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Parthie aus Schruns

von Hubert Borger

Straßenansicht von Schruns im Montafon um 1900

Das vorliegende, stark ausgebleichte, von Knickstellen, Tintenflecken, Schürfungen an den Kanten und Ecken geschundene Foto habe ich vor vielen Jahren von meinen beiden Tanten Maria und Huberta Peter, Schwestern meiner Mutter, als Andenken an vergangene Zeiten geschenkt bekommen.

Eigentlich handelt es sich hierbei um eine Celloidin-Fotoansichtskarte, firmiert mit Prägestempel in der rechten unteren Bildecke: Th. Immler, Bregenz. Die Entstehung dieses „Schnappschusses“ lässt sich ziemlich genau eingrenzen, denn die Namenstagwünsche sind laut Aufgabestempel am 21. Juli 1902 auf dem Postweg an den Empfänger Jakob Tagwercker nach Frauenfeld im Kanton Thurgau, Schweiz, übermittelt worden.

Warum und weshalb die Fotoansichtskarte wieder nach Schruns zurückgelangte, ist und bleibt für mich ein Rätsel. Unklar ist mir auch, warum die Gratulanten – Josef, Mathilda und Johann – für die Glückwunschgrußkarte ausgerechnet dieses Bildmotiv wählten, mit dem auf der linken Fotoseite abgelichteten Geschäftshaus meines Großvaters mütterlicherseits, der möglicherweise unter der Eingangstür zu sehen ist.

Die fünf Jungen, die zu damaliger Zeit die verkehrsarme Straße sicherlich ohne eine drohende Gefahr als Spielplatz benützen konnten, dienten dem Fotografen offensichtlich als willkommene Statisten.

Das Lichtbild zeigt also einen kleinen Ausschnitt von der Austerlitzstraße in Schruns im Montafon, Vorarlberg, um 1900; links das Haus Nr. 96/97 (heute 10/12) von meinem Großvater Peter Peter, Kaufmann, dahinter das Gasthaus „Adler“ (mit Wirtshausschild) und nebenan das Gasthaus „Krone“; rechts ein Stück Hausmauer vom ehemaligen „Schteehauer Huus“ (einst Wohn- und Arbeitsstätte des Steinmetzmeisters Vallaster) und dahinter das Café „Wekerle“.

Ein gutes Jahrhundert später, wir schreiben das Jahr 2008, hat sich das Bild dieses Häuserviertels an zwei Standorten verändert. Das ehemalige Steinmetzmeister-Haus fiel wegen Straßenerweiterung Mitte der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts der Spitzhacke zum Opfer, und das Gasthaus „Krone“ ist seit vielen Jahrzehnten um zwei Stockwerke höher. Geändert haben sich inzwischen auch die Namen der Hausbesitzer. Der Straßenverkehr ist gewaltig angestiegen und verwandelt dieses einstige verträumte Wohngebiet, besonders zu Stoßzeiten, in die reinste Verkehrshölle.

Beim Betrachten dieses idyllischen Fotos – für mich ein Dokument seiner Zeit – werden in mir wieder viele Kindheitserinnerungen lebendig. Geschichten über meinen Großvater und Anverwandte mütterlicherseits betreffend, die ich von meinen Eltern, vor allem aber von meinen Tanten erzählt bekommen habe, sind plötzlich gegenwärtig. (…)

Nun möchte ich über die Lebensgeschichte meines Großvaters Peter Peter, der am 1. März 1865 das Licht der Welt erblickte, über seine Ehefrauen und Nachkommenschaft berichten.

Der kleine Peter verlor schon wenige Wochen nach seiner Geburt die Mutter, die am 12. April 1865 verstarb. Er wurde von seinen beiden Tanten Sabina und Katharina großgezogen, denn sein Vater Theodor Peter kümmerte sich angeblich nicht sehr viel um die Erziehung seines Sohnes.

Mit zwölf Jahren besuchte er das Stift-Gymnasium Mehrerau bei Bregenz. Bereits ein Jahr später verließ er die Anstalt und zog es vor, daheim zu bleiben. Er hatte angeblich keine Lust, die Volksschule zu absolvieren, viel lieber betätigte er sich im Geschäft seines Vaters. Er dürfte sehr viel Fleiß und Geschick an den Tag gelegt haben, denn im Laufe der Jahre schaffte er es, die kleine Krämerei in eine gut florierende Gemischtwarenhandlung zu verwandeln. So erzielte Peter Peter gute Umsätze und jedes Jahr einen hübschen Reingewinn.

