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Vom Lehrling bis zum Unternehmer

von Franz Fleischmann

Elektriker – ein Traumberuf seit Kindertagen? Ganz so war es nicht. Als Kind in den Nachkriegsjahren hatte Franz, geboren im Jänner 1945, gar keinen Berufswunsch. Elektriker wurde er wegen der Waschgepflogenheiten seiner Mutter. Und wegen seiner guten Noten.

Die Geschichte des zukünftigen Unternehmers beginnt aber, wie bei allen, in der Volksschule. Franz drückt die Schulbank in seinem Heimatort Guntersdorf im nördlichen Weinviertel, keine 15 Kilometer von der heutigen tschechischen Grenze entfernt. Die ersten beiden Jahre läuft er zur Schule am Hradschin, ab der dritten Klasse sitzt er täglich in der Kirchengasse. Unbeschwert war seine Kindheit nicht. In den ersten Jahren nach dem Krieg gab es kaum zu essen, die Kleider am Leib waren ausgetragen, der Vater ein Alkoholiker, der nicht viel arbeitete. Um die kleine Landwirtschaft musste sich Johann, der älteste Bruder, kümmern. Er ernährte die Familie. An Hunger erinnert sich Franz heute nicht mehr. Nur daran, dass die Resi-Tante, die ab und zu von Wien aufs Land kam, immer Salz über den Grießkoch streute, um ihm das Essen zu „versüßen“. Die Familie hatte fünf Kinder, Franz war der mittlere, vor ihm Johann und Maria, nach ihm Otto und Hermann. Johann und Hermann leben heute nicht mehr, beide sind als Erwachsene auf traurige Weise aus dem Leben geschieden.

Franz war ein guter Schüler und seine Lehrerin, Frau Astleitner, weckte den Ehrgeiz in ihm. Aufgrund seiner guten schulischen Leistungen organisierte sie den Wechsel in die Hauptschule.  Das war bei Maria und Johann nicht möglich. Als sie zur Schule gingen, fehlte den Eltern noch das Geld für die Bahnkosten. „Du sollst froh sein“, sagte Frau Astleitner einmal zu Franz, als er sich vor einer Arbeit drücken wollte, „ du bist der erste, der in die Hauptschule gehen kann!“ So recht bewusst war ihm seinerzeit nicht, dass er eine Chance bekam, die seinen älteren Geschwistern verwehrt blieb. Johann und Maria konnten keine Lehre machen. Johann blieb am Hof und auch Maria musste schon mit 14 Jahren in der elterlichen Landwirtschaft mitarbeiten. Bei den Bauern im Ort verdiente sie sich ein extra Taschengeld. Für beide war nach acht Jahren Volksschule Endstation. Franz aber durfte in die Hauptschule nach Wullersdorf. Im Winter fuhr er eine Station mit dem Zug und marschierte dann zwei Kilometer zu Fuß. Im Sommer ist er die sechs Kilometer oft mit dem Fahrrad gefahren. Es hat sich ausgezahlt. Er war ein guter Schüler, brachte gute Noten nach Hause. Als es Zeit wurde, sich Gedanken über die Zukunft zu machen, sagte die Mutter zum Franz:

„Schlosser darfst du nicht werden, weil wir haben keine Waschmaschine und da bringst du schmierige Arbeitsgwandln heim und die kann ich im Waschtrog nicht immer mit der Reisbürste waschen.“

Also wird der Junge Elektriker. Im Juni 1959 besteht er die Aufnahmsprüfung für den Lehrberuf und beginnt am 20. Juli seine Lehre bei der Firma Stenzel in Hollabrunn. Mit dem Zug fährt er fortan um 5.30 Uhr in die Stadt und muss anschließend bis 7.30 Uhr warten. Erst dann ist Arbeitsbeginn. Später fährt Franz mit dem Bus. Zwar musste er dann nicht mehr so lange warten, aber der Bus war teurer. Ganze 34 Schilling verdiente er als Lehrgeld in der Woche. Ein Seidel Bier hat damals 1,50 Schilling gekostet. Mit „Nebenjobs“ in der Freizeit besserte sich der Lehrling das Gehalt auf. Er ging zu den Bauern Traktor fahren, Mist aufladen und half mit kleinen Elektroarbeiten aus. Zu Weihnachten im ersten Lehrjahr konnte er sich ein schönes, rotes Hemd mit Fischgrätenmuster von „Kastner & Öhler“, dem Versandhaus aus Graz, schicken lassen. Später kaufte er sich sein erstes Moped, gebraucht vom Nachbarn, einem jungen Bäcker, der kurz darauf mit einem Puch-Roller durch die Gegend fuhr.

