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"Bei den Hunden durfte nicht gespart werden..."

von Erika Schöffauer

Im Juli 1934, zu Beginn der Schulferien nach der vierten Klasse, fuhr ich zu meinem Vater und meiner Tante nach Klagenfurt. Es war geplant, dass ich nach den Ferien wieder zurückkehre und in Radenthein die Hauptschule besuche. Doch es kam anders: Nach den Ferien wollte ich nicht zurück, sondern bei meinem Vater in Klagenfurt bleiben.

In den nächsten zwei Jahren ereignete sich viel.

Vater bestritt damals seinen Lebensunterhalt mit der Dressur von Hunden. Er lebte alleine und dressierte Hunde für private Leute, für den Blindenverband, für die Finanzdirektion und auch für die Zollwache. Das waren schöne, liebe Hunde. Sie blieben, bis ihre Ausbildung abgeschlossen war, und das dauerte von zwei Monaten bis zu einem Jahr, wenn es sich um Blindenführer- oder Zollwachehunde handelte.

Zwei Hunde waren ganz besonders lieb, gescheit und schön. Ein Deutscher Schäfer, er hieß Alf. Er wurde für die Zollwache ausgebildet und kam auf den Loiblpass. Als Vater Alf nach etwa einem Jahr an seinen neuen Herrn übergeben musste, weinte nicht nur ich, sondern auch er.

Der zweite Hund, den ich besonders gern hatte, war eine Rottweiler-Hündin, sie hieß Freya. Als Vater sie von einem Bauernhof abholte, war sie so wild, dass sie auf alles lossprang, was sich bewegte. Mit viel Liebe gelang es, aus ihr eine hervorragende Blindenführerin zu machen.

Im September 1934 trat ich in der Klagenfurter Westschule in die erste Klasse Hauptschule ein. Vater und ich bewohnten in der Linsengasse 30 ein kleines Zimmer im dritten Stock. Im Sommer war das sehr schön, für Vater und mich reichte es, und die Miete war gering. Doch dann kam der Winter. Das Zimmer hatte keinen Ofen und es gab auch keinen Kamin, um einen Ofen anzuschließen. Ein elektrisches Gerät besaßen wir nicht, das wäre auch viel zu teuer gewesen. Wir froren sehr. Die Fenster waren dick mit Eis bedeckt, auf den Fensterscheiben blühten die schönsten Eisblumen. Ich tat meinem Vater sehr leid, aber wir hatten kein Geld für eine andere Wohnung.

Eines Tages besuchte uns meine Tante Liesi. Als sie sah, wie wir wohnten, nahm sie mich mit, und ich blieb bis zur warmen Jahreszeit bei ihr. Schließlich fand Vater ein Untermietzimmer, das wir uns leisten konnten. In diesem Zimmer gab es einen Kachelofen, so sahen wir dem nächsten Winter getrost entgegen.

Vater lernte eine Frau kennen. Sie war Kinderfrau bei Geschäftsleuten und hieß Frieda. Die Familie, bei der sie arbeitete, hatte mehrere Söhne, drei waren erwachsen, die beiden jüngeren, acht- und fünfjährig, betreute Frieda.

Frieda kam aus der Steiermark, aus Knittelfeld. Sie war eine große stattliche Frau, mein Vater war eher klein. Frieda ging mit den Kindern und einem Hund spazieren, und dieser Hund mag wohl Anlass zu einem Gespräch gewesen sein. Es handelte sich um eine Rasse, die man bei uns kaum sah, er war eher ein Hündchen als ein Hund.

Für mich begann eine schöne Zeit. Ich durfte mit den Kindern, bei denen Frieda Kinderfrau war, spielen und sogar in die Wohnung kommen. Das war nicht üblich, meistens erlaubten es die Arbeitgeber nicht, dass fremde Kinder mitgenommen werden.

Die Kinder reicher Leute hatten Spielsachen, auch Sportartikel, und dazu gehörten in Klagenfurt wegen der vielen Möglichkeiten zum Eislaufen natürlich Schlittschuhe samt den dazugehörenden Kleidungsstücken, bei den Mädchen das „Eiskleid“. In diesen wunderschönen Kleidern aus buntem Samt tanzten sie auf dem Eis im Lendkanal. Wir standen am Ufer, bestaunten und beneideten sie.

Frieda war zu mir lieb und nett. Ich mochte sie sehr. Einmal gingen wir in der Stadt spazieren und kamen bei dem Spielzeuggeschäft vorbei, in dessen Auslage eine Puppe stand, die ich schon oft angeschaut und mir gewünscht hatte. Die für mich aber, weil mein Vater sein Geld für unseren Lebensunterhalt und für die Hunde brauchte, unerreichbar war. Diese Puppe trug einen hellblauen Pyjama und war wunderschön. Sie kostete vierundzwanzig Schilling. Viel Geld im Jahr 1935!

