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Unser Zuhause

von Ingrid Hartl

Wir hatten in der Küche einen Tischherd zum Einheizen. Dieser stand in der Wohnküche. Er war für die Wärme und auch zum Kochen. Der Herd hatte ein sogenanntes Wasserschiff, das war eine seitlich in den Ofen eingelassene Wanne, die wurde mit Hilfe eines Blechhäferls mit Wasser gefüllt. Das Wasser wurde durch das Heizen heiß und dann bei Bedarf – zum Waschen oder Geschirrabwaschen – mittels dieses Häferls wieder in ein Schaff herausgeschöpft.

Von der Küche ging es direkt in das Elternschlafzimmer. Wenn die Tür einen Spalt offen gelassen wurde, war es darin dann auch temperiert. Mein Vater – er war bei der Bauernkammer als Landwirtschaftsinspektor tätig und hatte zwei verschiedene Bezirke zu betreuen – war nur am Wochenende daheim. Daher durften mein Bruder und ich unter der Woche bei Mutti im Ehebett schlafen.

Mädchen mit Buch und Puppe in Bett
Im elterlichen Schlafzimmer

Wenn es sehr kalt war, wurden Dachziegel in das Ofenrohr gelegt. Die wurden uns dann, in Tücher gewickelt, als Wärmeflaschenersatz ins Bett gelegt. Am Wochenende, wenn mein Vater daheim war, schliefen wir Kinder im fast nie benützten Wohnzimmer auf einer Ausziehcouch. Kinderzimmer waren da noch unbekannt!

Wenn man krank war, durfte man sogar in der warmen Wohnküche am Diwan sein Bett aufschlagen. Manchmal lagen wir zu zweit auf diesem Diwan, wenn wir uns gegenseitig angesteckt hatten.

Am Samstag war immer Badetag. Unser Bad war im Keller in einem Mittelraum mit Fenster zu der Waschküche. Der Badeofen musste für die Wärme des Raumes und die Wärme des Wassers eingeheizt werden. An der Wand waren Resopalplatten, der Boden war nur Beton und ein Lattenrost lag vor der Wanne. Es waren ein paar Haken an der Wand für das Badetuch, und ein alter Sessel stand auch noch da. Auf diesem stand oft das Transistorradio, welches mit Batterien funktionierte. Mein Bruder und ich badeten als Kinder gemeinsam in der Wanne. Musik dabei hören war das absolute Wellnessgefühl!

Nach dem Baden gab es als Abendessen immer eine Dose Tomatenfisch mit Brot. Das war schon ein richtiges Samstagritual.

Nach dem Badetag bekamen wir frische Wäsche! Damals wurde die Wäsche nicht so oft gewechselt. Das Wäschewaschen war damals noch Schwerarbeit und nahm einen ganzen Tag in Anspruch. Da gab es als Mittagessen meist nur Eierspeis, für mehr war nicht Zeit.

In der Waschküche war auch ein Ofen zum Heizen, da war ein riesiger Kupferkessel eingebaut. Darin wurde die weiße Wäsche ausgekocht. Die Lauge wurde dann etwas abgekühlt und die Buntwäsche darin gewaschen. Diese wurde jedoch noch einen Tag vorher eingeweicht, damit sich der Schmutz besser löst. Schmutzige, hartnäckige Stellen wurden mit Kernseife eingeseift und gebürstet. Es gab auch einen Waschtrog aus Holz, mit Waschlauge befüllt. Da wurde die Waschrumpel, ein gewelltes, rilliges Blechteil in einem Holzrahmen, hineingestellt und auf diesem die Wäsche gerumpelt.

Das heißt, die eingeweichte Schmutzwäsche wurde mit den Händen an der Rumpel mit Druck auf und ab bewegt, bis sie sauber war. Dann wurde mit der Hand ausgewrungen und in einem gemauertem Behälter, dem sogenannten Grander, geschwemmt, bis die Seife draußen war. Dann nochmal auswringen und im Garten aufhängen. Es gab aber noch keine Wäschespinne. Es wurden Eisenstangen in die in die Erde eingelassenen Hülsen gesteckt und die Wäscheleine in einem bestimmten Verlauf daran angebracht.

Bügeln war aber auch viel Arbeit und anstrengender als heute. Es gab kein Bügelbrett, der Küchentisch wurde mit einer Decke unter einem Leinentuch abgedeckt und mit einem ziemlich schweren Bügeleisen ohne Dampf gebügelt. Da es noch kein Dampfbügeleisen gab und die Wäsche ganz trocken nicht glatt wurde, musste sie am Vortag mit Wasser eingesprüht werden. Die Teile wurden dann zusammengelegt oder gerollt, damit die Feuchtigkeit bis zum Bügeln gleichmäßig durchziehen konnte.

Unser Essen

Zum Frühstück gab es oft Linde-Kaffee, das war ein Kaffeeersatz und Marmeladebrot, natürlich mit selbst eingekochter Marmelade.

Der Linde-Kaffee war bei uns sehr beliebt! Nicht unbedingt wegen seines Geschmackes, sondern weil in jedem Paket Kaffee eine Plastikfigur war, hauptsächlich Indianer- oder Tierfiguren. Diese waren natürlich beliebte Sammelobjekte und die Figuren wurden mit denen der Nachbarskinder verglichen und auch getauscht. Dieser Kaffee wurde am Abend, wenn der Herd noch heiß war in einem Topf aufgekocht und am Morgen nur mehr aufgewärmt.