In der Lehre lernt Franz stemmen, Rohre verlegen, Drähte einziehen, Zimmer installieren. Im Magazin des Chefs riecht es ölig, nach Kabeln, Spulen und Kupferdrähten. Die Arbeit ist meist leise, nur beim Stemmen macht man anfangs Lärm und Dreck. Dann ist es staubig, pestig und schmutzig. Franz verlegt Rohre, vergipst Wände und erst zum Schluss kommt die technische Arbeit wie Drähte einziehen, verschalten oder Armaturen montieren.

Lehrlinge von heute wissen oft gar nicht, dass zur Arbeit eines Elektrikers auch stemmen und mauern gehören und sind oft überrascht, wenn sie nicht gleich vor einem Schalter stehen und daran schalten und walten können. Dass sie auch halbe Maurer sind und graben müssen, das holt viele schnell in die Realität zurück. Dabei werden vor allem die Neulinge zum Handkuss gebeten und bekommen von den älteren Lehrlingen und Monteuren die unliebsame Arbeit umgehängt. Das war schon zu Franz’ Zeit so. Ihm war klar, dass er sich vieles selbst erarbeiten musste, um weiterzukommen. Also arbeitete er hart und lernte fleißig in der Berufsschule. Zur Gesellenprüfung trat Franz dann bereits drei Monate vor Lehrzeitende an – mit Erfolg!

Eintritt in die Arbeitswelt

Das nächste Ziel für Franz, der gerade 18 geworden war und nun als Geselle für die Firma Stenzel arbeitete, war der Führerschein. Nach bestandener Prüfung kaufte er sich ein Motorrad und baute kurze Zeit darauf einen Unfall. Sein Einsatz beim Bundesheer verschob sich dadurch um sechs Monate. Als er die Wehrpflicht endlich hinter sich hatte, kehrte er zu seinem Lehrherrn zurück und kündigte seine Stelle 14 Tage später. Er wollte nach Wien. Der Lehrherr ließ ihn ziehen, wollte ihn aber wieder aufnehmen, falls es ihm in Wien nicht gefiel. Franz fand eine Stelle bei der Firma Sida in der Anton-Störck-Gasse im 21. Wiener Gemeindebezirk. Gefallen hat es ihm anfangs nicht, aber „Zurück, das geht nicht“, sagte er sich. „Zurück in die Lehrzeit, das macht man nicht, dann hätten die anderen gesagt, ich könnte mich nicht durchsetzen.“ Er braucht einige Zeit, um sich in Wien einzuarbeiten. Nicht wegen der Arbeit und auch nicht wegen dem Chef. Es ist sein Kollege, ein älterer Geselle, der diktatorisch ist und ihm das Leben schwer macht. Er sucht sich nur die schönsten Arbeiten aus und lässt Franz den Rest machen. Stemmen, Schutt wegräumen usw. Doch seine Devise war: „Da muss ich durch“.

Bei seinen späteren Lehrlingen versuchte Franz es besser zu machen und ließ sie nie die ganze schmutzige Arbeit alleine machen. Drei, vier Jahre musste er mit seinem unliebsamen Kollegen aushalten. Dann ging der Chef in Pension und ein anderer, Werner Syrovy, hat die Firma übernommen.

„Der hat uns gekauft mit Haut und Haar, der Junge, und da ist es dann wesentlich besser gegangen, da konnte ich dann schon alleine arbeiten“, erinnert Franz sich heute. Er bekam sein erstes Montageauto und die Aufträge wurden größer.

