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Von der Ennsleite in die Erziehungsanstalt

von Franz Gsöllpointner

Ich bin am 1. 9. 1911 in Wien im Findelhaus geboren. (...) Vater war keiner da, denn: ein Offizier und ein Küchenmädchen – das konnte und durfte es nicht geben; Kaiserhaus und Offizierskorps wären wohl Kopf gestanden. Darum schnell weg mit dem Bengel und der Mutter – ab in die Heimat.

Es waren ganz arme Leute, die selbst schon zwei Kinder hatten, die mich und auch meinen Bruder, der bis dahin im Armenhaus in Reichraming war, aufnahmen. Er war sehr glücklich, dass er von den alten Leuten wegkam, mit denen er weder reden noch spielen konnte, sondern ihnen nur immer im Wege stand. Ihr könnt euch ja vorstellen: zirka vier Jahre alt und im Armenhaus! Die Familie Brenner in Steyr, Neustraße 1, hatte nun zwei Kostgeher mehr, für die niemand bezahlte. Aber, wie es gerade bei armen Leuten so ist: zwei oder vier Kinder ist egal – die Hauptsache, sie sind gesund und froh.

Wenn man arm war, hatte man kein Recht. Wir durften nicht mit anderen Kindern spielen, und daher gingen Hans und ich irgendwohin. Geschah aber irgendwo etwas, so hatten es die Brennerbuben getan: ein leeres Vogelnest, eine kaputte Fensterscheibe, ein zertretenes Blumenbeet usw. – das waren wieder diese Brennerrotznasen! Manche Schläge steckten wir ein, obwohl wir gar nicht dort waren, wo es passierte. Die anderen Kinder behaupteten, sie haben uns gesehen, und deren Mütter behaupteten, ihre Kinder lügen nicht. Die Brennerbuben, die nicht einmal eine Hose trugen, sondern die in einem Kittel für Mädchen herumliefen, die mussten für alles den Kopf herhalten. Wenn wir oft weinend zur Ziehmutter liefen, weinte sie mit uns und tröstete uns, aber helfen konnte sie nicht, und der Ziehvater war schwer krank.

So mieden wir die Kinder und gingen früh fort und kamen bis auf die Ennsleite, wo gerade die Waffenfabrik gebaut wurde. Obwohl wir immer Hunger hatten, sahen wir gesund aus: rote Backen – ich im Kittel, die Haare bis zur Schulter – Hans führte mich immer an der Hand. Wir waren glücklich, dass uns die Leute freundlich ansahen und nicht schimpften. Ja, sogar zum Essen bekamen wir hie und da etwas, und wir teilten redlich. Es waren am Bau auch große Löffelbagger. Da konnten wir stundenlang zusehen, und es passierte öfter, dass uns die Baggerführer ins Häuschen mitnahmen und uns von ihrem Essen gaben – ja, oft das ganze Essen, denn sie sahen, mit welchem Appetit wir aßen und die Schüssel ausleckten. Ach, waren wir glücklich! Hans und ich hielten fest zusammen. Wenn wir einen abgenagten Apfel- oder Birnenbutz auf der Straße fanden, wurde er mit der Hand etwas vom Staub befreit, redlich geteilt und gegessen.

Damals war auf der Straße viel Staub, denn Asphalt gab es nicht, daher hatten wir sehr oft blutige Zehen, mit Staub verkrustet, aber krank wurde keiner von uns. Auch nicht, wenn wir im Winter ohne Schuhe auf die gefrorenen Lacken traten, das krachte immer so schön. Die Oberfläche gefror, und das Wasser unterhalb versickerte, und wenn nun jemand darauf trat, so drückte er das Eis ein – darum das Krachen. Einmal bekamen wir alte Schuhe geschenkt, die einen Holzboden hatten, und damit die Holzsohle länger hielt, wurden die sogenannten Mausköpferl in die Sohle genagelt. Diese Nägel hatten runde Köpfe, und wenn sie aus den Schuhen fielen, so blieben sie mit der Spitze nach oben liegen. Öfter traten wir auf einen solchen Mauskopf, aber: herausgezogen, und die Sache war erledigt.

