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Ferien in Wien

von Ferdinand Planegger

Ich wollte immer schon hinaus in die Welt

Mein Lieblingsplatz war der Bahnhof. Stundenlang stand ich am Bahnsteig und schaute den Reisenden zu. Am meisten beeindruckte mich der Mann mit dem fahrenden Würstelstand. Bei jedem einfahrenden D-Zug, so hießen die Fernzüge damals, hatte er es besonders eilig, um über die holprigen Geleise zum umsatzbringenden Fernreisenden zu gelangen.

Einmal rief mir ein Mann aus dem Abteilfenster zu, ich soll ihm schnell eine Wurstsemmel holen. Gesagt, getan, aber ich musste warten beim Würstelmann. Bis ich dran war, war der Zug schon am Abfahren, ich erreichte das Fenster nicht mehr, denn der Bahnsteig war zu Ende ... Zutiefst schuldbewusst kehrte ich zum lachenden Würstelmann zurück, der aber beruhigte mich und empfahl mir, die nicht an den Mann gebrachte Wurstsemmel zu essen. Der Gusto auf dieses nicht alltägliche Jausenbrot ließ mich meine „Bringschuld“ und das Wechselgeld bald vergessen.

Es war für den kleinen Ferdinand besonders wichtig, dabei zu sein, wenn die Dampflok gewechselt wurde oder eine zweite Lok vorgespannt wurde für die Fahrt über den Semmering nach Wien. Schnellzuglokomotiven hatten einen großen Tenderwagen mit größeren Kohlenmengen. Beim Aufenthalt in Bruck wurde auch mit riesigen, meterhohen Pumpen das nötige Wasser für das Dampfross nachgebunkert. Die Südbahn wurde erst in den 60ern elektrifiziert.

Das Fernweh war immer da. Immerzu wollte ich wissen, was hinter diesem oder jenem Berg liegt, und dann war da wieder ein Berg mit viel Wald (meiner zweiten großen Leidenschaft). Da wollte ich sein, in meiner Phantasie waren da große Städte mit hohen Häusern, Tramways und vielen Autos. Großstadt eben.

In den Ferien kam dann meine große Zeit, ich durfte zu meiner Tante und meinem Onkel nach Wien fahren. Die zwei – überall Mitzitant und Pepionkel genannt und sehr beliebt – waren kinderlos und beide berufstätig, es ging ihnen für die damalige Zeit ziemlich gut.

Der letzte Schultag vor den großen Ferien war mein Tag, erstmals so mit ungefähr acht, neun Jahren fuhr mein Vater mit mir nach Wien, mit der Bahn in die Stadt meiner Kindheitsträume. Ich stand eigentlich die ganze Zeit, immerhin bis zu vier Stunden für 150 Kilometer, am Fenster das mir der Vater heruntergelassen hatte, ich war nämlich viel zu klein und auch nicht stark genug, dieses schwere Fenster mit einem gelochten Lederriemen nach unten zu lassen. Auf der Heizung stehend, mit vom Ruß der Dampflok tränenden Augen, flog mein Herz der Landschaft des Mürztales, dem Semmering entgegen. Ich kannte alle Stationen bis Wien auswendig aus Fahrplänen und Büchern, obwohl ich noch nie da gewesen war.

Das erste große Erlebnis war wohl die Fahrt über Viadukte und durch schwarze Tunnel der Ghega-Bahn, wie viele die Semmeringstrecke nannten. Ich war schwer beeindruckt. Die langen, schweren Schnellzüge bekamen in Mürzzuschlag eine weitere Lok hintendran gekoppelt, um die Steigung zu meistern. Im Bahnhof Semmering, der direkten Landesgrenze zwischen der Steiermark und Niederösterreich, war der Scheitelpunkt erreicht. Bei der Gelegenheit bekam ich die ersten Eindrücke von Mondänität – das Südbahnhotel und etwas darüber das gewaltige, 1888 erbaute Grandhotel Panhans, ließen mich ahnen, dass es noch mehr gibt als rauchende Schlote.

