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Auch ich bin ein Schweizerkind

von Rudolf Hartenthaler

Die Kinderverschickung im Jahr 1945

Ich wurde am 26. November 1937 in Linz geboren und bin ein sogenanntes "Schweizerkind". Bald nach dem Krieg begann die Schweiz mit ihren Hilfslieferungen, es fehlte an Lebensmitteln und Medikamenten. Im Herbst 1945 begann man in Österreich auch mit einer Ausspeiseaktion. Eine Delegation des Schweizer Roten Kreuzes sah dabei viele unterernährte Kinder. Sie sollten auf längere Zeit eine vom Krieg verschont gebliebene Welt mit einem ausreichend gedeckten Tisch kennenlernen. Diese großzügige Hilfsaktion fand eine unerwartet große Unterstützung in der Bevölkerung. Ein durchgehender Unterricht an unseren Schulen während der Wintermonate wäre kaum möglich gewesen, denn auch an Heizmaterial bestand großer Mangel.

Die Organisationen handelten rasch. Nach den Totengedenktagen - es war vermutlich Samstag der 3. November - wurden die ersten oberösterreichischen Kinder zu ihren Pflegeeltern für drei Monate abgeschickt, und ich war dabei.

Papa versah wieder Dienst bei der Fernmeldestreckenleitung und war dabei, die defekten Telefonleitungen im Bahnhofsbereich wieder instand zu setzen. Mama begleitete mich daher alleine mit meinem kleinen braunen Koffer zum Hauptbahnhof. Es gab eine Liste, was wir unbedingt mitbringen mussten, vermutlich hatte sie einiges mehr eingepackt. Auf unserem Weg hörte ich nochmals die gut gemeinten Worte, dass es mir schon gefallen und auch besser gehen werde.

Gehört habe ich ihre beruhigenden Worte schon, aber es ging nicht in meinen Kopf. Es hat mir doch an nichts gefehlt, warum die Trennung von meinen Eltern, den Geschwistern und Spielkameraden? Auch die Schule hatte eben erst wieder begonnen.

Es blieb keine Zeit nachzudenken. Bald strömten aus allen Richtungen Erwachsene mit Kindern dem Bahnhof zu. Am Bahnsteig herrschte vielleicht ein Gedränge, die Helfer des Roten Kreuzes verloren nicht die Übersicht. Bald hatte auch ich meinen Platz in einem Waggon bekommen. Die vorgespannte Lokomotive stand schon gehörig unter Dampf, mit Zischen und Pfauchen setzte sich die riesige Maschine in Bewegung. Wir drängten alle ans Fenster, um noch einen Blick auf Mutter oder Vater zu erhaschen und ihnen zuzuwinken.

Die Tanten hatten Mühe, uns wieder auf die Bänke zu bringen und auch dort zu halten, denn eine schier endlose Fahrt stand uns bevor. Am nächsten Morgen hatten wir die Schweizer Grenze passiert, in Buchs hieß es für alle aussteigen. Wir wurden untersucht, gewaschen und bekamen frische Betten zugewiesen. Verköstigt wurden wir wohl auch, die Erinnerung reicht nicht mehr so weit zurück. Wir blieben noch eine Nacht. Aber schon am Morgen wurden wir in Gruppen aufgeteilt, denn heute sollten wir den Pflegeeltern übergeben werden.

Wohin komme ich? Am frühen Nachmittag war es dann so weit, unsere Gruppe wurde zum Bahnhof nach Buchs gebracht. Mit dem Zug ging es über Sargans nach Thusis, im Kanton Graubünden gelegen. Nur ein kleiner Teil der Kinder musste hier aussteigen. Auch ich war darunter. Wir wurden zu einem grell gelben Postbus gebracht, und nachdem der Fahrer mehrmals sein Folgetonhorn erklingen ließ, ging es weiter. Wir befuhren den alten Weg durch die Via-Mala-Schlucht, wo sich durch Jahrhunderte der Hinterrhein durch den Felsen seinen Weg gegraben hatte. Wir waren noch keine halbe Stunde unterwegs, als wir nach dem Passieren der letzten Engstelle die ersten Häuser von Zillis erkennen konnten. Von Zillis fuhren wir auf einer Nebenstraße durch eine alpine Landschaft dem Schomserberg entgegen. Für mich war als Ziel der Ort Donath vorgesehen, für drei Monate mein Zuhause.

