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8er-Elegie und die Reize der U6

von Traude Veran

Ich bin in Wien geboren, aber ich habe mein Leben an vielen anderen Orten anderswo verbracht. Erst 1989 bin ich in meine Heimatstadt zurückgekehrt, und zwar nach Währing, in eine kleine Gasse zwischen Sternwartestraße und Währingerpark nahe beim Gürtel. Auto brauchte ich bald keines mehr, so lernte ich die „Öffis“ kennen und schätzen.

Ich erfuhr: Es gibt Radiallinien und Tangentiallinien. Aber in Wirklichkeit weiß keiner mit diesen beiden Wörtern etwas anzufangen. Einfach gesagt, handelt es sich um die Speichen (radial) und die Verbindungsfäden (tangential) eines Spinnennetzes. Also um Linien von der inneren Stadt in die Außenbezirke und solche, die sich von einer Speiche zu nächsten hangeln.

Radiallinien sind durch Zahlen gekennzeichnet, Tangentiallinien durch Buchstaben. Wie alles in Wien war das nicht wirklich so. Unser liebes Wien ist vielleicht noch ein wenig anarchischer gewachsen als andere Städte und jede Spinne, die so ein Netz baute, würde mit Schande aus der Weberzunft gejagt.

Der Achter zum Beispiel und seine jüngeren Brüder, der 18er und der 118er, fuhren keineswegs „von innen nach außen“, also radial, sondern umrundeten ganz tangential in aller Gemütsruhe den Gürtel. Der 8er war eine der wichtigsten und längsten Linien Wiens. Er war seit 1907 unterwegs und führte schon 1911 stolz zwei große Beiwagen. Und er ließ sich nicht unterkriegen: Trotz schwerer Bombentreffer am 6. April 1945 nahm er seine Fahrt bereits am 29. Mai dieses Jahres wieder auf.

antike Straßenbahngarnitur mit zwei angehängten Waggons
Der 8er nahe dem Bahnhof Meidling (1911)

Als ich nach Wien zog, wurde gerade die U6 eröffnet. Sie benützt, wie Sie sicher alle wissen, die Trasse der ehemaligen Stadtbahn-Gürtellinie. Einen parallel dazu verkehrenden Achter mochten die Verkehrsbetriebe nicht dulden, auch wenn der viel mehr Stationen hatte und man mit ihm ohne Umsteigen den Bahnhof Meidlung erreichen konnte. Die Fahrgäste sahen das natürlich anders. Der „Kampf um den Achter“ ist legendär: Keine andere Linie hatte bei ihrer Einstellung so viele Protestaktionen ausgelöst – aber alle vergeblich. Es kam der Tag des Abschieds.

Die glühendsten Anhänger bereiteten dem Achter ein feierliches Leichenbegängnis, mit schwarzen Armbinden, schwarzen Hüten und Schwarzfahren mit selbst angefertigten „Letzttagsfahrscheinen“ von der Glatzgasse, der einen Endstation, bis zum Meidlinger Bahnhof, der anderen. Einige Doppler begleiteten uns.

Dem letzten Wagen am Tagesende schob damals noch der Fahrer jeder Linie eine blaue Glasscheibe über die Nummernanzeige, um saumseligen Wienern Beine zu machen. Das todesselige Wienerlied hat natürlich gleich „die letzte Blaue“ besungen.

Damals also die ewige Ruhe für den 8er. Ich trug auf der Fahrt eine Elegie vor:

a grauslicha dog –
zum schiam aufspannen
is zwenich regn und zvü wind
und dann biagda um die ekkn
von der glatzgossn hea
mim blaun schüdl kummt a
sozusong
unwidaruflich blau

on an windichn dog
haumsn oserviad
mit ana windichn ausred
haumsn oserviad
da wind soi eana
in huad vablosn

Als wir in Meidling ausstiegen, von wo wir nun nicht mehr ohne Umsteigen zurückkonnten, schwankten die meisten von uns beträchtlich.

Aber auch die U6 hat ihre Reize:

wia i viregeh zur währingerstrossn
aun an sunndog
um sechse in da fruah
auf de valossenen schienen
unter de gürtelbam
kummt ma am andern gleis
da pole entgegen
der wos im nochbarhaus pfuschn tuat
und schlenkat sei sackl
mitn orbeitsgwand

mit mir steign a poar miade jugoslawinnen ei
de wias ausschaut zammrama fohrn
wohrscheinlich in an wirtshaus

in michelbeuern
kummt a philippinische krankenschwesta dazua
der da nochtdienst
schwoarz unta de augn hängt

auf da oisastrossn
trabn drei fiaka hintaranand
richtung stadt
i schau eahna von obn
in die leern zeugln

de josefstädterstrossn
hob i vaschlofn

und bei da lerchenfödastrossn
stoipan zwa juppis eina
de seidnanzüge
schaun no vahöltnismässig guat aus
oba de gsichta san grau
und de augn rot
redn tans nix mea
de wolln nur no haam

vom urban-loritz-plotz
rennt a mädchen mit an dremparucksock
üba de stiagn owa
und hupft grod no eine
bevor de tür zuageht
sie setzt si nieda
wia i mi zum aussteign richt

1997 schließlich noch ein Verlusterlebnis:

Bis zu diesem Tag gab es am 1. Mai vormittags keinen öffentlichen Verkehr; die Straßenbahner, eine stolze Gruppe innerhalb der Gewerkschaften, nahmen an den Aufmärschen teil. So gegen 14 Uhr fuhren dann die reich geschmückten ersten Garnituren feierlich aus den Remisen, eine eindrucksvolle Machtdemonstration. Und nun auf einmal gab es das nicht mehr. Das Interesse der Bevölkerung am bequemen Weiterkommen war stärker geworden als das an politischer Tradition. Bus und Bim verkehren heute am 1. Mai wie an jedem anderen Tag. Mir fehlt etwas.

Informationen zum Artikel:

8er-Elegie und die Reize der U6

Verfasst von Traude Veran

Auf MSG publiziert im Oktober 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Schreibaufrufe

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien
  • Zeit: 1980er Jahre, 1990er Jahre

Anmerkungen

Der Text wurde am 8. November 2012 beim Lesenachmittag zum Tagebuchtag 2012 im Atrium des Wien Museums vorgetragen. 

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