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Dem Vormund ausgeliefert

von Johanna Kalisch

(...) Ich wurde inzwischen 14 Jahre. In der Schule kam ich schwer mit, jedoch wollte ich Schneiderin oder Modistin werden – ich machte meinen Puppen schöne Kleider, die Leute lobten meine Arbeit. Es war noch immer Krieg und Not an allem, so suchte mir meine Mutter eine Lehrstelle als Näherin. Doch wo wir auch hinkamen, sollten wir zahlen. Von 13 Kronen zahlten wir sieben Kronen Zins, und sechs Kronen blieben uns zum Leben, was nie ausreichte.

Meine Mutter versuchte, vom Anwalt ein paar Kronen von meinem Geld zu bekommen, um Schuhe oder warme Wäsche zu kaufen. Es hieß, vor meiner Großjährigkeit darf nichts abgehoben werden, nicht einmal die Zinsen. Als ich das Alter erreicht hatte, hieß es, es wären Kriegsanleihen gezeichnet worden, das Geld ist verloren.

Meine Mutter war zeitweise bei ihrem Bruder. Seine Frau war gelähmt, Dienstmädchen haben sie nicht bekommen, weil sie nicht zahlen wollte. So ging meine Mutter morgens hin, mittags kam sie heim, sie musste sich um Essen anstellen. Meist gab es Rüben. Die Gemüsehändlerinnen sperrten zu, denn es gab schon lange nichts außer „Purri“, oder Lauch, wie man sagt; der wurde geschnitten, gekocht und eingebrannt wie Kohl. Im Wald sind wir Blätter suchen gegangen – kleine, runde, sie rochen nach Knoblauch. Auch diese wurden als Kohlersatz gekocht. Wir haben einen Ausflug auch dazu genutzt, um für Hasen und Meerschweinchen Futter zu suchen. Als sie halbwegs groß waren, hat ein Fleischergeselle eins nach dem andern geschlachtet.

Da ich in der Schneiderei nicht unterkam, ging ich in eine Papierfabrik. Ich war glücklich, meiner Mutter helfen zu können. Es wäre schön gewesen, wenn Mutter nicht hätte sterben müssen.

Der Krieg ging dem Ende zu. Ich schrieb meiner Pilsener Pflegemutter; sie wollte uns einen Sack Kartoffeln schicken. Es war Fronleichnam. Mutter blieb zu Hause, sie wollte nach dem Essen kommen. Ich ging statt ihr zur Tante, betreute sie. Mutter holte das Essen von der Ausspeisung. Es war eine graue Suppe mit Hautfetzen und Rollgerste. Sie aß davon, und es rutschte ihr ein Knochensplitter in den Hals. Er steckte, sie brachte ihn nicht hinunter, nicht herauf. Die Hausparteien gaben ihr einen Rat: Sie solle Brot oder Kraut essen. Aber es hatte sich verlegt, sie bekam keine Luft. Eine Frau ging mit ihr zum Arzt. Er konnte den Splitter nicht erreichen, sie musste ins Spital. Dort ließ man sie bis zum Abend ohne Hilfe – am Nachmittag war das Begräbnis von Dr. Chiari. Wir, Onkel und ich, konnten nicht begreifen, dass Mutter nicht kam. (...)

Anderntags fand ich Mutter in einem Zustand, als sei sie schon tot: die Hände ans Bett gebunden, wachsbleich im Gesicht. Der Polster war weg, auch der Schlauch und die Kanüle. Ich stand beim Fenster und weinte. Als die Schwester hereinsah, sagte sie, Mutter habe sich alles weggerissen. „Geh nach Haus! Wenn keine Post kommt, kannst du wieder kommen.“ Wir warteten, sahen in den Briefkasten, er war leer. Um ein Uhr läutete es. Eine Partei vom zweiten Stock brachte eine Karte, dass Mutter um vier Uhr Früh verstorben sei. Ich lief nach Hause, stürzte in der Küche zu Boden und hatte einen Weinkrampf. Alsbald kamen auch der Onkel und die Hausbesorgerin, die mich trösteten.

