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Montafoner Zeitgeschichte 1963

von Dieter Mangeng

Es war mal wieder Zeit, die Kühe auf den Maisäß zu bringen, die erste Station, bevor sie in die Alpe gingen. Das Häuschen lag schräg gegenüber dem Gasthof Fellimännle.

Mein Vater, mein Bruder Erich, der Hund Ajax (ich erfuhr erst später, dass es in Amsterdam auch ein Fußballverein mit diesen Namen gab), es wurde Zeit, dass ich mich auch mal mit dem Bauernleben beschäftigte. Mein Bruder Erich hatte das schon früh im Blut, er war auch schon Hirtenjunge auf der Alp, wo er dann circa drei Monate blieb. Er kam höchstens zwei oder drei Mal herunter ins Tal, und er hat später den Hof auf dem Schöffel übernommen.

Heute ist das glaube ich anders, man fährt einfach mit dem Jeep nach oben und kommt dort in die warme Stube. Wir gingen dann mit unseren Kühen – eine blieb immer daheim, um für die tägliche Milch zu sorgen – vom Schöffel über die Straße auf der Schattenseite durch das Dorf und dann weiter ins hintere Silbertal. Aber erst mussten wir frische Wurstsemmeln holen im Konsum, der damals an dem Ort stand, wo jetzt das Hotel Silbertal ist.

Die Verkaufstechnik war damals noch nicht so effizient. Eine ältere Frau, ganz in Schwarz gekleidet – ihr Mann war gestorben, jetzt musste sie acht Wochen diese Kleidung tragen, manche trugen sie ein ganzes Jahr – war dran: „A Kilo Zucker, emohl Schmalz, sos no epas?“, fragte die Verkäuferin. 20 Deka Ofschnitt, sos no epas? A Kilo Mehl, sos no epas? emohl Hebi, des wärs? Na emohl nuddla, sos no epas? Joo, tua mir noch a Schwarzbrot, des isches. Alles wurde auf einen Zettel aufgeschrieben, und alle Sachen wurden zweimal gezählt. Sieben – aber auf dem Zettel waren nur sechs. Aso doa hommer di Hebi vergessa, des macht ? Schilling. Denn tou mi no viar Brezel … Das war fast immer so: Wenn man alles ausgerechnet hatte, kam immer noch was dazu, wahrscheinlich, um zu sehen, ob man noch etwas Geld übrig hatte für etwas Süßes („epas Guats“).

Die gängigen Produkte lagen für die Verkäuferin in Reichweite. Ein Bub in meinem Alter, ungefähr acht Jahre, mit dem Stallmist noch an den Stiefeln dran; er hatte den Edmund Ganahl schon etliche Male ins Lager nach hinten geschickt für nicht so gängige Sachen. „Darf ich den Zettel mal sehen?“, fragte Edmund den Buben, und ich dachte, er will die Verkaufsprozedur etwas schneller vorantreiben. Die Warteschlange war schon etwas größer geworden, aber da stand weiter nichts mehr drauf. Er hatte nur noch einen Wunsch: so einen „Negerkuss“, der hinter der Ausstellungsscheibe so verlockend auf Kunden wartete. Der Bub steckte die Süßigkeit als Ganzes in den Mund, und es entstand ein Schnurrbart von Schokolade und weißem klebrigen Zuckerguss von dieser Köstlichkeit.

Die Kunden machten sich nichts draus, dass man lange warten musste, da konnte man alles Wissenswerte, das im Tal die Runde machte, austauschen, bis aus dem weitesten Winkel wie Buchen. „Hosches scho ghört? Vom Josef ist göster a Kua vertrolat, ,wol du, dia Litz isch oh scho hoch und bruu, es hot halt oh viel gregnat dia lötzt Ziet, ma seet dass äs bem Gislabach wöder gröfnat hot, wol du, des wörd oh no gförli, dia Liesa hot hüt am margat des siebte Kind kriagt, wol du, denn hon si spöter gnuag Gaggla zum Heua, ha ha ha …“ und so weiter, und so weiter.

Ja, früher tickten die Uhren noch anders.

Jetzt waren wir endlich an der Reihe. Achtmal Wurstsemmel – das Wasser läuft mir jetzt noch im Mund zusammen, wenn ich daran denke –, da waren mehrere Scheiben mit verschiedenen Wurstsorten drin (Aufschnitt).

Es konnte endlich wieder weitergehen, die Kühe hatten inzwischen den Brunnen vor der Kirche leergetrunken. Es wird einige Zeit dauern, bevor der wieder voll sein wird, denn es kam sehr wenig Wasser aus der Leitung.

