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Spangenschuhe aus Lackleder

von Hans Kasper

kleiner Junge mit Schultasche und Spangenschuhen auf einem Weg in strammer Körperhaltung

Stichtag für jeden Schulanfänger (Erstklässler) war – zumindest bei uns in Vorarlberg –, dass man vor dem 30. September das sechste Lebensjahr erreichte. Da ich ja 1931 erst im Dezember das Licht der Welt erblickte, hieß es ein Jahr länger warten.

Doch mit dieser „Vorschrift“ war ich schon gar nicht einverstanden, und dies hatte einen ganz wichtigen Grund. Meine kleine Spielfreundin, Resi (Resili) Schoder, auch ein Kind aus bäuerlicher Familie, kam am 11. November 1931 zur Welt. Somit hieß es auch für „Resili“ ein Jahr warten. Doch dessen Eltern hatten recht gute Beziehungen zum zuständigen Schulleiter und erreichten, dass das kleine Mädchen ausnahmsweise vor dem vollendeten sechsten Lebensjahr zur Schule durfte. Mit dem Hauptargument: „Unser Töchterlein möchte so gerne mit deren Spielfreundin Gretl – diese wurde ja schon im März sechs – noch in diesem Herbst zur Schule“ hatten Schoders beim Schulleiter Erfolg. Wenige Tage später kam Resili freudestrahlend zu mir und sagte: „Ätsch, ich darf schon in diesem Jahr mit der Gretl zur Schule!“

Ich war sehr traurig, dass ich nun gleich zwei meiner Spielkameradinnen – Gretl wohnte ja ebenfalls in der Nähe – verlieren sollte. Weinend ging ich zu meiner „Ahna“ und erzählte von meiner großen Enttäuschung. (Ich war ja ein uneheliches Kind und lebte bei meiner Großmutter.) Ich ließ nicht locker und bat sie, doch auch beim Schulleiter um eine Ausnahme vorzusprechen. Einen kleiner Hoffnungsschimmer erbrachte diese Vorsprache – der Lehrer forderte, dass ich zu einem Eignungstest erscheinen soll.

Diese Nachricht war für mich sehr erfreulich, somit bestand wenigstens eine kleine Hoffnung. An einem Sonntagnachmittag ging’s zum Herrn Schulleiter in die Wohnung, und das große Zittern begann. Gottlob, ich war schon immer ein recht aufgewecktes Büblein und bestand diese Prüfung recht gut. Somit war es geschafft, und ich durfte – zwar gegen die Schulvorschriften – ebenfalls mit Gretl und Resili noch vor dem vollendeten sechsten Lebensjahr die erste Klasse der dreiklassigen Volksschule besuchen.

So groß meine Freude auch war, es kamen nicht wenige ungeahnte Probleme auf mich zu. Das fing ja schon mit der Schultasche an. Wenn auch mein Vater für mich sonst kaum etwas übrig hatte, so war er doch stolz, dass ich diesen „Test“ geschafft hatte und vorzeitig zur Schule durfte. Aus diesem Grund war er zumindest einmal besonders großzügig und schenkte mir zu meinem Start eine wunderschöne Lederschultasche mit sechs glänzenden Nieten und ein Paar auffallend schöne Spangenschuhe aus Lackleder. Obwohl ich mich sehr über die Geschenke freute, war die Freude nicht ungetrübt, denn von recht vielen Mitschülern wurde ich dafür richtig „gehänselt“.

Im Jahr 1937 war die große Arbeitslosigkeit, und viele Buben und Mädchen kamen nicht mit Schultaschen, sondern vielmehr mit selbstgezimmerten „Rückenkistchen“ zum Unterricht. Auch war ich das einzige Schulkind mit solchen auffallenden Lackschuhen. Einige der Mitschüler erschienen zu jener Zeit sogar noch mit Holzschuhen (Schuhe mit genagelter Holzsohle und Lederoberteil).

Weinend kam ich an den folgenden Tagen nach Hause, denn es gab ja nur Spott über mein nobles Erscheinen. Kaspers waren bekannt als eine sehr arme Familie, und der Hansi kommt so nobel zur Schule.

