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Der beste Lehrer, den ich je hatte

von Hedwig Öhler

(…) Trotz dieser idealen Grundvoraussetzungen und der seelsorglichen Betreuung durch meine Mutter, denn sie sorgte sich wirklich um meine Seele, war ich schon in meiner Kindheit ein skeptischer und kritisch denkender Mensch, der nicht einfach alles ungeschaut hinnahm, was ihm Erwachsene, mit Autorität Ausgestattete, sagten.

Durch meine Zugehörigkeit zur Hitlerjugend (Jungmädchen, BDM), der ich auf Grund von „freiwilligem Zwang“ angehören musste, war ich allergisch gegen alle Arten von Versammlungen, Vereinen, Veranstaltungen, Druck und Drill von außen und von geistiger Vereinnahmung. Das galt auch für kirchliche Vorschriften und Gebote. Ich spürte instinktiv, dass des Menschen Geist frei ist und sich durch nichts und niemanden in Ketten legen lässt. Wohl verlor ich nie eine innere Bindung an Gott, doch rein äußerlich wollte ich mich nie mehr in meinem Leben Zwängen und Vorschriften beugen. Ich spürte, dass mir eine, auf Vernunft aufgebaute Grundlegung unseres Glaubens fehlte, hätte dies aber zum damaligen Zeitpunkt nicht so in Worten ausdrücken können.

DIE ERSTE RELIGIONSSTUNDE

Es kam das Schuljahr 1947/48. Ich war 17 Jahre alt und besuchte die 2. Klasse der Handelsakademie, 1010 Wien, Akademiestraße 12. Eines Tages wurden in der Schule Zettel verteilt. Sie enthielten eine Aufforderung, die wöchentlich stattfindende Religionsstunde in St. Augustin, Wien I, Augustinerstraße zu besuchen.

Damals gab es keinen in den regulären Stundenplan integrierten Religionsunterricht. Diesen Zettel legte ich daheim auf den Schubladkasten. Er lag dort wochenlang. Meine liebe, gute Mutter, um meine Seele besorgt, bedrängte mich immer wieder, doch die Religionsstunden in St. Augustin zu besuchen.

Ich hatte stets dasselbe Gegenargument und sagte: „Das ist sicher auch wieder so ein Verein wie der BDM, und von geistigem Druck und Zwang habe ich genug …“

Mittlerweile besuchten zwei Mädchen meiner Klasse, Traude und Hilde, regelmäßig diese Religionsstunden in St. Augustin. Diese zwei beschlossen, mich aufs Korn zu nehmen. Später erzählten sie mir, dass sie sich zum Ziel gesetzt hatten, mich, koste es was es wolle, nach St. Augustin mitzunehmen und zu „bekehren“.

Ich hatte immer wieder Ausreden und Ausflüchte parat, um mich dem stets massiver werdenden Druck, der einerseits von meiner Mutter und andererseits von diesen beiden Mitschülerinnen ausging, zu entziehen. Weiterhin blieb ich den Religionsstunden fern. Ich spürte aber, dass sich eine Schlinge um meinen Hals zuzog, was ich jedoch nicht wusste, war, dass diese Schlinge die Liebe Gottes war.

Schließlich ging ich nach den Weihnachtsferien, im Jänner 1948, zum ersten Mal in die Religionsstunde nach St. Augustin. Wir betraten dieses altehrwürdige Gebäude, das mit der Augustinerkirche zu einem Komplex gehört, durch ein kleines Eingangstor und stapften über hohe Stufen hinauf in den ersten Stock. Dort gab es zuerst nur lange Klostergänge. Meine beiden Mitschülerinnen aber kannten sich hier bestens aus. Sie öffneten eine Türe. Die Fenster dieses Zimmers gingen hinunter auf die Augustinerstraße. Im Raum standen Vitrinen mit Bergkristallen. An seinem Schreibtisch saß ein Priester.

Das war Hw. Ruggenthaler. Meine beiden Mitschülerinnen stellten mich vor: „Hochwürden, wir haben eine Neue mitgebracht …“ Sie sagten es mit Freude und mit Stolz, denn es steckte ja viel Überredungskunst und Geduld dahinter, bis sie mich zum Mitgehen gebracht hatten. Hw. Ruggenthaler betrachtete mich eine Weile, dann fragte er: „Woher kommst denn?“ Ich antwortete: „Aus Floridsdorf.“ (Das ist der 21. Bezirk von Wien, ein Arbeiterbezirk und keine Nobelgegend.) „Von dort kommst her“, sagte er, „kann denn von dort auch was Gutes herkommen?“ Das waren die ersten Worte, die ich mit Hw. Ruggenthaler wechselte.

Ich hätte, bei meiner Empfindsamkeit, verletzt sein müssen, aber ich war es nicht.

Als die Stunde begann, begaben sich alle in den daneben liegenden größeren Raum, in welchem Bänke aufgestellt waren, zum Unterricht. Das waren etwa 30 Mädchen und Burschen der Handelsakademie. Auch zwei Professorinnen nahmen regelmäßig am Religionsunterricht teil.

DER UNTERRICHT FESSELTE MICH

Es gibt Lehrer, die im Unterricht nichts oder nicht viel geben, dafür aber bei Prüfungen viel verlangen. Bei Hw. Ruggenthaler war es umgekehrt: ER GAB ALLES, WAS ER HATTE. Ich wage einen Vergleich. Wenn Eltern einem Kind nur Nahrung und Kleidung geben, es aber keine Liebe spüren lassen, dann ist das für das Leben und Gedeihen des Kindes zu wenig. Übersetzt heißt dies: ein Lehrer, ein Priester, der Gottes Liebe den Menschen verkünden soll, aber dessen Predigt sich im Einhämmern von „du sollst und du musst“ erschöpft, der geht am Wesentlichen vorbei.