Weiter ging die „rasende“ Fahrt bis Gloggnitz, dort wurden die Verstärker-Lokomotiven wieder abgekoppelt. Jetzt wurde das Land flach und weit. Wir durchquerten große Föhrenwälder, und ich staunte nicht schlecht, denn an fast allen Bäumen war die Rinde des Stammes abgeschält und darunter hingen Töpfe, es sah aus wie Blumentöpfe. Mein Vater, selbst kein Naturmensch, hatte als Kaufmann, der er war, keine Ahnung, was die Töpfe an den Bäumen sollten. Der Schaffner wusste Bescheid und erklärte mir geduldig den Sinn der Sache, nämlich den Harzgewinn. Die Menschen, die diese Bäume nach einem ganz bestimmten Rhythmus zur Ader ließen, nennt man die „Pecher“. Das gelbliche Harz wurde und wird in der Lack-Seifen-Terpentinindustrie verarbeitet.

Wiener Neustadt war der nächste größere Halt, und es gab viel zu sehen, es war nämlich die Zeit unseres Staatsvertrages. Die dort stationierten russischen Soldaten begannen mit dem Abzug aus Österreich. Ich sah zum ersten Mal in meinem Leben Panzer und tausende Soldaten auf unbekannten Lastwagen. Die Leute haben geklatscht, ich auch, ohne zu wissen was da wirklich passierte.

Jetzt fuhr unser Wien-Express wirklich wie ein Schnellzug. Es dauerte nicht mehr lang, und wir kamen in die südlichen Randbezirke von Wien. Manchmal konnte ich in Straßenzüge hineinsehen, und in Meidling war es dann so weit: Ich sah meine erste Straßenbahn, eine Dreiergarnitur sogar; wenn ich nicht irre, war das die Linie 118. Jawohl, so hatte ich mir das vorgestellt. Einfach gigantisch, mein Herz hüpfte vor Aufregung, als wir in den damals gerade im Bau befindlichen Südbahnhof einfuhren. Lautsprecher schallten durch die riesige Halle, und darin so viele Leute auf den Bahnsteigen, da wusste ich, das ist meine Stadt!

Dann der große Moment. Erstmals besteige ich eine Tramway, nämlich den 67er Richtung Favoriten. Vor Staunen blieb mir der Mund offen: so elegante Geschäfte mit funkelnden, meterhohen Glasfronten und mit Chrom beschlagene Portale, Pelze und feinstes Tuch in den funkelnden Schaufenstern. Schlaraffenland.

Beim Amalienbad müssen wir aussteigen und die Laaerbergstraße hinauf „zu die Behm“, damals ein gängiger Satz, denn am Laaerberg waren die Ziegelwerke und die dazugehörenden Lehmgruben und Teiche der Ebenseer Betonwerke. In der Zwischenkriegszeit hatten sich hier vorwiegend Menschen aus den ehemaligen Kronländern Böhmen und Mähren angesiedelt. Die „Behm“ halt. Und jetzt komm ich dazu, ein original „G'scherter“, ein echtes Landei eben.

Da war ich also. Die Mitzitant und der Pepionkel waren stattliche Leute, mir kamen sie jedenfalls riesig vor. Das gefiel mir, einen großen, starken Onkel zu haben war ganz nach meiner Vorstellung. Der Pepionkel war ein herzensguter Mann, immer schwer in Arbeit; er war Gerüster-Polier bei einer großen Wiener Baufirma. Und die Mitzitant? Sie war die Schwester meines Vaters, eine etwas rundliche, aber stattliche Frau mit großem Herzen, sie nannte mich Ferry. Allein dafür liebte sie mein kleines Steirerherzerl. Mitzitant arbeitete in der nahen Ankerbrot-Fabrik.

An Wochentagen, wenn Mitzitant und Pepionkel zur Arbeit mussten, stand ich unter der Patronanz der böhmischen Oma. Die wohnte ganz nah am Ziegelteich und dem alten Böhmischen Prater in so einem niederen Bau mit kleinem Garten. Sie war eine gutmütige Babička und sprach nur gebrochen deutsch, ihr Mann, der Wenzel, gar nicht. Bei meiner Babička gab es immer Kafitschko oder so ähnlich; jedenfalls war damit eine Art Kaffee gemeint, den ich nur mit geschlossenen Augen und Todesverachtung getrunken habe. Besser war da schon das Brot mit Butter; die kam aus einem großen Steinzeugkrug mit Wasser und schmeckte vorzüglich. In ihrem kleinen Garten kratzten ein paar Hühner das letzte Gras weg, aber es war ein Garten und für mich ein Abenteuer.

