Sie sind hier:
  1. Startseite >
  2. Lesen > 82 Bücher

In der Grube

von Karl Kalisch

Mehr aus Neugierde als um Geld zu verdienen, arbeitete ich in den Ferien drei Wochen lang im Bergwerk. Die ersten zwei Wochen war ich als „Mitfahrer“ eingesetzt.

Eine Gruppe von Bergbauarbeitern im Kohlebergwerk. Ihre Gesichter sind vom Kohlestaub geschwärzt.
Bei den "schwarzen Männern"

Wer Genaueres über das Kohlenwerk als solches und seinen Betrieb wissen möchte, lese das informative Buch „Der Grünbacher Steinkohlenbergbau und seine Zeit“, von Dr.  Dipl.  Ing.  Hans Kreiner. Dieser hat ja auch eine umfassende Chronik der Gemeinde Grünbach geschrieben und dafür die Ehrenbürgerschaft verliehen bekommen. Das Manuskript jedoch vergilbt langsam, zu meinem großen Bedauern, in den Laden der Gemeindeverwaltung.

Ich möchte mich  also weitgehend auf meine persönlichen Erlebnisse beschränken. Auf den etwa sechs „Sohlen“ verkehrten Züge mit vollen bzw. leeren Hunten,  entweder von Dieselloks oder Pressluftloks gezogen. Der Fahrer hatte meist einen Begleiter, eben einen jungen „Spund“, dabei.

Die Stollen waren eng und niedrig, feucht und natürlich finster. Die „Zimmerung“, d.h. die Stützhölzer, waren oft schon vom „Berg“ geknickt, die Geleise waren holperig und uneben. An einer Seite des Stollens lief ein kleiner Wasserkanal als Abfluss des Sickerwassers. Ich musste also dem Fahrer beistehen: abspringen, vorlaufen, die „Wettertüren“ öffnen und wieder schließen, die Wechsel richten, Hunte an- und abhängen.

Mein Fahrer war aus Maiersdorf, noch jung, kräftig, aber vor allem jähzornig. Ich machte nichts richtig oder schnell genug, auch wenn ich oft in den Wassergraben sprang. So fluchte er die ganze „Schicht“ über fürchterlich und hundsordinär, meist auf Russisch, er muss dort eingerückt gewesen sein.

Die größte Wut packte ihn, wenn ein Hunt aus den Schienen sprang, noch dazu ein voll beladener. Diese Wut muss ihm zusätzliche Kraft gegeben haben. Er hob mit der Schulter, die Beine gegen einen Pfosten gestemmt, den Hunt allein wieder in das Geleis.

Bei vielen Berufsausbildungen gibt es anlässlich der Beendigung alte Rituale, Bräuche, scherzhafte Handlungen, aber oft auch beim Einstand neuer Kollegen, ja auch beim Besuch von Gästen.

Eine Gruppe von Bergarbeitern auf einer Brücke beim  Bergwerk
Schichtwechsel auf der Brücke

Bei einer Exkursion unserer Klasse in das Stahlwerk Traisen machten die Arbeiter folgenden  „Spaß“: Sie blieben mit einem, von zwei Leuten mittels einer Stange getragenen Kübels mit glühendem Schmelzeisen so knapp hinter einem Schulkollegen stehen, bis dieser glaubte, schon zu brennen und schreiend einen Hopser machte. Wäre er ausgerutscht oder zurückgesprungen, wäre er in der glühenden Masse gesessen.

In einem anderen Gießereibetrieb hielt man einem Fremdarbeiter „spaßeshalber“ einen Pressluft-Reinigungsschlauch an das Gesäß, wodurch es ihm die Gedärme zerriss.

Kamen nun Besucher, unseren Schacht zu besichtigen, wurde der Maschinist informiert und der ließ die „Schale“, also den Aufzug, besonders hart aufsetzen. Für einen Fremden ist diese Fahrt, laut, rumpelnd, in rostig-feuchtem Eisengestänge, nur mit Gittern gesichert, schon ohnehin eine „Geisterbahnfahrt“.