Stellt euch vor: Zwei Kinder, Hand in Hand – von der Neustraße, in der Nähe des Krankenhauses, an dem zu der Zeit auch gebaut wurde, bis auf die Ennsleite – das ist ein langer Weg. Aber damals gab es keine Autos, und Hunger tut weh, und dort gab es doch öfter etwas zum Essen; auf dem Weg dorthin kannten uns die Leute, und gaben uns etwas. Wahrscheinlich gefiel es ihnen so: zwei vier bis sechs Jahre alte Buben, die für jedes Stück Brot so dankbar waren und die Geber freundlich anlachten. Aber diese glückliche Zeit war nun zu Ende.

Der Ziehvater starb, und die Ziehmutter heiratete dessen Bruder. Wir zwei unnötigen Esser mussten weg. (Hans und ich schliefen in einem Gitterbett, und als die Mutter und die beiden anderen Kinder einmal sehr laut weinten, so weinten wir auch laut mit und bekamen zur Beruhigung ein Stück Zucker. Es war, als Vater starb. Wir zwei im Gitterbett konnten nicht begreifen, was Tod eigentlich sein soll.)

Ich kam, da ich zu keiner Arbeit zu gebrauchen war und auch niemand für mich zahlte, in die Schutzanstalt in Steyr, Wieserfeldplatz. Hans kam zu einem Bauern in Mühlbach.

Die letzten Tage, bevor wir auseinandergerissen wurden, weinten wir viel mit unserer Ziehmutter. Sogar unser Spielzeug, eine leere Schuhcremeschachtel und die langen, schillernden Eisenspäne, die wir in der Waffenfabrik im Eisenfeld fanden – die waren oft sehr lang –, mussten wir zurücklassen. Oft hatten wir blutige Finger, aber die heilten ja wieder – und nun war alles aus. Wir weinten um die guten Leute, die uns zu essen gaben und so freundlich mit uns waren; zum Beispiel der Schmied, der uns im Winter in die Schmiede hineinließ, wo es so warm war.

Alle Leute dachten, wir seien Bruder und Schwester, da ich einen Kittel anhatte und Hans eine Hose. Nur wenn ich zufällig gerade Lulu machen musste, sahen die Leute, dass ich ein Bub war. Sie lachten dann – wir beide wussten zwar nicht warum –, aber es war ein freundliches Lachen. Ob uns im neuen Zuhause auch jemand eine Kartoffel schenken wird, die sogar mit der Haut recht gut schmeckte, oder gar einen Grießknödel, wie es öfter vorkam? Wir dachten an den Raben, den ein Jäger unserer Mutter geschenkt und der so gut geschmeckt hatte.

Ich konnte auch nicht begreifen, warum ich nun eine Hose tragen musste, wo auch die Frauen keine Hosen trugen und das so praktisch war. Denn wenn sie Lulu machen mussten, bückten sie sich, als ob sie etwas suchen würden, oder sie pflückten Blumen währenddessen.

Wer würde uns vor dem Mauerhammerl schützen? Mutter sagte immer: „Wenn ihr im Gitterbett keine Ruhe gebt, wird das Mauerhammerl, welches in der Mauer schläft, euch so durchhauen, dass ihr lauter blaue Flecken habt im Gesicht, und alle Leute sehen dann, dass ihr das Hammerl beleidigt habt.“ Wenn wir trotz der Ermahnung wieder lachten, so hörten wir das Hammerl in der Mauer und wurden still, denn blaue Flecken – nein, das war zuviel!

Nun kam ich in die Schutzanstalt in Steyr, Wieserfeldplatz. Jemand brachte mich in die Anstalt, und dort bekam ich gleich eine Hose, die ich gar nicht wollte. Denn womit sollte ich mich nun schnäuzen?

Bis jetzt hatte ich einfach den Kittel vorne aufgehoben und mich dann geschnäuzt, nun aber durfte und konnte ich das nicht mehr machen. In die Hose konnte ich mich nicht schnäuzen, und in den Ärmel hineinwischen – das durfte auch nicht sein. Da ich immer rotzig war, glänzte mein Gesicht in allen Farben. Zu Hause bei der Mutter war das ganz anders. Kamen wir abends nach Hause, nahm uns die Mutter beiseite und wischte uns mit ihrem Kittel das Gesicht ab, den Rest wischten wir in den Ärmel.