Meine Tante hatte gesagt: „Sollte deiner Mutter was zustoßen – was Gott behüt’ – bleibst bei mir, ich lasse dich Schneiderin lernen.“ Ich hatte ihr nicht geglaubt, denn sie hat uns nur ausgenützt. Als es so kam, meinte sie: „Du kannst wieder in die Fabrik gehen, ich kann dir nicht helfen, ich bin eine kranke Frau.“ Zu dieser Zeit lebte noch ihre blinde, alte Mutter. Als der Kaiser starb, weinte diese, als ob’s der nächste Verwandte gewesen wäre. Bald starb auch sie, 89 Jahre alt.

Als meine Mutter starb, war sie 54 und der Krieg bald zu Ende. Wir hätten eine bessere Zeit gehabt, denn ich hatte mir noch eine Heimarbeit mitgenommen – Waschpulverkartons picken. Ich habe abends noch mit Mutter gearbeitet, und wir haben uns gefreut, wenn wir uns am Tandelmarkt bei der Rossauerkaserne einige übertragene Sachen kaufen konnten. Trotz Not und Entbehrung haben wir fest auf bessere Zeiten gehofft. Mutter sagte einige Male: „Hannerl, dir wird es einmal gut gehen.“ Auch dieser Spruch: „Wer für einen Janker geboren ist, kommt zu keinem Rock!“, hat bei mir zugetroffen.

Nachdem meine Mutter begraben war, bekam ich die Kündigung der Wohnung. Weshalb, weiß ich nicht. Die Hausbesorgerin – sie hatte Zwillinge, die ich auch öfters betreute – meinte, ich kann meine Sachen auf den Dachboden stellen, bei ihr wohnen und weiter in die Fabrik gehen. Sie hat sich’s wieder überlegt. Als ich mittags nach Hause kam, hatte sie die Wohnung aufgebrochen, meine Sachen in den Hof gestellt und Sachen, die sie brauchen konnte, in ihre Wohnung getragen. Gegenüber von uns war eine Maschinenstrickerei, sie war erst kurze Zeit da. Wenn ich am Abend auf Mutter wartete, stand ich oft die längste Zeit beim Fenster und sah zu, wie die Nadeln hüpften. Da erfuhr die Nachbarin, dass ich allein sei und sprach mit der Hausbesorgerin. Sie muss mich ins Haus gehen und weinend bei meinen Sachen stehen gesehen haben. Die Hausbesorgerin trug noch einiges zu ihrer Wohnung. Da rief die Strickerin: „Was bedeutet das alles? Tragen S’ sofort alles zurück!“ Die Hausbesorgerin jedoch sagte: „Hab’s ihr abgekauft, das Geld liegt am Kastl!“ Es waren einige Sechserl, wie man zu zehn Kreuzern sagte.

Die Strickerin schickte mich zum Onkel, der auch mein Vormund war, er möge kommen: Sie will mich als Eigen annehmen. Für den Onkel war das eine gute Lösung, er hatte mit mir keine Sorgen. Er kam, ließ sich noch einiges in seine Wohnung führen und sagte, er legt mir ein Sparbuch an. Alles andere trugen wir hinüber. Die Wohnung war im ersten Stock, ich bekam unten eine kleine Küche zum Schlafen. Die Kredenz war mein Kleiderkasten – oben Geschirr, unten meine Sachen. Der Fußboden war aus abgetretenen Ziegeln, es gab eine Kohlenkiste zum Sitzen, ein Klappbett, einen alten Herd, wo ich meine Petroleumlampe hatte, denn der Raum hatte nur an der Tür ein Glas, wo kein Licht vom engen Hausflur hereinkam. Gekocht wurde in der Werkstatt hinter einer Wand am Gasrechaud.

Außer der Hausbesorgerin und einer Arbeiterin, die im Stock ein Zimmer hatte, war niemand da. Der Herr war noch in Italien im Krieg. Wenn ich geglaubt hatte, ein ordentliches Heim, ein Elternhaus zu bekommen, so wurde ich sehr enttäuscht. Ich kam vom Regen in die Traufe.

Mein Onkel legte der Frau ans Herz, mich dieses Fach zu lehren und in die Gewerbeschule zu schicken, was sie auch versprach.

