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Templin im Winter

von Fred Wottitz

Templin kannte ich ja nur bei angenehmen Temperaturen und stellte es mir sehr romantisch vor, auch einmal im Winter dort zu sein. Meine kälteerprobte Mutter versuchte mir das aber immer auszureden. Sie meinte, um jemanden den Begriff trostlos zu erklären, bräuchte man nur zu dieser Jahreszeit in Templin sein.

Wann glauben Kinder schon ihren warnenden Eltern, ich tat das auch nicht. Ich kannte dort herrlichste Sonnen-, aber auch lang anhaltende Regentage, wo einem klar wurde, wieso es dort so viele Seen gibt. War sogar Zeitzeuge, als die berühmte Mauer gezogen wurde, was uns eine abenteuerliche Heimreise bescherte. Aber Templin im Winter, stellte ich mir traumhaft vor. Mein Lied „Die Stadt im weißen Kleid“, hatte ich vor meinem tatsächlichen Besuch zu dieser Jahreszeit geschrieben und vermittelte damit die Vorstellung, die ich vor meiner Anwesenheit zu diesem Zeitpunkt hatte.

Von unseren einst lustigen Wiener Silvesterfeiern animiert, die ich noch aus meiner Kinder- und Jugendzeit mit unserer Familie und der Familie meines Schwagers sowie anderen Besuchern bei uns zu Hause in Erinnerung hatte, wo mein Vater immer humoristisch zur Hochform auflief, wollte ich gerade dieses Fest einmal in Templin verbringen. Michaela, meine Frau, von meinen Visionen angesteckt, freute sich auch schon, und wir trafen am 30.12. bei unseren Templiner Bekannten ein.

Schon bei der Anreise vermittelte uns unser Auto, dass es draußen arktische Temperaturen gab, da der Heizungsregler immer mehr auf Maximum gestellt werden musste. Aber beim Tanzen im ehemaligen Seglerheim am Templiner Stadtsee, das jetzt nach der Wende eine private Gaststätte geworden war, würde es uns schon warm werden, war unsere Vermutung. Der Silvester rückte heran und wir setzten uns an einen Tisch, den unsere Bekannten für uns und einige andere Templiner Paare, reserviert hatten.

Die Namen bei der gegenseitigen Vorstellung sollten dann für lange Zeit die letzten Worte gewesen sein, die an diesem Tisch gewechselt wurden. Hätte mein Vis-à-vis-Partner uns bei der Ankunft am Tisch nicht die Hand gegeben, ich hätte ihn für eine gut geschnitzte Holzpuppe gehalten. Seine Frau zeigte sich ähnlich temperamentvoll, und so warteten wir auf die nächsten Ankömmlinge. Doch die schienen aus demselben Material geformt zu sein. Ihre Feststellung, dass es draußen kalt ist, zeigte zwar, dass sie sprechen konnten, am Tisch verfielen sie aber in die gleiche Starre, wie von unserem ersten Tischpaar schon eingenommen und bei Dornröschen so gut beschrieben.

Ich wollte mich nicht nur ständig mit Michaela unterhalten und wollte das Eis mit einem Witz brechen, passend zum Fischmenü. Mein Humor wird dem Tisch Leben einhauchen, war ich mir sicher. Ich startete: „Da fragt der Ober den gerade trinkenden Gast: ‚Wollen der Herr die Forelle blau essen?’, worauf dieser sagt: ‚Nein Sie können sie jetzt schon bringen.“ Stille! Dann fragt mein Gegenüber stocksteif: „Wann hat der Ober das gesagt?“

Nimmt er mich auf den Arm? Nein, offensichtlich weiß er nicht, dass Forelle blau eine Zubereitungsart ist, „blau“ aber auch einen Zustand bezeichnet, der nach zu starkem Alkoholgenuss eintritt. Ich will den Witz nicht länger erarbeiten und schleudere die nächste Pointe: „Ein Firmenchef kommt nervös ins Büro und fragt den Lehrling: ‚Ist was eingegangen?’, worauf dieser antwortet: ‚Ja die ganze Firma.’“ Alle schweigen.

Nun schaltet sich ein anderer Totgeglaubter ein und verkündet mit Trauermiene: „Ja, es sind schlimme Zeiten.“ Mir ist es, als ob seine Worte von Beethovens 5. Symphonie überlagert werden, verdränge diese Halluzination aber gleich wieder. „Ist das eine Verschwörung?“, kommt es mir in den Sinn. Die wollen mich fertigmachen. Das haben die verabredet.

Nun krame ich tiefer im Witzfundus. Mit dem nächsten Gag habe ich sogar schon Schweizer schlagartig zum Lachen gebracht, von denen mich mein Vater einst warnte, weil er bei einem Engagement in Zürich von dem Pfarrer gebeten wurde, samstags keine Witze mehr zu erzählen, da ihm die grübelnden Schweizer, stets am Sonntag die Messe verlachten. Ich lege los und erzähle über den Vaterschaftsprozess, wo der Richter die überraschend anwesende Mutter der Klägerin erstaunt fragt: „Haben sie auch eine Ladung erhalten?“ Diese erwidert rot werdend: „Nein, mich hat er nur geküsst!“

Mein animierendes, einsames Lachen wird schnell dünner in der betroffen wirkenden Schar. Höflich wartet die ganze Trauergemeinde ab, bis ich mein Lachen mit einem „Ha“ eingestellt habe, und analysiert dann die festgestellte unzusammenhängende Antwort der Zeugin. „Die Leute sind so unkonzentriert heutzutage“, stellt einer fest. Auch ich hab einmal erlebt, wie eine ältere Frau immer wieder Antworten gab, die nichts mit den Fragen zu tun hatten, bis dem Gesprächspartner die Geduld riss und er ihr wütend das Götzzitat empfahl, was sie mit dem Satz „Ja, das ist ohnehin das beste Nachtmahl“ auch wieder unzusammenhängend beantwortete. Nur, die war ja schwerhörig, wie sich später zu ihrer Entschuldigung herausstellte.

