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Christbaums Ende

von Karl Lackner

Tontopf mit Sprudler

Ein ganz bestimmter Gebrauchsgegenstand aus Holz verdankte – angeblich nicht nur in unserem Hause – seine Herstellung oft indirekt dem Weihnachtsfest.

Es war wie ein ungeschriebenes Gesetz, dass der Christbaum erst am Lichtmesstag endgültig abgeräumt und aus der Stube entfernt wurde. Bevor der ehemalige Lichterbaum jedoch in der Holzhütte mit Säge und Axt ofengerecht zerkleinert wurde, maß Vater den Wipfel mit prüfendem Blick. Waren die Zweige der obersten Astreihe in halbwegs gleichmäßigen Abständen angeordnet, hatte er den Eignungstext bestanden, um ein Küchengerät zu werden. Knapp unter den obersten Ästen wurde der Baum sauber abgeschnitten, ebenso die einzelnen Ästchen in gleichmäßiger Länge vom Stamm weg. Und somit war der Quirl eigentlich fast fertig, abgesehen vom Abschälen der zarten Rinde. Diesen Arbeitsgang vertraute Vater manchmal uns Buben an.

Mit viel Lob als Lohn überreichten wir dann der Mutter den neuen Sprudler, und sie versprach, den Teig für so manches köstliche Schöberl, je nach Jahreszeit vielleicht auch Hollerschöberl, damit anzurühren. Auch beim Kochen einer typischen Freitagskost, dem Schmarren, war der Quirl ein unverzichtbares Küchengerät. Wenn es diese Speise gab, konnte es schon passieren, dass Vater die Köchin mit einem landläufig bekannten Ausspruch neckte: „Ja, ja, andere Leute haben was zum Essen und wir – wir haben einen Schmarrn!“

Informationen zum Artikel:

Christbaums Ende

Verfasst von Karl Lackner

Auf MSG publiziert im Dezember 2012

In: Lebensgeschichtliche Fotorevue

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Bucklige Welt, Thomasberg
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre

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