Dann kam mein Geburtstag und Frieda schenkte mir dieses Wunderding. Meine Glückseligkeit kannte keine Grenzen und ich liebte Frieda noch mehr.

Vater und Frieda verliebten sich ineinander, und als sie schwanger war, beschlossen sie, eine Familie zu gründen.

Schließlich fanden sie eine Wohnung in der Villacherstraße. Zwei Zimmer, eine Küche, und es gab eine gute Unterbringungsmöglichkeit für die Hunde, was sehr wichtig war, weil die Hunde die Grundlage für unser Einkommen bildeten.

Frieda hatte ihren Posten als Kinderfrau aufgegeben. Es begann eine harmonische Zeit. Ich hatte ein Zuhause.

Was ich allerdings nicht mochte, war, dass ich zu Frieda „Mama“ sagen sollte. Es fiel mir schwer und deshalb sprach ich sie meistens nicht direkt an, was sie wiederum ärgerte. Am 8. Februar 1936 kam mein Halbbruder Karl zur Welt.

Vater holte auch meinen Bruder zu uns, weil er wollte, dass Kurt die Hauptschule besucht und nicht mit vierzehn Jahren von der mehrklassigen Volksschule in Weißenstein ins Berufsleben treten muss.

Kurt war darüber gar nicht froh. Er trennte sich sehr schwer von seiner gewohnten Umgebung, seinen Freunden, von den Tanten, dem Großvater und den Tieren. Es blieb ihm aber keine andere Wahl, als das zu tun, was andere wollten.

Nun waren wir plötzlich eine fünfköpfige Familie. Im Jahre 1936, bei der schlechten Wirtschaftslage war das keine Kleinigkeit, eher eine Katastrophe. Leider gab es zu dieser Zeit nicht mehr so viele Hunde zur Dressur, weil den Hundebesitzern das Geld fehlte und auch die staatlichen Stellen schränkten die Hundeausbildung ein. Dadurch hatten wir weniger Geld.

So schlich sich auch die Not immer mehr ein. Es war schwer, alle zu ernähren. Dieser Umstand führte wohl oder übel zu Unstimmigkeiten zwischen Vater und Frieda. Der Kampf ums tägliche Brot begann wieder.

Geld war oft nicht einmal für die notwendigsten Lebensmittel vorhanden. Zum Glück war der Greißler bereit, die Waren anschreiben zu lassen, weil er wusste, dass wir zahlten, sobald wir wieder Geld hatten.

Süßigkeiten für uns Kinder gab es so gut wie nie. Es war daher kein Wunder, dass ich mir eines Tages unerlaubt eine kleine Tafel Schokolade kaufte. Eine Geschichte, die ich nie vergessen werde.

Ich musste bei einem Fleischhauer in der Rosentalerstraße ein- oder zweimal wöchentlich Hundefutter holen.

Dorthin ging ich ungefähr eine Dreiviertelstunde. Für das Hundefutter bekam ich 60 Groschen mit. Mein Weg führte mich an einem Lebensmittelgeschäft vorbei, in dessen Auslage unter anderen Waren auch Schokolade lag. Eine kleine Tafel in rosarotem Papier mit blauer Schrift, “Manner-Schokolade“. Der Preis: 25 Groschen. Jedes Mal, wenn ich dort vorbeikam, stieg ich die zwei Stufen hinauf, schaute in die Auslage und jedes Mal rann mir bei diesem Anblick das Wasser im Mund zusammen, und doch ging ich immer wieder vorbei.

Eines Tages konnte ich aber nicht mehr widerstehen. Ich ging in das Geschäft und kaufte mir die Schokolade. Sie schmeckte wunderbar. Nun hatte ich aber nicht mehr das ganze Geld für das Hundefutter, daher bekam ich auch weniger.

Als ich heimkam, log ich. Ich sagte, dass mir der Fleischhauer weniger Hundefutter gegeben hätte. Aber das glaubte mir mein Vater nicht. Also beichtete ich. An diesem Tag bekam ich von meinem Vater das erste und auch das letzte Mal Schläge, und zwar mit einer Rute. Mein Vater begründete dies so: Er sagte, dass er mich nicht deshalb geschlagen habe, weil ich mir die Schokolade gekauft, sondern weil ich ihn angelogen hatte.

Ihm war dabei sicher nicht wohl zumute, denn er war ein herzensguter Mensch, der mir gerne mehr Schokolade gekauft hätte, wenn es möglich gewesen wäre. In der damaligen schweren Zeit war jeder Groschen eingeteilt, und bei den Hunden durfte nicht gespart werden, sie bildeten unsere Existenzgrundlage.

Informationen zum Artikel:

"Bei den Hunden durfte nicht gespart werden..."

Verfasst von Erika Schöffauer

Auf MSG publiziert im Mai 2014

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Kärnten, Klagenfurt
  • Zeit: 1934 bis 1936

Anmerkungen

Der Beitrag ist ein Ausschnitt aus Erika Schöffauers noch unvollendeter Autobiographie "Zeiten und Wege".

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