Wurst oder Käsebrote gab es selten, aber wir waren erfinderisch. Ein Ramabrot machten wir uns entweder mit Marmelade, Honig, oder nur gesalzen, mit Zucker bestreut, mit Senf oder Sardellenpaste bestrichen oder auch ein Schmalzbrot. Wir hatten immer einen Steinguttopf mit Schweineschmalz.

Mittags hatten wir nur selten Fleisch, aber viele Mehlspeisgerichte mit Kompott. Zum Beispiel: Palatschinken, Kaiserschmarrn, Grießschmarrn, Grießkoch, auch Erdäpfelnudeln und Kartoffelpuffer aßen wir süß mit Zucker und Apfelmus.

Es gab im Sommer oft eine Gemüsesuppe mit allem, was im Garten wuchs. Häufig gab es Nudelgerichte wie Wurstfleckerl, Krautfleckerl, Speckfleckerl mit Topfen oder Grenadiermarsch. Im Winter, wenn es keinen frischen Salat gab, aßen wir oft sauer eingekochtes Gemüse wie Russenkraut oder Senfgurken dazu. Da es früher im Winter keine Tomaten oder Gurken zu kaufen gab (diese essen wir auch jetzt nicht zu dieser Jahreszeit), hat unsere Mutti oft im Sommer auch Gurkensalat eingerext.

Am Abend gab es auch immer ein Brot mit oben genannten Belägen und oft Kakao dazu.

Die Milch dafür kauften wir in einem Gemischtwaren-Laden, dessen Besitzer Dienes hießen. Die Milch wurde in der verlangten Menge in eine mitgebrachte Milchkanne gepumpt und musste daheim abgekocht werden, damit sie länger haltbar war.

Da wir noch keinen Kühlschrank hatten, kam alles, was verderblich war, in den Keller in den schon beschriebenen Grander. Welcher eigentlich zum Wäscheschwemmen war. Da wurde kaltes Wasser eingelassen und alles Verderbliche zum Kühlhalten hineingestellt.

Einmal machte meine Mutter für einen Geburtstag eine Malakofftorte und stellte sie zum Kühlen hinein. Aber leider direkt unter den Wasserhahn. Mein Vater schloss dann den Gartenschlauch an und leitete ihn durch das Kellerfenster zum Gartenspritzen hinaus.

Aber das Schlauchgewinde war nicht ganz dicht und während das Wasser aufgedreht war, tropfte es unaufhörlich auf die Malakofftorte. Diese war dann mehr mit Wasser als mit Rum getränkt. Mutti hat das nie vergessen und immer wieder erzählt!

Im Winter legten die Hennen kaum Eier und Hühnerfarmen gab es noch nicht! Da wurden die Eier als Vorrat für den Winter in einem 10-Liter-Glas eingelegt. Entweder in Kalkwasser oder in Wasserglas. Da hatte man dann genügend Eiervorrat für die Weihnachtskekse.

Einen Kühlschrank und einen Elektroherd bekamen wir erst, als ich schon neun Jahre alt war. Zu dieser Zeit kauften meine Eltern auch ein damals ganz modernes Radio, in welchem oben, wenn man den Deckel öffnete, ein Plattenspieler eingebaut war.

Naschen gingen wir im Sommer in den Garten. Da gab es Himbeeren, Erdbeeren, Ribisel, Stachelbeeren, Kirschen, Weichseln, Pfirsiche, Äpfel und Birnen. Diese Früchte wurden natürlich auch zu Saft, Marmelade und Kompott für den Winter eingekocht.

Mein Cousin Dietmar und meine Cousine Ulli, Tante Trudes Kinder aus Linz, hatten keinen Garten daheim. Daher genossen sie, wenn sie zu Besuch waren, auch gerne die Früchte unseres Gartens. Besonders Dietmar. Er erzählte seiner Mutter begeistert, was es bei uns alles im Garten gibt. Seine witzige Meldung dazu: „Nur die Wurstfleckerl wachsen bei Tante Herta nicht im Garten!“

Von einer Tiefkühltruhe war man damals noch weit entfernt. Wir waren einmal auf einem Bauernhof zu Besuch; das waren gute Bekannte von Vati durch seine Anstellung bei der Bezirksbauernkammer. Es war in der Nähe von Vorchdorf. Dieser Bauer zeigte uns die neueste Errungenschaft des Dorfes. Es war ein Gemeinschaftskühlhaus. Darin konnte man sich ein Tiefkühlabteil mieten. Voller Stolz wurde uns eingefrorenes Fleisch usw. gezeigt. Ganz besonders haben es mir die eingefrorenen Zwetschken angetan. Die Vorstellung, dass man das ganze Jahr Zwetschkenknödel essen konnte, hat mich fasziniert.

Informationen zum Artikel:

Unser Zuhause

Verfasst von Ingrid Hartl

Auf MSG publiziert im Juli 2013

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Oberösterreich, Linz/Zentralraum, Enns; Vorchdorf
  • Zeit: 1950er Jahre, 1960er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag umfasst einen Textausschnitt aus einem 2013 fertiggestellten lebensgeschichtlichen Manuskript Ingrid Hartls mit dem Titel "Geboren um die Mitte des vorigen Jahrhunderts".

Copyright

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