Besonders ein Weichselbaum mit seinen dunklen Kirschen war mir völlig unbekannt. Das tat der Verführung keinen Abbruch ... und das Ende der Kirschengeschichte war das von mehreren Bewohnern genutzte Original-Plumpsklo. Mein Gott war mir schlecht.

Mit der Straßenbahn zu Herzmanskys Rolltreppe ...

Um meiner Babička nicht zu sehr zur Last zu fallen, bekam ich von der Mitzitant täglich zwei Schilling mit, dass ich mir beim Greißler eine Knacker kaufen konnte, das war jedenfalls so gedacht. Ich aber hatte andere Pläne mit diesem unerwarteten Reichtum.

Als ich einmal die Mitzitant in der Ankerbrot-Fabrik abholte und warten musste, hatte ich Gelegenheit, einen dort ausgehängten Linienplan der Wiener Straßenbahnen zu studieren. Von meinem Freund Berti wusste ich, dass man mit der Straßenbahn x-mal umsteigen durfte, aber nur in eine Richtung, also nicht zurück. Ein Kinderfahrschein kostete damals 70 Groschen; mein Ehrgeiz war es nun, mit nur einer Fahrkarte rund um Wien zu fahren.

Das wäre mir auch gelungen, hätte ich nicht dieses schöne Werbeplakat von Herzmansky in der Mariahilfer Straße gesehen. Da stand in großen, farbigen Buchstaben: Modernstes Kaufhaus in ganz Österreich – jetzt mit der ersten Rolltreppe in Wien! Das musste ich sehen, ich hatte schon gehört von dieser hochmodernen Rolltreppe.

Jetzt stand ich da, in diesem, für meine kindlichen Begriffe, riesigen Einkaufsparadies über mehrere Stockwerke verteilt. Und eben in diese Verkaufsetagen führten die vielgerühmten Rolltreppen ... Ein bisserl abgucken, wie man draufsteigt, und dann ging es los ... Ich hab die Zeit vergessen und fuhr rauf und runter und weiter und weiter, ja bis .... bis die Hermitant neben mir stand und entsetzt war, mich ganz allein in diesem Trubel zu sehen. Auf die Frage, wo denn die Mitzitant sei, konnte ich nur kleinlaut antworten, dass ich ganz allein hier war!

Die Tante Hermi war ziemlich fertig, brach ihre eigentlichen Einkaufspläne ab und brachte mich, mittlerweile ziemlich zerknirscht, nach Hause. Auweia, das war wohl nix.

Der Pepionkel hat mich anständig ins Gebet genommen und Mitzitant war außer sich. An diesem Abend durfte ich auch nicht mehr mit zum nahen Wirtn. Dort war, glaub ich, grad Sparvereinseinzahlung und ein „Mords-Bahöö“, denn der Pepionkel hat natürlich brühwarm erzählt, was der kleine Ferry für ein Lausbua ist.

Von diesem Tag an kannten mich alle. Die meisten waren mir wohlgesonnen; die, die es nicht waren, lachten halt hinterrücks ... auch wurscht!

Als ich wieder einmal die Mitzitant von der Arbeit abholte, wurde ich ihrem Chef vorgestellt, dem Herrn Listopad – für mich ab sofort Onkel Listopad, so was wie der damals viel kolportierte „Onkel aus Amerika“!

Er hatte natürlich auch zu Ohren bekommen, was ich für ein Ausreißer war, und befasste sich ein wenig näher mit mir. Ich war schwer beeindruckt von diesem wirklichen „Herrn“. Statt Krawatte trug er immer Mascherl und, ich fasste es nicht, Gamaschen an den Schuhen – aber so was von edel. Dazu war er sehr einfühlsam und hat mich gekonnt ausgefragt und bald mein Herz gewonnen. Er wusste auf alles eine Antwort, immer schlüssig und verständlich, heute würde man sagen: mein „Superman“.

Ein Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle. Er war Witwer und bei den Damen sehr beliebt, was mir allerdings eher lästig erschien. Ich wollte ihn für mich alleine haben. Er war mein großer Freund und nicht pädophil!

Mein erster Ausflug mit Onkel Listopad führte in die Ankerbrot-Fabrik, das war ein Ereignis! Damals wurde zum großen Teil noch mit Pferdefuhrwerken mit dem großen Anker-Logo das Brot ausgefahren. Das waren Hunderte Wagen und noch mehr Pferde, und all dies durfte ich besichtigen. Die große Expedithalle (heute Loft-City) und die Stallungen. Mein Jungenherz ist nur so gehüpft, nie werde ich diesen eigenartigen Geruch, zwischen Pferden und frischem Brot, vergessen.

