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"Auf dem Foto sehe ich glücklich aus..."

von Helma Bellak

Eine Frau sitzt auf einem Stuhl, auf dem Schoß hat sie ein kleines Hündchen. Daneben steht ein Mädchen in Bubenkleidern

Das Foto vom alten Hof in der Goldschlagstraße will ich beschreiben, auf dem ich als Fünfjährige mit Mutter und Hündchen zu sehen bin. Ich weiß, dass dieses Haus, wo ich zweiundzwanzig Jahre gewohnt habe, vor Kurzem generalsaniert wurde. Es gibt jetzt einen Dachgarten und unsere Zimmer-Küche-Wohnung mit Wasser und Klo am Gang hat einen Durchgang in den Hof, der noch mit den gleichen Pflastersteinen belegt ist wie damals.

Jetzt steht dort ein Radständer, wo meine Mutter - sie wäre heute 114 Jahre alt und ist schon 36 Jahre tot - auf einem Küchensessel sitzt, mit einem kleinen Hündchen auf dem Schoß. Die Rasse ist noch nicht zu erkennen, aber junge Tiere sind ja fast immer lieb.

Ich steh daneben, als Bub verkleidet, mit Lederhose, Bauernjankerl, Hemd, Krawatte, Sandalen und einer Pagenfrisur. Mein Haar ist halbdunkel und dicht. Meine Mutter trägt ein beigefarbenes Hauskleid. Es ist ein Schwarz-Weiß-Foto – Farbfotos gab es im Jahr 1925 sicher nicht.

Im Hintergrund ist ein verglastes Tor mit bunten Scheiben, das Hündchen war weiß-braun – es ist bei uns jedoch nicht alt geworden. Ich erinnere mich an die Katzen, die ich hatte, aber mein Vater war kein Tierfreund, und so sind Haustiere nicht alt geworden bei uns. Außer einem Vogerl, eine Grasmücke, die sehr schön gesungen hat. Aber sie hat mir leid getan, und ich habe sie bald am Ottakringer Friedhof freigelassen.

Warum man mich als Knaben verkleidet hat, weiß ich nicht. Mein Vater hat nie von einem Stammhalter gesprochen. Also, für die Knabenkleider hätte man, genau gerechnet - was damals üblich war - auch ein Tier füttern können!

Sicher habe ich um das Hunderl geweint. Auf dem Foto sehe ich glücklich aus. Meine Kindheit war auch problemlos. Mein Vater hat mich tanzen gelehrt, und wir haben auch zu dritt gesungen.

Einmal habe ich auf diesem Foto die Mutter weggeschnitten – warum, weiß ich nicht mehr –, aber es hat sicher mehrere Gründe dafür gegeben. Darum ist es nicht leicht, nach so vielen Jahren ohne Emotionen ein Bild zu beschreiben. Was da nach 85 Jahren an Erinnerung und Emotionen wach wird, könnte ein Buch oder einen Film füllen.

Soll man seine knappe Zeit mit dem alten Müll belasten? Oder soll man das kleine Mädchen in Hosen lieb finden? In dem Haus wohnen jetzt zu 95 Prozent Ausländer, die würden sicher den Kopf schütteln über ein Mädchen in Bubenkleidern. So ändern sich die Zeiten: Heute gehen schon 90 Prozent der Mädchen in Hosen, Hunde haben einen hohen Stellenwert, und wir haben im Jahr 2009 schon seit vielen Jahrzehnten Farbfotos.

Informationen zum Artikel:

"Auf dem Foto sehe ich glücklich aus..."

Verfasst von Helma Bellak

Auf MSG publiziert im Juni 2009

In: Lebensgeschichtliche Fotorevue

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 15. Bezirk, Goldschlagstraße
  • Zeit: 1925, 2009

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