Meine Pflegeeltern empfingen mich an der Bushaltestelle. Vater und Mutter nahmen mich in die Mitte und bald standen wir vor ihrem Haus. Der Eingang war von beiden Seiten durch eine Treppe zu erreichen, denn neben ihrer Almwirtschaft führten sie hier einen Gastbetrieb. Auf der Hauswand stand in großer Schrift und in ihrer Sprache „Ustreia Bavregn“, auch die Reklame einer Brauerei deutete darauf hin. Sie hatten das Haus von einem Onkel gemietet, aber in ihrem Herzen waren sie Bergbauern.

Die Pflegeeltern mit Familiennamen Gustin waren stolz auf ihre schon fast erwachsenen Kinder. Tochter Anna hatte es mir angetan, ihr hatte ich es zu verdanken, dass ich nach und nach meine Schüchternheit ablegte und zu reden begann. Mit Sohn Abraham war die Familie komplett. Im zweiten Stock erhielt ich ein eigenes Zimmer. Darin stand ein Hochbett mit feinem Bettzeug, prall gefüllt mit Daunen. Mich mit den Armen in die Höhe zu ziehen schaffte ich nicht. Es gelang schließlich mit entsprechendem Schwung, und es war herrlich, darin zu träumen.

Ich wurde in den Kuhstall mitgenommen, dieser stand getrennt vom Haus unterhalb der Dorfstraße. Ich versuchte, etwas von den Gesprächen zu verstehen, die in der Gaststube geführt wurden. Meist wurde Romanisch gesprochen. Manchmal durfte ich Schallplatten auflegen, wenn nach Musik verlangt wurde. Es war noch ein alter Plattenspieler, bei dem noch von Zeit zu Zeit die Stahlnadeln getauscht werden mussten. Beliebt war die schottische Musik, da kam es ab Neujahr schon vor, dass danach auch getanzt wurde.

Sehr gut ist mir noch der Abend des 24. Dezember in Erinnerung. Der heilige Nikolaus hatte seinen Besuch angekündigt, deshalb war die ganze Familie in der holzgetäfelten Stube versammelt. Es gab für jeden ein kleines Geschenk. Das Christkind ist hier wenig bekannt, denn die Hälfte der Bevölkerung sind Kalvinisten.

Die Pflegeeltern kümmerten sich fürsorglich um mich. Sie waren einige Male mit mir beim Arzt, vor allem, um sich zu vergewissern, dass ich an Gewicht zugenommen habe. Ich bekam auch neue Schuhe. Zum Essen gab es meist Suppe und Nudelgerichte. Diese Nudeln wurden mit viel Käse angerichtet und kamen in einer großen Schüssel in die Tischmitte. Jeder konnte sich seine Portion mit der Gabel herausnehmen. Bei uns wird ja kaum mit Käse gekocht, aber es schmeckte. Das Frühstück bestand aus Ovomaltine, Schwarzbrot mit Butter, und von der selbst gemachten Marmelade durfte ich mich ungeniert bedienen.

Es gab bald reichlich Schnee, und ich bin mit den Dorfjungen viel Schlitten gefahren. Leihweise habe ich vom Sohn Abraham Schi bekommen und den Jungen gezeigt, wie man eine Sprungschanze baut. Die waren vielleicht zögerlich, einen richtigen Anlauf zu nehmen und abzuspringen. Da war ich schon mutiger und habe es ihnen wieder und wieder gezeigt. Sicher war ich auch schon müde und konnte am Nachhauseweg einem E-Masten nicht mehr ausweichen. Dabei ist ein Schi gebrochen, und ich musste Mutter mein Mißgeschick beichten. Leider gab es dann keine Übungsmöglichkeit mehr für mich.