Alles ging reibungslos, bis wir auf dem schmalen Straßenteil vor der Bannwaldbrücke angekommen sind, die damals noch ganz aus Holz und überdacht war. Da kamen wir einer Gruppe Touristen entgegen, die alle schön angezogen waren, und ausgerechnet in diesem Moment beim Vorbeigehen fangen zwei Kühe an zu sch......, da wurden die Leute ein bisschen nervös. Die Kühe wurden unruhig, liefen plötzlich schneller. Der weitere Verlauf war wieder problemlos, und die Kühe konnten in aller Ruhe auf der saftigen Wiese grasen, als sie endlich im Maisäß angekommen waren.

Gebirgslandschaft mit Almhütte und zwei Personen, am Wegrand sitzend
Garfrescha, Montafon 1960. Unser Maisäß sah fast gleich aus (Foto: Hannes Felder)

Das Maisäßhüsli war sehr einfach. Es gab keinen Strom, nur Öllampen, in den Betten lag man auf Stroh, natürlich keine Heizung, und die Küche war ein schwarzes Loch, wo man auf offenem Feuer kochen konnte.

Großartige Menüs konnte man dann auch nicht erwarten. Wenn mein Vater dabei war, bekamen wir immer seine Spezialität zu essen, Milchsuppe! Das war eine Mischung von Milch, Salz und Mehl – mir schmeckte es nicht besonders mit den Mehlknollen. Ich war immer der Meinung, dass mein Vater keine Milchsuppe machen konnte, aber meine Schwester Gerti in Bregenz versicherte mir, dass Milchsuppe so "knollnig" sein musste.

Teller bekamen wir nicht, wir löffelten alle miteinander aus einer Pfanne, zu Hause machten wir es nie, von meine Mutter mussten wir immer vom Teller essen, wir durften nicht einmal eine Kartoffel mit der eigenen Gabel aus der Pfanne holen, aber hier war mein Vater der Herr im Hause. Wenn meine Schwester mit auf den Maisäß ging, freute ich mich immer, denn dann gab es öfters Kaiserschmarren.

Am Morgen früh aufstehen, sich draußen am Brunnen waschen, es war oft sehr kalt und nass, und ich zitterte wie Espenlaub, war anscheinend nicht aus dem richtigen Montafoner Holz geschnitzt, hatte wohl zu viel holländisches Blut in meinen Adern.

Dann die Kühe suchen, ob sie nicht in der Nacht eine gefährliche Bergtour organisiert hatten.

Weiter war es eine glückliche Zeit. Wenn die Sonne schien, spielen am Bach, Dämme bauen und den Wasserlauf ändern. Spielzeug hatten wir nicht viel, das brauchten wir auch nicht, die Touristen zum Narren halten mit dem Geldbörsen-Spiel, wir nannten sie die „Frönda“, daher wahrscheinlich auch das Wort Fremdenverkehr, sie rochen auch immer nach allerhand Sorten Parfum, wenn sie vorbeigingen, ich kannte bisher nur Stallduft, außer wenn meine Oma aus Rotterdam auf Besuch kam, die hatte immer eine große Flasche Kölnischwasser („4711“) dabei. Sie gab ein paar Tropfen in ein Taschentuch und rieb dann ihr ganzes Gesicht damit ab.

Wenn wir es uns leisten konnten, gingen wir beim Fellimännle etwas trinken, mein Bruder Erich ein Fohrenburger und ich ein Diezano. Mir taten die Forellen immer leid, die da im Aquarium schwammen, ja, ich hatte ein weiches Herz. Da kam dann wieder ein Gast aus Deutschland, man sah ihm schon an, dass er viel Bratwurst und Sauerkraut verarbeitet hatte. Er suchte sich dann einen Fisch aus, und der arme Jungkoch hatte zu seinem Pech auch noch den falschen Fisch gefangen, der andere wäre etwas größer gewesen. Mit einem Schlag wurde der Fisch auf der Stelle in eine andere Welt versetzt, und seine letzte Reise ging über die Küche, um dann dampfend mit dem Kopf noch dran auf einem Teller auf dem Tisch vor dem Gast zu landen.

Das war damals in jedem Fall eine ehrliche Sache. Da konnten die Kinder, die auch auf der Terrasse saßen, zuschauen, wie die Lebensmittel von Anfang bis Ende zustande kamen. Es ging nicht um ein Produkt, wo man nicht weiß, wie es hergestellt wurde, wie es heutzutage aus dem Supermarkt kommt.

Informationen zum Artikel:

Montafoner Zeitgeschichte 1963

Verfasst von Dieter Mangeng

Auf MSG publiziert im August 2013

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Vorarlberg, Bludenz / Montafon, Silbertal
  • Zeit: 1960er Jahre

Anmerkungen

Der Anlass, warum ich Geschichten aus meiner Jugendzeit schreibe, ist, dass ich seit vorigem Jahr durch meine Krankheit arbeitsunfähig geworden bin. Ich bin erst 58 und hatte noch viele Pläne.

Meine Mutter, Sekretärin in Rotterdam, hatte sich verliebt in meinen Vater, einen Bergbauer aus dem Silbertal, da gibt es sehr viele Geschichten zu erzählen aus dieser Zeit von 1943 bis 1968.

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