Von 1969 bis 1970 arbeitet Franz, von der Firma Sida verliehen, ein Jahr lang im Schloss Schönbrunn. Der Werkmeister dort schätzt seine Arbeit und da er einen längeren Weg zur Arbeit hat – er pendelt noch immer von Guntersdorf nach Wien – bekommt er das Privileg, eine halbe Stunde später zu kommen. Franz arbeitet im Schlossgarten, im Schlosstheater, im Tiergarten, in den Sälen, auf der Gloriette, überall. Er montiert die Leuchter in den Prunkräumen, bringt Ersatzsicherungen an, behebt Störungen, trifft Vorbereitungen und vieles mehr. Die Arbeit im Tiergarten ist etwas schwieriger, da müssen die Elektriker auch in die Gehege steigen. Franz erinnert sich an einen Kollegen, dem einmal ein Bär nachgelaufen ist:

„Der ist immer sehr langsam gegangen und hat die jungen Leute schleppen lassen. Als ihm der Braunbär nachgelaufen ist, hat der Chef gesagt: `Der Wichtel Adolf kann auch schnell sein`.“

4000 Schilling verdiente Franz damals. Das war gut, in Hollabrunn hätte er nur die Hälfte bekommen. Und in dieser Zeit, 1971, kaufte er sich sein erstes neues Auto, einen dunkelblauen Mazda Sedan um 60.000 Schilling. Die Ankunft des Autos wird zur Zerreißprobe für den ungeduldigen Franz:

„Der Händler hat die Lieferzeit nicht eingehalten, da war ich schon recht grantig und habe immer angerufen, was jetzt los ist mit dem Mazda“, erzählt Franz fast 40 Jahre später. “Ich kann mich noch gut erinnern, in der Hütteldorferstraße bei der Stadthalle, da war eine Telefonzelle, da bin ich öfter mit dem Firmenauto stehen geblieben, weil da konnte man locker parken, und hab wieder gefragt, was ist.“

Für das Auto baute er in Guntersdorf sogar eine eigene Garage mit Montagegrube.

Weiterbildung

Sein Leben lang am Bau arbeiten, das wollte Franz nicht. Er wollte mehr erreichen, einen Schritt weitergehen und sich fortbilden. Ab 1972 besuchte er in der Abendschule einen Kurs zur Vorbereitung für die Konzessionsprüfung. Zwei Jahre lang fuhr er nach der Arbeit zum Wifi. Er arbeitete bis halb vier, wusch sich auf der Baustelle irgendwo schnell die Hände, zog sich um und fuhr mit dem Auto in den Kurs. Außer mittwochs, da nahm er die Straßenbahn. Das war zur Zeit der ersten Ölkrise, als ein autofreier Tag eingeführt wurde. Um die 30 Elektriker fingen damals den Kurs zusammen mit Franz an und man wusste, dass am Ende maximal sieben bis zehn die Prüfung schaffen würden. Franz musste viel lernen, auch am Wochenende hatte er seine Bücher immer dabei. Doch das störte ihn kaum. Sein Chef unterstützte ihn.

„Der war jung, flott, aufgeschlossen, sehr gesprächig und wenn ich mit ihm gearbeitet habe, habe ich gesehen, dass er ja nicht was weiß ich wie besser ist als ich. Und das hat mich eigentlich bestärkt, dass ich es auch versuche.“

Franz wohnte mittlerweile in Wien, erst übergangsweise bei seiner Schwester Maria und ihrer Familie in Favoriten, später dann mit Irmgard und Michaela in der Wohnung vom Brunner Franz in der Engerthstraße. 1974 legte er die Konzessionsprüfung vor dem Amt der Landesregierung ab und blieb dann noch ein halbes Jahr bei seiner alten Firma. Der Chef wollte, sobald Franz die Prüfung bestanden hatte, eigentlich eine neue Filiale kaufen und ihn dort als Geschäftsführer einsetzen. Doch daraus wurde nichts. Es kam eine wirtschaftliche Rezession und die Pläne des Chefs waren nicht mehr umsetzbar. Doch Franz brauchte Veränderung, wollte eine neue Aufgabe. Die Tage kamen ihm plötzlich lang vor. Feierabend um 17 Uhr? Da fehlte ihm etwas. In seiner Firma spürte er den Stillstand, doch er wollte sich weiterentwickeln. Und da kam das Angebot der Firma König aus Retz im Weinviertel.