Hier in der Anstalt hatten wir auch keine Flöhe. Wenn uns zu Hause einmal einer gebissen hatte, so stellte uns die Mutter in ein Schaff mit warmem Wasser. Die Flöhe fielen ins Wasser, und wir hatten Ruhe. Auch die Mutter machte es so. Sie stellte sich ins Wasser, schüttelte den Kittel, und die Flöhe sprangen ins Wasser sprangen und ertranken. Obwohl ich lange Haare hatte, eine Kopflaus hatte ich nie. Mutter rieb uns von Zeit zu Zeit mit Petroleum ein, und ich glaube, die Läuse mögen das nicht. Nun aber wieder zurück zur Anstalt. (...)

Auch hier war wieder die Schuld auf meiner Seite, denn ich war ja schon abgestempelt; die Strafen gehörten immer mir. Aber nicht Schläge waren die Strafe, sondern kein Essen – das traf mich schwer. Schläge war ich gewohnt, die machten mir nichts aus, aber kein Essen – das konnte ich nicht mehr verkraften. Fort konnte ich nicht mehr, um zu betteln; da wurde ich hellhörig, und ich musste mein Hirn anstrengen: Wie und wo finde ich etwas zum Essen? Durch den ewigen Hunger und die ungleiche Behandlung entstand die fixe Idee: Ich muss etwas zum Essen bekommen, egal unter welchen Umständen!

Mein ganzer Körper war eine einzige Krätze, und ich musste im Bett bleiben. Dass ich Hunger hatte, war nur Nebensache, denn die Krätzen, die ich hatte, kamen auf Grund meines bösen Lebens, hieß es.

Eines Tages, als die Kinder schliefen, schlich ich in den Keller und über den Kohlenhaufen zum Kellerfenster hinaus, dann über den Hof, über die Dachrinne hinauf, über das Dach und beim Speisfenster hinein. An langen Tischen waren für jedes Kind eine kleine Lade und ein Sessel. Auf der Suche nach etwas Essbarem fand ich Spielzeug, das ich noch nie gesehen hatte. Ich hatte eine lange Unterhose an, die unten zugebunden war, um die Krätzeschuppen nicht zu verlieren. Da steckte ich ein paar Spielsachen hinein, und nun ging es den gleichen Weg wieder zurück. Nach ein paar Tagen, als ich den anderen Kindern meine Spielsachen zeigte, sagten die Kinder es der Schwester. Keine Schläge, aber dafür wieder kein Essen!

Nun wurde ich auf einmal trotzig, und mir war alles egal. Ich musste in die Küche, egal unter welchen Umständen. Ich wusste, wo sie war. Nun wieder durch den Keller, über den Hof, und da sah ich durch die offen stehende Tür eine Schwester, die Brotschnitten machte und mir den Rücken zukehrte. Sie gab die Schnitten in einen großen Kessel. Ich sah nur mehr die Brotschnitten neben der Schwester und ergriff das Brot. Als ich über den Hof zum Kellerfenster rannte, holte sie mich ein. Ich war Schläge gewohnt, aber mit einem nassen Handtuch geschlagen und gewürgt zu werden, so dass ich fast erstickte – das war nun doch zu viel.

Nächsten Tag wurde ich, auf einem Sessel sitzend, an Händen und Füßen angebunden, und so saß ich stundenlang, ohne dass ich mich recht rühren konnte. Ich weiß nicht mehr, wie oft, und auch nicht, wie lange die Strafen dauerten. Mein Bruder Hans kam einmal mit jemandem zu mir auf Besuch. Ich wurde nun vom Sessel gebunden, und musste sagen: „Mir geht es sehr gut.“ Zwei Schwestern stützten mich, da ich nicht stehen konnte. Da fragte der Freund meines Bruders, warum ich so blaue Hände und Füße habe. Die Antwort der Schwester: „ Sie sehen ja, dass er krank ist und nicht stehen kann.“ Was verstand Hans schon von Krankheit? Als wir beisammen waren, war nie einer von uns krank oder hatte Krätzen und dergleichen.

Hans gab mir eine kleine Marienstatue, die ich aber nur einige Tage hatte. Ein Bub sagte zur Schwester, ich hätte sie ihm gestohlen, und da ich als Dieb bekannt war, erhielt er die Statue auch.