Nun muss ich lachen, während mich meine Tischnachbarn pikiert ansehen. „Wir werden auffallen im Lokal …“, scheinen mir ihre Blicke deuten zu wollen. Währenddessen hatte ein Diskjockey die Musikanlage zum Dröhnen gebracht – in einer Lautstärke, dass weitere Unterhaltungsversuche sich erübrigen. Er spielt eine Musik, die dem großteils mittelalterlichen Publikum überhaupt nicht konveniert. So tanzt er eben selbst vor Begeisterung, als Einziger auf der Tanzfläche zu den Urwaldklängen. Seine Verrenkungen würden im Dschungel die Tierwelt beeindrucken, aber er ist mir lieber, als das Wachsfigurenkabinett an meinem Tisch. Mühsam bringt ihn einer der Gäste zum Stehen, vermittelt ihm scheinbar, dass auch die anderen Gäste tanzen möchten, seine Musik dafür aber nicht tauglich sei.

Nun erklingt Heino, was mir den Satz „vom Regen in die Traufe“ in Erinnerung ruft. Wie blau der Enzian ist, ist mir bekannt. Auch wenn er es noch so oft wiederholt, blauer wird er nicht. Höchstens ich, der mit Alkoholika aller Art diesen quälenden Abend wegzuspülen versuche. Michaela, in bewährter Art meinen Trinkkonsum überwachend, fällt mir in den Arm. Ihr „Du hast schon genug“ zwingt mich, die Zeit bis Mitternacht bei vollem Bewusstsein durchzustehen. Dann prosten wir uns alle, die bekannten Glückwünsche leiernd, zum neuen Jahr zu und ich vermisse zum ersten Mal so richtig den Donauwalzer.

Bald darauf bewegen sich alle Richtung heim und ich entschuldige mich immer wieder bei meiner bereits im Himmel befindlichen Mutter, dass ich ihr nicht geglaubt habe. Sie hatte den Begriff trostlos offenbar nur gewählt, um mich mit der entsetzlichen Wahrheit nicht gar so schlimm zu konfrontieren. Die nächsten Tage rutsche ich bei extremem Glatteis noch durch die Gegend und lerne dabei das Templiner Pflaster näher kennen, als es mir lieb ist. In den Wohnungen wird bis 23 Uhr geheizt, dann verwandelt sich das Schlafzimmer in einen Iglu. So ziehen wir uns zum Schlafen an statt aus. Aber da ja tröstlicherweise alles einmal endet, rutschen wir mit unserem Auto einen Tag später wieder Richtung Wien.

In Dresden möchte ich tanken und schlittere beinahe eine Zapfsäule um, obwohl ich Schritttempo fahre. Kurz nach der Grenze, schon auf tschechischem Gebiet, ist es mittlerweile Nacht geworden und nun setzt auch noch starker Nebel ein. Durch den hohen Schnee auf der Straße, kann man nicht mehr erkennen, wo die Straße verläuft. Irgendwo tasten sich von Zeit zu Zeit – offensichtlich von Lastwägen stammende – Scheinwerfer heran, und wenn diese vorbeischrammen, weiß man, dass man scheinbar noch auf der Straße fährt. Es könnte aber auch sein, dass der eine oder andere LKW schon auf dem Feld gefahren ist.

Nach Prag endlich geräumte Autobahn. Nach flotter Fahrt, müssen wir die schöne Straße bei der Ausfahrt Richtung Znaim, leider wieder verlassen. Dünne Funzeln, die den Namen Straßenbeleuchtung nicht verdienen, geben zumindest so viel Licht, um zu zeigen, dass wir ab jetzt auf dem längsten Eislaufplatz der Erde fahren werden. Viele Zwangskorrekturen mit dem Lenkrad – trotz extrem langsamem Tempo – verhindern, dass wir mit dem oftmals bedrohlich näher kommenden Straßengraben und seinen Bäumen, näher Bekanntschaft machen.

Ein holländischer, endlos langer Lastwagenzug spielt mit uns ein schönes Spiel zur guten Nacht. Bei allen Kurven fährt er so, dass man nicht erkennen kann, ob er sich überhaupt noch bewegt. Auf den geraden Strecken dreht er dann auf, dass es nicht möglich ist, ihn bei diesen Wetterbedingungen zu überholen. Auf einem besonders langen, gut einsehbaren Straßenstück, schaffe ich es mit heulendem Motor dann doch, touchiere ihn bei diesem Manöver beinahe, dann verschwindet er, Gott sei Dank, hinter mir in der Nacht.

Wir treffen gegen vier Uhr morgens in Österreich ein. Trockene Straßen empfangen uns. Die Opposition hat die Regierung beleidigt und umgekehrt, erfahren wir aktuell aus dem Radio. Was uns ziemlich egal ist. Wir sind froh wieder daheim zu sein und von Templin im Winter, sind wir nachhaltig geheilt.

Informationen zum Artikel:

Templin im Winter

Verfasst von Fred Wottitz

Auf MSG publiziert im November 2013

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Deutschland, Brandenburg, Templin
  • Zeit: 1990er Jahre

Anmerkungen

Der Textbeitrag ist ein Ausschnitt aus Fred Wottitz' Erinnerungsbuch "Zwischen Nöten und Noten", S. 48-50, und wurde beim "Lesenachmittag" aus Anlass des Tagebuchtages 2013 am 7. November 2013 im Wien Museum Karlsplatz vorgetragen.

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