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Dollfuß in Wolfpassing

von Toni Distelberger

Bundeskanzler Engelbert Dollfuß bei einem Empfang mit einer größeren Gruppe von Herren

Diese Photo-Postkarte ist datiert auf: Steinakirchen a. Forst 8. X. 33

Auf diesem Bild sind fast ausschließlich Männer zu sehen. Nur aus zufälligen Lücken blicken Frauengesichter durch das Spalier der Honoratioren des Marktes Steinakirchen, die aufmarschiert sind, um den Bundeskanzler zu begrüßen. Die hohe Geistlichkeit, Bürgermeister, Gendarmeriekommandant, Apotheker, Lehrer, Großbauern umringen den kleingewachsenen Mann, der, weltmännisch gekleidet, seinen eleganten grauen Hut in der rechten, seine Handschuhe in der linken Hand hält. In der zweiten Reihe hinter dem Polizeioffizier ein Block von Männern mit den Tschakos einer Militärkapelle. Es handelt sich um die Blasmusik von Steinakirchen.

Unter ihnen, einem kleingewachsenen Greis mit weißem Spitzbart über die Schulter gebeugt, zwischen Dollfuß und dem feisten Polizisten mein Großonkel Franz aus Götzwang. Die Klarinette zum Ansatz erhoben, lauscht er der Ansprache des Redners. Er war zweiunddreißig Jahre alt und gehörte damals zu den unverheirateten Habenichtsen des bäuerlichen Milieus. Sein ganzes bisheriges Leben hatte er als weitgehend mittelloser Knecht seines Bruders Josef auf dem Hof Pfefferreith verbracht. Seine Mutter hatte er nicht gekannt, an den Vater nur eine blasse Erinnerung. Franz war als Waisenknabe aufgewachsen, dessen Schicksal in der Hand seiner älteren Brüder zu liegen schien. Geld hatte er von ihnen keines zu erwarten, und auch der Versuch seines Bruders Michael, vor dem Krieg den kleinen Bruder nach Seitenstetten zu schicken, war abgebrochen worden. Noch nicht lange arbeitete Franz auf eigene Rechnung, um sich mit dem Verdienst im Lagerhaus das heruntergekommene Häuschen in Götzwang leisten zu können, auf das er verbissen sparte. Beim Aufmarsch für Dollfuß zeigt Franz den etwas verhärmten und leidenden Gesichtsausdruck, der ihn auch auf allen späteren Aufnahmen kennzeichnet. Sein verwachsener Rücken und die missgestalteten Zehen, von zu kleinen Schuhen, mit denen er als Kind in die Schule geschickt wurde, haben ihm das Einrücken im Zweiten Weltkrieg erspart.

Welcher Zweck führte Dollfuß nach Steinakirchen, in feines bürgerliches Tuch gekleidet, wie für den Empfang eines Diplomaten? Ferien gönnte sich der umstrittene Staatsmann beim christlichsozialen Bürgermeister von Lunz, Anselm Fallmann. Ein Jahr nach der Ermordung des Kanzlers führt der Musikant aus der zweiten Reihe, mein Großonkel Franz, die Tochter des Lohgerbers Anselm Fallmann aus Lunz an den Altar.

Durch Aufkäufe und Zusammenlegungen mehrerer Grundherrschaften entstand im Kleinen Erlauftal zwischen Reinsberg-Wang und Weinzierl-Wieselburg in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Privatreich der Familie Habsburg. Auch nach der Grundbefreiung von 1848 hielt der Einfluss des Kaiserhauses auf die Region an, da die Familie bis zum Jahr 1918 großer Waldbesitzer war. Vielleicht erklärt die langjährige Nähe der Menschen im Kleinen Erlauftal zum Herrscherhaus auch den Stellenwert von Treue zu Religion und Monarchie in ihrem Leben. Diese Orientierung auf die zentralen Werte des untergegangenen Reiches brachte die Bauern in Opposition zu den Leitideen der jungen Ersten Republik.

