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Corpus Christi

von Franz A. Pichler

Ich ging im Herbst 1949 in die Piaristen-Volksschule am Jodok-Fink-Platz – nachdem die Nazibezeichnung des Platzes 1945 abgenommen worden war. Die Piaristen sind ein spanischer Schulorden, ich habe dort sehr viel gelernt, sodass ich mich später in den Schulen kaum mehr anstrengen musste.

zwei Buben  in Matrosenanzügen
Der Autor (links) mit seinem Bruder Arnold in der Piaristenvolksschule (1951)

Nach der Schule machte ich mit Kameraden eine „Glöckerlpartie“, wir läuteten bei den schlafenden Bäckergesellen in der Florianigasse – Zentrum der Bäckerinnung – an und lachten, wenn diese fluchend aus dem Hause kamen. Ich lernte schnell laufen, da uns ein Bäckerjunge – voll berechtigten Zornes – nachlief: Da er in Hausschlapfen war, gewann ich immer. Er war mein erster richtiger Trainer im Laufen, das ich später noch als Sport fortsetzte. Eines habe ich dabei für mein Leben gelernt: Die besten Trainer einer gestellten Aufgabe sind deine Feinde.

Ich erinnere mich noch an die Erstkommunion, die auch meine Freundin Lenta (von Valentina) am selben Tag absolvierte. Man hatte uns Kindern eingeschärft, dass wir den Leib Christi, Corpus Christi, in Form der Hostie erhalten würden: Wir dürfen diese nicht beißen, da wir ansonsten Christus töten, wir müssten die Hostie schlucken.

Mit Lenta übten wir tagelang mit Kirschkernen und dann mit Brotstückchen, einmal wäre ich fast erstickt. Ich wurde auch in der Beichte – ich war damals sechseinhalb Jahre alt – gefragt, ob ich unkeusche Gedanken hätte. Ich war mir nicht sicher, ob meine unschuldige Beziehung zu Lenta darunterfalle. Der Beichtvater zählte alle möglichen Perversitäten inklusive Sodomie auf, was mich noch mehr verwirrte. Ich wagte nicht, zu Hause darüber zu sprechen, außerdem schwebte ja das Beichtgeheimnis wie eine dunkle Wolke über alledem.

Auf Grund unsere Generalprobe klappte das Schlucken des Corpus Christi sehr gut, ich lief zwar rot an vor Anstrengung, aber danach war es geschafft, und ich war auf dem Weg zu einem Heiligen, wie unser Schulheiliger Calasanz.

Hélas, leider, war der Weg zum „Heiligen“ steinig, sodass ich eines Tages davon abließ. Jahrzehnte später sprach ich mit meinem Friseur Herminio darüber. Sein Laden war in Brüssel, in der Rue Archimède, untergebracht, einen Steinwurf vom Sitz der Europäischen Kommission entfernt. Er litt sehr darunter, dass die Renovierung des Gebäudes der Kommission viel länger dauerte als vorgesehen und er daher in dieser Zeit wenig Kunden hatte. Für mich war das okay, ich arbeitete in der Nähe und die österreichische Präsidentschaft war noch fern.

Herminio war auch zu den Piaristen in die Schule gegangen, allerdings im fernen Galizien (im Norden Spaniens); seine Tante war eine heiligmäßige Frau, erzählte mir Herminio, sie ging zur Reue sogar ein Stück der Wallfahrt nach Santiago de Compostela auf den Knien. Sie war eine Franco-Anhängerin gewesen und hatte einige Republikaner denunziert. Wir verstanden uns. Ja, so ist das Leben! Er trug dieselbe Schuluniform wie ich, ein Matrosengewand mit einer Matrosenmütze, der heilige Calasanz blickte in Spanien vermutlich noch strenger auf die Kinder, als in Wien: Da man vorher nichts essen durfte, fielen die spanischen Kinder reihenweise in Ohnmacht, die allgemeine Ernährung und das Essen in der Berggegend Galiziens war noch schlechter als bei uns in der Nachkriegszeit.

Mein bester Freund aus dieser Zeit in Wien wohnte in der Florianigasse, gegenüber der Bäckerinnung. Seine Mutter war Modistin und besaß ein kleines Hutgeschäft, ganz in der Nähe. Sie war eine bildhübsche Frau mit roten Haaren, sie hatte immer wieder neue Liebhaber, nachdem der Papa meines Schulkameraden „im Krieg geblieben“ war. Vermutlich die Hälfte der Klasse hatte Väter, die ebenfalls „im Krieg geblieben“ waren.

Was sollte das bedeuten, fragte ich mich heimlich. Stundenlang erklärte man uns das Geheimnis des „Corpus Christi“, aber keiner der Lehrer hielt es für nötig, uns diesen Begriff zu erklären. Man wird mir sagen, jeder wusste, was das heißt: „Papa ist auf dem Feld der Ehre gestorben, für uns, für unsere Heimat“. Mein Papa lebte, daher stellte sich mir diese Frage nicht. Nur Mama sagte uns: „Wäre Papa jünger, wäre er vermutlich im Krieg gefallen, also seid froh, dass er lebt auch wenn er viel älter ist, als die vom Krieg doch noch heimgekehrten Väter.“

Was ist das Feld der Ehre? Wo liegt unsere Heimat, im Deutschen Reich (auf meiner Geburtsurkunde stand „Deutsches Reich“) oder in Österreich? Fragen über Fragen eines kleinen Kindes. Aber die Nachlässigkeit meiner Heimat liegt wohl darin, dass bis zum Ende meines Rechtsstudiums an der Uni Wien kein Geschichtsunterricht vorhanden war, der auf diese Fragen antworten konnte. Während in München das „Geschwister-Scholl-Institut“ nach dem Krieg errichtet wurde, gab es in Wien nichts Vergleichbares. Professor Borodajkewycz konnte noch 1965 seine Nazilehren verbreiten, mein Professor in Verfassungsrecht konnte Ernst Forsthoff, einen engagierten Nazi, als Experten präsentieren. Und tragischerweise konnte sich Kurt Waldheim an nichts erinnern, außer: als Soldat des Dritten Reiches seine Pflicht getan zu haben. Es darf auch nicht wundern, wenn die Präsidentschaftskandidatin Barbara Rosenkranz im Jahre 2010 erklären konnte, zum Thema Holocaust nur das Schulwissen der Jahre 1965 bis 1972 zu besitzen.