Im Juli kam ich hin, im Oktober kam der Mann heim auf Urlaub, rückte aber nicht mehr ein, da der Krieg dem Ende zuging. Sie waren beide Retzer – aus einer Weingegend. Die Frau fuhr weg und erklärte mir, was zu tun sei. Stricken auf der Maschine konnte ich noch nicht, nur Wolle spulen. Eines Tages kam ein Soldat herein, braun gebrannt, unrasiert, verschwitzt und verstaubt. Wenn ihn die Hausbesorgerin und die Arbeiterin nicht als Herrn so und so begrüßt hätten, ich wäre zu Tode erschrocken gewesen – so verwildert sah er aus. Er nahm sich den Wohnungsschlüssel von der Kassa und ging hinauf.

Es dauerte nicht lange, da kam er zurück und fragte nach seiner Wäsche. Ich hatte welche in die Wäscherei getragen und holte den Zettel aus der Kassa. Er gab mir Geld dafür. Aber er kam noch einmal und meinte: „Das sind nicht die Sachen, die mir gehören.“ Ich dachte nach, dann sagte ich: „Die sind vielleicht vom Herrn Bruder!“ – „Was für ein Herr Bruder?“ – „Der öfters in der Mittagszeit kommt. Ich kenn ihn nicht, er geht gleich in die Wohnung.“ – „Aber wieso kommst du auf den Bruder?“ – „Weil ich immer die Tassen Kaffee hinauftragen muss.“ Ich kannte außer der Frau niemanden, so musste ich glauben, dass es ihr oder sein Bruder wäre. Diese Auskunft musste ich bitter büßen. Was sich dort abgespielt hat, habe ich nie erfahren.

Zu Hause, in Gegenwart des Herrn, habe ich meine Ruhe gehabt. Abends oder sonntags, wenn ich mit der Frau alleine war, stürzte sie her, riss mich an den Haaren, ohne dass ich wusste warum, und schlug auf mich ein. Wenn ich fragte: „Warum schlagen Sie mich? Was hab ich getan?“ – „Denk nur nach!“, sagte sie immer. Einmal sah mich die Hausbesorgerin, als ich mit herunterhängendem Haar aufs Klo lief und weinte. Da erfuhr ich, dass jener Herr Bruder ein Jugendfreund von ihr – ein Wachmann – war.

Es hat sich dann ergeben, dass sie ein anderes Lokal im Hause bekamen, es war größer. Der Mann – sehr tüchtig – teilte es ab: ein kleiner Laden und eine größere Werkstatt. Ich musste mit ihm von einem Holzplatz gehobelte Bretter holen. Die Holzwand tapezierte er. Es gab eine Schiebetür, eine Budel und einen langen, massiven Tisch, wo die Maschinen angeschraubt wurden. Auch einige neue Maschinen kamen. Sie nahmen noch zwei Frauen auf und außer mir ein Lehrmädchen.

Ich bekam einen größeren Raum zum Schlafen, auch mein eigenes Bett, musste das Zimmer jedoch mit dem Lehrmädchen teilen. Der Fußboden war noch immer aus Ziegeln. Wo das Bett stand, hatte er einige Bretter gelegt. Ein Kessel zum Wäsche-Auskochen und ein großer Tisch standen darin, den die Hausfrau hineinstellen ließ. Sie hatte einmal eine Handschuhwerkstatt, als ihr erster Mann noch lebte. Dieser Raum hatte zwei Fenster, die mit Pappe vernagelt waren, man konnte sie nicht öffnen. Ein eiserner Ring war an der Mauer angebracht, denn dieser Raum hatte im Krieg als Stall gedient. Am Ring war eine Ziege angekettet, Hühner und Hasen waren darin gewesen – deshalb die Verdunkelung. Ich fragte, warum man die Fenster nicht freimachen kann – „Wir sind ja keine Tiere ...“. Die Frau wollte, dass das so bleibt. Ich habe dann doch die Oberlichte freigemacht, dass etwas Sonne und Licht hereinkommt, was sie vielleicht gar nicht bemerkt haben.

Das Lokal und der Raum waren früher ein Gasthaus. In der Küche, die nicht groß war, gab es eine Falltüre. Die Stufen hinunter waren morsch. Der Keller jedoch war sauber, ganz aus Ziegeln. Er wäre im Zweiten Weltkrieg ein sicherer Bunker gewesen.

