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Religion und Schule

von Karl Kalisch

Vater und Mutter waren konfessionslos. Nun kam mein Bruder in die Schule und dann geschah Folgendes: Jedes Mal, wenn der Pfarrer seine Religionsstunde hielt, wurden die nicht katholischen Kinder auf den Gang hinausgeschickt.

Hinterher hörte Roman von den Schulkameraden, dass der Pfarrer wieder schöne Geschichten erzählt habe. Zu Hause weinte er deswegen und die Mutter hätte ihn gerne „einschreiben“ lassen. Aber das war nur möglich, wenn auch wenigstens ein Elternteil katholisch war. So wurde sie katholisch.

Einige Jahre später wurden meine Schwester Herta und ich evangelisch getauft. Warum? Das weiß ich nicht mehr. Vielleicht unter dem Einfluss einer Bekannten, der Frau Grandl, die so eine Art Messnerin beim evangelischen Gottesdienst war. Und vielleicht sogar deshalb, weil die evangelische Gemeinde gelegentlich für die Kinder Geschenke verteilte.

So brachte mich meine Mutter zu Gottesdiensten und einmal zur Weihnachtsfeier in die Neue Schule. Der kleine Karli, also ich, sollte ein Gedichtchen vortragen. Die Mama paukte es mir ein. Es gelang mir bald. Der Pfarrer stellte mich neben sich vor die Festgemeinde. Ich wollte beginnen, vergaß aber darauf, einen Knicks zu machen.

Der Pfarrer packte mich beim Genick und drückte mich Richtung Boden. Nun los! Aber jetzt entkam mir erst recht kein Ton. Der Pfarrer sagte mir das erste Wort vor, dann noch eines. Es nützte nichts, ich blieb stumm. Das sollte nicht mein einziger missglückter Vortrag bleiben.

Es gab in Grünbach in dieser Zeit einen Kindergarten. Jedenfalls sind weder mein Bruder noch meine Schwester oder ich hingebracht worden. Aus Geldmangel oder weil er zur Pfarre gehörte? Ich beneidete andere Kinder darum, auch weil sie kleine Basteleien nach Hause brachten.

Eine Schulklasse posiert für ein Klassenfoto
Volksschulklasse Jahrgang 1931

Im Sommer 1937 brachte mich die Mutter zur ersten Schulstunde. Mein Schulweg: unter der Deputatverladerampe durch, zwischen Feldern und an einem Transformator vorbei, über die Bahn und zum „Neubau“. Bis zur Neubaustraße war der Weg nicht gepflegt, steinig und kotig, weil er sich der vorrückenden Halde immer wieder anpassen musste.

Nicht jedem gefiel der erste Schultag. Der Erich in der letzten Bank weinte. Weil andere ihn auslachten, hielt er sich das Taschentuch vors Gesicht. Ich jedoch mochte die Lehrerin und auch den Unterricht sehr und fühlte mich bald wohl.

Die Klasse roch nach Fußbodenöl und Desinfektionsmittel. Das Pissoir, mit „Urinol“ gestrichen, stank ebenfalls. Die dortigen Oberlichtenfenster waren nicht sehr hoch und stets offen. Was war nahe liegender, als zu wetteifern, wer sich durch das Fenster „entwässern“ konnte.

Nach dem Unterricht saßen wir einmal auf dem Geländer vor dem Haus des Schuhmachers Steinwender und errechneten die Jahre bis zum Schulaustritt. Es wurde mir dabei sonderbar bang zumute. Wir hatten einen Blick in eine ferne, unbekannte Zukunft getan.

In der Klasse war ein Mädchen aus den „Steigerhäusern“, schwarzhaarig und mit einem hübschen Gesicht. Irgendwo im Neubau hätte ich beim gemeinsamen Heimweg abbiegen müssen. Aber jetzt plauderten wir so angeregt und so ging ich bis zur Bahnhaltestelle mit ihm mit. Diese Gewohnheit behielten wir künftig bei. Doch bald nahm das kleine Glück ein Ende. Sie zog mit ihrer Mutter aus Grünbach fort.

Ging man die Bundesstraße Richtung Klaus durch den „Vorau-Wald“, stieß man auf der rechten Seite auf ein Holzhaus mit mehreren Radständern davor. Hier hatte der „Schubert“ (Herr Steiner?) sein „Radservice“. Er war ein untersetzter Mann mit schwarzer Lockenpracht und Brille, was zu seinem Spitznamen führte. Er hatte auch einen kleinen Sprachfehler.

Sehr viele Bergleute kamen mit dem Fahrrad und da war ihnen diese „Garage“ mit Reinigungs- und Reparaturmöglichkeit gerade recht. Wahrscheinlich Kommunist, wurde Steiner 1945 in Willendorf als Bürgermeister eingesetzt und so fuhr er, wie man mir erzählte, mit einer roten Uniform auf einer Kutsche durch den Ort. Später führte er in Strelzhof in einem alten Bauernhof einen Altwarenladen. Bei ihm kauften auch Grünbacher gerne ein, bis er schließlich in seinem Geschäft von Räubern überfallen und mit einer Schere erstochen wurde.

Im März 1938 mussten wir den gemeinsamen Gruß umlernen. Anstatt „Grüß Gott“ kam jetzt der Hitlergruß. Lange Zeit ging das nicht zackig genug. Nationalsozialistische Lieder, speziell für die diversen Feiern, wurden eingeübt und jeden Montag, stehend, der „Wochenspruch“ gelesen. Auf unserem Klassenfoto sieht man noch die „Seid-einig!“-Abzeichen der Vaterländischen Jugend. Mit dem „Anschluss“ wurde Deutschland nun zu „Großdeutschland“.

Die zweite Klasse wurde von einem Lehrer unterrichtet, der im ersten Weltkrieg verschüttet worden war und davon einen bleibenden psychischen Schaden erlitten hatte. Auch der in Grünbach geborene Schriftsteller Sitte erwähnt ihn in seinen Erinnerungen. Und zwar war er überempfindlich gegen Staub und Schmutz. Der Trick mancher Buben, absichtlich das Jausenbrot auf den Boden fallen zu lassen um vom Lehrer dafür eine frische Wurstsemmel zu bekommen, wird in Grünbach noch heute gerne erzählt. (...)

Informationen zum Artikel:

Religion und Schule

Verfasst von Karl Kalisch

Auf MSG publiziert im Juni 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Industrieviertel, Grünbach am Schneeberg
  • Zeit: 1930er Jahre

Anmerkungen

Dieser Textausschnitt stammt aus dem Buch von Karl Kalisch: Erinnerungen. Kindheit und Jugend in Grünbach am Schneeberg. Wien 2005, S. 78-84.

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