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Mein Onkel Heini

von Herta Hum

Eigentlich waren wir gar nicht richtig verwandt oder wenn doch, dann nur über zehn Ecken. Außerdem hieß er Heinrich und seine Frau Emilie, also Heini-Onkel und Milli-Tante.

Sie hatten eine kleine Wohnung in der Siebenbrunnengasse im 5. Bezirk und einen Schrebergarten in der Nähe vom Stadion. Sie nahmen’s nicht ganz so genau mit dem Putzen wie meine Mutter. So hat es nichts ausgemacht, wenn ich mit einem Keks gebröselt oder Limonade verschüttet habe.

Die Säfte waren natürlich alle selbstgemacht. Stachelbeeren – auf Wienerisch „Ogroseln“ – und Johannisbeeren, also Ribiseln, haben sie zu Fuß und mit der Straßenbahn nach Hause geschleppt. Ich hab auch helfen dürfen, bin aber mehr im Weg gestanden. So haben der Heini-Onkel und mein Papa gemeint: „Lass ma die Frauen in Ruh’ (arbeiten) …“, und haben lieber im Wohnzimmer Schallplatten gehört.

Das war für mich auch etwas ganz Besonderes, denn in meiner Familie hatten wir nur einen Radio. Der Plattenspieler ist auf einem kleinen Tisch gestanden und hat wie ein lindgrüner Plastikkoffer ausgesehen. Die Platten waren klein und in bunten Papierhüllen. Namen wie Pirron und Knapp, Lolita, Gerhard Wendland, Vico Torriani, Friedel Hensch und die Cyprys, Caterina Valente, Peter Alexander, aber auch Hans Moser, Paul Hörbiger, Hermann Leopoldi fallen mir spontan ein. Mein Lieblingslied war damals „Meiner Großmutter ihr Kaffeehäferl hau i zam“. Das ist mir sehr verwegen vorgekommen.

vier Männer und eine Frau am Küchentisch beim Kartenspiel
Heini-Onkel (2. v. links) und Milli-Tant (2. v. rechts), im Hintergrund mein Vater an einem geselligen Sonntagnachmittag bei Bekannten (1950er Jahre)

Ja, auf diese musikalische Art haben wir die fleißigen Damen nicht bei der Arbeit gestört. Mein Papa und der Heini-Onkel haben die fertigen Saftflaschen und Marmeladegläser auf die Kästen geschlichtet. In meiner Kindheit waren überall auf den Kästen Vorratsgläser, im Advent die Keksdosen oder zumindest Koffer aufbewahrt.

Unser Heini-Onkel hat ein großes Talent gehabt, verschiedene Dinge günstig zu erwerben. Einmal hat er eine Schachtel Socken vorbeigebracht – leider haben sie uns nicht gepasst. Dann wieder Wolle – Mutter hat deshalb nicht mit dem Stricken angefangen.

Mich hat am meisten gekränkt, dass ich den Schnittenbruch nicht essen durfte, den mein Onkel in einem großen Plastiksack gebracht hatte. „Wer weiß, wo er den herhat?!“, und schwups – war alles im Mistkübel. Lieber Onkel Heini, ein Trumm hab ich retten können – es hat sehr gut geschmeckt …

7 Erwachsene und ein Kleinkind stehen auf einem Gartenweg
Die Autorin als Zweijährige mit Angehörigen im Garten von Onkel Heini (rechts außen), Wien, 2. Bezirk (1951)
Informationen zum Artikel:

Mein Onkel Heini

Verfasst von Herta Hum

Auf MSG publiziert im Oktober 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien
  • Zeit: 1950er Jahre, 1960er Jahre

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