Sie sind hier:
  1. Startseite >
  2. Lesen > Fleckerlteppich der Erinnerungen: 623 Beiträge

Am blauen Meer

von Otti Neumeier

Die Fünfzigerjahre waren die ersten nach dem Krieg, in denen es wieder Lebens- und Reiselust gab. Die Kinoproduktionen trugen dazu bei, indem sie uns in Filmen wie „Gitarren und das Meer“ eine Welt zeigten, die mit Meer, Palmen, Liebe und Klängen eine unglaubliche Faszination ausstrahlte. Auch wenn sich das alles nur am adriatischen Meer abspielte, für Menschen meiner Generation, die nur Krieg und Wiederaufbau erlebt hatten, war es phantastisch.

Einmal das Meer sehen, das war damals der große Traum. Malediven oder Kanarische Inseln, heute zu den üblichen Reisezielen zählende Destinationen, waren für uns so weit weg wie der Mond, wenn wir sie überhaupt kannten.

Opatija, das ehemalige österreichische Abbazia, war damals der Ort, der für uns Österreicher als nächster am Meer lag, und ich erlebte ihn zu Ostern im Jahre 1956. Den Luxus, den Opatjia vor dem jugoslawischen Tito-Regime geboten hatte, gab es nicht mehr, aber die Villen verströmten immer noch etwas vom alten k.u.k.-Zauber. Allerdings war das Meer nicht das Meer, das ich erträumte. Eingeengt von den steinigen Ufern der Kvarner Bucht hatte es nicht die Weite, die ich erwartet hatte.

So fuhr ich 1957, ich war 21 Jahre alt, an die Riviera. Allein das Wort Riviera ließ Träume aufstehen von Nizza, Monte Carlo, weiten Stränden mit Palmenalleen, aber natürlich reichte das Geld dafür nicht. Es wurde eine Autobusreise (beim Reisebüro Adria in der Burggasse Ecke Stiftgasse) nach Diano Marina an der italienischen Riviera gebucht, und unternehmungslustig und erwartungsvoll sah ich meiner ersten Italien-Fernreise entgegen.

Jung und fesch wie ich war, hatte sich gleich ein ebensolcher junger Mann neben mich gesetzt und flirtete drauflos, aber mir redete er etwas zu viel. Auf der langen Fahrt – wir schliefen in Genua und besichtigten es auch – lernte ich mein erstes italienisches Wort: „supercortemaggiore“, denn es stand auf vielen Tankstellen, und es war wunderbar, es sich zu merken und aussprechen zu können. [ http://www.motor-mania.org/supercortemaggiore/ ]

Besonders nett war der Buschauffeur, ein gemütlicher und sicherer Fahrer, der auf uns achtete wie auf seine Kinder. Außer mir gab es noch zwei Mädchen in meinem Alter, und wir fühlten uns bei ihm gut aufgehoben. Unser Ziel, Diano Marina, ist auch heute noch vielen Leuten erinnerlich, und es war genau das, was ich erträumte.

Das Hotel lag direkt am Strand, nach ein paar Schritten im Wasser musste man schon schwimmen und vor einem tat sich die Weite des Meeres auf, dass man die Erdkrümmung sehen konnte.

Beim Frühstück nutzte mir mein „supercortemaggiore“ überhaupt nichts, denn als die Kellnerin beim Frühstück nach dem ersten Kaffee mit einer Kanne umging und mich fragte „Anchora?“, verstand ich nichts. Sie war ebenso verzweifelt wie ich, denn sie sprach so viel deutsch wie ich italienisch. Als sie aber mit der Kanne zum Kaffeehäferl deutete, konnte ich es endlich lösen – sie fragte „Noch?“.

Grazie, buon giorno, buona sera waren die nächsten italienischen Wörter; meine Kenntnisse sollten sich später durch nähere Bekanntschaften mit Italienern noch vertiefen.

Dann gab es das erste Mal eine bisher unbekannte Speise. Spaghetti – wie man uns erklärte – mit Paradeissoße, aber dann gab es noch den würzigen und fein geraspelten Parmesan darüber und es entwickelte sich der köstliche Geschmack von Pasta. Eine unverwechselbare Speise, wenn auch schwierig zu genießen.

Nachdem nur Österreicher am Tisch saßen, hatten wir niemanden, dem wir hätten abschauen können, wie man das appetitlich isst. Die einen schlürften die Nudeln genussvoll einzeln auf, was keineswegs geräuschlos vor sich ging, die anderen wieder versuchten, vollgefüllte Gabeln in sich hineinzuschaufeln, tief gebeugt über den Teller, um nichts zu verlieren. Da der Mund dabei von roter Sauce verschmiert wurde, vermittelten sie den Eindruck blutiger Wilder. Es sollte noch viele Jahre dauern, bis Spaghetti, in welcher Form immer, zu den normalen Speisen in Wien zählten und manche essen sie noch immer wie die Wilden, statt sie fein säuberlich am Tellerrand oder mit einem Löffel zu kleinen Gabelportionen zusammenzurollen und zum Mund zu führen.

Frau im Bikini und weißem Hütchen, an Liegestuhl gelehnt
Auf dem ersten Italienurlaub an der Riviera (1957)
Informationen zum Artikel:

Am blauen Meer

Verfasst von Otti Neumeier

Auf MSG publiziert im Oktober 2013

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Italien, Norditalien, Diano Marina / Frankreich, Nizza; Monte Carlo
  • Zeit: 1956 bis 1957

Anmerkungen

Der Textbeitrag entstand in Zusammenhang mit dem lebensgeschichtlichen Gesprächskreis im Wien Museum, der im Herbst 2013 unter dem Motto "Wegfahren. Urlaub am Meer und anderswo" steht.

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.