Ich konnte ja nicht sagen, dass dies eine „Spende“ meines Papas war. Denn wer mein Vater war, wussten in unserem Dorf nur wenige. Verständlich, dass ich diese Lackschuhe danach nie mehr trug, doch meine Lederschultasche freute mich schon.

Das nächste Problem blieb nicht aus. Wir Schüler des ersten und zweiten Schuljahres hatten in unserer Schulkasse eine „Barmherzige Ordensschwester“ als Lehrerin. Für diese Lehrperson waren uneheliche Kinder ein Dorn im Auge. Wir waren zwei Buben, welche leider nicht aus ehelichen Familien stammten, und mussten täglich darunter leiden.

Zu meinem großen Unglück wurde ich als Bub auf der kleinen Landwirtschaft der Großeltern recht oft zu leichteren Arbeiten eingeteilt. Besonders bei Stallarbeiten wie „Vieh putzen“ (striegeln und bürsten) war ich fest im Einsatz. Gewiss war es mit der Körperreinigung und Bekleidung nicht gerade zum Besten gestellt, und so war der „Kuhstallduft“ im Klassenzimmer nicht zu vermeiden.

Dies war für die „barmherzige“ Schwester ein weiterer Grund, mich nach allen Regeln der Kunst zu bestrafen, denn ein Kind muss doch sauber zum Unterricht kommen. Recht schmerzend waren dann die darauf folgenden sogenannten „Tatza“ (Schläge mit einem circa 50 Zentimeter langen, dünnen Stock auf die Handballen der noch kleinen Kinderhände [Patzen]). Auch die dunklen Ränder meiner nicht besonders gepflegten Fingernägel waren Anlass genug für weitere Strafen.

In einem Punkt hatte die „liebevolle“ Nonne nicht den kleinsten Grund, mich zu bestrafen. Gottlob war ich ein recht gescheites Knäblein und so manchen Mitschülern im Unterricht überlegen. Nicht selten musste die Lehrerin – gewiss schweren Herzens – mich lobend erwähnen. Diese Freudens- und Leidensszenen zogen sich beinahe über das gesamte Schuljahr 1937/38 hin.

Allerdings nur beinahe, denn nach der Machtergreifung Hitlers, am Sonntag, den 13. März 1938, wurde die gute Lehrschwester Apollonia wesentlich „zahmer“. So kamen gleich am Montag, den 14. März, vier Mädchen statt in Kleidern oder Röcken in Schihosen zur Schule. Diese für Mädchen verbotene Kleidung war für die Schwester und auch für den Schulleiter Anlass genug, die Schülerinnen nach Hause zu schicken, um dann in der erlaubten Kleidung zu erscheinen. Die vier gingen zwar heim, erschienen jedoch in kurzer Zeit wieder in ihren langen, warmen Hosen. Diesmal jedoch in Begleitung der Väter, welche der SA (Sturmabteilung) angehörten und die Lehrpersonen aufforderten, diese Kleidung ohne Wenn und Aber zu gestatten.

Wenn auch der angeführte Anschluss Österreichs in späterer Zeit arge Folgen hatte, für so viele Mädchen, welche an kalten Wintertagen bei Tiefschnee und Eis nur Röcke tragen durften, war diese Entscheidung in punkto Gesundheit von großem Vorteil.

Auch ich bekam den Anschluss recht gut zu spüren, denn ab dieser Zeit wurde der zur Bestrafung besonders oft benützte „Tatzastäcka“ (also der Stock zum Schlagen auf die Handballen) in den Klassenzimmern verboten.

Zum Schluss will ich noch erwähnen, dass wir in den Folgejahren eine junge, recht aufgeschlossene Lehrerin hatten, und ich wirklich mit Freude zur Schule ging.

Informationen zum Artikel:

Spangenschuhe aus Lackleder

Verfasst von Hans Kasper

Auf MSG publiziert im Dezember 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Lebensgeschichtliche Fotorevue, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Vorarlberg, Bludenz / Montafon, Rodund
  • Zeit: 1937 bis 1938

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