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Das Foto

von Peter Paul Wiplinger

Kinderporträt eines Mädchens in weißem Kleid und mit langen Haaren
Rosa Wiplinger, geb. Jäger, um 1900

Vor mir liegt ein Foto, genauer gesagt: ein Reprofoto; also ein Bild von einem Bild, wie man ein solches früher in einem Fotoatelier mittels eines ziemlich aufwendigen Verfahrens herstellen lassen mußte, während man es heute aber in irgendeinem Fotoshop mittels Digitalisierung in Minutenschnelle erhält, in erstaunlich guter Qualität. Das vor mir liegende Foto habe ich noch selbst von einem Original im Reproverfahren angefertigt, vor mehr als zwanzig Jahren.

In der linken oberen Ecke sieht man noch meinen Zeigefinger, der das Original auf die Unterlage gedrückt hat. Dann habe ich, nachdem die Re-provorlage ausgeleuchtet war, auf den Auslöser der auf ein Stativ montierten Kamera gedrückt und so ein zweites Foto angefertigt; eben dieses, das nun vor mir liegt. Wo sich das Original befindet und wem ich es zurückgegeben habe, weiß ich nicht mehr.

Das Foto ist klein, hat die Maße 8 mal 11,5 Zentimeter. Das wiedergegebene Bild ist an der Längsseite, dort wo mein Finger mit verewigt ist, noch etwas schmäler. Das Reprofoto ist materialmäßig von geringer Qualität – also kein aufwendiges Fotopapier, sondern Industrieware – aber in der fotografischen Wiedergabe ganz gut; meinem technischen^ Können als Amateur-Reprofotograf entsprechend. Auf der Rückseite ist das Datum der Anfertigung des Fotos vermerkt: 21. 12. 77 steht auf dem weißen Fotopapier.

Mitten durch das Bild verläuft die Spur eines feinen Risses im Original, der nur oberflächlich und nicht fachgerecht repariert und auch nicht retuschiert wurde. Das Original war - so wie bei vielen alten Fotos aus dieser Zeit - aus dickem Karton, der mit der Zeit brüchig und dann durch eine Unachtsamkeit in der Mitte geknickt worden war. Vielleicht hat jemand das Bild über längere Zeit mit sich getragen und dabei beschädigt.

Am unteren Rand sieht man - abgeschnitten beim Vorgang der Reprofotografie – Fragmente einer Beschriftung, die vielleicht die auf dem Foto dargestellte Person benennt oder einen Hinweis auf den Ort gibt, an dem diese Aufnahme gemacht wurde; vielleicht auch in welchem Fotoatelier. Drei Buchstaben in schwungvoller Druckschrift sind mit Mühe erkennbar; lesbar oder einem Wort eindeutig zuzuordnen sind sie allerdings nicht. Das Wort „Bad" könnte mit den drei Buchstaben geschrieben sein. Um welches Bad es sich allerdings handeln könnte, das wäre nur auf dem Originalfoto ersichtlich. Die Unkenntnis verfuhrt zum Raten, zu einem Schritt in die Ungewißheit, in der wir verbleiben.

Die Fotoaufnahme wurde in einem Fotoatelier - damals sicher nur in einer größeren Stadt - gemacht. Man ersieht das aus der Dekoration, aus den Requisiten, die im Bild sind. Da ist ein etwas eigenartiger, dekorativer Holzstuhl aus zusammengefügtem Holzgestänge, ähnlich einem Garten- oder BalkonstuhL Sitzfläche und Lehne sind mit folkloristisch besticktem, hellen Webstoff tapeziert. Eine Reihe von Quasten vermittelt ein orientalisch anmutendes Aussehen. Der Stuhl könnte aus der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts stammen, als das Orientalisch-Dekorative bei Tapeten, Vorhängen, Latnpen, Möbeln, Polstern usw. in Mode war. Vom rechten Bildrand hängt ein Tuch als dekorative Drapierung in das Bild herein. Den Boden bedeckt ein gemusterter Teppich.

In der Bildmitte steht die fotografierte Person: ein kleines, drei oder vier Jahre altes Mädchen. Es hat ein hübsches, vielleicht weißes oder naturfar-benes Baumwollkleidchen an, das bis zur Mitte seiner Waden reicht. Von da ab sieht man schwarze Schnürstiefelchen. Vielleicht sind es aber auch hohe Schnürschuhe und schwarze Strümpfe. Die Schuhe sind schon etwas abgetragen, doch sauber geputzt. Das Kleidchen ist an der Taille beim Bund zu vielen eingenähten Falten gerafft. Ebenso ist es eine Handbreit oberhalb des Rockendes sehr schön mit drei eingenähten Überschlägen abgestuft. Die kurzen Pufifärmeln sind an den Oberarmen aufgebauscht, schließen am Ende mit einer eingezogenen Kordel und mit gehäkelten Halbrundspitzen zum Schmuck ab. Das Kleidchen ist hochgeschlossen bis zürn Hals, jedoch mit einem Schlitz vorne an der Brust herab einige Fingerbreit zu einem V-Ausschnitt geöffnet. Um den Hals unterhalb des Kleides und in den V-Ausschnitt hineingesteckt trägt das kleine Mädchen ein vielleicht rot besticktes, weißfarbenes Halstuch. Das Kleidchen ist frisch gewaschen, gestärkt und gebügelt.