Einmal waren Baumstämme vom nahen Wald zu holen und zur Säge zu bringen. Vater und Abraham haben mich mit dem Pferdeschlitten mitgenommen. Ich durfte manches Mal auch in die Molkerei mitkommen, wenn Milch abzuliefern war. Hier wurde auch Käse hergestellt, die Räume waren weiß gekachelt und natürlich alles blitzsauber.

Die Zeit verging viel zu schnell, die Pflegeeltern packten noch eine große Dose Ovomaltine, Schokolade und Knabberwürste in meinen braunen Koffer. Es hieß Abschied nehmen. Etwas brannte, schmerzte in meiner Brust. Es nützte nichts, es ging wieder zurück mit dem Postbus, mit dem Zug – zurück nach Linz zu den Eltern und Geschwistern.

Es hieß wieder die Schulbank zu drücken. Der Weg zur Schule war jetzt länger, die Amerikaner hatten die Diesterweg-Schule in Beschlag genommen. Im Vorbeigehen wurden wir meist von ihren Kindern mit Drops und Schokolade beschenkt, denn wir waren jetzt in der Volksfest-Schule untergebracht.

Es war zwar ein kurzes Schuljahr, aber das Ende kam für mich viel zu langsam näher. Aus der Schweiz war ein Brief gekommen, ob „Ruedi“ nicht die Sommerferien in Donath verbringen möchte. Ich durfte und wollte es auch. Dieser Glücksfall wiederholte sich jedes Jahr.

Junge mit älterem Mann mit breitkrempigem Hut
Mit meinem Pflegevater Domenig Gustin in Buchs (1951)

Nach Schulende fuhr Papa mit mir bis Buchs. Hier erwartete uns mein Pflegevater, und so lernten sich Papa und Domenig kennen. Papa nahm den nächsten Zug in Richtung Heimat, mein Pflegevater und ich fuhren den bereits beschriebenen Weg nach Donath. Dieses Mal durch eine grüne, gepflegte Alpenlandschaft, denn im Tal hatte man schon gemäht. Wesentlich später werden die höher gelegenen Wiesen gemäht, das Gebiet mit dem Ort Donath liegt ja schon auf 1000 Meter über der Adria.

Vater hatte über die Sommermonate einen Italiener beschäftigt, der frühmorgens mit seiner Sense ausrückte, um vorwiegend die Wiesen in Hanglage zu mähen. Mutter und ich kamen erst nach acht Uhr nach und verteilten gleichmäßig das geschnittene Gras, damit es besser trocknen konnte. Für Vater, Sohn Abraham und dem Italiener gab es dann das „Znüni“, die Jause um neun Uhr. Im mitgebrachten Korb gab es Brot, Käse, Wurst und gewässerten Wein. Ab und zu gekochte harte Eier und für Vater immer einen scharfen Senf. Dabei sagte er immer wieder, dass dieses „Züg“, also Zeug, nichts für Kinder sei.

Ich war manchmal mit Dorfkindern auf der Weide, um auf das Vieh aufzupassen. Wir schnitten uns Gehstöcke von den Haselstauden, verzierten diese mit verschiedenen Mustern. Trocknete das Holz, dann wurden unsere Schnitzereien besser sichtbar. Ich wurde nicht müde, mich in freier Natur auszutoben. Es kann nichts Schöneres für ein Stadtkind geben, das aus mehr als bescheidenem Hause kommt. Warum hatte ich das Glück, warum durfte ich diese Tage erleben? Ich habe sicher nicht darüber nachgedacht, ich wollte diesen Traum nur weiter leben.

