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Gedanken aus dem Kerker I

von Johann Ruggenthaler

2. November 1944

Heute – Allerseelentag. Hier verspürt man nichts davon. Morgen ist Sterbetag meiner Mutter. Ob sie mir diesmal auch wieder sinnfällig ihr Nahesein kundgibt, wie sie es schon getan? Ihre Nähe hat nichts Erschreckendes oder Bedrückendes, sondern viel Beglückendes und Beseligendes für mich, wie ich es nicht einmal zu ihren Lebzeiten so empfunden habe.

3. November 1944

Heute wurde zum ersten Mal der Heizkörper warm. Das sollte wahrscheinlich „eingeheizt“ sein. Von der Winterkälte hat man mir bereits manche Schreckensmären erzählt. Bis jetzt hatte ich das Fenster noch immer offen, obwohl es fröstelnd war und man den ganzen Tag so nahe und so eng zwischen den kalten Mauern sitzt – fast ohne jegliche Bewegung. Was soll man auch vom Kerker anderes erwarten als Opfer und Härten? An das Empörende: ohne Grund und Ursache schon so viele Monate hier zu sitzen … darf man gar nicht denken! Es ist auch nur erträglich, wenn man imstande ist, in all dem einen höheren Zweck zu sehen. Das Leben ist so erschreckend kurz, daß mir die geraubte Zeit als verantwortungsloser Frevel verantwortungsloser Menschen erscheint.

3 Porträtfotos von der erkennungsdienstlichen Behandlung durch die Gestapo
Aus der erkennungsdienstlichen Kartei der Gestapo, vermutlich von der Verhaftung im März 1938 (Original im Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands (DÖW)

Auf dem Wege vom Spazierhof kamen wir heute an einer Köpflerzelle vorbei, die gerade geöffnet wurde. Da winkten mir 2 Burschen aus der Zelle heraus. Ich war ganz entsetzt, denn vor einigen Tagen gingen sie noch mit uns spazieren; der eine ist etwa 19 Jahre alt und Russe. Er hat weder Wäsche, noch Socken und Schuhe. Das Gesicht, die Hände und die bloßen Füße waren ihm Tag für Tag blau vor Kälte. Hose und Jacke, aus leichtestem Zwillich oder Leinen sind voll Löcher. Man fror, wenn man den armen Burschen nur ansah. Und da ließ sich der Aufseher dazu hinreißen, den Armen höhnend, ob seiner nackten Füße zu verlachen, ob seiner er schütternden Armut. Einmal ließ ihn derselbe Aufseher (Soukup), so soll der Unmensch heißen, die ganze halbe Stunde bewegungslos an der Mauer stehen wegen einer Kleinigkeit. Ich glaube, der Bursche hatte während des Spazierganges gesprochen.

Ich konnte das Elendsbild kaum ansehen und wollte den Barbaren ersuchen, den Burschen doch Bewegung machen zu lassen. Aber da wurde der Spaziergang gerade abgebrochen. Solche Dinge bringt man schwer mehr aus dem Gedächtnis und heute sah ich den Jungen, der mir immer so lieb auffiel, mit seinen frischen und kindlichen Mienen und seinen treuen Augen, heute sah ich ihn mit seinem Freund in der Todeszelle.

Ob dieser Arme jemals von einem gütigen Vatergott hören durfte in seiner Heimat? Nun ist er heimatlos geworden und Arbeitssklave in einem fremden Land, verlassen und verstoßen, kommt in den Kerker und ist dort der Letzte und verbringt in dieser erschütternden Armut die Henkersfrist, von der jede Stunde die letzte sein kann. Wo jedes Öffnen der Türen ihn auch noch dieses traurigen Heimes berauben kann. Dann nimmt man ihm noch die ärmlichen Lumpen vom Leib – und nackt, wie der Mensch ins Leben kam – geht er hier wieder in den Tod zurück. Es geschieht noch das Unfaßbare: auch der Leib wird dem Menschen weggenommen, obwohl keine Obrigkeit der Welt und keine Macht der Erde ihn gegeben hatte, oder je geben könnte. Ist das Dasein eines solchen Jungen nicht ein Weg des Trauerns, ein Marterleben und ein Kreuzweg mit einer erdrückenden Last?

Soeben hörte man vom Parterre durch alle Gänge herauf und durch meine dicke Tür hindurch markerschütternde Schreie. Es verhallt immer leiser und undeutlicher: eine Knabenstimme – fast wie die eines Kindes – der Verzweiflungsschrei: „Mutter, Mutter!“ Sind das „Verbrecher“, die auf dem letzten Weg die Mutter zu Hilfe rufen? Ich zittere, denn ich weiß noch nicht, wer von meinen Bekannten an der Reihe ist … Gott, barmherziger Gott, rechne den Armen ihre namenlosen Ängste und das entsetzliche Grauen dieses letzten Weges an … rechne es ihnen zur Seligkeit an. Mache Du gut, was die Menschen in ihrem blinden Wahn wüten und zerstören und gegen Dich freveln.