Onkel Listopad hatte natürlich von meinen verbotenen Expeditionen in die Wienerstadt gehört und es zum Anlass genommen, mich gezielt zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten wie zum Beispiel zum Wiener Riesenrad zu führen. Von ihm erfuhr ich auch, warum so wenig Gondeln auf dem großen Rad waren, er erklärte sehr vorsichtig, was der Krieg alles kaputt macht.

Die Liliputbahn führte mich vom grauen, fast zerstörten Riesenrad unter die grünen Katanienbäume des Wiener Praters. Es wäre an diesem Tag auch noch der Stephansturm an der Reihe gewesen, aber ich kleiner Wurm war einfach zu müde. Auf der Heimfahrt mit der Tramway hab ich dann schon geschlafen ...

Danke Onkel Listopad!

Die Ferienwochen flogen nur so dahin, und mein „Wahlonkel“ hatte natürlich auch noch andere Dinge zu tun, als mit mir durch die Lande zu ziehen.

Da war ja auch noch der Schrebergarten von Mitzitant und Pepionkel in Petersdorf (Perchtoldsdorf). Das war ein großer Grund am Rande eines Weinbergs, wir hatten dort nur zwei bis drei Nachbarn, allesamt Arbeitskollegen vom Pepionkel. Ihr damaliger Arbeitgeber war ein Wiener Baumeister, und diesem gehörten der Weinberg und auch noch viel drumherum. Für langjährige Betriebstreue bekam also mein Pepionkel diesen Grund und zu jedem Firmenjubiläum ein Stückerl dazu, daher dieser große Garten mit über hundert Spalierbäumen, Sträuchern und einem Gemüsegartl für die Mitzitant. Pepionkel war ein Handwerker durch und durch, er konnte alles reparieren und zeigte mir auch, wie man den bösen Baum-/Holzwurm bekämpft.

Natürlich hatte Pepsch, so nannte meine Tante ihren Mann ganz liebenswürdig, auch ein Holzhaus gebaut. Vorne war die „schöne“ Ansicht mit Fensterl und winzigem Freisitz, drinnen stand ein raumfüllendes, riesiges Messingbett, sonst nix. Im hinteren Bereich dieses schmucken Häuschens war eine Kochnische, damals absolut unüblich, aber praktisch. Man öffnete zwei Balken, wie eine Balkontür, dahinter verbarg sich ein Gasherd oder Rechaud, ein Wasserausguss und darüber zwei winzige Küchenkastl. Daneben dieselben Balken, da war das Werkzeug drin.

Wasserleitung gab es keine, aber ganz in der Nähe ein Brünndl mit herrlich kaltem und glasklarem Wasser.

Damit sind wir schon bei meiner Hauptbeschäftigung, nämlich Wasser holen und entsorgen. Ich empfand das nicht als Arbeit, es machte mir großen Spaß, die Gegend zu erforschen und dabei nicht allzu sehr an der Leine zu sein. Wenn das Wochenende oder der karge Urlaub vorbei waren, dann ging es wieder zurück auf den Laaerberg.

Ein Auto besaßen wir nicht – war mir damals vollkommen egal, ich fuhr sowieso am liebsten mit der Straßenbahn, meiner geliebten Tramway. Es gab zwei Möglichkeiten, nach Petersdorf zu kommen, entweder mit Bus oder mit dem 360er nach Mauer/Rodaun. Zurück ging es über die Station Philadelphiabrücke (das Wort hab ich mir damals sofort eingeprägt, es klang für mich so weltmännisch und international), weiter mit dem 118er Richtung Südbahnhof und vom Südtirolerplatz mit dem vertrauten 67er nach Favoriten.

Von der Station Amalienbad (heute glaub ich Reumannplatz) ging es dann zu Fuß auf den Laaerberg. Wir waren zwar immer aufgepackt wie die Esel, Rucksack und Handnetz voll mit Klaräpfeln, Erdbeeren und was weiß ich noch alles. In den diversen Umsteigstationen haben wir gern mal was verschenkt, so dass wir beim „Aufstieg“ auf unseren „Monte Laa“, wie man heute gern sagt, nicht mehr gar so viel zu schleppen hatten. Der Rest wurde zu allem Möglichen verarbeitet und entweder zum Wirt’n gebracht oder den Nachbarn und natürlich meinen vielen Tanten und Onkeln geschenkt, als kleine, vitaminreiche Aufwandsentschädigung für das meist erfolglose Aufpassen auf den Ferdinand.