In der Familie wurde schon einige Zeit davon gesprochen und auch Vorbereitungen getroffen - so richtig vorstellen konnte ich mir das jedoch nicht. Die Familie wollte ab Ende Juli einen ganzen Monat in ihrer Almhütte auf der "Maiensäß" verbringen. Am Vorabend wurde der Pferdewagen mit allem möglichen Hausrat beladen. Am frühen Morgen waren die Lebensmitteln bald verstaut, und auf ging es mit allen Hühnern. Das zurückgelassene Vieh wurde während unserer Abwesenheit von Ortsbewohnern und Genossenschaftshelfern versorgt.

Die Eingangstür der Hütte hatte riesige Ausmaße, diese war jedoch geteilt. Ein Eingang führte in die „Schwarze Küche“ mit Eisenpfannen, Schöpfern und Kochlöffeln an der Wand. In den Regalen standen Töpfe, Krüge und anderes Geschirr. Das offene Feuer hatte die Holzbalken geschwärzt. Es roch nach Geselchtem, erinnerte an andere herrliche Speisen die hier schon zubereitet wurden. Der andere Teil der Hütte war gemütlich eingerichtet und bot für jeden einen Schlafplatz. Eine Eckbank mit Tisch und einigen Stühlen lud zum Verweilen ein. Im Kasten und in der Truhe war genug Platz für unsere Wäsche.

Die Zwischenalm der Familie heißt Dumeins und liegt auf ca. 1800 Meter Seehöhe. Hier wird das Jungvieh ab November den ganzen Winter gehalten. Die noch höher gelegene Alm nennt man Kutschinatsch und liegt schon auf 2000 Meter.

Der 1. August ist der Nationalfeiertag der Schweizer. An vielen erhöhten Stellen wird das sogenannte „Augustfeuer“ entzündet. Wir hatten ordentlich zu tun, Holz und Äste zusammenzutragen, denn auch unser Feuer sollte weitum zu sehen sein. Nicht überall wird musiziert, gesungen und gelacht. Es gibt keinen feierlicheren Abschluss des Tages, als wenn in der Stille der Nacht ein Alphorn erklingt.

Der nächste Tag brachte einen längeren Fußmarsch. Wir waren von Dumeins schon weit entfernt, als wir unsere steilen abgegrenzten Almwiesen erreichten. Der fast 3000 Meter hohe Piz Beverin ragte in den blauen Himmel. Die Männer begannen mit ihrer Arbeit. In dieser Höhe ist die Vegetation nicht mehr so üppig, deshalb wird nur alle zwei Jahre gemäht. Im niedrigen Gras blühen vielerlei Blumen, wachsen duftende Kräuter. Es ist ein zartes würziges Heu, das die Kühe im Winter erhalten. Einmal pro Woche bekommen sie zusätzlich Rübenschnitzel.

Mutter und ich hatten den Grasschnitt gleichmäßig zu verteilen, das Futter sollte sobald als möglich unters Dach kommen. Neun Uhr war sicher schon vorbei, als wir uns alle eine Stärkung vergönnten. Vor Mittag sind wir hinüber, wo vorgestern gemäht wurde, um das schon gut getrocknete Gras nochmals zu wenden. Am späten Nachmittag wurde das Heu zusammengefasst, in Stoffplanen gepackt und auf einen Einachswagen verladen. Mit seiner großen Ladefläche konnte das gesamte Heu in einer Fuhre abtransportiert werden. Unser Pferd „Peppo“ schaffte die steinigen, schlechten Wege ohne Probleme bis zum Heustadl in Dumeins. Der Wagen war mit zwei Schleifbacken ausgerüstet, damit konnte er auch im steilsten Gelände gehalten werden.

