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Wiener Gedanken an Virgen

von Johann Ruggenthaler

Nun bin ich wieder daheim, und der ganze alte trübselige Trott hat wieder begonnen: Alltag und Schule, Geschäft und Büro, die Müdigkeit und Hast, die Enge und Sinnlosigkeit, das verfälschte, geschminkte, laute, gierige Leben der Stadt. Und es ist mir noch nie so häßlich und leer und armselig und aufgeblasen vorgekommen wie jetzt, so in seiner Lüge entlarvt und so erstickend für Leib und Seele als jetzt, da ich doch endlich wieder mal so richtig gesehen habe, wie Gott sich seine schöne Welt gedacht hat: Wie rein der Himmel ist, bevor die Sonne aufgeht und wie still die Erde ist, wenn sie auf den Mond ,wartet‘, und wie gewaltig deine Berge sind, und wie es gut tut, gegen den brausenden, großen Wind zu laufen, und wie es ist, mittags auf struppigem Felsen mitten im Wald zu liegen – und wie es ist, eine Nacht unter den Sternen zu schlafen – ganz allein mit den paar Fahrtgesellen in der endlosen, brausenden Einsamkeit.

Nun weiß ich, daß alles, wirklich und lebendig, mit allen Gliedern und Herz und Blut und Leib – und wie lang der Tag ist, und wann die Nacht eigentlich beginnt und wann der Morgen – wie soll ich nun das Leben in der Stadt wieder aushalten, das Leben, das sich doch nur um Geld und Arbeit und Not und Klatsch und Vergnügen dreht! Ich bin auf Fahrt gegangen, und es war so schön, und nun mein ich fast, es ist nur mein Leib zurückgekommen und mein Herz ist dem alten Alltag so fremd geworden, daß es nie mehr von der Fahrt nach Hause findet. Das kann doch nicht richtig sein?

Vielleicht ist es doch gut so. Vielleicht steckt hier die Probe, ob ich aufrichtig auf Fahrt gegangen bin. Wenn ich mich jetzt gar nicht mehr zurechtfinden kann – heißt das nicht, daß ich gar zu fremd in der schönen, großen Welt gestanden bin – daß sie eigentlich nicht recht an mich herangekommen ist? Daß ich so zugeschlossen war, daß ich sie nur von außen bestaunen konnte, so wie andere etwas in den Schaufenstern bestaunen, ohne es erreichen zu können, so daß sie nur unzufriedener geworden sind und ärmer als sie vorher waren und hilfloser und bitterer in ihrer Not?

Gib doch, daß meine Fahrt nicht nur ein Wandern zwischen fremden, verschlossenen Schaufenstern gewesen ist. Laß mich erkennen, nein, laß mich beweisen, daß ich wirklich daheim war bei der Mutter Erde und geschwisterlich zwischen Wald und Wellen und Heide gehaust habe, daß ich von ihrer Kraft und Ihrem Atem gelebt habe, daß ich davon neu und satt und stark geworden bin. Wenn die häßliche Unrast der Stadt über mich kommt und mich gehetzt und fahrig machen will, dann gib, daß die Stille deiner grossen Nächte in mir erwacht und die Ruhe des Mittags über den Dünen. Wenn Klatsch und trübes Geschwätz mich betäuben wollen, laß all die strahlenden Morgen in mir lebendig werden und die herrliche Kraft deiner Wellen und stürzenden Wasser …

Der Autor sitzend auf einem leichten Abhang, umgeben von hohen Bergen

Wenn ich feige und wehleidig und schwankend werden möchte, laß mich spüren, wie tapfer deine Bäume auf der Wetterseite der Gebirge stehen – unendlich geduldig und stark, sie, die nie ausweichen können, die einfach stehen müssen, wo du sie hingestellt hast, ohne Wahl, ganz einsam und so schön in ihrer trotzigen, unverwüstlichen Kraft …

Wenn ich dich hier nicht mehr spüren mag, laß es in mir wach werden, wie deine Gegenwart um uns und in uns war in den Dorfkirchen und beim Abendgebet am Feuer und eigentlich immer. Laß mich erfahren, daß all das herrlich- reiche Leben von draußen, seine Weite und Größe, seine unbegreifliche Schönheit und Verschwendung, seine Reinheit und Treue doch auch in mich eingeströmt sind, daß ich dazugehöre, daß ich sie mitgenommen habe, daß sie mir gar nie genommen werden können. Wie schön, daß ich nun weiß, daß die Welt, deine geliebte Erde, doch so ist, wie wir sie in diesen Wochen gesehen haben, daß das alles gar nicht von den Menschen zerstört werden kann, daß es einfach soviel Herrliches gibt, an das alle Bosheit und Dummheit und Sünde gar nicht heran kann, gegen die sie machtlos ist, weil er stärker, größer, reicher ist! Wie schön, daß ich das mit Leib und Seele und Herz erfahren habe.

Wer könnte mir das nehmen?

Ich danke Gott, daß ich wieder einmal dabei sein, durfte, wo deine Erde von dir lebt. Ich weiß ja noch gar nicht, was du mir alles damit gegeben hast, und ich brauche es auch gar nicht zu wissen. Laß es aus mir leben, Stunde für Stunde, dann halt ich es schon wieder aus – bis zur nächsten Fahrt.

Buchcover
Informationen zum Artikel:

Wiener Gedanken an Virgen

Verfasst von Johann Ruggenthaler

Auf MSG publiziert im Juni 2009

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien / Tirol, Osttirol, Virgen
  • Zeit: 1956

Anmerkungen

Der Text wurde vermutlich im September 1956 nach der Rückkehr des Autors von Ferien und Bergtouren in Virgen in seine Pfarre St. Leopold in Wien, geschrieben.

Er erscheint mir als Schlüsseltext zum Verstehen seiner Person.

Herbert-Ernst Neusiedler (Herausgeber)

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