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Ein Andenken an meine Mutter

von Karl Lackner

mit Reisig weihnachtlich geschmückte Spirituosenflasche mit Aufschrift vom Dez. 1989

Zu den Vorbereitungen für das Weihnachtsfest gehörte bei uns auch die Zubereitung von Kaffeelikör. Wir hatten ja seit vielen Jahren neben dem obligaten "Bauernbündler" auch die Zeitung "Agrar-Post" abonniert, das war eine unpolitische Wochenzeitung für die Österreichische Landbevölkerung. Eine regelmäßige Rubrik darin hieß „Für die Frau geschrieben“, und darin gab es auch gute Tipps für die Küche. Unter anderem war einmal auch die Herstellung von Kaffeelikör beschrieben.

Gut kann ich mich noch an die erforderlichen Zutaten erinnern, nämlich geriebener Bohnenkaffee, Zimtrinde, Vanillestangerl, Weingeist, und Zucker musste gesponnen werden. Erst mit zunehmender Lagerung erreichte der Kaffeelikör seinen vollen Geschmack, und spätestens am Heiligen Abend wurde er fast andächtig gekostet. Dazu hatte Mutter die Flasche mit einem kleinen Reisigkranz geschmückt, der um den Flaschenhals gelegt wurde. Tannenreisig war überhaupt ein wichtiges Mittel, um die Wohnräume weihnachtlich zu schmücken. Meist war es meine Aufgabe, entsprechende Äste aus dem nahen Wald zu holen und Zweige hinter alle Bilder im Haus zu stecken; ganz besonders wurde der Herrgottswinkel damit geschmückt.

Das Vorhandensein von Bohnenkaffee war in unserem Haushalt ansonsten eher die Ausnahme; es gab hauptsächlich Feigenkaffee und Malzkaffee. Mitunter hat Mutter im Rohr des Küchenherdes eine Art Ersatzkaffee hergestellt, indem sie auf einem Blech Gerste oder Getreide röstete. Damit sie nicht verkohlten, mussten die Körner gleichmäßig verteilt und oft gewendet werden, und damit man darauf nicht vergaß, steckte ein Löffel im nicht ganz geschlossenen "Röhmtürl".

In einer Glasvitrine habe ich seit 23 Jahren ein Andenken an meine Mutter und ihre Likörerzeugung aufbewahrt. 1993 ist sie von uns gegangen, aber vier Jahre davor, zu Weihnachten 1989, hat sie mich mit einer Abfüllung ihrer leicht alkoholischen Köstlichkeit beschenkt und die Flasche sogar beschriftet. Um den Flaschenhals hängt ein kleiner Reisigkranz, und dieser trägt - es ist wie ein Wunder - noch immer seine Nadeln.

Informationen zum Artikel:

Ein Andenken an meine Mutter

Verfasst von Karl Lackner

Auf MSG publiziert im Dezember 2012

In: Lebensgeschichtliche Fotorevue

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Bucklige Welt, Thomasberg
  • Zeit: 1950er Jahre, 1980er Jahre

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