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Was Johann Ruggenthaler mich gelehrt hat

von Herbert-Ernst Neusiedler

Er hat mich – uns, seine Schüler – gelehrt, was wahre Sünden sind. Die zehn Gebote sind Gut aller Völker, das ist Naturlehre, Selbstverständlichkeit. Jeder weiß, dass man nicht stehlen soll und die Eltern ehren und so weiter. Keiner begeht eine dieser Sünden ohne zu wissen, dass er sündigt. Aber die Sünden, die man nicht begeht, die sich einschleichen, ergeben, und die deswegen nicht weniger schlimm sind: Gleichgültigkeit, sich Vorteile verschaffen zum Schaden anderer, die Wahrheit biegen, die sogenannte Notlüge, Täuschen. Auch das Vortäuschen von Frömmigkeit, als ob man Gott täuschen könnte. Er lehrte, man möge sich hüten vor den Anständigen, den braven Kirchenbesuchern, jenen, die niemals sündigen, denen nie eine Lüge über die Lippen kommt, denn das wäre schon eine Lüge. Man könne sich vornehmen, versuchen, nicht zu sündigen, nicht zu lügen. Vielleicht sei das Heiligen gegeben. Und Petrus am Ölberg? Also auch denen nicht. Man möge sich hüten vor den sich selbst lobenden Katholiken, die vor Frömmigkeit bei keiner Kirche vorbeigehen können ohne sich zu bekreuzigen.

Was er mich noch gelehrt hat. Mich alleine? Verwende die Wahrheit, sage was Du zu sagen hast, auch wenn alle anderen das Gegenteil behaupten. Tue das Deine, auch wenn alle anderen das nicht tun. Es hat ihm geschadet, hat ihn in den Kerker, bis knapp vor die Guillotine gebracht, hat ihm die Anerkennung seiner Vorgesetzten genommen, hat ihm das zustehende Amt verwehrt. Mitbrüder wurden zu Gegnern, sein Bischof zum Gleichgültigen. Ein Konkurrent schrieb 20 Jahre nach seinem Tod, dass „der Ruggenthaler“ nicht fähig war sich einzuordnen. Dass er aus Eitelkeit die Jugend um sich sammle, wie das schon andere über ihn gesagt haben. Er tue alles, um seine Kirche voll zu bekommen. (…) Aber Ruggenthaler hat seine Erholungsfahrten für die verwahrloste und unterernährte Wiener Jugend gemacht. Mehr oder weniger Wichtige oder Gläubige gab es für ihn nicht. (…)

Autor lesend an Tisch mit Kerzenhalter

Nächstenliebe war das Leben Hans Ruggenthalers und Liebe zur Natur, damit zu Gott. Ehrfurcht hatte er auch vor dem Sünder, den beiden Kommunisten in der Lisl. Ist er deswegen nie Prälat geworden oder was es sonst noch gibt? Auch nicht Studienrat. Oder wäre ein geköpfter Ruggenthaler der bessere Ruggenthaler gewesen? Ich halte es nicht für unmöglich.

Seine Umrisse waren kantig, wie seine Kristalle. Sein Charakter war edel und klar, sein Glaube war tief und echt. Er musste die Frömmigkeit nicht spielen, musste nicht von sich erzählen, wie edel er war. Er tat es. Er wollte die Kinder von der Straße holen. Er wollte den von HJ und BDM verdodelten Jugendlichen das Leben zeigen, die Wahrheit, die Natur. Jene Natur, die er selbst so liebte, da er das Glück hatte, als Kind im Paradies, hoch über Virgen auf der Mellitz aufzuwachsen, auf dem Hof seiner Eltern zusammen mit sechs Geschwistern. Eingebettet war er in eine Familie, gelenkt vom einfachen aber klugen Vater und einer gläubigen und liebevollen Mutter.

 

Alte Eltern des Autors vor Hauseingang
Die Eltern, Maria und Johann Ruggenthaler vor dem Lahnthalerhof in Virgen/Osttirol, 1936

Nach Ende der Hitlerei war Virgen ein Paradies, wo tatsächlich Milch und Honig floss. Unberührt vom Krieg lebten dort arme Bauern ein reiches Leben in einer noch unberührten abseitigen Naturlandschaft. Asphaltstraßen gab es dort keine. Aber die Gschrappen aus Wien wurden aufgenommen, privat, im Gasthof Sonne. Man spendete Erdäpfel, Butter, Milch, machte Schlafplätze frei. Hans, einer der ihren, der Lahnthaler, ermöglichte den Virgenern (selbst nennen sie sich Virger) praktische Nächstenliebe zu üben. Und sie taten es gerne.

So lenkte er die Menschen. Wie er es schaffte, die nötigen Dokumente für die Überschreitung der Demarkationslinien, also Grenzen im eigenen Land, zu bekommen, kann ich mir noch immer nicht vorstellen. Und wie viele hatten nicht einmal das Geld für die Eisenbahnfahrt. Aber Hans hatte es. Viel wird er ja selbst nicht verdient haben. Sein Gehalt als Religionsprofessor für die Handelsakademie und die Lehrerbildungsanstalt kam dazu. Das hat er draufgelegt, ohne viel Worte. So war er eben, der Lahnthaler Hans. Und so konnten alle fahren.