Der Weg zurück

Die Firma König suchte einen Elektromeister, der die neue Abteilung für Elektroinstallationen aufbauen und führen sollte. Spezialisiert auf Zentralheizungen und den Handel mit Eisenwaren wollte der „König“ nun auch als Elektroinstallationsbetrieb Fuß fassen, um sich als Komplettanbieter Vorteile gegenüber den Mitbewerbern zu schaffen. Das war Franz’ Chance und er bekam sie. Doch dann, kurz vor dem Wechsel, überrollten ihn plötzlich die Zweifel und er wollte einen Rückzieher machen. Er hatte es sich anders überlegt, wollte doch nicht nach Retz gehen. Also rief er bei der Firma König an, um abzusagen. Der Prokurist am Telefon sagte zu Franz: „Das ist Ihre Entscheidung, aber dem Herrn Dipl.Ing. König sagt man persönlich ab!“  

Also erscheint der frisch gebackene Elektromeister doch zum Termin mit Herrn König und seinem wirtschaftlichen Berater. Seine Konzessionsurkunden nimmt er zwar mit, lässt sie aber im Auto liegen, das er am Hauptplatz parkt. Er will ja immer noch absagen. Und dann kommt es doch anders. Im Laufe des Gesprächs versucht Dipl.Ing. König, ihm die Stelle schmackhaft zu machen, bringt Franz so weit, seine Urkunden aus dem Auto zu holen und am Ende sagt er doch Ja. Die Bedenken, die er hatte, werden ihn jedoch über die Jahre begleiten und am Ende dazu führen, dass er sich selbstständig macht. Doch fürs Erste konnte er seiner Frau einen großen Wunsch erfüllen. Irmgard wollte unbedingt wieder aufs Land ziehen, sie war der größte Antrieb für seine Entscheidung. Dass er nun als Meister weniger verdienen würde denn als Monteur in Wien, war eine Sache. Dass er seinen Meisterberuf nun aber in die Praxis umsetzen konnte, eine andere.

Kurz vor Weihnachten 1974, Michaela war gerade 15 Monate alt, zog die junge Familie nach Unterretzbach, in Irmgards Heimatort an der tschechischen Grenze. Onkel Theo – Theodor Pollak, Irmgards Onkel väterlicherseits –  half den beiden, die letzten Habseligkeiten aus der „Brunnerwohnung“ in der Engerthstraße nach Retzbach zu bringen. Fürs Erste zogen sie ins Kabinett im Haus der Schwiegereltern, dem Weinbauer-Ehepaar Alfred und Ernestine Koller. Die Wohnsituation war sehr beengt, doch gemeinsam mit „Koller-Oma und -Opa“, wie die Kinder ihre Großeltern später liebevoll nennen werden, renovieren Irmgard und Franz das Haus mit der Nummer 7 unweit der Kirche (heute Hauptstraße Nr. 12). Dort wohnt „Urli-Oma“ Anna Koller mit ihrem Mann Johann.

Am 7. Jänner 1975 beginnt Franz seine neue Arbeit bei der Firma König in Retz. Sein Arbeitsplatz lag direkt am wunderschönen Hauptplatz der kleinen Weinstadt im Haus mit der Nummer 17, wo nun seit einigen Jahren die Firma Straka untergebracht ist. Franz baute dort die Abteilung für Elektroinstallationen von der Pike auf. Doch wie schon Jahre zuvor bei der Firma Sida, gefiel es Franz anfangs auch in Retz so ganz und gar nicht. Die Rolle des Abteilungsleiters zu übernehmen war zu Beginn schwer, seine Führungsqualitäten musste er erst beweisen. Und Herr Schreiber, ein „großgoscherter“ Typ, der bis dahin alleine gearbeitet hatte, musste sich daran gewöhnen, dass nun ein anderer das Sagen hatte. Ein Jahr später kam das nächste Angebot. Franz hätte als Lehrer ins Umschulungszentrum der Arbeiterkammer nach Sigmundsherberg im Waldviertel wechseln können.

„Das habe ich mir angeschaut, hab mir dann aber gesagt, dass ich beim König zwar den ersten Schritt gesetzt, mich aber noch nicht bewährt habe“, erzählt Franz. Er wollte auch nicht täglich mit dem Auto Richtung Horn pendeln und so beschloss er, den Job nicht anzunehmen, sondern bei der Firma König weiterzuarbeiten. Die Abteilung wurde größer, Lehrlinge und Monteure kamen dazu, doch das Verhältnis zum Chef wurde immer schwieriger. Das Problem war, dass die Dienstleistungen in der Elektroabteilung geringe Umsätze brachten und Herr Straka oft befahl, Aufträge auszuführen, die sich wirtschaftlich nicht rechneten, um danach über zu wenig Umsatz und zu wenig Gewinn zu jammern.

