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Rund um die heilige Firmung

von Annemarie Kargl-Liebmann

Ein Mädchen im Firmkleid mit ihrer Patin

Diese Feier war mit größter Aufregung verbunden. Das begann schon vor meiner Abreise aus der Südsteiermark mit dem Weißauto nach Graz. Meine Mutter befahl mir nämlich: „Wenn du zum Onkel kommst, musst du sofort nach der Begrüßung niederknien und um die Patenschaft bitten. Von der Tante haben wir die Einwilligung schon, doch auch der Onkel muss gebeten werden!“

Durch dieses Gebot wurde meine Freude gleich am Anfang, als mich die Tante bei der Endstation am Grießplatz abholte, gedämpft. In ihrem Geschäft – sie führten Kinderwägen, Korb- und Bürstenwaren – war der Onkel mit Kunden beschäftigt. Wie hätte ich da schnell niederknien können? Ich musste dies wohl oder übel verschieben. Später in der Wohnung ging es ans Auspacken und dann gab es Essen. Also verschob ich das Niederknien auf den Abend.

Da aber schnatterten alle Familienmitglieder gleichzeitig wegen des morgigen Zeitplanes. Es sollte nämlich recht viel unternommen werden. Auf die Alm, aufs Gaberl, wollte man. Und vorher noch zum Frisör und zum Fotografen. Ja, und die Firmung natürlich auch noch – blieb denn überhaupt Zeit für die Firmung? Ich existierte scheinbar gar nicht – wieder nichts mit Niederknien...

Es schien das reinste Glück zu sein, dass wir es bei der ganzen Aufregung noch am Vortag schafften, zum „Brüder Lechner“ zu eilen und meine Ausstaffierung besorgen konnten. Das war gar nicht wenig: Die schwarzen Handschuhe, die weißen Baumwollstrümpfe, die Unterwäsche, auch das Tascherl und das Myrtenkranzerl. Und natürlich das Wichtigste: Mein Kleid. Es war himmelblau, langärmlig mit Volant und aus der damals im Kriegsjahr 1939 modernen Sonnengoldseide genäht. Die war leicht und glitzernd, knitterte jedoch erbärmlich schnell. Sie wurde aus Holzfaser gewonnen und war neben der Mongolseide heiß begehrt.

Mein hoher Feiertag – feierlich und fromm begann er nicht! Niemand fragte mich um das Morgengebet. Ich stand unausgeschlafen neben der Waschschüssel und wäre am liebsten wieder ins Bett gegangen. Als die Cousine mir das wunderhübsche Kleid überstülpte, kam gerade ihr Vater dazu. Ich dachte ans Niederknien und merkte, wie undankbar ich war: Nur annehmen, nur nehmen. Eben das Goldkettchen, jetzt die silberne Uhr. Wäre vielleicht ein Elternteil von mir dabei gewesen – so brachte ich es nicht zustande.

Meine Patin und ich liefen bald von der Wohnung in der Kosakengasse in die Mariahilferstraße zum Frisör. Dort fiel alle Beklemmung von mir, als ich auf dem hochbeinigen Kindersessel vor dem Spiegel saß und das schöne Fräulein mein langes Haar zu Stoppellocken ondulierte. Hartigatta! Locke um Locke fiel gegen die Schulter. Sonst trug ich immer rechts und links einen strammen Zopf. Aber heute würde ich den ganzen Tag mit dieser Frisur laufen, nein gehen, nein schreiten dürfen! So etwas gehört genossen, genossen bis zum letzten Resterl, jawohl!

Und tatsächlich, mein erster Auftritt erfolgte bald beim Fotografen. Wir hasteten in die Annenstraße zu „Photo Erben“ zum vorbestellten Termin. Der Herr dort redete nicht nur die Tante mit „Gnädige Frau“ an, sondern nannte mich – das neunjährige Bauerndirndl – „Mäderl“. Ich fühlte mich ganz anders als „Mäderl“ mit Stoppellocken und Seidenkleid.

Dann das Hinsitzen, Zurechtrücken und ein wenig Verschieben: „Nein, vielleicht so mit dem Kopferl! Die rechte Hand etwas nach hinten! Die linke um das Tascherl legen!“ Meine Tante stand links von mir im neuen Kleid mit vielen Knöpferln vorn. Aber der dunkle Basthut erst! Ihn zierte ein Sträußchen von cremegelben, ganz weich schimmernden Samtblumen. Ja, so schön waren wir angezogen!

Dann keuchten wir die Sporgasse hinauf zum Dom. Da sprang mich eine Frau an und nadelte mir ein Firmabzeichen ans Kleid. Ich dachte mir, es gehöre zur heiligen Handlung, doch die Patin musste eine Reichsmark und achtzig Pfennig dafür bezahlen. Beim Domtor wollte gerade ein junger Mann, der kirchlichen Gepflogenheit entsprechend, das Tor zusperren. Noch eine Minute später und wir wären draußen geblieben!

Im Dom brodelte es vor lauter Menschen. Doch als wir zwei uns nach viel Latein und Orgelmusik zur eigentlichen Firmung im Mittelgang aufstellen mussten, fand ich eine ruhige Ecke in meiner Seele, eine kleine Nische, wo ER wirken konnte. Lang hatte ER jedoch nicht Zeit; bald hatte mich die Erde wieder.

Mit Ach und Krach erreichten wir den Autobus zum Gaberl hinauf. Bei der Heimfahrt von dieser Alm habe ich beinahe alle guten Sachen hergespien, die ich im Laufe des unvergesslich schönen Firmtages in mich hineingestopft hatte. Ja, so schön ist es gewesen!

Informationen zum Artikel:

Rund um die heilige Firmung

Verfasst von Annemarie Kargl-Liebmann

Auf MSG publiziert im Juni 2009

In: Lebensgeschichtliche Fotorevue

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Steiermark, Graz
  • Zeit: 1939

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