Er heiratete Josefine Dettling aus Weißenau bei St. Gallen, Schweiz. Von dieser erhielt er am 28. Februar 1895 eine Tochter geschenkt, die auf den Namen Johanna getauft wurde. Im selben Jahr, am 26. Juni, ereignete sich ein fürchterliches Unglück. Die junge Mutter wollte angeblich noch in den späten Abendstunden etwas vom Dachboden herunterholen. Sie muss offenbar mit brennendem Licht über einen Schießpulversack gestolpert sein, denn es kam zu einer Explosion, und augenblicklich stand das ganze Haus in Flammen.

Die gewaltige Detonation, die weit im Umkreis gehört wurde und in der nächsten Nachbarschaft wie bei einem Erdbeben alles erzittern ließ, verursachte ein Großfeuer, sodass nebenan das Gasthaus Adler und das Gebäude des Bierbrauers Wekerle ebenfalls bis auf die Grundmauern abbrannten. Für den jungen, strebsamen Peter Peter fürwahr ein harter, schwerer Schlag. In einer Nacht verlor er die Frau und sein Haus samt Geschäft, lediglich das Baby Johanna, ein Portrait von seinem Vater, ein Paradesäbel von seinem Großvater Johann [Josef] und eine eisenbeschlagene Holzkiste konnten aus den Flammen gerettet werden.

Anstelle des alten Doppelhauses ließ er ein neues, zweistöckiges Doppelhaus mit großem Geschäftsraum errichten. Nicht lange hernach verehelichte er sich mit Sofie Vallaster aus Gamprätz, einer Parzelle von Schruns.

Als erstes Kind aus dieser Ehe kam am 26. Februar 1900 ein Mädchen zu Welt, das auf den Namen Maria getauft wurde. Das nächstgeborene Kind, wieder ein Mädchen, erblickte das Licht der Welt am 15. Februar 1902 und erhielt den Namen Huberta. Der Vater hätte wohl sehr gerne einen Hubert gehabt. Erst am 26. August 1909 kam der ersehnte Stammhalter. Man gab ihm den Namen Robert. Die Vierte in der Kinderreihe war dann meine Mutter. Sie wurde am 18. Dezember 1912 geboren und auf den Namen Martha getauft.

Mein Großvater soll nicht nur ein tüchtiger Geschäftsmann gewesen sein, sondern auch ein passionierter Waidmann, wie es weit und breit keinen zweiten gab. Er war vermögend genug, sogar in Besitz einer Eigenjagd zu gelangen. Dies geschah, indem er mit viel Müh und Ausdauer alle Weiderechte von der Alpe „Faneskla“ im Silbertal den Bauern abkaufte und somit schließlich alleiniger Eigentümer dieser Alpe wurde.

Mit dem Gemischtwarenhandel machte er schöne Umsätze, im gleichen Maße vermehrte er seinen Stand an Wertpapieren in Form von Pfandbriefen. Seine Frau war nicht nur eine gute Mutter, sondern auch eine sparsame Hausfrau, die dazu beitrug, Peter Peters Wohlstand zu mehren. Ferner hatte er ja auch einen Sohn, der einmal später das Geschäft weiterführen konnte, das er mit großem Fleiß aufgebaut hatte. Es schien also alles bestens eingerichtet und zu laufen nach den Planungen und Vorstellungen meines Großvaters.

Aber leider, wie so oft, kommt nicht nur das Glück, sondern auch das Unglück gänzlich unverhofft. Am 17. August 1915 traf Peter Peter wieder ein sehr harter Schicksalsschlag. Er war in der Waschküche mit Schnapsbrennen beschäftigt. Sein einziger Sohn und Liebkind Robert schaute dem Vater bei der Arbeit zu. Sein Bewegungstrieb verleitete das Kind aber auch zu hüpfen und zu springen. Bei einem solchen Sprung dürfte er das Gleichgewicht verloren haben und fiel unglücklicherweise seitlings in einen einräderigen Stoßkarren, der mit ausgebranntem, brennheißem Trester gefüllt war. Die Hautverbrennungen waren so arg, dass der sechsjährige Sohn noch am folgenden Tag unter qualvollen Schmerzen verstarb. Es soll sehr lange gedauert haben, bis mein Großvater diesen bitteren Verlust, der ihm sehr nahe ging, überwinden konnte.

