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Der Faschingsfriseur

von Paul Antony

Paul Antony als Faschingsfriseur auf dem Faschingszug, Waidhofen 1948
Der Faschingsfriseur-Faschingszug, Waidhofen an der Thaya 1948

Am 27. Feber 1948 gab es in Waidhofen den ersten Faschingszug nach dem Krieg, der vom Malermeister Walter Kopita organisiert wurde. 67 Gruppen zogen an den Tausenden Zuschauern vorbei. Zum Unterschied von heute, beteiligten sich fast nur Geschäfte und Betriebe der Stadt an dieser Veranstaltung. Auch der Salon Schulz, in dem ich beschäftigt war, machte mit und hatte auf einem Traktoranhänger die Einrichtungsgegenstände eines Friseurgeschäftes aufgestellt. Ein alter, hölzerner Herrendrehstuhl war mein Arbeitsbereich. Dafür hatte ich mir aus Sperrholz ein etwa 30 cm langes Rasiermesser gebastelt. Kurz bevor es losging, holte ich noch von der Konditorei Maxa einen Kübel mit Schlagschaum. Mutige Zuschauer wurden gebeten, doch auf dem Sessel Platz zu nehmen, um sich rasieren zu lassen.

Mit einem großen Umhang wurde die Kleidung der „Kunden“ vor Verschmutzung geschützt, denn zum Einseifen wurde ein Malerpinsel verwendet. Erst jetzt bemerkten die „Opfer“, dass sie keine Seife, sondern gezuckerten Schaum im Gesicht hatten. Dann wendete ich mich von dem Herrn ab, nahm mein Spezial-Rasiermesser und zeigte es den interessierten Zuschauern.

Als ich dann mit der Rasur beginnen wollte, war das nicht mehr möglich, denn der Kunde hatte in der Zwischenzeit rasch den meisten Schaum aufgegessen. Zum Gaudium der Zuseher musste ich wieder zur Malerbürste greifen und dem Mann neuerlich das süße Zeug ins Gesicht schmieren. Dieser Vorgang wiederholte sich mehrmals, so daß ich nur selten das Messer benützen konnte. Wenn ein Kunde genug geschleckt hatte und ich endlich zum Rasieren kam, wurde danach sein Gesicht mit viel Wasser gründlich gereinigt, und erst dann durfte er den Stuhl wieder verlassen. Jetzt wurde einfach ein anderer Zuschauer gebeten, doch hier Platz zu nehmen.

Der zweite Sessel auf dem Anhänger war ein Damenbedienungsplatz. Auf ihr saß unsere jüngste Mitarbeiterin. Sie trug eine Glatzenperücke, und auf ihrem Kopf wurde ein Haarwuchsmittel ausprobiert. Nachdem aus einer großen Flasche genügend Flüssigkeit verschüttet war, kam der Glatzkopf, um die Wirkung zu verstärken, unter eine Trockenhaube. Dieses alte Gerät hatte noch keinen Helm aus Plexiglas, sondern ein Blechgebläse. Darin war eine schon frisierte, blonde Kurzhaarperücke versteckt.

Während die Zuseher durch andere Aktivitäten abgelenkt wurden, zog die junge Kollegin vorsichtig diese Perücke über ihren Kopf. Nach dem Entfernen der Trockenhaube hatte das Madchen plötzlich eine tolle Lockenfrisur. Dadurch konnten wir beweisen, wie schnell unser Wunderhaarwuchsmittel gewirkt hatte. Natürlich musste für die nächste Vorführung alles wieder heimlich vorbereitet werden. Dann lief halt auf dem Herrensessel der große Schmäh, um die allgemeine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken.

In der Chronik der Stadt Waidhofen ist zu lesen, dass bereits am 8. März 1905 von den fünf Geselligkeitsvereinen ein Faschingszug veranstaltet wurde. Von den 270 teilnehmenden Personen waren 15 auf Pferden unterwegs. Auch 18 von Pferden gezogene Wägen weckten das Interesse der Zuschauer.

Informationen zum Artikel:

Der Faschingsfriseur

Verfasst von Paul Antony

Auf MSG publiziert im April 2009

In: Lebensgeschichtliche Fotorevue, Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Waldviertel, Waidhofen an der Thaya
  • Zeit: 1948

Anmerkungen

Der Beitrag wurde 2012 im Buch "Waidhofner Stadtgeschichten" von Paul und Günter Antony veröffentlicht (S. 172 f.)

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