„Wer in andern eine Flamme entzünden will, der muss in sich selbst schon einen Brand tragen!“ Das waren Johann Ruggenthalers Worte.

Von dieser ersten Religionsstunde im Jänner 1948 an versäumte ich bis zu meiner Matura 1950 keine Stunde. Ich bekam Antworten auf alle meine Fragen. Und ich bekam sie von einem Menschen, der selbst alle existenziellen Nöte am eigenen Leib erfahren hatte, der selbst ein Fragender, ein Suchender war und der die Antworten nicht aus Büchern bezog und nur einfach nachplapperte, sondern einer war, der sie mit Gottes Hilfe für sich gefunden hatte und mit Liebe und Überzeugungskraft weitergeben konnte. Seine Vorträge hatten philosophischen Tiefgang. Im Grunde genommen verkündete er immer wieder das große EINE – und das ist auch für mich das Wichtigste – DEN GOTTESBEGRIFF.

Oft dachte ich: „Er ist der erste und einzige Mensch in meinem Leben, der ausspricht, was ich im Innersten immer schon gewusst habe, dass die Lösung für viele Fragen, die mich bewegten, nur so lauten konnte und nicht anders.“ Ein Beispiel dafür: Worin besteht der Himmel? Hw. Ruggenthaler erläuterte: DER HIMMEL IST KEIN ORT, ER IST EIN ZUSTAND DER SEELE. Für den Menschen gibt es nur einen Himmel und der ist GOTT für ihn!

Für das, was er lehrte, gab er immer so anschauliche Beispiele. Er sagte: „Traude, du hast heute ein Nicht Genügend bekommen und deine Sitznachbarin ein Sehr gut. Ihr befindet euch beide am selben Ort, aber trotzdem ist eine unglücklich und die andere glücklich. Versteht ihr nun, dass der Zustand, in dem sich jemand befindet, ausschlaggebend ist und nicht der Ort …“

Er sagte auch oft: „Ihr müsst immer wesentlicher werden.“ Oder ein anderer Ausspruch von ihm, der mir bis heute in Erinnerung ist: „Es gibt nichts Anziehenderes, als einen jungen Menschen, der das Gute aus Überzeugung tut und aus Liebe …“

Er animierte zum Guten; er befahl es nicht. Er machte neugierig auf das Leben der Heiligen, aber er förderte nicht eine frömmelnde Verehrung derselben. Von den „Bekenntnissen des hl. Augustinus“ sagte er: „Wen diese Liebe nicht mehr mitreißen und entzünden kann, der ist wohl durch nichts mehr entflammbar …“ Ich habe in meinem Leben schon dreimal dieses Buch gelesen. Was heißt gelesen. Ich habe es studiert und mich von der einmaligen Größe dieses Heiligen mitreißen lassen.

„Ein Frommer ist noch lange kein Heiliger“ und „heilig zu sein, bedeutet wahr sein.“ Das sind Sätze, die Hw. Ruggenthaler im Unterricht sagte, hinter denen er mit Überzeugung stand und die sich deshalb jedem Zuhörer einprägten. (…)

Seine Vorträge bewirkten in mir erst eine wirkliche Bekehrung. Ich verdanke ihm unschätzbar viel. Er hat mich mit geistigen Gaben beschenkt, die man mit Geld nie bezahlen könnte. Für mich war er der beste Lehrer, den ich jemals hatte. Und was kann man von einem Priester Besseres oder Höheres sagen, als dass er die Jugend zu Gott führte, ihr die Liebe zu Jesus Christus ins Herz pflanzte und sie die Kirche achten lehrte, trotz aller Missstände und menschlichen Unzulänglichkeiten. (…)

Buchcover
Informationen zum Artikel:

Der beste Lehrer, den ich je hatte

Verfasst von Hedwig Öhler

Auf MSG publiziert im November 2010

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 1. Bezirk
  • Zeit: 1940er Jahre

Anmerkungen

Der Textbeitrag ist ein Ausschnitt aus dem Beitrag der Autorin zu dem Erinnerungsbuch von Herbert Neusiedler (Hg.): Brennen um ein Licht zu entzünden. Erinnerungen an Kaplan Professor Johann Ruggenthaler. Ein Leben für die Jugend und gegen Hitler. Sein Kerkertagebuch, Bisamberg: Vogelmedia 2009, S. 43 ff.

Diese Notizen über "den besten Lehrer, den ich je hatte" entstanden lange vor ihrer Veröffentlichung im Zuge der Auseinandersetzung Hedwig Öhlers mit dem Tagebuch, das Johann Ruggenthaler während seiner Haft im Wiener Landesgericht in den Jahren 1944/45 verfasst hat. Sie war in den Nachkriegsjahren eher durch Zufall auf ein Typoskript des Tagebuchs ihres Religionslehrers gestoßen und hatte - mit damaligen Mitteln - durch mehrmaliges Abschreiben zu seiner Erhaltung und Verbreitung beigetragen. (Näheres dazu findet sich in ihrem Beitrag "Das Tagebuch des Johann Ruggenthaler".) Ihre neuerliche Reinschrift des früheren maschinschriftlichen Fassung bildete die Grundlage für die Veröffentlichung in Buchform im Jahr 2009.

Für ihre Verdienste um die Bewahrung der Tagebuchaufzeichnungen Johann Ruggenthalers wurde Hedwig Öhler im Jahr 2010 vom Bundespräsidenten der Republik Österreich mit dem Silbernen Ehrenzeichen ausgezeichnet, welches ihr in einem Festakt am 17. Dezember 2010 überreicht wird.
Die MSG-Redaktion gratuliert herzlich!

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