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Das Tagebuch des Johann Ruggenthaler

von Hedwig Öhler

 

(...) Hw. Johann Ruggenthaler war ehrlich, aufrichtig, unerschrocken und das genaue Gegenteil eines aalglatten Diplomaten. Darum geriet er, als ab 1938 Hitler in Österreich das diktatorische Regime des Nationalsozialismus er richtete, in Konfrontation zur vorgeschriebenen weltanschaulichen Ausrichtung. Sein Leben gehörte der Jugend. Seine Berufung war es, diese zu Gott, zu Christus hinzuführen.

Kaplan Ruggenthaler mit Jugendlichen

In dieser Zeit aber gab es nur eine Jugendorganisation, die nicht nur erlaubt, sondern geboten war: die Hitlerjugend (HJ). Ab 10 Jahren wurde jedes Mädchen und jeder Bub von ihr erfasst. Ganz massiv setzte dann die Erziehung zur Gottlosigkeit, zu Hitlertreue, zum blinden Gehorsam, bei den Jugendlichen ab 14 Jahren ein.

Hw. Ruggenthaler setzte unbeirrt seine Religionsstunden und Vorträge für die Jugend fort. Die Jugendlichen waren zuletzt fast nur mehr Mädchen, da die Burschen durch das Fortschreiten des 2. Weltkrieges zum Arbeitsdienst bzw. zur Wehrmacht eingezogen wurden. Hw. Ruggenthaler machte sich in den Augen der Macht haber der VERBOTENEN VEREINSBILDUNG schuldig. Er unterminierte die diktatorisch vorgeschriebene Geisteshaltung und musste „entfernt“ werden.

Am 17. 2. 1944 wurde er durch die GESTAPO (Geheime Staatspolizei) verhaftet. Zuerst kam er ins Gefängnis auf der Elisabethpromenade und danach ins Landesgericht I, in Wien VIII. In diesem Gebäude befand sich damals die Guillotine, wo die Verurteilten enthauptet wurden. Dort, in diesem Gefängnis, schrieb er, in dieser Umgebung, zermürbt durch lange Kerkerhaft, bedroht durch die ab Sommer 1944 immer schwerer werdenden Bombenangriffe und gequält von der Angst vor einer ungewissen Zukunft ein Buch, ein Tagebuch, Berichte.

Ich nehme mit Sicherheit an, dass diese Blätter ganz und gar unerlaubt, also geheim geschrieben und durch einen, ihm gewogenen Aufseher aus dem Gefängnis geschmuggelt wurden. Ich nehme weiters an, dass diese Aufzeichnungen auf geheimen Wegen zu Freunden nach St. Brigitta (20. Bezirk), wo er vor seiner Verhaftung als Priester tätig gewesen war, gelangten und dort bis zu seiner Entlassung aus dem Gefängnis, im April 1945, treu und sorgsam auf bewahrt wurden.

Erst im Jahre 1946 dürften sie auf Maschine geschrieben und vervielfältigt worden sein. Es sind dies ca. 130 A4 Seiten. Dieses Tagebuch ist nicht nur ein einzigartiges, kostbares Glaubensbekenntnis, sondern auch ein wertvolles Zeitdokument.

Als ich im Jänner 1948 Hw. Ruggenthaler kennenlernte, wusste ich vorerst nichts von seiner Kerkerhaft und von der Existenz dieses Tagebuches. Im Laufe der Jahre erzählte er aber häufig davon. Ich achtete ihn sehr, denn er hatte es, Gott und seinem Gewissen gehorchend, gewagt, gegen den Strom der Zeit zu schwimmen. Und das war damals mit Lebensgefahr verbunden.

Ich wohnte in Floridsdorf (21. Wiener Gemeindebezirk) und musste täglich in die Handelsakademie fahren, die sich im 1. Wiener Bezirk befand. Das war eine Straßenbahn fahrt von mehr als einer Stunde. Im selben Haus wie ich wohnte meine liebe Freundin Ricki. Wir waren wie Schwestern, denn wir kannten uns, seit wir denken konnten. Sie erlernte den Beruf einer Schneiderin in einem Schneidersalon, der sich auf der Nußdorfer Straße (9. Wiener Gemeindebezirk) befand. Da für uns beide, zu mindest das erste Stück des Weges, dasselbe war, gingen wir täglich gemeinsam von zu Hause weg.