„Er war gewohnt, Zentralheizungen und Bäder einzurichten, und da war wesentlich mehr Materialeinsatz und daher viel höhere Spannen. Und dadurch hat man nichts gezählt, obwohl unsere Abteilung die technisch wichtigere Branche war und ist.“

Diese Situation empfand Franz als zermürbend, er hatte das Gefühl, dass seine Arbeit nicht richtig geschätzt wurde. Als der Chef ihm eines Tages im Gespräch vertraulich wissen lässt, dass die Elektrik für ihn nur ein Mittel zum Zweck sei, fällt bei Franz der Groschen und er denkt sich: „Ein Mittel will ich nicht bleiben, ich schleich mich.“ Der Weg in die Selbstständigkeit war damit frei.

Elektro Fleischmann

Franz beschließt, seine Stelle zu kündigen und seine eigene Elektrofirma zu gründen. Als er nach Hause kommt und Irmgard von seinen Plänen erzählt, schlägt sie die Hände über dem Kopf zusammen und meint: „Ja willst du denn gleich zugrunde gehen?“

Schwiegervater Alfred meint: „Um Gottes willen, du gibst so einen guten Posten bei der Firma König auf? Aber du musst es wissen!“ Familie, Freunde, Bekannte – die meisten haben es nicht verstanden, dass Franz in einer wirtschaftlich angespannten Lage den Schritt in die Selbstständigkeit wagt. Und selbst Kenner der Branche sind skeptisch. Ein Ingenieur der NEWAG, heute EVN, sagte einmal im Gespräch über Franz: „Der Wahnsinnige, der macht sich jetzt selbstständig!“

Doch Franz weiß, was er tut und wie schon nach seiner Lehrzeit oder beim Wechsel von Wien nach Retz, ist für ihn der Schritt nach vorne auch jetzt die logische Konsequenz. Den Resturlaub nutzt er, um die Firmengründung vorzubereiten. Er richtet sich zu Hause ein Lager ein, kauft gebrauchtes Werkzeug und einen alten Bus. Das letzte Zimmer des schlauchförmigen Familienhauses wird zum Büro. Franz bricht die Mauer durch, setzt eine Tür ein und stellt alte Büromöbel der Firma Siemens hinein, die ihm der Brunner Franz, ein Großonkel seiner Frau, organisiert hat. Zwei Wochen vor der Eröffnung bringt er noch ein paar Plakate im Retzer Land an und führt seinen allerersten Auftrag aus. Seinen ersten Kunden nennt Franz heute einen „Ur-Unterretzbacher“, den Kohlenführer Helmut Pölz. Dieser braucht einen neuen Anschluss für sein Kohlenlager und bekommt dafür im Jahr 1983 die Rechnung mit der Nummer 1. Die Rechnungen wurden damals noch händisch geschrieben, die Mehrwertssteuer betrug 18 Prozent.

Die offizielle Eröffnung

Am 1. Mai 1983, dem Tag der Arbeit, beginnt für Franz eine neue Ära. Es ist sein erster Tag als selbstständiger Unternehmer, nachdem er am 30. April aus der Sozialversicherung für Unselbstständige ausgeschieden ist. Sein erster Arbeitstag ist der 2. Mai. Ein wichtiges Ereignis im Leben eines Unternehmers – und doch geht Franz ganz nüchtern an die Sache heran. Er fährt zu seinen ersten kleineren Aufträgen, die er bereits im Urlaub eingeteilt hat und macht seine Arbeit. Große Feiern liegen ihm nicht, an ein Eröffnungsfest hat er gar nicht gedacht. Gefeiert wird an diesem 2. Mai 1983 dann aber doch noch. Beim Schuster Pölz im Haus gegenüber sind gerade die Maurer aus der Ortschaft dabei, die Fassade zu machen. Nach Feierabend beschließen Oskar Pollak und Herwig Zeindler einen Sprung beim „Elektriker“ vorbeizuschauen und in kleiner Runde stoßen sie mit einer Flasche Sekt auf den neuen Unternehmer an. Den Sektkorken vom 2. Mai 1983 hat Franz bis heute in seiner Schreibtischlade aufgehoben.

