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Mainburg und das bäuerliche Leben

von Josef Svec

An die Weihnachtstage 1945 kann ich mich nicht erinnern, nur daran, dass im Kabinett einen Tag  - oder ein paar Tage? - ein lebendes Kaninchen war. Der neue Großvater hatte es gebracht und für Weihnachten wurde es geschlachtet. Sonst verbinde ich mit dem ersten Winter nach dem Krieg hauptsächlich Kälte, Eisblumen auf den Fensterscheiben und kratzende Strümpfe. Ein paar Mal gab es im Royal-Kino Märchenfilme und die besuchte meine neue Mutti mit mir. Gerade als ich mich auf den nächsten Film freute, Dornröschen war angekündigt, kam die Tante Käthe, eine Schwester meiner Mutter und holte mich ab.

Die nächsten Monate sollte ich auf dem Bauernhof meiner Großeltern in Mainburg auf dem Berg verbringen. Für mich gab es jetzt keinen Hunger, so wie in Wien, aber ich war sehr einsam. Es gab sonst kein Kind weit und breit, und von den Erwachsenen hatte niemand Zeit für mich. Warum wohl hatte der liebe Gott meine Mutter zu sich genommen, wie man mir sagte? Warum war sie im Himmel und nicht mehr bei mir?

Ich hatte Heimweh und habe viel geweint. Ein kleiner Teddybär war mein einziger Begleiter. Zu Hause habe ich gerne im Radio Musik gehört, und weil es auf dem Bauernhof keinen elektrischen Strom gab und somit auch kein Radio, sang, summte und trällerte ich Straußwalzer und Ähnliches, wie ich es in Erinnerung hatte, vor mich hin. Für mich waren jetzt diese Melodien das Klang gewordene, geliebte Wien!

Bauernhaus mit Bewohner/innen

Das ist das einzige Foto, das ich vom großelterlichen Bauernhaus habe. Als das Foto gemacht wurde (im Jahr 1932) waren der Großvater 55 und die Großmutter 48 Jahre alt. Auf dem Bild sind noch meine Onkel Sepp (links) und Leopold und meine älteste Tante Maria. Es gab noch weitere drei Töchter: meine Mutter und meine Tanten Käthe und Leni. Onkel Sepp übernahm später die Wirtschaft und kam auf tragische Weise ums Leben, als auf einer schrägen, feuchten Wiese der Traktor umstürzte und ihn erdrückte.

Auf den Bauernhof der Großeltern, wo ich jetzt einige Monate war, kam ich früher mit meiner Mutter immer nur kurz auf Besuch. Jetzt erlebte ich so richtig das bäuerliche Leben. Bei meiner Ankunft war noch Winter. Wärme gab es nur vom großen Küchenherd. Ich schlief in der Stube meiner beiden Tanten. Da war es grimmig kalt, die Fenster waren zugefroren! Da nahm sich am Abend jeder vom Küchenherd einen gewärmten Ziegel mit ins Bett. Das Essen war eintönig, am Morgen und am Abend gab es Stosuppe, am Morgen mit Brot und am Abend mit gekochten Erdäpfeln. Am Vormittag gab es einen Erdäpfelschmarren, manchmal auch Schafkäse mit Brot und zu Mittag sehr oft Kraut und Knödel, oft mit fettem Geselchten. Das Brot wurde selbst gebacken, ebenso selbst gemacht wurde ein Most, der „Haustrunk“.

Mein Großvater hatte gerne frisch gelegte Hühnereier, und da nahm er mich einmal mit und zeigte mir, wie man an zwei Stellen am Ei Löcher macht und dann den Inhalt aussaugt, und so stibitzten wir oft Eier, bevor die Großmutter sie einsammelte. Die Hühner, die Selchkammer und das Dörrhaus fielen nämlich in das Ressort der Großmutter, und da war sie sehr heikel. Vor den Mahlzeiten wurde um den Tisch stehend gebetet. Das hörte sich wie ein mehrstimmiger Gesang an.

kleiner Bub in hölzernem Badeschaff, umringt von einer Schar Hühner im Hof eines Bauernhauses

In meinem Alleinsein lernte ich, still zu beobachten. Mein Lieblingsplatz war ein Holzstoß in der Nähe des Hauses. Da waren Bretter so gelagert, dass ich einen bequemen Sitzplatz fand und die oben liegenden Bretter waren etwas länger und bildeten damit ein Dach. Da saß ich oft stundenlang und bewunderte Gräser, Blätter, Blüten und beobachtete Käfer, Vögel und was sonst noch alles rund um mich vorging.

Auch Gewitter blieben mir in Erinnerung. Da war so eine Stille vorher. Dann zogen immer dunkler werdende Wolken auf, der Wind erhob sich, und dann zählte man zwischen Blitz und Donner, wie weit das Gewitter entfernt war. Angst hatte ich nicht, es war ein faszinierendes Naturschauspiel und dann schaute ich gerne dem Regen zu, zuerst Tropfen und dann der rinnende, trommelnde Regen, bis das Wasser in verschlungenen kleinen Bächen den Hang herunterschoss.

Fast nichts ist geblieben, als eine (verklärte?) Erinnerung. Nach dem tödlichen Unfall des Onkels führten seine Frau und die beiden Söhne - damals 10 und 12 Jahre alt - die Wirtschaft weiter. Später wurde ein neues Haus, neue Scheunen und Stallungen gebaut und alles Alte abgerissen. Die uralte Pendeluhr und die Truhen kamen ins Heimatmuseum nach Rabenstein.

Informationen zum Artikel:

Mainburg und das bäuerliche Leben

Verfasst von Josef Svec

Auf MSG publiziert im Oktober 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Mostviertel, Mainburg
  • Zeit: 1940er Jahre

Anmerkungen

Dieser Beitrag gibt einen Textausschnitt aus einem lebensgeschichtlichen Manuskript mit dem Titel "Kindheitserinnerungen, 1939-1954", wieder, das der Autor im September 2012 fertigstellte.

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