Heute war schon wieder Fliegerangriff. Ich hielt ihn für harmlos und spielte den Benediktiner mit „Ora et labora“, d. h. ich arbeitete ruhig weiter, vergaß aber nicht das ora dabei. Der Benediktinerorden hat bekanntlich den Wahlspruch „Ora et labora“ (bete und arbeite). Als Prof. Weissensteiner noch mein Zellengenosse war, teilten wir beide den Benediktiner auf. Er besorgte das Ora (da er lieber sein Brevier besorgte), ich aber saß beim Brett und mußte das Quantum Säcke für uns beide fertig bringen und so das „Labora“ besorgen. Deswegen sagte ich ihm ironisch, daß wir beide zusammen nur einen Benediktiner ausmachten. Doch war es nicht so harmlos, wie ich nachher hörte. Die Flaksplitter sangen alle Tonarten vor meinem Fenster und weiter entfernt die Bomben. Gestern abends, beim Alarm hatte ich die Fenster geschlossen. Ich hatte ausnahmsweise noch Licht und war sehr ins Studium vertieft. So ging auch alles wieder vorüber, nur hatte ich Angst, die Detonationen möchten mir die Fensterscheiben vernichten. Aufseher Mortinger hatte – wie schon öfter – mir freundlicherweise das Licht länger brennen gelassen, oder bei seiner Diensttour es abzudrehen vergessen, daher konnte ich das Fenster nicht öffnen. Man gewöhnt sich endlich an alles und hat eine erstaunliche Ruhe, obschon man keine Stunde vor dem Tod sicher ist. „Die Zeiten ändern sich und wir mit ihnen“, so heißt das alte, lateinische Sprichwort.

5. November 1944

Endlich wieder alles Unheil vorüber. Der Alarm dauerte von 11 Uhr bis halb 2 Uhr. Davon eineinhalb Stunden Angriff. Eine Welle nach der anderen. Und fast alle flogen über uns hinweg. Nach jeder war man froh, noch zu leben. Die vier letzten Wellen waren schon beinahe zu viel. Bei jeder flogen die Bomben. Ein furchtbares Sausen – und Bruchteile von Sekunden wartet man, ob man noch lebe. Unterdessen kriechen Rauch- und Staubwolken über den gegenüber liegenden Trakt in den Hof herein. Und es wird ganz finster und saust und pfeift noch immer – und bebt.

Da beginnt es in allen Höfen zu pfeifen und zu schreien – teilweise im Chor: „Laßt uns in den Keller!“

Wir bleiben hier, denn diese Herrschaften kennen keine Menschlichkeit, kein Gefühl für andere. Sie selber fühlen sich sicher in den tiefen Kellern unter der Erde, in die sie schon lange vor dem Alarm fliehen. Gerade heute sah man es wieder, wie wehrlos, hilflos wir dem Feinde im eigenen Land ausgeliefert sind. Wir sind schon gewöhnt, lange vor jedem Fliegeralarm serienweise die Hupen der „Bonzenmobile“, von der Straße her zu vernehmen.

Wir aber … uns haben die „Volksfreunde“ noch besonders und extra ausgeliefert. Wir dürfen uns nicht einmal in Sicherheit bringen, sondern sollen zugrunde gehen. Diese kalte Brutalität hat es in der Weltgeschichte noch nie gegeben. Menschen spielen ja keine Rolle, auch das ganze Volk ist nur Propagandaschild … ist nur ein Zaun vor ihren Füßen. Das ganze Volk kann in Blut verkommen, ja bis zum Greis und Kind – nur darum, damit diese Herren ihr kostbares Leben erhalten.

Sie selber aber können nur organisieren, nur befehlen, aber niemals an die Front gehen. Und so halten sie alles mit eisernen Krallen nieder. Wer sich rührt, der versinkt spurlos in dem Abgrund …

Gott sei Dank, daß diese schrecklichen Stunden vorüber sind! Man darf ja gar nicht denken: morgen geht es wahrscheinlich von vorne wieder an. So wacht man jeden Tag mit Bangen auf und dankt wie ein winselnder Hund, daß man abends noch am Leben geblieben ist – alles nur ob dieser gewissenlosen Leute!

Da muß der sanfteste Charakter zum Hasser werden … gegen diese Teufel in Menschengestalt und in der Larve der „Volksfreunde“. Komme, was kommen mag! Mehr als Verfolgung, ständige Versklavung und Kerker mit allen Todesqualen kann ja nicht mehr kommen

Buchcover
Informationen zum Artikel:

Gedanken aus dem Kerker I

Verfasst von Johann Ruggenthaler

Auf MSG publiziert im April 2009

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 8. Bezirk, Landesgericht
  • Zeit: November 1944

Anmerkungen

Dieser Textausschnitt entstammt dem Erinnerungsbuch:

Herbert-Ernst Neusiedler (Hg.): Brennen, um ein Licht zu entzünden. Erinnerungen an Kaplan Prof. Johann Ruggenthaler. Ein Leben für die Jugend und gegen Hitler. Sein Kerkertagebuch, Wien 2009; S. 98 ff.

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