Ich erzählte Ricki von Hw. Ruggenthaler und von der Jugendgruppe St. Augustin. Einige Tage danach sagte sie: „Du Hedi, stell dir vor, ein anderes Lehrmädchen in meiner Firma erzählt mir auch dauernd von Hw. Ruggenthaler. Auf meine Frage, wieso sie ihn kenne, sagte sie mir, dass sie seine Nichte sei. Wenn wir wollen, sollen wir sie besuchen kommen. Und du bist auch eingeladen.“

Einige Zeit danach fand dieser Besuch statt. Wir bekamen von ihr bzw. von ihrer Mutter eine Jause, was damals, in der mageren Nachkriegszeit nicht unbedingt selbst verständlich war. Mir tat dieses Mädchen eine besondere Ehre an, denn ich bekam jenes Kaffeehäferl zugewiesen, das ansonsten nur für ihren Onkel, wenn dieser zu Besuch kam, vorbehalten war. Während dieser Jause erzählte dieses Mädchen vom Tagebuch ihres Onkels. Sie bot es mir zum Lesen an und ich durfte es mitnehmen. Ich las es. Es erschütterte mich, es beeindruckte mich und das ist so geblieben bis heute. Ich dachte: „Wenn ich es nun wieder zurückgebe, nachdem ich es gelesen habe, dann ist es für mich weg für immer.“ Daher bat ich durch meine Freundin Ricki, die nur die Vermittlerrolle spielte, ob ich dieses Tagebuch etwas länger behalten dürfte, um es abzuschreiben. Diese Bitte wurde mir gewährt. Ich hatte selbst keine Schreibmaschine. Wer hatte damals schon eine? Kaum jemand! Doch da kam mir ein Umstand zu Hilfe. Dem damals 19-jährigen Bruder meiner Freundin Traude war es einige Jahre vorher, im Tumult der Kriegshandlungen, im April 1945, gelungen, aus einem brennenden Geschäftslokal eine Schreibmaschine zu „erbeuten“. Diese war ein Unikum aus Eisen, sehr schwer. Samstag für Samstag mietete ich mich nun dort ein und schrieb und schrieb.

Traudes Vater war in Stalingrad gefallen, die Mutter lebte mit Sohn und Tochter (beide ließ sie studieren) in dürftigen Verhältnissen. Für mich aber war diese Familie mit Schreibmaschine, ein Schatz. Wenn ich die Wohnung betrat, stellte mir sogleich der Bruder meiner Freundin die schwere Schreibmaschine auf das breite Fensterbrett, denn das war der einzige Platz in der Wohnung, wo ich zum Schreiben genügend Licht hatte. Das Fenster ging in einen dunklen Hof. Einmal sagte er: „Dieses Buch gehört veröffentlicht!“ Dieser Satz ist irgendwie in mir hängen geblieben … Ich schrieb auf ganz dünnem Papier, um zwei Durchschläge machen zu können. Kopierapparate gab es damals nicht und was ein Computer ist, das konnte man nicht einmal ahnen. Einen Durchschlag gab ich meiner Freundin Traude, einen meiner Freundin Hilde und das Original behielt ich selbst. Diese Blätter hütete ich wie einen Schatz.

Einige Jahre später beschloss ich, das Tagebuch nochmals abzuschreiben, um damit meiner Freundin Edith, die ich während unserer Schulzeit in St. Augustin kennengelernt hatte, eine Weihnachtsfreude zu machen. Ein Kopierapparat war für mich immer noch nicht erreichbar. Insgesamt habe ich das Tagebuch dreimal abgeschrieben, um mit den Durchschlägen anderen Menschen eine Freude zu machen. (...)

Informationen zum Artikel:

Das Tagebuch des Johann Ruggenthaler

Verfasst von Hedwig Öhler

Auf MSG publiziert im April 2009

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre

Anmerkungen

Dieser Textausschnitt entstammt einem umfangreicheren Beitrag der Autorin unter dem Titel "Der beste Lehrer, den ich je hatte" in dem Erinnerungsbuch:

Herbert-Ernst Neusiedler (Hg.): Brennen, um ein Licht zu entzünden. Erinnerungen an Kaplan Prof. Johann Ruggenthaler. Ein Leben für die Jugend und gegen Hitler. Sein Kerkertagebuch, Wien 2009; S. 43-58.

 

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