Plakat zur Firmeneröffnung 1983

Die ersten Aufträge

Die Nachricht der Firmeneröffnung macht in einem kleinen Dorf wie Unterretzbach schnell die Runde und Franz darf sich über regen Zulauf der Einwohner freuen. Gerade am Anfang sind die Aufträge aus dem privaten Bereich und der Landwirtschaft eine große Stütze beim Aufbau des Unternehmens. An die ersten gewerblichen Aufträge kann Franz sich bis heute gut erinnern. Für den Getreide- und Gemischtwarenhändler Zwieb, der am alten Bahnhof gerade die Siloanlage erweiterte, verlegte Franz die Leitungen in schwindelerregender Höhe.

„Ich sehe mich heute noch, als ich – mit einem Gurt angeschnallt – die Leitungen nach oben geführt und den Motor angeschlossen habe. Damals dachte ich mir:

´Wenn ich da runterfalle, hilft mir kein Mensch… was hab ich mir da angetan?´.“

Hoch oben in der Luft wird Franz nun so richtig bewußt, was es bedeutet, als selbstständiger Elektriker zu arbeiten. Er, der die letzten Jahre bei der Firma König vor allem einen Bürojob hatte, ist jetzt plötzlich auf sich alleine gestellt. Als Unternehmer ist er nicht nur der Chef, sondern auch Obermonteur, Monteur, Hilfsarbeiter und Büromann in einer Person. Doch Franz handelt auch jetzt wieder nach seiner alten Devise: „Da muss ich durch“, und arbeitet konsequent an seinen Aufträgen und an seinem guten Ruf. Und der gibt ihm Recht. Schon Ende Mai, ein paar Wochen nach der Eröffnung, bekommt er seinen ersten größeren Auftrag. Das Dorfgasthaus Schleinzer war gerade im Umbau und beauftrage Franz mit den gesamten Elektroarbeiten. Die Aufträge wurden damals noch frei vergeben ohne Anbot und Preisausschreiben. Die Wirtsleute kamen zu Franz und sagten: „Pass auf, das brauchen wir jetzt, und das machst du!“

Einen Stein im Brett hatte Franz auch beim Postmeister Bulin aus Retz. Der kannte ihn noch aus seinen Zeiten beim König und als er hörte, dass Franz sich selbstständig gemacht hatte, fragte er ihn, ob er die Elektroarbeiten am Retzer Postamt machen wollte.

„Wenn ich keine Wegzeit berechne, würde er mir die Arbeiten geben – da hab ich natürlich mit Freude Ja gesagt, und da hat sich, wie wir noch sehen werden, ein riesiges und gutes Geschäftsfeld entwickelt.“

Viele Auftraggeber, die Franz schon von der Firma König her kannten und schätzten, vergaben ihre Arbeiten an den Jungunternehmer und als die Elektroinstallationsfirma seines ehemaligen Chefs zwei Jahre später zusperrte, konnte er den Kundenstock symbolisch übernehmen. Besonders in den Reihen der EVN, damals NEWAG, war Franz als zuverlässiger Partner bekannt und man spielte ihm damals auch den einen oder anderen Auftrag zu. „In Retz hat es einen gewissen Herrn Häusler gegeben, der sehr auf mich geschaut hat“, erinnert sich Franz heute rückblickend.

Der erste Lehrling

Franz hatte sich kaum selbstständig gemacht, da kam Ende Mai, Anfang Juni eine Familie aus Kleinhöflein, die für ihren Sohn eine Stelle als Lehrling suchte. Franz überlegte kurz, schickte den Jungen zum Eignungstest und nahm bereits wenige Wochen nach der Firmeneröffnung seinen ersten Lehrling auf. Karl Hammerschmied war ein kleiner, zarter Junge aus dem Nachbardorf.

„Karl war ein sehr wissbegieriger Bua, aber er hat in sehr kleinen Dimensionen gedacht. Er hat immer gesagt: ´Das ist ein Hammerl und ein Zangerl´, und da hab ich mir gedacht, ich brauch ja eigentlich einen, der Kraft hat, aber siehe da, er hat sich dann gut entwickelt.“

