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Meine Oma

von Herta Hum

Für mich war meine Großmutter väterlicherseits immer schon „alt“. Ich erinnere mich an ein Vorstadthaus im 15. Bezirk, in der Braunhirschengasse, gleich beim Schwendermarkt.

Ein kleiner Vorgarten mit Sträuchern, Blumen und alten Sesseln war sozusagen das Entree. Die Wohnung selbst war gepölzt. Das heißt, alle paar Meter hatte man Holzstämme zum Stützen zwischen Boden und Plafond eingeklemmt. Mauerrisse konnten nur schwer verputzt werden, das Haus war abbruchreif. Es war wie die Nachbarhäuser von Bomben getroffen worden.

Später ist meine Oma in eine Wohnung nach Ottakring gezogen. Dort war zwar alles neu und komfortabler, aber meine Großmutter hat den Garten und ihre vielen Blumen vermisst. Zwei riesige Schusterpalmen sind dann auf einer Anrichte gestanden. Die Blätter hatte sie mit einem Köperband zusammengebunden. Mich hat das als Kind so gestört, dass ich es heimlich durchgeschnitten habe.

Meine Großmutter hat nie viel aus ihrem Leben erzählt, obwohl es da bestimmt so einiges gegeben hätte. Geboren in Nikolsburg, heute Tschechien, damals Österreich-Ungarn. Nach Wien geheiratet, den Mann im Ersten, einen Sohn im Zweiten Weltkrieg verloren. Viel Armut und Not – kein Wunder, dass ich als Kind eine alte Frau gesehen habe. Erst in ihren letzten Lebensjahren hat sie sich ein paar Annehmlichkeiten gegönnt.

Hochzeitsgesellschaft mit Brautpaar sitzend in der Mitte

Porträt einer älteren Dame mit Hut

Vor kurzem ist mir ein vergilbtes Foto untergekommen, ein Bild von der Hochzeit meiner Eltern, auf dem meine Großmutter drauf ist – jünger als ich heute bin. Ich konnte eine große Ähnlichkeit erkennen: „Ich schau ja aus wie meine Oma!“

Plötzlich ist aus der Großmutter eine Frau geworden, die eine Persönlichkeit hatte, die gern gekocht und gebacken hat. Einen Ausspruch von ihr hab ich in Erinnerung: „Aus jeder Zuspeis kann ma a Suppn kochen.“ Ich hab das übernommen und mach’ gerne aus Restln eine Suppe, die meistens auch gut schmeckt. Nennen tu ich sie Mischi-Maschi-Suppe von der Oma.

Informationen zum Artikel:

Meine Oma

Verfasst von Herta Hum

Auf MSG publiziert im Oktober 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien
  • Zeit: 1950er Jahre, 1960er Jahre

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