Am Abend wollte ich mich noch nützlich machen und bat, ob ich das Pferd zum Brunnen führen dürfe. Peppo ging mit mir ganz ruhig bis zur Tränke und sog ordentlich vom kühlen Nass. Plötzlich stieg er mit den Vorderläufen in die Höhe, erschrocken ließ ich ihn los, und fort war er. Nach getaner Arbeit vergönnte er sich noch einen Auslauf. Ami (Abraham) und ein Sohn vom Nachbarn hatten mich beobachtet und waren bald hinter dem Tier her. Sie hatten einige Mühe, bis Peppo wieder eingefangen war. Dieses Ereignis ließ mich lange nicht einschlafen, und beschäftigte mich noch einige Zeit.

Das kommende Wochenende verhieß weiterhin schönes Wetter, und ich fand es sehr verlockend, den örtlichen Gipfel, den Piz Beverin mit seinen 2998 Metern, zu ersteigen. Am Sonntag haben Ami und ich ein reichlicheres Frühstück als sonst eingenommen, danach machten wir uns auf den Weg. Wir erreichten eine Hochfläche mit einer kleinen Hütte und Stallung, danach wurde der Steig am Ostabhang immer steiler, steiniger. Erste Schneereste fanden sich in Mulden. Es waren vielleicht nur mehr 200 Meter, als ich das Steinmandl am Gipfel ausnehmen konnte, da bin ich losgerannt. Ami vergönnte mir den Sieg.

Ami war bald bei mir und legte seinen Rucksack ab. Bevor wir uns mit Schwarzbrot und Käse stärkten, haben wir uns in das Gipfelbuch eingetragen. Er komme auch nur selten hier herauf, erzählte mir Ami, denn die Arbeit zu Hause sei genug Anstrengung. Auch vom Pflegevater hörte ich manchmal folgenden Spruch: „Ich liebe die Berge, bleibe aber im Tal“. Vater war nie ernstlich krank, er ist 74 Jahre alt geworden. Mutter ist bereits zwei Jahre vor ihm verstorben und zwar 1967.

Weitere Ferienaufenthalte folgten. Auch wenn ich mit dem Österreichischen Alpenverein im Winter in Sankt Moritz war, machte ich einen Besuch bei Abraham, seiner Frau Klara und ihren Kindern. Es ist ein unbeschreibliches Erlebnis diese Bergwelt im Winterkleid mit dem Zug zu durchfahren.

Ami und seine Klara besuchten uns mit ihrer jüngsten Tochter 1996 in Linz. Die Tochter wollte unbedingt Ruedi kennenlernen, der ihr von Bildern vertraut war. 2009 war ich mit meiner Poldi in Klosters bei Davos. Natürlich führte uns der Weg von dort zur Familie Gustin nach Donath. Es war ein freudiges Wiedersehen. Mit Stolz zeigten sie uns das neue Stallgebäude mit zugehörigem Milchraum.

Am Tag darauf waren wir auch bei Anna und Sepp Peretti-Gustin in Chur. Sie haben ein kleines Häuschen mit Garten, der liebevoll gepflegt wird und ihnen viel Freude bereitet. Beide sind noch rüstig und halten ihren Haushalt in Schuss. Anna hat 2011 ihren Achtziger gefeiert, ihr Mann wurde 2013 neunzig Jahre alt. 2013 konnte ich beiden leider nur brieflich, zur goldenen Hochzeit gratulieren.

Totalaufnahme eines kleineren Ortes umgeben von grünen Wiesen
Der Ort Donat in Graubünden (2007); Foto: wikipedia

Nachwort von Wilhelm Hartenthaler

Die Niederschrift der schönen Tage, die mein Bruder mit seinen Pflegeeltern und ihren Kindern verbringen durfte, soll dazu beitragen, dass diese Aktion der Nachbarschaftshilfe nicht ganz in Vergessenheit gerät. Vielleicht hat eine ähnliche Erzählung zur Gründung von „Nachbar in Not“ geführt. Diese Institution überschreitet nicht nur Grenzen, sondern erreicht inzwischen andere Kontinente.

