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Die Firmung

von Edith Mrázek-Sommer

Ein professionelles Bild vom Fotografen: Ein Mädchen in einem hellen, knöchellangen Kleid, auf den Rock und auf die kurzen Puffärmel sind Blumen aufgenäht; weiße Handschuhe und ein kleiner Beutel in der Farbe des Kleides. Die dunklen Haare sind in Wellen um dem Kopf gelegt, darüber trägt das Mädchen einen weißen Blütenkranz.
1937

Firmungsbilder finden sich sicher in fast jedem Haushalt. Österreich ist ein katholisches Land. Aber der wahre Grund für jedes Kind, sich auf die Firmung zu freuen, war früher sicher nicht nur das Firmungsgeschenk – die goldene Uhr – sondern die Aussicht auf das „Nachher“, das „Ausführen“ des Firmlings durch den Firmpaten oder die Firmpatin. Wohin man „ausgeführt“ wurde, war eine Frage des Geldbeutels, der ja in dieser Zeit bei vielen sehr mager oder ganz leer war. Man suchte sich daher die Firmpaten gut aus.

Meine Firmpatin war die Buchhändlerin in Linz, mit der mein Vater durch seine oftmaligen Aufenthalte in der Linzer Buchhandlung befreundet war und die keine Kinder hatte. Ich konnte mir also allerlei erwarten. Wahrscheinlich haben meine Eltern auch etwas beigesteuert – jedenfalls wurde ein Fiaker bestellt, der mit einem rosa Blumenbaldachin in der Farbe meines Kleides geschmückt war. Obwohl ich damals in die Schule des Sacré Coeur am Wiener Rennweg ging – aber nur „extern“, das heißt, ich wurde von meiner Mutter zu Mittag abgeholt und blieb nachmittags zu Hause – fand die Firmung nicht in der Klosterkirche, sondern in Sankt Stephan statt, wohin ich mit meinen Eltern und meiner Patin im Fiaker fuhr. Dann ging es zum Fotografen und anschließend endlich in den Prater!

Ich weiß nicht, wieso  in Wien die meisten Kinder nach der Firmung in den Prater „ausgeführt“ wurden. Aber für mich bildete der „Wurstelprater“ – nicht die faden Praterauen! – Jahr für Jahr immer wieder das Ziel meiner Wünsche, wenn es hieß: „Wohin gehen wir heute?“ Zunächst waren es die Pferde, die ich liebte, beim Pferderingelspiel, wo man nicht nur im Wagen sitzen, sondern auch selbst reiten konnte. Dann war es die Schiffsschaukel, zuerst die kleine, dann später die große, bei der man sich plagen musste, um immer höher zu kommen und zuletzt sich „zu überschlagen“. Dann waren es die Karussells, die mit dem schiefen Boden und dem schiefen Dach, wo man auf einer Seite immer höher flog, und besonders, wenn man mit einer Freundin fuhr, während der Fahrt sich an den vorderen Sitz hängte, dann losließ und hoch hinauf flog! Ich war ein „wildes Mädchen“, nichts war mir aufregend genug, auch nicht die Riesenschaukel, die so groß wie ein Eisenbahnwaggon war! Und im „Toboggan“ musste man das erste Stück über einen steilen Rollteppich gehen, was schon einige Geschicklichkeit erforderte – das Herunterrutschen war dann einfach.

Ja, aber bei der Firmung passierte dann ein Missgeschick. Ich weiß nicht, ob es mein Vater war, der mich überredete, mit den kleinen Autos zu fahren, wahrscheinlich fuhr ich sogar mit ihm zusammengedrängt in dem schmalen Sitz. Jedenfalls rammte ich mir bei einem „Zusammenstoß“, der ja das höchste Vergnügen darstellen soll, das Lenkrad so stark in den Brustkorb, dass ich keine Luft mehr bekam. Ich musste aussteigen, mir wurde schlecht, und außerdem begann es zu regnen. Der rosa Baldachin wurde abmontiert, die Kutsche wurde geschlossen und der große Luftballon, den ich wie alle Firmlinge bekam, musste draußen bleiben und nur seine Schnur wurde durch einen Spalt ins Innere gezogen und mir um die Hand gebunden. Aber daran kann ich mich schon fast nicht mehr erinnern. 

Informationen zum Artikel:

Die Firmung

Verfasst von Edith Mrázek-Sommer

Auf MSG publiziert im Juni 2009

In: Lebensgeschichtliche Fotorevue, Orte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 2. Bezirk, Prater
  • Zeit: 1937

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