Als ich 15 war, hielt ich es nicht mehr aus. Ich musste samstags alles ausreiben, Fenster putzen. Am Sonntag musste ich oft noch putzen, wenn am Samstag viel Postarbeit gewesen war. Ich musste morgens die Zeitung holen, Schuhe putzen, Frühstück kochen, aufs Zimmer tragen. Manchmal schickten sie mich in die Kirche. Einmal im Monat durfte ich zum Onkel. Wenn ich mich bei ihm wegen der Schläge beklagte, hieß es: „Wir können dir nicht helfen.“ So sah ich in der Zeitung nach, schrieb mir zwei Annoncen auf. Am Nachmittag bat ich, meine Tante aufsuchen zu dürfen. Die Frau meinte: „Du warst doch erst bei ihr!“, der Herr aber sagte: „Lass sie gehen!“ Ich ging jedoch auf die Anzeige hin, um mir einen Posten zu suchen. Ich hatte das Glück, im neunten Bezirk, Pulverturmgasse, bei zwei Damen – Schwestern, Lehrerinnen – aufgenommen zu werden. Am Montag sollte ich kommen.

Als ich es daheim vorbrachte, schrieen beide, was ich mir einbilde! Wenn sie sich meiner nicht angenommen hätten, wo ich gelandet wäre – wie undankbar, sie hätten die Elternstelle angenommen und so weiter. Mein Traum, mir ein paar Kronen zu verdienen, eine geregelte Freizeit – alles dahin!

Zwei Jahre später, mit 17 – Frau und Herr waren abwesend – sahen wir eine geputzte Kutsche. Es war Pfingsten, das Fleischerehepaar hatte jedes Jahr einen armen Buben oder ein Mädel zur Firmung geführt: das Mädchen ganz in Weiß, der Bub im Matrosenanzug. Wir hatten nur eine Arbeiterin, die Toni, die sich oft meiner angenommen hat und mich gern aus diesem Milieu herausgebracht hätte. Ich seufzte und sagte: „Warum haben sie so viele zur Firmung genommen und mich – wo ich ganz nah bin – mich nicht?“ – „Du bist noch nicht gefirmt? Wie alt bist du?“ – „Siebzehn.“ – „Ich führ dich zur Firmung.“ Und ich darauf: „Das geht nicht. Sie wissen ja, warum.“

Als sie bei uns eintrat, sah sie so Manches. Es gab für mich kein Gabelfrühstück, während die Arbeiterinnen Jause aßen. Auch die Pflegeeltern ließen sich’s gut gehen: Von Wein, Fleisch und Wurst bekam ich nichts – ich war’s gewohnt. Einmal überraschte die Frau Toni, als sie mir ein Sackerl Birnen in die Kredenz gab. Am Abend, als Toni schon fort war und ich noch bei der Maschine saß, kam die Frau mit den Birnen. „Wo hast du das her?“ Ich hatte wirklich keine Ahnung, ich sagte das auch. Da schlug sie mich, nannte mich eine Lügnerin. Tags darauf fragte sie Toni, die zugab, mir das Obst gegeben zu haben. „Mit welchem Recht? Das Madl hat genug zu essen!“, und so weiter.

Den nächsten Samstag, als sie ins Tröpferlbad gingen wie immer, fragte mich Toni, ob ich auch baden gehen dürfe. Ich verneinte und sagte, dass ich mich immer nur im kalten Wasser waschen muss. Sie gab mir das Geld und meinte: „Wenn sie dich in die Kirche gehen lässt, gehst baden auch.“ Ich steckte es in den Kleiderausschnitt, doch als ich aufstand, kollerten die Sechserln hinunter. „Wo hast das Geld her?“ Ich wollte es nicht sagen, doch Toni sagte es. Es kam zum zweiten Mal zum Streit, wo ihr die Frau kündigte und Ohrfeigen androhte.

Toni hatte, da es Samstag war, den letzten Tag gearbeitet, und nächsten Sonntag wollte sie mich zur Firmung führen. Als sie fortging, hatte sie der Frau nahegelegt, dass sie mich nächsten Sonntag zur Firmung führt. Es gab wieder Streit, doch kam der Herr dazu. Er sagte, dass die Frau mich firmen will; darauf Toni: „Das hätten Sie in den drei Jahren schon längst tun können.“ Die Frau versprach der Toni, dass ich um neun Uhr Vormittag dort sein werde.