Die ersten Jahre als Unternehmer

Mit der Selbstständigkeit kam Schritt für Schritt eine neue Routine in den Arbeitsalltag. Franz’ Tag begann um ca. sechs Uhr mit dem Frühstück und endete mit dem Beginn der ZIB2 um 22 Uhr abends. Karl kam um sieben Uhr und danach fuhren Lehrling und Meister auf die Baustellen. An einem Tag der Woche waren sie mit mehreren kleinen Arbeiten beschäftigt. Den Rest der Woche arbeiteten sie an den größeren Baustellen, im Durchschnitt meist zwei bis drei Tage, dann wechselten sie zur nächsten Baustelle. Mittags fuhr Franz zum Essen nach Hause und kehrte nach 30 bis 45 Minuten wieder an die Arbeit zurück. Karl und er blieben bis 17 Uhr auf der Baustelle, dann war der Tag für den Lehrling vorbei. Franz kümmerte sich danach oft noch um kleine Störungen und erledigte am Abend die Schreibarbeiten im Büro. Freie Wochenenden gab es für den Unternehmer keine mehr. Samstagvormittag besichtigte er Arbeiten und führte kleine Reparaturen durch und der Sonntag war über Jahre und Jahrzehnte ein Bürotag. Da fand Franz dann Zeit und Ruhe, um Anbote und Kostenvoranschläge auszuarbeiten.

„Es hat sich herumgesprochen, dass es einen neuen Elektriker gibt und dann sind die Kunden zu mir gekommen und haben gesagt, ich soll ihnen ein Anbot machen. Ich habe mir das angesehen und hab mich hingesetzt und das mal zu Papier gebracht. Und dann hat meine Frau die ehrenvolle Aufgabe gehabt, das mit der Schreibmaschine zu schreiben.“

Irmgard hat von Beginn an neben dem Haushalt und der Kindererziehung – zu Tochter Michaela gesellten sich 1976 Sohn Holger und 1980 Töchterchen Katja – auch die Büroarbeit übernommen. Steuerberater Gottfried Glaser aus Retz, der für die Firma Fleischmann den Monats- und Jahresabschluss machte, erarbeitete ein Konzept und zeigte Irmgard, wie sie die Buchhaltung machen sollte. Bei den Stichworten Beruf, Familie und Rollenverteilung schmunzelt Franz einwenig:

„Der Familie ist es sehr gut gegangen… hoffe ich. Ja, die Kinder sind halt nebenbei groß geworden. Meine Frau hat die Erziehung gemacht und ich hab geschaut, dass das Essen da war.“

Finanzielle Sorgen hatte die Familie nach der Unternehmensgründung nicht. Irmgards Befürchtung, Franz würde gleich zugrunde gehen, erwies sich als falsch. Im Gegenteil. Schon im ersten Jahr verdiente Franz als Selbstständiger mehr als bei der Firma König und konnte seiner Familie eine sorgenfreie Zukunft bieten. Doch das Geld alleine war es nicht. Franz schätzte an der Selbstständigkeit vor allem die Freiheit, sich die Arbeit selbst einteilen zu können. Nun musste er keine Arbeiten mehr zu einem niedrigen Preis machen und am Ende den Vorwurf ertragen, keinen guten Ertrag erwirtschaftet zu haben. Jetzt konnte er selbst entscheiden. Und er entschied richtig. Der Erfolg sollte ihm Recht geben. Entscheidend war, dass seine Ziele stets realistisch blieben, das ganz Große hatte er nie vor.

„Ich habe nicht die Vision gehabt, dass die Firma ganz groß wird, nachdem ich ja erst mit 38 angefangen habe, habe ich mir nicht das Ziel gesetzt, eine Firma mit 20 bis 30 Leuten aufzubauen. Sie ist sowieso gewachsen, auf sieben bis acht Leute, die ich dann alleine zu betreuen hatte. Das hat eigentlich gereicht und war in der Zeit eine ganz vernünftige Größe“, erinnert sich Franz gegen Ende seiner Karriere.

Informationen zum Artikel:

Vom Lehrling bis zum Unternehmer

Verfasst von Franz Fleischmann, unterstützt durch Katja A. Fleischmann

Auf MSG publiziert im März 2013

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Weinviertel, Guntersdorf, Hollabrunn, Retz, Unterretzbach / Wien
  • Zeit: 1950er Jahre, 1960er Jahre, 1970er Jahre, 1980er Jahre

Anmerkungen

Dieser Beitrag ist Teil eines privaten Lebenserinnerungsbuchs und wurde in Zusammenarbeit mit Mag. Katja A. Fleischmann von Persönliche Worte e.U. (www.persoenliche-worte.at) verfasst.

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