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Das Meer und der Krieg

von Franz Breiter

Ein Strand am Atlantik; zwei Männer stehen nebeneinander, haben sich gegenseitig die Arme um die Schultern gelegt; im Sand stehen ihre Uniformstiefel.

Dieses Bild aus dem Jahr 1941 zeigt mich mit einem Kriegskameraden aus Ostpreußen bei einem Bad im Atlantik an der Küste der Normandie. Wir waren seit September 1940 auf einem Fliegerhorst in der Nähe der Stadt Caen, etwa 12 km landeinwärts, stationiert und hatten als technisches Personal die Flugzeuge der Deutschen Luftwaffe zu „betreuen“. In der dienstfreien Zeit hatten wir im Sommer manchmal Gelegenheit, zur Küste hinauszufahren. Dieses Bild also ruft in mir die Erinnerung wach, dass ich hier an dieser Stelle im Sommer 1941 zum ersten Mal in meinem Leben ein Meer erblickt habe. Ich war beeindruckt von der scheinbar endlosen Weite des Meeres und dem Rauschen der heranrollenden Wogen im Ablauf von Ebbe und Flut. Ich bin heute noch jedes Mal fasziniert beim Anblick eines Meeres. Bei späteren Schiffsreisen nach dem Krieg genoss ich die Sonnenauf- und Sonnenuntergänge, und auch das Gefühl, vom 25- bis 36-prozentigen Salzwasser des Toten Meeres getragen zu werden, war für mich ein Erlebnis.

Das war also die Erinnerung an das Erlebnis „Meer“. Die weitere Erinnerung bezieht sich darauf, dass an diesem Strand, wo wir gebadet hatten, im Bereich von Caen bis Cherbourg, am 6. Juni 1944, die Invasion, das größte Lande-Unternehmen der Weltgeschichte, stattfand. Eine gewaltige anglo-amerikanische Streitmacht, 3.500.000 Soldaten, 5.000 Schiffe und 15.000 Flugzeuge waren bereit zum Angriff.

Die Deutsche Wehrmacht, samt den Küstenbefestigungen, dem sogenannten „Atlantikwall“, war hoffnungslos unterlegen. Wir als technisches Luftwaffenpersonal waren zum Erdkampf-Einsatz nicht vorgesehen und hatten das Glück, eine Woche vor Beginn der Invasion auf einen Flugplatz im Landesinneren zurückverlegt zu werden. Die Bombardierung und Zerstörung eines breiten Küstenstreifens mit vielen schönen, alten Städten haben wir zum Teil miterlebt. Unsere Werftanlagen und Unterkünfte waren schon lange unbenutzbar, der Flugbetrieb und die technische Betreuung konnten nur unter schwierigsten Bedingungen aufrechterhalten werden.

Die Abwehrkämpfe waren äußerst hart und verlustreich auf beiden Seiten, die zahlreichen Soldatenfriedhöfe in der Normandie zeugen davon. Anlässlich einer der späteren Reisen in die Normandie, nach dem Krieg, konnten wir diese wie auch die noch erhaltenen Abwehrstellungen besichtigen. Durch Zufall fand ich auf einem deutschen Soldatenfriedhof die Gräber von zwei befreundeten Kameraden vom fliegenden Personal, die noch vor Beginn der Invasion abgeschossen wurden. Nach etwa drei Monaten waren diese Kämpfe beendet und der Weg frei zum letzten Angriff auf das deutsche Reichsgebiet. Bei dieser letzten Schlacht in den Ardennen wurde auch ich im Erdkampf eingesetzt und kam am 15. Jänner 1945 verwundet in Gefangenschaft.

Das wäre also ein Teil meiner „kriegshistorischen“ Erinnerungen. Da ich aber nahezu vier Jahre meines Lebens in der Normandie verbrachte, blieb doch mehr in meiner Erinnerung zurück als diese kriegsbedingten „Blitzlichter“. Ich war mit meinen neunzehn Jahren für alle neuen Eindrücke offen, das Kriegsgeschehen als solches wurde von uns Jungen in seiner furchtbaren Tragweite einfach nicht erkannt. Ich versuchte also, aus den gegebenen Möglichkeiten das Beste zu machen. Ich suchte den Kontakt mit den durchwegs freundlich gesinnten Menschen, machte mich mit der Sprache vertraut, und legte damit unbewusst den Grundstein für mein Interesse und meine Verbundenheit mit Frankreich, seiner Kultur und seinen Menschen.

Diese Verbundenheit teilte dann nach dem Krieg auch meine Frau. Und da ihre Heimat, das Saarland, auf halbem Weg von Neunkirchen in die Normandie liegt, nützten wir dann auch sehr oft bei unseren Urlaubsreisen in die Saarheimat die Gelegenheit, von dort aus nach Frankreich zu fahren. Und da ich auch ein wenig romantisch bin, drücke ich mich manchmal in Gedanken französisch aus: „La Normandie est ma troisième patrie“ – nachdem das Saarland nach Österreich meine zweite Heimat geworden ist. Was lag also näher, als sich mit der Geschichte der Normandie zu beschäftigen. Doch damit will ich diese „Bild-Erinnerungen“ beenden.

Informationen zum Artikel:

Das Meer und der Krieg

Verfasst von Franz Breiter

Auf MSG publiziert im Mai 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Lebensgeschichtliche Fotorevue

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Frankreich, Normandie
  • Zeit: 1940 bis 1945

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