Nach einer Woche am Land in Petersdorf war ich froh, wieder auf die Wienerstadt schauen zu dürfen und fieberte meinem Geburtstag entgegen, denn es wurde mir eine Überraschung versprochen ...

Geburtstagsfeier nur für mich und die Türmerstube zu St. Stephan

Eine Woche lang warten auf die Überraschung war für mich neunjährigen, hoffnungsvollen Sprössling Ferdinand eine fast nicht mehr zu überbietende Tortur, aber es half alles nix. Dann kam der Freitag, mein Geburtstag. Ich muss dazu sagen, dass bei mir zu Hause in der Steiermark, kaum irgendetwas gefeiert wurde. Als Geschenk gab es immer nur die wichtigen, notwendigen Sachen, meistens Schuhe oder Ähnliches. Es war einfach kein Geld da – und wenn doch, dann hat’s mein Erzeuger längst versoffen.

Jetzt aber war ich ja im Schlaraffenland, und alle Menschen um mich herum mochten mich. Das war auch der Grund, warum ich jahrelang zu allen möglichen Schulferien nach Wien wollte und auch gerne durfte, denn dann war ja ein „Fresser“ weniger am Tisch. Das ist ein Zitat!

Der Freitag war mein Geburtstag, und es geschah nicht viel. Warum?

Einfache Erklärung: Es war ein Arbeitstag und damals wurde noch 48 Wochenstunden gearbeitet. Aber erklär das mal einem kleinen Jungen. Ok, ich hab’s irgendwie mannhaft geschluckt, als Belohnung durfte ich mit zum Wirt’n, freitags war immer Sparverein angesagt, da gab es für mich Himbeerwasser und zur Feier des Tages ein paar Würstel.

Am Tag darauf kam es dann aber ganz dick ...

Mein Onkel Listopad holte mich mit einem Taxi (!) ab – das gibt’s ja gar net! Die Fahrt ging zum Kahlenberg und über die Höhenstraße, es war wunderbares Wetter und mein „väterlicher Freund“ übertraf sich selbst. Er erzählte mir Sachen über Wien und seine Geschichte und was wir nicht noch alles unternehmen würden.

„Ferry“, er sagte auch Ferry zu mir, „Ferry magst mit mir zu meinem Wirt’n gehen?“ – „Ja natürlich, klar!“ Dieses Wirtshaus war das Stammlokal der Führungsleute von Ankerbrot, ein bisserl besser als unser Wirt am Laaerberg, eigentlich war es ein Restaurant, fein genug für meinen Gentleman-Onkel. Ich glaube, es hieß Wotruba oder so ähnlich und war am Gellertplatz, dort in der Quellenstraße, wo die Straßenbahn immer so laut knirschend um die Kurve fuhr.

Ein Riesen-Hallo als ich mit Onkel Listopad das Lokal betrete, wir gehen durch den Gastraum durch zu einem anderen Raum, dem sogenannten Extrazimmer ...

Die Tür geht auf, es beginnt eine Musik zu spielen, und alle singen irgendetwas, weiß nicht mehr, „Happy birthday“ war’s nicht, egal. Da standen jetzt die Mitzitant, der Pepionkel, die Hermitant, die Frau Wedorn und ein paar andere Freunde, nur die Babička war nicht mit von der Partie, sie war zu müde.

Ein langer Tisch, eine Tafel war festlich gedeckt, so etwas kannte ich nur aus dem Kino, es hat nur so gefunkelt. Mittendrin stand sie, die Geburtstagstorte, nur für mich!