Was ich noch lernte von ihm? Dass der „liebe Gott“ keinen langen weißen Bart hat und nicht auf uns herunterschaut – und wir nicht zu ihm hinauf. Dass wir vor Gott nicht stehen können – eine vermessene Vorstellung der Volksschulzeit. Dass das liebe Jesulein im Kindergarten ein erwachsener Mann geworden war, der dem Bösem widerstand und entgegentrat, der die Geldwechsler aus dem Tempel vertrieb, der die Sünderin an sein Herz drückte, der Kranke heilte, der – für uns – unvorstellbares Leiden auf sich nahm, der als Mensch die Todesangst erlebte und der den Tod besiegte. Er hinterließ ein leeres Grab und eine Lehre, die nach ihm benannt ist und von vielen Jüngern verbreitet wurde.

Einer davon, und nicht der mindeste, war Johann Ruggenthaler. (…) Er hatte Kleingläubige vertrieben, Zweifelnde hineingeholt in die Kirche. Er hatte Arme gefördert, Leidende getröstet und bewusst ein uns heute unvorstellbares Leiden im Kerker der Nazis auf sich genommen. Hunger, Schmutz, Frost in der Zelle. Verhöhnung durch Wärter. Täglich Bombenangriffe von oben und die drohende Guillotine tief unten, zu der viele in Ketten geschleift wurden. Todesangst, Zweifel, Traurigkeit waren mit ihm in der Zelle. Aber auch Hoffnung und Glaube. Dieser Glaube war stark, darum beneide ich ihn.

Da hätte der meine nicht gereicht. Kein Zuspruch kam von seinen Mitbrüdern, kein Zeichen des Gedenkens seines Bischofs. Nur wenige treue Freunde waren geblieben, schenkten Zuneigung und manches Praktische, das zum Überleben half.

Nachdem er infolge mehrerer glücklicher Umstände freikam, wollte er nicht mehr zurück in die Pfarre St. Brigitta zu dieser Art Mitbrüdern. Einer war Denunziant, der Pfarrer hatte ihn immer als Fremden behandelt: ein Tiroler – was kann man erwarten von einem Fremden? Ein Dickschädel und Aufrührer, der bisher überall aufgefallen war, der nicht nach Wien passte. Nicht aufzufallen war die Voraussetzung und die offizielle Instruktion für die Geistlichen. So sollten diese und die Kirche die Hitlerdiktatur überleben.

Nach dem Krieg erfuhr er zum ersten Mal Anerkennung von kirchlicher Seite. In St. Augustin räumte er Schutt weg, richtete sich ein, begann mit der Seelsorge. Innerhalb kurzer Zeit hatte er die größte katholische Jugendgruppe Wiens aufgestellt. Trotz eines zerstörten Straßen- und Eisenbahnnetzes und administrativer Hürden unglaublicher Art mit den Besatzungsbehörden gelangen ihm die Erholungsfahrten nach dem fernen Virgen, das nur über Kärnten zu erreichen war. Tag und Nacht war er tätig, und das ist keine Übertreibung, denn nachts feilte er immer wieder an den Texten seiner Predigten und Vorträge. Nie war er zufrieden, immer suchte er bessere Formulierungen, fesselndere Beispiele, wichtige Bibelstellen. Er brannte für seine Aufgabe, gab sich ganz hin dem, der sich für uns hingegeben hatte. Alles wollte er geben für seine Jugend. Auch wenn er bei Bergtouren schon manche Schwäche fühlte, das Feuer brannte noch immer in ihm. Keine Demütigung, kein Ignorieren, keine skeptische Beobachtung seiner – damals? – ungewöhnlichen Seelsorgetätigkeit brachte ihn von seinem Weg und seiner Überzeugung ab.

Über die schreckliche Haftzeit sprach er kaum, nie über Details. Vieles steht in seinem Tagebuch, das er im Kerker des Landesgerichtes schrieb. Manches ist nicht aufgeschrieben, steht aber doch drin. Dazu aber muss man es lesen. Das ist für Dich schwer zu verstehen? Gut, ich sage es anders: man muss das Tagebuch versuchen so zu lesen, wie er es und unter welchen Umständen er es geschrieben hat. Manchen gelingt es, anderen nicht. (…) Ich kämpfe um den Inhalt. Hans R. hat mich gelehrt zu kämpfen, gelehrt, nichts gegen meine Überzeugung zu tun. Wer das Tagebuch nur einmal liest, kennt es, das Tagebuch. Aber man weiß nicht, was drinnen steht. Nichts weiß man, was es aussagt. Einige Erlebnisse behält man, einige wichtige Vorfälle. Nicht mehr. Kämpfen muss man um den Text, um den Sinn, um die Verbindung zwischen den einzelnen Textstellen. Viele haben es gelesen, doch viel zu wenige. Einige haben es gelesen und gelesen – und bestimmte Stellen nachgelesen. Und wie viele haben es verstanden? Haben seinen Kampf verstanden und die Energie, die nötig war, sich nicht zu beugen.

Informationen zum Artikel:

Was Johann Ruggenthaler mich gelehrt hat

Verfasst von Herbert-Ernst Neusiedler

Auf MSG publiziert im April 2009

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Tirol, Osttirol, Virgen
  • Zeit: 1950er Jahre

Anmerkungen

Dieser Textausschnitt entstammt einem umfangreicheren Beitrag des Autors und Herausgebers in dem Erinnerungsbuch:

Herbert-Ernst Neusiedler (Hg.): Brennen, um ein Licht zu entzünden. Erinnerungen an Kaplan Prof. Johann Ruggenthaler. Ein Leben für die Jugend und gegen Hitler. Sein Kerkertagebuch, Wien 2009; S. 59-77.

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