Ich glaube, eine der Schwestern hatte etwas Erbarmen mit mir, und ich bekam dann so wie die anderen Kinder mein regelmäßiges Essen. Mir wurde auch gesagt, dass ich in eine andere Anstalt komme. Für die heutige Zeit hört sich das alles furchtbar an, aber es war Krieg, und jeder sah, wie er am besten durchkam. (...)

Da ich kein Kleinkind mehr war, kam ich also in die Erziehungsanstalt „Zum Guten Hirten“ in Linz, Baumbachstraße. Und das ging so zu:

Eines Tages holte mich eine Schwester ins Besucherzimmer der Schutzanstalt. Ich hatte kein gutes Gefühl, aber als ich die fremde Schwester sah, konnte ich an ihr keinen bösen Blick und auch sonst keine Unannehmlichkeit für mich entdecken. Wenn ich einen fremden Menschen sah, so sagten mir seine Augen und sein Gesicht schon im Voraus, was ich von dieser Person zu erwarten habe. Durch das Umhergestoßenwerden und das rechtlose Leben, hatten sich meine Sinne so geschärft, dass ich aus dem Gesicht lesen konnte, und es trug mir oft Schimpfe ein, weil ich alle Menschen, mit denen ich zu tun hatte, zuerst anstarrte, bevor ich meinen Mund aufmachte. Aber ich konnte nicht erklären, was der eigentliche Grund meiner Anstarrerei war. Wahrscheinlich hat mir die Natur das als Selbstschutz so beigebracht.

Also, die fremde Schwester hatte gute und reine Augen, von denen nichts Unangenehmes ausströmte. Sie hatte ein freundliches, rundes Gesicht, und ich hatte ein gutes Gefühl. Ich fühlte: Von dieser Schwester habe ich nichts zu befürchten, und mir wurde ums Herz so warm, was bis dahin sehr selten der Fall war. Die Anstaltsschwester sagte zum Abschied: Ich soll brav sein und artig und soll ja nicht abstucken*; und da wir mit dem Zug fahren würden, in dem auch viele Leute sind, soll ich nichts stehlen usw. Dieses Gerede hörte ich nicht mehr bewusst, denn ich war noch immer damit beschäftigt, diese Schwester zu prüfen, ob mein Sinn richtig war und ich mich nicht doch täuschte; aber die gute Ahnung blieb.

Nun ging ich mit der Schwester auf die Bahn und stieg mit ihr in den Zug. Nach einer Weile, kramte sie aus einem Beutel einen Kuchen heraus, und das Erste war, dass ich ein Stück bekam. Sie sah mir zu, aber sie aß nicht. Wahrscheinlich aß oder fraß ich mit solchem Appetit und solcher Gier diesen Leckerbissen, dass sie mir auch den letzten Kuchen noch gab, ohne selbst einen Bissen zu essen. Als sie mir noch erzählte, dass ihre Eltern auf dem Stadtplatz in Steyr ein Uhrengeschäft mit Namen Rückert haben, und ihr Klostername Rudolfa sei, hatte mir Rudolfa das Herz geöffnet, und ich hatte Zutrauen zu ihr.

Wir kamen in Linz gut an. Von nun an bekam ich wie alle anderen Kinder das Essen. Alle redeten mir gut zu. Die neuen Schwestern waren in den Augen gut. Rudolfa kam in den nächsten Tagen, um mich zu sehen und um eventuelle Wünsche zu hören. Aber es war alles in Ordnung – fast könnte ich sagen: Ich war glücklich. Ich war in der „Kleinen Abteilung“ und hatte die Nummer 121.

Informationen zum Artikel:

Von der Ennsleite in die Erziehungsanstalt

Verfasst von Franz Gsöllpointner

Auf MSG publiziert im Mai 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Erinnerungsbücher, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Oberösterreich, Linz/Zentralraum, Steyr
  • Zeit: 1910er Jahre, 1920er Jahre

Anmerkungen

Dieser Textausschnitt wurde einem längeren Beitrag des Autors im Erinnerungsbuch "Als lediges Kind geboren ...", herausgegeben vom Verein "Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen", 2008, entnommen (ebenda, S. 78 ff.)

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