Das erste Mal in meinem jungen Leben musste ich die Kerzen auf einer Torte ausblasen, alle möglichen Leute redeten auf mich ein und busselten mich ab, mein Gott, ich hab mich wirklich geschämt. Soll heißen, ich war es mir selbst nicht wert, für kurze Zeit kam der Gedanke der Flucht auf. Aber nur kurz, denn es ging ja noch weiter. Hab schnell ein paar Tränen zerdrückt und ging weiter auf Entdeckungsreise. Mitten auf der Tafel stand ein großer Korb (oder war es eine Schüssel?) mit allen möglichen Südfrüchten, die meisten kannte ich gar nicht. Herausragend war ein ganzer Bund Bananen, für mich das absolut Exotischste, was ich kannte. Ich hab sie lange angeschaut, und Onkel Listopad hat mir Mut gemacht: „Nimm sie dir, das gehört jetzt alles dir, das ist mein Geschenk an dich!“

Später einmal hat er mir das alles noch einmal sehr genau erklärt, wie das mit den Bananen ist und wie und wo die wachsen, nämlich bei einer weiteren Tour nach Schönbrunn und ins damalige alte Palmenhaus, aber das ist eine andere Geschichte ...

Zurück zu meinen Bananen: Ich war so was von stolz, dass ich jetzt Besitzer eines ganzen Bundes war. Man forderte mich auf, doch eine zu essen. Sie hatten wohl bemerkt, dass das für mich neu war. Ich hatte zwar davon gehört und auch schon welche gesehen, aber gegessen hatte ich noch nie eine Banane. Ich wollte keine essen, trotz der gutgemeinten Aufforderung nicht. Das war ja der absolute Hammer! Ich wollte sie behalten bis zu meiner Heimreise und sie meinen Freunden zu Hause in der Steiermark zeigen. Bis dahin waren aber noch vier Wochen ... meine Tanten und Onkels haben sich gebogen vor Lachen.

Naja, ich hab mich getröstet mit einem weiteren Geschenk der Hermitant, nämlich einem Blechauto zum Aufziehen, einem ganz besonderen Spielzeug dieser Zeit! Dieses Blechauto konnte nicht vom Tisch fallen, es hatte am Unterboden ein Rad oder eine Kugel eingebaut, so dass es automatisch kehrt machte, wenn es an eine Kante geriet ... so ungefähr. Ich hatte dieses Auto damals bei meiner etwas verunglückten Herzmansky-Rolltreppen-Tour gesehen und es Tante Hermi erzählt.

Reich beschenkt geht der Tag zu Ende und ich bin so überdreht, dass ich fast nicht schlafen kann. Mein Schuco-Auto und die Bananen stehen auf meinem Nachttisch und ich träume dem nächsten Tag entgegen. Morgen ist Stephansdomtag....

Heute ist Sonntag. Es ist noch ruhig in der Wienerstadt, das Wetter angenehm.

Ich wandere den Laaerberg hinunter in Richtung Favoritenstraße, denn heute hole ich meinen Onkel Listopad bei ihm zu Hause ab. Er kredenzt mir ein schönes Frühstück mit Kipferl, Butter und Marillenmarmelade aus der Wachau. Im Vorraum schaue ich verstohlen herum, ob ich nicht irgendwo seine Gamaschen entdecken könnte. Mein Onkel Listopad war nämlich ein feiner Herr, der trug solche Sachen.

Natürlich bemerkte er meine suchenden Blicke und fragte mich sogleich, was mich denn so interessieren würde? Das war mir ein bisschen peinlich, und ich druckste herum – von wegen schöne Schuhe und so. Da hatte er begriffen, öffnete seinen Schuhschrank (was es alles gibt ...) und zeigte mir seine schönsten Schuhe. Die waren in einem feinen Braun gehalten und hatten um die Schuhkuppe viele kleine Löcher, die wiederum ein Muster bildeten. Nur zu diesen Schuhen trug er diese feinen, in beige gehaltenen Gamaschen – einfach nur edel. Ich versicherte ihm, dass mir dieses Schuhwerk sehr gefiel, ich es aber nie zuvor gesehen hatte. Darauf kam sofort die Aufklärung – so war er eben, mein geheimer „Held“ –, die Gamaschen stammten aus dem vorigen Jahrhundert, aus der Zeit des Biedermeier und seien ein Erbstück seines Vaters, der war seinerseits Offizier in Diensten des Kaisers.

Ich war ein Kind und hatte tausend Fragen. Mein Onkel beantwortete sie alle, und ich hatte nie den Eindruck, dass er mich beschwindelte, denn wenn er, selten genug, etwas nicht wusste, dann wurde ein dickes, schweres Lexikon befragt.

