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Wulfila unterwegs

von Helga Maria Wolf

Ein Mann beugt sich unter der geöffneten Kühlerhaube eines Topolino über den Motor, daneben steht ein kleines Mädchen mit Baskenmütze und Mantel auf dem hinteren Brett eines Kinderdreirads. Sie schaut ihrem Vater interessiert zu.

In dem vom Zweiten Weltkrieg arg mitgenommenen Wien war es schwierig, eine Wohnung zu finden. Meine jung verheirateten Eltern zogen daher nach Baden. Vater nahm als Pendler ungern eine dreistündige Fahrzeit in überfüllten Massenverkehrsmitteln in Kauf. Dann versuchte er, die 30 km mit einem der damals modernen Motorroller bequemer und in kürzerer Zeit zu überwinden. Allerdings erwies sich das neuartige Gefährt mit seinen kleinen Rädern auf den schlechten Straßen als nicht ideal.

So wurde, unter der ausladenden Krone eines alten Nussbaums ein Familienrat einberufen. Meine Mutter, seit ihrer Kindheit an Kraftfahrzeuge gewöhnt, hatte den zündenden Einfall: Ein Auto muss her. Man schrieb 1952. Eines der ersten Fahrzeuge, die in Frage kamen, war der in Österreich im Assembling hergestellte „Fiat 500 C“. Man hatte dem Kleinwagen „Topolino“ eine hölzerne Karosserie verpasst, die ihn zu einer Mini-Ausgabe der großen US-Schlitten mit der so genannten Farmerkarosserie machte. Ungewöhnlich waren die Ausführung mit Holzaufbau und die Hecktüre, ebenso wie die bescheidene Leistung eines 500 cm³-Motors, dessen Kolben sich nur zu gerne im Zylinder festfraßen. Aber immerhin, es war ein Beginn.

Die Familie liebte das Fahrzeug und nannte es statt „Topolino“ (Mäuschen) „Wulfila“ (Wölfchen), was besser zu unserem Familiennamen passte. Als kleines Mädchen beobachtete ich interessiert, wenn mein Vater die Kühlerhaube öffnen musste, um die Zündkerzen zu kontrollieren oder weil das Kühlwasser kochte. „Sausten“ wir mit 80 km/h durch die Gegend, so warnte ich ihn vom Rücksitz: „Vati, fahr‘ nicht so schnell, sonst kommt der Schutzengel nicht nach.“

Informationen zum Artikel:

Wulfila unterwegs

Verfasst von Helga Maria Wolf

Auf MSG publiziert im Juni 2009

In: Lebensgeschichtliche Fotorevue

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Wien-Umgebung, Baden / Wien
  • Zeit: 1952

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