Friedrich Schragl schreibt in seiner Geschichte der Pfarre Steinakirchen auf der Seite 83:

„In den nächsten Jahren [ab der Mitte der Zwanziger Jahre] setzten sich immer mehr bewußt christliche Männer als Bürgermeister in den einzelnen Gemeinden durch.“

Er meint damit Christlichsoziale, die sich zunehmend radikalisierten und eine härtere Gangart gegenüber der Sozialdemokratie befürworteten. Der als Gastwirt vermutlich deutschnational oder großdeutsch gesinnte (?) Langzeitbürgermeister Anton Aigner wurde in den Jahren 1931–1938 vom christlichsozialen Bürgermeister Josef Eppensteiner aus dem Amt gedrängt, in dessen erster Amtsperiode der Marktplatz von Steinakirchen in „Engelbert-Dollfuß-Platz“ umbenannt wurde. Josef Eppensteiner war von Beruf Oberverwalter des Lagerhauses (Landwirtschaftliche Genossenschaft) von Steinakirchen, das seit 1923 als Filiale der Landwirtschaflichen Genossenschaft Pöchlarn bestanden hatte, und nach der Gründungsversammlung vom 9. Jänner 1927 eigenständig betrieben wurde. Bei der Gründungsversammlung waren auch der christlichsoziale Landeshauptmann von Niederösterreich, Josef Reither, und Kammeramtsdirektor Engelbert Dollfuß anwesend. Josef Eppensteiner war von 1923 bis 1927 der Filialleiter und von 1927 bis 1969 Geschäftsführer des Lagerhauses und damit langjähriger Vorgesetzter seines Mitarbeiters Franz Distelberger.

Eine weitere bemerkenswerte politische Karriere nahm ihren Ausgang in den frühen Zwanzigerjahren in jener bäuerlichen Gemeinde, die das organisatorische Zentrum des bewaffneten bäuerlichen Widerstandes gegen die Interventionen der Volkswehr aus Wieselburg und Purgstall in der Pfarre Steinakirchen im April 1919 bildete, in Außerochsenbach. Eine Person, die Friedrich Schragl als kämpferischen Agitator der bäuerlichen Jugend erwähnt, ist Karl Etlinger aus Altenhof in Außerochsenbach. Er wurde im Jahr 1921 Diözesanobmann der christlich deutschen Burschenschaft. Zum 16. November 1925 verzeichnete Dechant Ignaz Trimmel auf Seite 96 der Pfarrchronik von Steinakirchen

die Trauung des Bürgermeisters und Diözesanobmannes des katholischen Burschenvereines der Diözese Herrn Karl Etlinger vom Knötzlhofgute in Altenhof mit Fräulein Anna Jungwirth aus Thurhofglasen“,

versehen mit allen Details der Hochzeit. Daran schließt sich eine ausgedehnte Eloge über das verdienstvolle Wirken des Bräutigams aus der Feder des Pfarrers an. Karl war zum Zeitpunkt seiner Hochzeit schon seinem Vater Leopold Etlinger als Bürgermeister von Außerochsenbach nachgefolgt. Karl Etlinger muss, um diese Ehren zu erwerben, als Repräsentant der bäuerlichen Jugend schon vor seinem Aufstieg zum Diözesanobmann durch entschiedenes und politisches Eintreten für die Sache des Christentums auf sich aufmerksam gemacht haben.

Der Bürgermeister Karl Etlinger, der inzwischen zum Landtagsabgeordneten avanciert war, wurde im Jahr 1938 durch den Nationalsozialisten Josef Lothspieler abgelöst, dessen Nachfolger im Jahr 1945 wieder Karl Etlinger hieß. Karl Etlinger war von 1926 bis 1938 und von 1945 bis 1959 Bürgermeister der Gemeinde Außerochsenbach. Er wurde in der Nachkriegszeit außerdem Bundesrat. Nachdem Engelbert Dollfuß am 8. Oktober 1933 in Steinakirchen empfangen worden war, an einem Dankgottesdienst für die Errettung vor dem Attentat des Nationalsozialisten Robert Dertil am 3. Oktober 1933 teilgenommen hatte und ihm die Mitteilung überbracht wurde, alle zwölf Gemeinden der Pfarre hätten ihn zum Ehrenbürger ernannt, besuchte er am darauffolgenden 9. Oktober seinen „Freund L.Abg.Etlinger auf seinem Anwesen in Altenhof“, wie der Chronikführer Dechant Ignaz Trimmel stolz auf Seite 182 der Pfarrchronik vermeldet.