Ich wollte einen Artikel über die Kinderverschickung aus den Linzer Tageszeitungen in die Dokumentation einfügen, leider gab es im Oktober und November 1945 keine Erwähnung. Wahlen und die Fußballmeisterschaft beherrschten die Schlagzeilen. Es gab keinen Bericht von der Rückkehr der Kinder im März 1946.

Auch über die großzügigen Hilfslieferungen aus der Schweiz war wenig zu lesen. Am 4. März 1946 erschien ein Artikel über das Schweizer Hilfswerk auf Seite 1 der OÖ Nachrichten. Die Kopie des Mikrofilms ist schlecht, deshalb hier der Text:

Schweizer Hilfswerk für Wien

Nach einer Mitteilung der „Schweizer Spende“ wurden schon im letzten Herbst Arzneimittel, sechs Ambulanzwagen und hochwertige Lebensmittel nach Wien gebracht. Anfang diese Jahres ist eine Delegation der „Schweizer Spende“ nach Wien entsandt worden, um eine Reihe von schweizerischen Hilfswerken durchzuführen. Bis jetzt wurden folgende Programmpunkte in Angriff genommen. Lebensmittelzubußen an die Heime für Kinder und Jugendliche, wobei etwa 4000 Kinder erfaßt werden, eine ansehnliche Menge von Nahrungsmitteln sind unterwegs und sollen es ermöglichen, die Schülerausspeisung in Niederösterreich und den Randgebieten der Stadt Wien weiterzuführen oder in Gang zu setzen. Die Kleinkinder der Stadt Wien von 1½ bis 3 Jahren sollen wöchentlich einen Liter Vollmilch und ein besonderes Stärkungsmittel erhalten. Eine Sendung von mehreren Waggons Kleidern und Wolldecken wird in diesen Tagen die Schweiz verlassen. Ferner sollen 200 tuberkulosekranke Erwachsene durch das Gesundheitsamt ausgewählt und in die Schweizer Sanatorien geschickt werden.

Aus anderen Quellen habe ich erfahren, dass 35525 österreichische Kinder bis 1948 unbeschwerte Ferien erleben konnten, die vom Schweizer Roten Kreuz organisiert wurden.

Danach setzten andere Hilfsorganisationen dieses Werk bis 1955 fort. Viele Länder haben sich daran beteiligt. So war unsere Cousine Trude in Silves in Portugal. Silves ist ein kleines verträumtes Städtchen mit einer mittelalterlichen Festungsanlage und liegt in den Bergen, nicht weit von der Atlantikküste der Algarve entfernt.

Der Schluss dieses Beitrags soll meinem Bruder, unserem "Schweizerkind", vorbehalten sein. Er konnte heuer eine schon lange geplante Reise in die Schweiz verwirklichen. Die Fahrt führte ihn nach Zermatt zum Matterhorn. Er benützte auch die Zahnradbahn zum Gornergrat. Die Bergstation liegt 3000 Meter hoch im Angesicht des gegenüberliegenden Matterhorns. Bei der Durchsicht seines Fotobuches eröffnete er mir seinen Herzenswunsch. Er möchte noch einmal in das Museum des Malers Giovanni Segantini in St. Moritz und anschließend die Familien von Abraham und Anna besuchen.

Linz, im November 2013

Informationen zum Artikel:

Auch ich bin ein Schweizerkind

Verfasst von Rudolf Hartenthaler, unterstützt durch Wilhelm Hartenthaler

Auf MSG publiziert im Dezember 2013

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Oberösterreich, Linz/Zentralraum, Linz / Schweiz, Graubünden, Donat; Buchs
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre

Anmerkungen

"Bitte schreib doch deine Erlebnisse auf, das wäre doch wert, in unsere Familiengeschichte aufgenommen zu werden." Nach dieser Aufforderung durch meinen jüngeren Bruder Willi habe ich mich gleich ans Werk gemacht. Im stillen Gedenken an meine Pflegeeltern und als Dank an ihre bereits hochbetagten Kinder.

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