Als die Zeit herankam, suchte sie mir einen Hund anzutun. Ich musste am Samstag liefern gehen und am Sonntag ausreiben. Ich war sehr nervös. Als es neun Uhr war, musste ich noch das Geschäft ausreiben, dann durfte ich mich herrichten. Ich hatte ein kombiniertes Kleid – oben bunter Samt, bräunlich, mit einem angenähten braunen Rock, in der Mitte eine weiße Schnur mit Quaste – und schwarze Schuhe. Ich lief, was ich konnte, nach Ottakring.

Die ganze Familie war wie auf Nadeln. Toni zog mir ein schönes Kleid an, die Schwester half mir in weiße Strümpfe und weiße Schuhe. Die Mutter fütterte mich mit Milchkaffee und Gugelhupf. In meine Haare wurden mit der Brennschere Wellen gebrannt, und ein Sträußchen Maiglöckchen wurde hineingesteckt. Es war ein schöner Tag und ein schönes Fest. Es war schon zwölf Uhr, wir fuhren mit der Straßenbahn zum Stephansplatz.

Autorin mit Patin am Tag der Firmung
Johanna Kalisch, in Weiß, mit ihrer Arbeitskollegin und Patin Toni am Tag ihrer Firmung mit 17 Jahren (1920)

Der Schaffner meinte, es ist schon zu spät. Doch Toni gab nicht auf. Wir hatten Glück, es kamen noch einige Nachzügler. Der Bischof kam nochmal heraus. Er hat uns damit eine große Freude gemacht. Wir gingen zum Fotografen, dann fuhren wir in ihre Wohnung. Dort gab’s noch das gesalzene amerikanische Schweinefleisch. Wenn auch der Krieg aus war, die Not war noch immer nicht gebannt. Dann ging’s nach Liebhartstal zum Heurigen. Wein gab es schon und Gesang. (...)

Ich war bis zum 19. Lebensjahr in der Strickerei. Der Herr wurde mein Vormund.

Ich sollte mit dem Lehrmädchen im März einen Ofen wegräumen. Im Hof war ein großer Raum; dort stellte ich den Ofen, der auf drei Füßen stand und schon länger einen Sprung hatte, in die Ecke. Das Mädchen lehnte die langen Rohre davor. Einmal kam die Hausbesorgerin und holte die Frau hinaus. Sie fragte dann, wer den Ofen hinausgetragen habe. Ich, ahnungslos, sagte natürlich: „Ich.“ – „Komm heraus!“ Sie stieß mich in den Raum, wo ein Handwagen stand und ein Fahrrad, das ich damals nicht dort gesehen hatte, und zeigte auf die Rohre und den Ofen, der auseinander gebrochen war. „Du hast den Ofen zamg’haut!“, schrie sie. Ich sagte: „Nein, fragen Sie die Anna.“ Darauf gab sie mir ein paar Ohrfeigen. Ich ging mit verweintem Gesicht hinein, darauf fragte der Herr: „Was gibt’s denn?“ Sie packte mich wieder, zerrte mich wieder hinaus. „Schau, was das Mensch ang’stellt hat!“ Ich sagte nur: „Der Ofen war noch in Ordnung, fragen Sie die Anna!“ Die Frau: „Wie frech sie lügt!“ Der Herr haute mir ein paar Mal mit der Faust ins Gesicht. Ich fiel zu Boden. Dann trat er noch mit dem Schuh auf meinen Kopf, das alles in Gegenwart der Hausbesorgerin.

Alle verließen den Raum. Ich rappelte mich hoch, sah aber nur rot, als ob Blut über die Augen rinnen würde. Ich tastete mich in die Kammer. Inzwischen war auch Anna da. Sie durfte Samstag Abend nach Hause fahren, nach St. Andrä-Wördern, und musste Sonntag Abend wieder da sein. Als sie mich sah, fragte sie mich, was geschehen sei. Ich sagte: „Weißt noch, wie wir den Ofen hinausgetragen haben, dass er ganz war?“ – „Ja“, sagte sie. „Ich hab noch die Rohre vorgelegt und zugesperrt.“ – „Jetzt lagen die Rohre auf dem Boden, und der Ofen ist mitten auseinand’, deshalb schlugen sie mich.“ Ich fragte: „Blute ich stark?“ – „Nein.“ – „Aber ich seh’ nichts, nur rot. Richte mir Wasser, dass ich mein Gesicht waschen kann.“ Ich musste ihr alles erzählen und legte mich angekleidet aufs Bett.