So gut es Peter Peter zuvor Jahre hindurch gegangen war, so sehr trafen ihn hernach wieder schwere Rückschläge. Wenige Jahre nach Roberts Tod starb seine Frau nach langer Krankheit an der Lungenschwindsucht. Ein Jahr später kam aus St. Gallen die Nachricht vom plötzlichen Tod von Johanna, der Tochter aus erster Ehe.

Zu dieser Zeit nahm die Geldentwertung solche Formen an, dass die Wertpapiere total in den Keller fielen, denn für 10.000 Kronen bekam man 1926 gerade noch einen Schilling. Der Wertpapierbestand meines Großvaters von 250.000 Kronen war somit dahin; vorher war er ein schwer reicher Mann gewesen. Danach bildeten der Besitz in Schruns, ein Maiensäß in Gargellen und die Eigenjagd das ganze Vermögen.

Die große Geldentwertung in den Zwanzigerjahren traf die ganze Bevölkerung und führte zu einer sinkenden Kaufkraft, die Peter Peter in seinem Geschäft stark zu spüren bekam. Weiters musste er schwere Einbußen hinnehmen, denn in den umliegenden Ortschaften entstanden Konsum-Filialen, sodass ihm viele Kunden verloren gingen. Dazu kam noch der Umstand, dass er im vorgerückten Alter nicht mehr wie früher zielstrebig und mit dynamischer Kraft seine Geschäftsinteressen wahrnahm. Im Jahr 1928 war er zudem etliche Monate so schwer krank, dass der Doktor ihm nur mehr geringe Lebenschancen gab. Aber er konnte sich noch einmal erfangen.

Der weite Fußmarsch nach Faneskla, in sein geliebtes Jagdgebiet, wurde ihm zu beschwerlich, sodass er diesen Besitz einem Schweizer verkaufte, mit der Bedingung, auf Lebenszeit ein Revier auf Kristberg, das näher zu seinem Wohnort lag, als freier Jäger in Anspruch nehmen zu können.

Die Jagd war sein Ein und Alles. Da gab es keinen Konkurrenzkampf wie im Geschäftsleben, keine Modeströmungen, da konnte man sich noch an schönen Erfolgserlebnissen erfreuen.

Sehr groß war zum Beispiel sein Waidmannsglück im Oktober 1933, als er mit 68 Jahren in drei Tagen hintereinander drei Kapitalhirsche schoss. Nach Allerheiligen wollte er bei den Gämsen den gleichen Erfolg haben, aber das Jagdglück verließ ihn. Nach drei Tagen ohne eine warme Speise und fast ohne Schlaf kam er völlig ausgefroren, an Leib und Seele krank, total entkräftet und niedergeschlagen wieder zurück nach Hause. Dieses Riesenpech warf ihn gänzlich aus dem Gleichgewicht. Peter Peter, der im vorgerückten Alter auch ein Alkoholproblem hatte, wollte seinen Ärger und Zorn wieder einmal mit Rotwein wegschwemmen und schadete dadurch nur seiner Gesundheit.

Seit jenem erfolglosen Pirschgang war er ein kranker Mann. Es fehlte ihm die Willenskraft, um sich wieder aufzuraffen wie 1928. Langsam, langsam schwanden seine Körperkräfte. Er konnte trotz Brille nicht mehr lesen, seine Füße wollten ihn nicht mehr tragen. Es war ihm nicht mehr möglich, einen Schritt vor das Haus zu setzen. Er wurde bettlägerig und ahnte wohl, dass sein Ende immer näher rückte.

Er bat daher, den Priester zu rufen, um zu beichten und zu kommunizieren. Der Arzt war bemüht, ihm zu helfen, aber es war zu spät. Er legte den Angehörigen nahe, dass die Lebenstage meines Großvaters gezählt seien. Am 1. Mai 1935, gegen 21 Uhr, wurde sein Pulsschlag immer schwächer, er atmete unregelmäßig, die Hände und Füße begannen zu erkalten, der Atem setzte immer öfter kurz aus, und Schlag 23 Uhr stand nach seinem letzten Atemzug das Herz still. Peter Peter soll friedlich in die Ewigkeit hinübergeschlummert sein.

Geschrieben in Wien, im Monat März 2008, von Hubert Borger, einem Enkel von Peter Peter

Informationen zum Artikel:

Parthie aus Schruns

Verfasst von Hubert Borger

Auf MSG publiziert im Juni 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Lebensgeschichtliche Fotorevue

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Vorarlberg, Bludenz / Montafon, Schruns
  • Zeit: 1900er Jahre, 1910er Jahre, 1920er Jahre, 1930er Jahre

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