ging selten zum Friseur – der Haarwuchs rund um seine Glatze war spärlich. Er rasierte sich täglich mit dem Messer, das an einem im Badezimmer am Türstock hängenden Riemen geschärft wurde und ziemlich gefährlich aussah, ich rührte es wirklich nie an. Sehr wohl spielte ich dagegen mit seinem Rasierpinsel, auf dessen Beschaffenheit er großen Wert legte, der sollte stets vom Feinsten sein. 

Erspart wie die ‘Schaumrolle’ blieb mir auch der in den 30er-Jahren noch durchaus aktuelle Knicks. Nicht aber die weißen Strümpfe, die ich an Sonn- und  Feiertagen zu tragen hatte, und die ich hasste wie die Pest, wie übrigens alles, auf das man besonders Acht geben musste, nur, weil es ‚fein’ war ... So auch einen Muff – die waren damals noch en vogue.

Da „deutsche Mädchen“ (und als solches fühlte ich mich voll und ganz) nun mal Zöpfe trugen, ließ ich meine nicht gerade üppige Haarpracht wachsen. Ein Kommentar der Eltern hiezu ist mir nicht erinnerlich. Leider wuchs sie, die Pracht, äußerst langsam, und es dauerte, bis Mutti mir Zöpfe, sprich: „Rattenschwänzchen“ flechten konnte. Gusti und Dutzi, auch Mia trugen wunderschöne, lange Zöpfe, die beiden Letzteren – da älter – aufgesteckt. Liselotte war eines der wenigen „deutschen Mädchen“, das einen Bubikopf ihr eigen nannte und allen Trends entgegen auch behielt.

Doch ob Zöpfe oder nicht, Haarewaschen war eine Qual. Warum, weiß ich eigentlich nicht mehr. Jedenfalls heulte ich im Badezimmer einmal so laut, dass die in der Nachbarwohnung lebende, um ein Jahr jüngere Ingrid mich gehört hatte. Und als ich am nächsten Tag während der (römisch-katholischen) Religionsstunde in ihre Klasse ausweichen musste wie stets, fragte mich die von mir verehrte Frau Lehrerin Rothansl, warum ich denn am Vortag so geweint hätte? Peinlich, peinlich! Warum musste Ingrid auch petzen? Wir vertrugen uns doch sonst meist sehr gut!

Ihre Familie war in die arisierte Nachbarwohnung gezogen, Vater, Mutter, Ingrid eben und Helga, damals 5 Jahre alt. Ihr Vater war einer jener „Reichsdeutschen“, die uns laschen Ostmärkern die ‚Wadln viririchten’ sollten. Da er aber kein Preuße, sondern ein gemütlicher Schwabe war, mochten wir unsere Nachbarn recht gut leiden, und ich verbrachte manche Stunde bei ihnen. Auch gingen wir gemeinsam rodeln oder in den Park. Am meisten faszinierte mich, dass sie das Geschirr nicht wuschen, sondern es meist unter fließendem Wasser „spülten“. Am 5. Dezember spielte ich für Helga den Nikolo. Die Kleine war mächtig beeindruckt, erklärte jedoch anderntags, der Nikolaus habe ein Engerl geschickt – die Stimme sei nicht tief genug gewesen. Kluges Kind!

Informationen zum Artikel:

Fürchterlich war das tägliche Frisieren

Verfasst von Annelies Gorizhan

Auf MSG publiziert im April 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 2. Bezirk / Tirol, Unterland, Kitzbühel
  • Zeit: 1930er Jahre, 1940er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag gibt einen kleinen Textausschnitt aus umfangreichen Kindheitserinnerungen wieder, die die Autorin unter dem Titel "Annelies" in den Jahren 1996-98 aufgezeichnet hat.

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