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Bei den Pimpfen

von Karl Kalisch

Zu Sommerlagern wurde ich nie einberufen. Aber im Frühsommer 1942 erhielt ich die Aufforderung von der „Jungvolk-Bannführung“ in Neunkirchen, mich zu einem einwöchigen Ausleselager für die „Adolf Hitler Schule“ in Neunkirchen einzufinden. Ein Klassenkamerad wurde auch aufgefordert, daran teilzunehmen, sein Vater ließ ihn jedoch wegen Krankheit entschuldigen.

Mit ca. 20 anderen Buben, 11 bis 12 Jahre alt, ging es von Neunkirchen per Bus (oder fuhr die Bahn noch?) nach Willendorf und von da zu Fuß auf die Hohe Wand. Endlich waren wir oben und hatten wieder Luft zum Singen. Natürlich vom „Hund, der in die Küche kam“, aber auch ein für mich neues Lied „Mäderl du alleine, du allein sollst meine Freude sein“ (ein Fliegerlied).

Und was machten wir in dieser Woche? Wir waren im „Naturfreunde-Haus“, einem schönen Natursteinbau, untergebracht. Heute beherbergt es das Naturmuseum.

Großes Steinhaus im Wald, im Vordergrund ein Schild mit der Aufschrift "Naturfreundehaus"

Bei einem Ausbildner und seinem Helfer machten wir das, was wir schon an den Heimabenden taten, nämlich Exerzieren, Geländeübungen, Sport betreiben, auch Bettenbau.

In der Nähe stand ein Forsthaus. Der Mann war vermutlich beim Militär, denn die Frau kam zu uns und erzählte, dass sie sich nicht an das Alleinsein gewöhnen könne und sich in den Nächten fürchte. So wurde vereinbart, dass abends jeweils 2 bis 3 Buben zu ihr gehen sollten. Erst wurde mit ihr Karten gespielt, danach blieb jeweils der Älteste und Stärkste zu ihrem Schutz im Haus.

Am letzten Tag mussten wir Aufstellung nehmen. Jedem von uns, der Reihe nach, wurde ein mündliches Zeugnis ausgestellt. Einigen wurde auf Grund ihrer Leistungen eine Charge zuerkannt. Ich war nicht darunter. Das höchste Lob bekamen zwei Übereifrige, welche ungefragt den beiden Leitern das Waschwasser brachten und wieder wegschütteten oder andere ähnliche Dienste verrichteten.

Die wöchentlichen Heimabende fanden in der Neuen Schule statt, besondere Veranstaltungen wie Luftdruckgewehrschießen und Sportwettbewerbe auf dem Sportplatz.

Einmal wurden wir an einem Wochenende zu einem Jugendtreffen nach Ternitz gebracht. Warum wir nicht mit den anderen nach Grünbach heimkehrten, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls landeten Pollermann Franz, Imnitzer Fredl und ich in Puchberg und warteten auf einen Zug.

Wir spazierten über den Ring, vorbei an einer bekannten Schuhmacherwerkstätte. Später befand sich an jener Stelle ein Palmersgeschäft. Da hielt uns ein älterer kräftiger Bursch an. Sein Blick versprach nichts Gutes: „Wo kommt’s denn her?“ Wir waren natürlich in Uniform. „Was hast denn da?“ Er griff nach dem „Schnürl“ vom Fredl, einer in zwei Farben geflochtenen Schnur, die von einem Hemdknopf zur Brusttasche reichte. Daran war ein Trillerpfeiferl befestigt. Das waren die Chargen-Kennzeichen. Mit der freien Hand holte er einen Taschenfeitl aus der Hosentasche und schnitt das Schnürl ab. „Und jetzt schleicht’s eich!“

Wir haben ihn gekannt. Später war er Schiedsrichter. Wir waren natürlich fassungslos. „Den zeigen wir an“, war der erste Gedanke, zumal wir vor dem Gendarmeriegebäude standen. Aber dann kamen uns auch die eventuellen Folgen für ihn in den Sinn und wir verwarfen den Gedanken wieder.

Wie gesagt, taten nicht alle bei der Hitlerjugend mit. Nun ein anderes Beispiel: Als einmal einige Buben, langhaarig, nicht dem gängigen Ideal angepasst – man nannte sie „Schlurfs“ – die vorbeimarschierende HJ mit ihrer Fahne nicht stramm grüßten, sondern höhnisch lachten, wurden sie zur Anzeige gebracht. Sie mussten nach Neunkirchen zur „Bann“-Führung. Dort wurden sie erst ordentlich beschimpft und bedroht, mussten ihre Straf-Kniebeugen machen, dann schnitt man ihnen mit einer Haarschere eine kahle „Straße“ von der Stirne bis in den Nacken. Zu Hause ließen sie sich den Kopf gänzlich scheren und zeigten ihre Glatze im Kino stolz lachend her. Danach lauerten sie einem HJ-Führer nach dem Kino auf, drängten ihn in die finstere Kotgasse, wo sie ihn verprügelten.

Informationen zum Artikel:

Bei den Pimpfen

Verfasst von Karl Kalisch

Auf MSG publiziert im Oktober 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Erinnerungsbücher, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Industrieviertel, Grünbach am Schneeberg, Hohe Wand
  • Zeit: 1940er Jahre

Anmerkungen

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch von Karl Kalisch: Erinnerungen. Kindheit und Jugend in Grünbach am Schneeberg. Wien 2005, S. 110-117.

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