Als ich wieder etwas sehen konnte, lief ich fort. Ich traf einen Wachmann und fragte nach dem Jugendamt. „Was wollen S’ so spät? Wie schaun S’ denn aus? Was ist geschehen?“ Ich sagte: „Mein Vormund hat mich geschlagen.“ – „Am besten, Sie gehen zum Arzt, der ist gleich da in der Liechtensteinstraße, und lassen sich ein Parere ausstellen. Am Montag gehen S’ dann in die Laudongasse.“

Ich schämte mich, zum Arzt zu gehen, und ging zu einer Frau, die gut zu mir war, doch auch arm. Ihr Mann war im selben Monat und Jahr gestorben wie Mutter; sie musste arbeiten, um ihre vier Kinder zu ernähren. Sie wohnte in der Nähe. Als sie mich sah, schlug sie die Hände zusammen. Ich erzählte ihr, was vorgefallen war. „Du bleibst jetzt da. Kann ich für vier sorgen, kommt’s mir aufs Fünfte auch nicht an. Hol dir deine Sachen; ich geh bis zum Eck und warte auf dich. Und Montag geh ich mit dir zur Fürsorge.“

Als ich in meine Kammer trat, wurde draußen zugesperrt: Ich war gefangen. Ich konnte länger schlafen, brauchte nichts machen, die Frau brachte mir das Frühstück, das Mittagessen – und vergaß nicht zuzusperren. Am Abend, bevor Anna kam, sperrte sie auf.

Anna hatte zu Hause alles erzählt. Ihre Eltern sagten, sie darf nicht bleiben und soll mir helfen, dass ich fortkomme. So brachte sie mir eine Fahrkarte, dass ich nach Wördern fahren konnte.

Ich war 19 Jahre alt und bekam kein Geld, keinen Lohn, Kleider wurden von der Frau umgeändert, Schuhe waren vom Tandler. Ich musste mehr arbeiten als die Arbeiterinnen, es hieß immer: „Wie viel hast du? Schau dazu, so viel musst machen.“ Ich hatte furchtbare Schmerzen, Krämpfe, wenn die Periode kam; ich stöhnte, klammerte mich an die Maschine, um nicht umzufallen; ich war zart und blutarm, aber sie kannten kein Mitleid.

„Wenn am Morgen die Frau ins Geschäft geht“, sagte Anni, „nimm den Mantel und lauf so schnell du kannst fort!“ Mein erster Versuch scheiterte. Als ich beim Haustor hinaushuschen wollte, packte mich die Frau beim Ärmel und zog mich wieder zurück. Sie zog mich in die Wohnung. Der Herr lag noch im Bett, und sie sagte: „Abpaschen hats wollen, des Luder!“ Der Herr sprang aus dem Bett, packte mich am Hals und sagte: „Ich erwürg dich, du Kanaille!“ – „Und wenn schon!“, presste ich hervor und schloss die Augen, dann ließ er los. „Verschwind obi, bevor i di umbring!“ Sie packte mich wieder und stieß mich zur Maschine. Als die Glocke im Geschäft läutete, rannte ich wieder los, diesmal mit Erfolg.

Ich lief, als ob ich was gestohlen hätte, als ob der Teufel hinter mir her wäre. So kam ich atemlos an. Die Herren erschraken förmlich, als ich hereingestürzt kam. Ich ratschte alles herunter, denn ich fürchtete, der Herr kommt mir nach. Man beruhigte mich und lud mich zum Sitzen ein. Sie fragten, ob ich Zeugen habe. Zum Glück hatte ich sie. Ich musste alles der Reihe nach erzählen. Es wurde Protokoll aufgenommen. (Zur Verhandlung brauchte ich nicht kommen. Anna erzählte mir: „Er hat eine Rüge bekommen, das nächste Mal muss er sitzen.“) (...)

Informationen zum Artikel:

Dem Vormund ausgeliefert

Verfasst von Johanna Kalisch

Auf MSG publiziert im Mai 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 9. Bezirk, Lichtental
  • Zeit: 1910er Jahre, 1920er Jahre

Anmerkungen

Dieser Textausschnitt wurde einem längeren Beitrag der Autorin im Erinnerungsbuch "Als lediges Kind geboren ...", herausgegeben vom Verein "Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen", 2008, entnommen (ebenda, S. 166 ff.)

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