Der frischgebackene Jurist und Weltkriegsveteran Dr. Engelbert Dollfuß mit biographisch bäuerlichen Wurzeln in Kirnberg an der Mank hatte mit Josef Zwetzbacher und Josef Sturm vorher in Süddeutschland das dortige Kammernsystem studiert und war maßgeblich an der Ausarbeitung des niederösterreichischen Kammergesetzes beteiligt. Josef Zwetzbacher hatte als christlichsozialer Landesrat in der ersten provisorischen Landesregierung des noch vereinten Bundeslandes Wien/Niederösterreich im April 1919 Krisenmanagement betrieben, war mit der militärisch siegreich gewesenen Volkswehr in Purgstall in Verhandlung getreten und hatte die Freilassung der bäuerlichen Geiseln und Rädelsführer des Bauernaufstandes in der Pfarre Steinakirchen erreicht, ohne der Volkswehr dabei ein relevantes Zugeständnis zu machen. Dollfuß wurde Kammersekretär, stieg 1927 zum Kammeramtsdirektor auf und löste sich damit aus dem Schatten seines ehemaligen Förderers Zwetzbacher. Dass Zwetzbacher leiblicher Vater und Erzeuger von Dollfuß gewesen sein soll, wie Anfang der Dreißigerjahre das Gerücht ging, entbehrt vermutlich jeder Grundlage und stellt eine typische moderne Sage dar, die jedem Prominenten, dessen Geburt im Dunkeln liegt, einen ebenso Prominenten als Vater zur Seite stellen möchte.

Der Popularität von Dollfuß in der Pfarre Steinakirchen kamen auch seine privaten und politischen Netzwerke im Kleinen Erlauftal zugute. Der Kanzler war mit dem Leiter der „Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt für Milchwirtschaft“ (Molkerei, Molkereischule und staatliches Gut in Wolfpassing), Dr. Anton List, sowie dem Bürgermeister von Ochsenbach und Landtagsabgeordneten, Karl Etlinger, befreundet. Bei List verbrachte er mehrere Urlaube. An zumindest einem dieser Privatbesuche befand sich Dollfuß in Begleitung seiner Familie. Eine Aufnahme in der von Gudula Walterskirchen verfassten Biographie zeigt die gesamte Familie Dollfuß bei ihrem Aufenthalt in Wolfpassing.

Für Dollfuß, der nach dem Verbot der NSDAP und der blutigen Niederschlagung des Republikanischen Schutzbundes in das Fadenkreuz der Nationalsozialisten geraten war, war Wolfpassing ein Ort der Sicherheit und Stabilität. Das vertraute soziale Milieu bot ihm emotionalen Rückhalt. Bei seinem „Erholungsurlaub“ nach dem überstandenen Revolverattentat vom 3. Oktober 1933 verknüpfte er private Termine und offizielle Empfänge. Dechant Ignaz Trimmel vermerkte diese Besuche des Kanzlers bei dessen Freunden List und Etlinger in der Pfarrchronik, so auch den 8. Oktober 1933, als Dollfuß mit Pomp und Gloria in Steinakirchen empfangen und ihm die Ehrenbürgerschaft aller Gemeinden der Pfarre angetragen wurde. Der Eintrag im Memorabilienbuch der Pfarre Steinakirchen am Forst, der Pfarrchronik des Dechanten Ignaz Trimmel, beschreibt auf Seite 181 den Empfang von Dollfuß in Steinakirchen:

3. 10. [1933] Mehr als einmal war während der Kanzlerschaft Dr. Dollfuß von ernsten Attentaten die Rede; an diesem Tage wurde tatsächlich gegen ihn aus nächster Nähe ein Revolverattentat in Wien verübt [durch den Nationalsozialisten Robert Dertil], bei dem aber wie durch ein Wunder nur ganz geringfügige Verletzungen am Arme und in der Herzgegend dem Kanzler zugefügt wurden. Er konnte in häuslicher Pflege (Stallburggasse) verbleiben, und nahm sogleich am Samstag nachmittag [7.Oktober] einen kurzen Erholungsurlaub, den er in Wolfpassing zubrachte [bei Dr. Anton List, seinem persönlichen Freund und Direktor der 'Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt für Milchwirtschaft' seit 1930]

8. 10. [1933] Schnell hatte sich die Kunde verbreitet, dass Bundeskanzler Dr. Dollfuß Sonntag nach Steinakirchen kommen werde, um an einem anlässlich seiner glücklichen Errettung aus Todesgefahr [Revolverattentat vom 3. Oktober] stattfindenden Dankgottesdienste teilzunehmen. Sonntag früh prangte der ganze Markt im Schmucke der österreichischen Farben, die Kirche war festlich geschmückt, der Hochaltar leuchtete im Farbenspiel frischer Dahlien und Astern; eine große Menschenmenge fand sich auf dem Hauptplatze ein. Monsignore [Dechant Ignaz] Trimmel und Bürgermeister [Josef] Eppensteiner [gleichzeitig Leiter des 'Lagerhauses'] begrüßten ihn im Namen des ganzen Pfarrsprengels mit seinen 12 Ortgemeinden, zuvor hatte Bezirkshauptmann Hofrat Obentraut für den politischen Bezirk Scheibbs die Meldung erstattet. Bürgermeister Eppensteiner beglückwünschte den Kanzler zu dem guten Ausgang des verabscheuungswürdigen Attentates und machte ihm die Mitteilung, daß alle 12 Gemeinden der Pfarre und die Gemeinde Marbach bei Wieselburg ihn zum Ehrenbürger ernannt haben. Sodann begrüßte Landtagsabgeordneter [Karl] Etlinger den Kanzler und versicherte ihn der unentwegten Treue der Bevölkerung. Der Kanzler dankte in markigen Worten für die herzliche Begrüßung und für die Ehrung, die er von den Gemeinden erfahren und kam auf die Untat vom 3.10 zu sprechen, die sicherlich das Gute haben werde, daß viele, die bisher abseits standen, zu ihrer Heimat zurückfinden und in Liebe zu Österreich zusammenstehen werden. Nach den üblichen Vorstellungen der Bürgermeister und Gemeinderäte, der Lehrkräfte von Steinakirchen und Wang, der Hauptleute der Feuerwehren, der Veteranen und militärischen Formationen, der sonstigen Vereine, der Funktionäre der Raiffeisenkasse und der landwirtschaftlichen Genossenschaft durch Hofrat Bezirkshauptmann Obentraut begab sich der Kanzler mit seiner Begleitung in die Kirche zur Heiligen Messe, der eine Predigt des Ortspfarrers vorausging. Nach dem Gottesdienste fuhr der Kanzler nach Kirnberg an der Mank, in seine Heimat, wo er gleichfalls in einer vaterländischen Kundgebung sprach und versicherte, Ruhe und Frieden im Staate, die politische Freiheit und wirtschaftliche Unabhängigkeit Österreichs zu erhalten.
Sonntag abend brachte der christlich-deutsche Turnverein Steinakirchen mit Hubertendorf im großen Wirtschaftshofe Wolfpassing dem Kanzler ein gut zusammengestelltes Ständchen dar.

Am folgenden Montage besuchte der Bundeskanzler mit Dr. List seinen Freund, Landtagsabgeordneter Etlinger auf seinem Anwesen in Altenhof, wo sich auch [Franz] Sonnleitner aus Schönedt, [Josef ] Jungwirth aus Thurhofglasen, und der Nachbar 'Rosenteufl' einfanden.

Informationen zum Artikel:

Dollfuß in Wolfpassing

Verfasst von Toni Distelberger

Auf MSG publiziert im September 2011

In: Lebensgeschichtliche Fotorevue

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Mostviertel, Wolfpassing, Steinakirchen, Pyhrafeld
  • Zeit: 1930er Jahre

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