Das kleine Mädchen sieht fast wie ein erwachsenes Mädchen aus, das sich herausgeputzt hat für den Kirchtag und zum Tanz, Die dichten, wahrscheinlich bräunlichen Haare sind gekämmt und fallen - sorgfältig hinter die Ohren zurückgesteckt - bis über die Schultern herab. Eine große schwarze Masche scheint in die Enden der Haare geflochten zu sein; sie ist teilweise am Rücken an der Taille sichtbar. Die Gesichtszüge sind ebenmäßig und schön. Das Mädchen steht seitlich zur Kamera, wendet aber sein Gesicht dieser zu und sieht den Fotografen bzw. somit dann den Betrachter des Bildes ohne Scheu, ganz offen mit einem ernsten, irgendwie fragenden Blick aus großen, dunklen Augen an. Das Mädchen wirkt sehr erwachsen. Nichts Kindliches ist da zu sehen und zu spüren. Es hat schon die Ausstrahlung einer reifen, wenn auch eben kindhaften Persönlichkeit. Nur die etwas dicken Patschhändchen, von denen man eines sieht, sind die eines kleinen Kindes. Die linke Hand ist behutsam auf das Federnkleid einer weißen Taube gelegt, die auf der Sitzfläche des Sessels steht.

Ob es sich bei dieser Taube um ein ausgestopftes, totes Tier oder um ein noch lebendes, zahmes Tier handelt, das vielleicht dem Mädchen gehört und sein geliebtes Haustier ist, kann ich aus dem Foto nicht erkennen. Mädchen und Tier scheinen aber miteinander irgendwie vertraut zu sein. Denn nichts Fremdes ist zwischen ihnen. Alles auf diesem Bild wirkt,wenngleich angeordnet, so doch nicht gekünstelt. Das kleine Mädchen strahlt Selbstbewußtsein aus, wache Aufmerksamkeit und einen großen Ernst. Alles an ihm ist voll Anmut und Schönheit.

Immer schon hat mir dieses Bild sehr gefallen; die Anmut dieses Mädchens, seine dunklen Augen, der große Ernst, der fragende Blick. Dieses Kinderbild ist anders als so viele Kinderbilder, die man sonst kennt. Immer habe ich mich gefragt, wie dieses kleine Mädchen wirklich war, was es gedacht und gefühlt hat; wie seine Sprache gewesen sein mag; was es gefragt und erzählt hat; worüber es sich gefreut und was es traurig gemacht hat; ob dieses Mädchen zornig sein konnte oder ob es immer so sanft war, wie es auf diesem Bild aussieht. Immer wollte ich wissen, wo und wie dieses kleine Mädchen gelebt hat. Und wie es dann war, als es älter geworden ist, zur Schule ging, dann vielleicht in eine Lehre; wie es war, als es erwachsen wurde, ein großes Mädchen; wie es war, als sich dieses Mädchen dann verliebt hat. All das, was aus diesem Mädchen geworden ist, scheint mir schon damals in ihm festgelegt gewesen zu sein. Eine starke Persönlichkeit sehe und spüre ich hier aus dem Bild; auch eine gewollte Abgrenzung, eine gewisse Distanz zu allem, was es umgibt.

Durch eine Lupe betrachte ich das vor mir liegende Bild. Mein Blick trifft jenen des kleinen Mädchens. Unsere Blicke begegnen einander durch das dicke Glas, mehr als hundert Jahre nachdem dieses kleine Mädchen in die Kamera geschaut hat. Ich sehe dem kleinen Mädchen lange in die Augen. Ich kenne diese Augen gut. Sie haben mich oft fragend oder auch besorgt angeschaut. Es sind Augen, die ich liebe. Es sind die Augen meiner Mutter.

Informationen zum Artikel:

Das Foto

Verfasst von Peter Paul Wiplinger

Auf MSG publiziert im Februar 2012

In: Lebensgeschichtliche Fotorevue, Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Oberösterreich
  • Zeit: 1900er Jahre, 1970er Jahre, 2000er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag stellt eine Erzählung aus dem Buch "Lebensbilder. Geschichten aus der Erinnerung" von Peter Paul Wiplinger vor, erschienen im der Edition der Heimat - Verlag Franz Steinmaßl 2003, S. 212-215.

© Buchverlag Franz Steinmaßl

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