Dann ging es los, mit der Straßenbahn fuhren wir bis in die Kärntnerstraße, damals eine stark befahrene Straße und abends eine der sündigen Meilen von Wien, das hatte mir mein Freund Berti schon erzählt, allerdings konnte ich mit dieser vagen Information nichts anfangen. Wir verließen die Tramway bei der Staatsoper – die war kurz vor der Wiedereröffnung – flanierten die Kärntner Straße entlang bis zum Stephansplatz, und da stand er nun, hundertmal so groß wie ich – der Stephansdom!

Noch bevor es meinerseits zur Genickstarre, vom vielen nach oben Gucken kam, betraten wir den ehrwürdigen Dom durch das Hauptportal, auch das Riesentor genannt und romanischen Ursprungs.

Es war kühl und in der großen Säulenhalle, und es zog auch ein wenig, wahrscheinlich waren noch nicht alle Bombenschäden aus dem Krieg beseitigt. Wir und auch viele andere Wiener (ich fühlte mich ja auch als ein solcher) standen ehrfürchtig vor den wieder aufgestellten Heiligenfiguren, sie hatten den Krieg Gott sei Dank gut überstanden.

An einem Seitenausgang stand dann der Hinweis, dass man die Türmerstube gegen ein kleines Entgelt besuchen könnte. Wesentlich mehr kostete ein an einem separaten Stand angepriesener Baustein für den Erwerb eines glasierten Dachziegels für das Kirchendach. Onkel Listopad ließ sich nicht lumpen und erwarb für mich einen sogenannten Baustein für den Wiederaufbau des Stephansdomes.

Jetzt ging es aber zur Türmerstube. In endlosen Wendeltreppen über insgesamt 343 Stufen erreicht man dieses, für damalige Verhältnisse atemberaubende, kleine Stübchen. Aber so weit sind wir noch lange nicht. Anfangs war es für mich etwas schwierig, diese durchaus nicht gleich hohen Stufen zu bewältigen, aber mit der Zeit kam ich drauf, wie es am besten zu schaffen ist.

Nicht so mein eleganter Onkel Listopad – es stellte sich schnell heraus, dass er nicht der Sportlichste war. Je länger der Aufstieg dauerte, um so weniger ließ er das Geländer aus der Hand, zeitweise ertappte ich ihn dabei, wie er sein damastenes Taschentuch (natürlich mit edlem Monogramm versehen) zückte, um sich die Schweißperlen von der Stirn zu wischen. Ich ließ den aufkeimenden Gedanken, dass mein „Superman“ gar Schwächen haben könnte, nicht zu. Nein, das musste andere Gründe haben, und ich wollte es gar nicht wissen.

Endlich oben angekommen, wurden wir mit einem gigantischen Blick über Wien entschädigt. Das war sie also, die Türmerstube. Es wurde uns erklärt, dass von hier aus seit Jahrhunderten die Wiener Feuerwehr Wache über die Wienerstadt hielt. Der Brandmelder in Person eines stattlichen Wiener Feuerwehrmannes, erklärte uns seine Aufgabe, die er anhand eines eigens für diesen Zweck gebauten Fernrohrs demonstrierte. Die Türmerstube hat vier schöne gotische Fenster und bei jeder Fensterbank eine Vorrichtung, in die er das Fernrohr einklinken konnte, die Fenster blieben dabei geschlossen. Wasser gibt es keines hier oben, und die Toilette ist zweihundert Stufen tiefer, auch heute noch. Die Türmerstube war bis zum Jahresende 1955 offiziell in Betrieb. Der einsame Türmer hatte immer zwölf Stunden Dienst und dann 24 Stunden frei.

Ich wollte auch die neue „Pummerin“ sehen, denn die alte Glocke war ja in den letzten Kriegstagen in das Kirchenschiff abgestürzt und aus den Teilen der kaputten Glocke wurde in St. Florian bei Linz eine neue schöne Pummerin gegossen. Das neue Geläut war zwar schon in Wien, aber es hatte noch nicht seinen Platz im Nordturm eingenommen. Schade, aber beim nächsten Besuch in unserem „Steffl“ würde ich sie bestimmt sehen und hören können.

Das war ein schöner Tag in der Wiener Innenstadt, wenn auch die Häuser noch arg ramponiert waren. In den nächsten Ferien komm ich bestimmt wieder!

Informationen zum Artikel:

Ferien in Wien

Verfasst von Ferdinand Planegger

Auf MSG publiziert im Juni 2013

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 1., 7., 10. Bezirk / Niederösterreich, Industrieviertel
  • Zeit: 1950er Jahre

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