Mehrere Bergbauarbeiter warten auf einer Brücke
Warten auf die Einfahrt in den Stollen

Bei Schichtwechsel, ich hatte immer Frühschicht von 6 bis 14 Uhr, sammelten sich die Kumpeln bei der „Schale“ zur Ausfahrt. Bei so einer Warterei schaute mich einer der Männer an und fragte plötzlich laut: „Bist überhaupt schon g’schmiert?“ Hätte ich gewusst, was er meinte, hätte ich mit „Ja, ja“ geantwortet. So fragte ich naiv, was er damit meinte. Sofort wurde ich von mehreren Armen festgehalten, Hose runter, Stauferfett und Kohlenstaub her und schon wurde die untere Bauchpartie gründlich eingerieben. Fertig war die „Taufe“.

Das nächste Gelächter musste ich mir im Bad anhören. Des alten Badewärters liebster Spruch war: „Wir Beamte müssen zusammenhalten.“ Beamte – also eigentlich Angestellte – gab es ja wenige. Rund 50 im technischen und vielleicht 30 im kaufmännischen Bereich, dagegen ungefähr 1000 Arbeiter.

Ja, weil wir gerade bei Sprüchen sind: Da gab es so viele und ich kenne doch nicht alle. Immer wieder weitererzählte und auf schlechtes Deutsch zurückzuführende Aussprüche, die ich mir zeitlebens merke: „Olde, deck zu, bist beim Orsch bloßfüßig“. Dann: „Host a Kondl, krigst an El.“ Oder „Oba, hob i gmocht schwinte, schwinte, provisorisch.“ Oder „Owa, lass kommen.“

Aber wie ist es mir weiter ergangen? In der letzten Woche war ich „Säuberer“ vor Ort, das heißt Mithelfer beim Abbau. Von einem Nebenstollen führte schräg aufwärts ein ca. 7m langer Kriechstollen mit einer Blechrutsche. Am Ende befand sich eine ebene „Höhle“, so nenne ich das einfach, in der die Kohle abgebaut wurde. Man konnte darin nicht stehen.

Zwei Männer arbeiten in einer kleinen, von Zimmerungen gestützten Höhle
So ähnlich war mein Arbeitsplatz

Die zwei Puchberger Bergleute schrämten die Kohle herunter, schaufelten sie in eine Scheibtruhe und fuhren sie gebückt die ca. 5m zu mir und leerten sie zu meinen Füßen aus. Sitzend oder knieend schaufelte ich wiederum die Kohle in die Rutsche. Diese war von unten gesperrt und wurde erst geöffnet, wenn ein leerer Hunt darunter geschoben wurde.

Hier saß ich den ganzen Arbeitstag. Hatten die zwei Hauer wieder einmal Pölzarbeiten oder anderes zu verrichten, konnte ich mich zurücklehnen, nachdenken oder nur ins „Narrenkastl“ schauen und dem Knacken, Knistern, Rieseln zuhören. Ungefähr 700m unter der Erde.

Einmal schlief ich auch sanft ein, blöderweise, als ein Aufseher, Herr Mörth, seine Runde machte. Das Licht schreckte mich auf. Die Helmlampe und eine Handlampe waren auf mein Gesicht gerichtet. Ich war ihm neu. „Aha, keine Arbeit ? Arbeit gibt’s immer! Außerdem ist schon mancher für immer eingeschlafen, wenn zu wenig Frischluft vorhanden war. Von wem bist denn? Aha, dem Kalisch sein Bub. Also, dass ich dich nimmer erwisch!“ Immerhin, ich brachte stolze 96 Schilling im Lohnsackerl nach Hause.

Informationen zum Artikel:

In der Grube

Verfasst von Karl Kalisch

Auf MSG publiziert im Juni 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Industrieviertel, Grünbach am Schneeberg
  • Zeit: 1940er Jahre

Anmerkungen

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch von Karl Kalisch: Erinnerungen. Kindheit und Jugend in Grünbach am Schneeberg. Wien 2005, S. 165-173.

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.