Über Corpus Christi wussten wir also als Siebenjährige mehr Bescheid als über die existenziellen Fragen unserer Heimat. Und mein spanischer Friseur in Brüssel wusste mehr Bescheid über die „Heilige Dreifaltigkeit“, als über den Spanischen Bürgerkrieg, der damals noch gar nicht so weit zurücklag.*

Ich habe vergessen hinzuzufügen, dass unsere Dachterrasse einen wundervollen Ausblick auf die Sterne ermöglichte. Gerade im Sommer des Jahre 1949 war der Himmel noch klar, die Umweltverschmutzung – trotz Nachkriegszeit und Wiederaufbau – gering. Papa zeigte uns den großen Wagen und den kleinen Wagen, den Polarstern und die Milchstraße, die ich Jahrzehnte später im berühmten Film von Bunuel „La voie lactée“ (Die Milchstraße) wiederzuerkennen glaubte.

Eines Morgens, auf dem Schulweg, entdeckte ich, auf der Höhe des öffentlichen Pissoirs im Schönbornpark, auf dem Gehsteig die Aufschrift „Hands off Korea“. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite befand sich – in einem alten Palais – das Amt für Kriegsinvalide. Ich vermutete, dass Kriegsgegner diese Inschrift auf der Straße in weißer Farbe aufgemalt hatten. Zu Hause wurde darüber nicht gesprochen. Nur die „Fox’ Tönende Wochenschau“ zeigte uns Knirpsen, in Schwarzweißbildern, einen Ausschnitt des Koreakrieges. Lenta erklärte uns mit Verschwörermiene, dass ihr Papa jetzt nicht kommen könne, da es in Asien Krieg gäbe und er Berichte schreiben müsse. Und die Piaristen erklärten uns, wie viele Engel auf einer Nadelspitze Platz hätten.

„Ich bin Austromarxist“ erklärte uns eines Tages der neue Hausmeister, Herr Schartel. Das alte Hausbesorgerehepaar hatte eine bessere Wohnung gefunden und zog mit Hund und Hasen (diese hatten sie im Hof gehalten) aus. Die Hausbesorgerwohnung war Substandard: das Klo am Gang, das Kabinett ohne Fenster. Der schmale Hof hatte einen kleinen Baum, der einzige Lichtblick innerhalb der Mauern. Zwischen meinem Vater, Polizist im Austrofaschismus und damit Gegner des Austromarxismus, und dem neuen Hausmeister kam es immer wieder zu Wortduellen. Jeder beschuldigte den anderen am Untergang Österreichs schuld gewesen zu sein: Das war angewandter Geschichtsunterricht!

Meine Volksschullehrer, würdige Patres, hatten allerdings keine Erklärung für das Wort Austromarxismus.

Jeden 1. Mai führte uns Papa zum „Maiaufmarsch“ vor dem Wiener Rathaus. Als Knirps wollte ich mit den anderen Kindern, den Kommunisten und Sozialisten, Fähnchen schwingen und mitmarschieren. Aber für Papa waren dies alte Feinde aus dem Bürgerkrieg: Allerdings hatten die Erlebnisse des Nationalsozialismus seine Haltung gemildert, er las täglich die sozialdemokratische Arbeiterzeitung und die kommunistische Volksstimme – „um sich zu informieren“, meinte er.

Meine Frau Elisabeth, bei der Tür hereinkommend, fragt mich, ob ich nur oberflächliche Erlebnisse beschreibe oder auch in die Tiefe gehe; sie ist Psychologin. Auf frischer Tat ertappt, muss ich zugeben, dass die Geschichte mit den verhinderten Maiaufmärschen eine enorme Auswirkung auf mein Leben hatte: Trotz meiner konservativen Kindheit habe ich später „die Seiten gewechselt“, bin mit den Sozialisten marschiert und habe gegen den Krieg in Vietnam demonstriert. Ich wollte einfach mit den Schmuddelkindern, mit den Kindern aus einem linken Elternhaus zusammen sein, da diese mir viel ähnlicher waren als die Kinder der Nazis und der Mitläufer.

* Im April 2010 wurde in Brüssel der Film „Chemin de mémoire“ über die fehlende Erinnerung zum Spanischen Bürgerkrieg gezeigt; im Jahre 2010 wurde ein hoher spanischer Richter seines Amtes enthoben, da er die Öffnung der Massengräber verlangte; der Vatikan hingegen erklärte im Jahre 2009 alle Priester, die im Bürgerkrieg 1936-37 starben, taxfrei zu Märtyrern und damit zu Heiligen.

Informationen zum Artikel:

Corpus Christi

Verfasst von Franz A. Pichler

Auf MSG publiziert im September 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 8. Bezirk / Spanien, Galizien
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre, 1960er Jahre, 1970er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag gibt ein Kapitel aus dem 2010 entstandenen lebensgeschichtlichen Manuskript Franz A. Pichlers mit dem Titel "Ein Wiener in Brüssel. Autobiographische Notizen / Un Viennois à Bruxelles. Notes autobiographiques" wieder.

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