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Polterabend und Hochzeit

von Sebastian Haselsberger

Je näher der Hochzeitstermin heranrückte, desto mehr kriegte ich es mit der Angst zu tun. Aus reiner Verzweiflung wollte ich mir sogar den Blinddarm herausnehmen lassen, aber es war kein Bett frei im Krankenhaus St. Johann, und ehrlich – was hätten auch 14 Tage Aufschub gebracht? Denn Wiltrud, meine deutsche Braut, hatte es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, mich zu heiraten.

Meine Großmutter gab uns den Tipp, die im Mai geschlossenen Ehen würden die glücklichsten. Sofort stand der Termin, der 2. Mai 1970, ein Samstag, fest. Unerbittlich rückte dieser Tag näher und näher, und mir wurde es mulmig und mulmiger. Dazu hatten mich meine Alkoholprobleme fest im Griff, und ich trank und trank, wohl aus Verzweiflung, eher noch mehr. Der Hauptgrund meiner Angst war, dass ich Wiltrud nichts zu bieten hatte, Ich besaß nichts außer den paar lumpigen Kleidern, die ich auf dem Leib trug. Dazu kamen noch Schulden, die vor allem durch Ausgaben für Alkohol entstanden waren (teilweise zahlte mein Vater diese Schulden später ab). Teils musste Wiltrud von Deutschland aus meine vielen restlichen Schulden, zum Beispiel für die Kirchensteuer, bezahlen. Diese Beiträge mussten nach Salzburg überwiesen werden (in Österreich wird die Kirchensteuer nicht vom Lohn abgezweigt, da bekommt man eine Rechnung: ,,Euer Wohlgeboren ...").

Ja, das war die eine Angst und die andere, dass Wiltrud mich mit nach Deutschland nehmen würde, ich würde also meine Freunde, mein Zuhause, meine Heimat verlassen müssen. Warum nur hatte ich Wiltrud die Ehe versprochen? Es passierte anlässlich eines Besuches bei Wiltrud an einem weinseligen Abend (ich konnte mit einem Freund nach Würzburg fahren, der vom Abschleppdienst ein havariertes Auto nach dorthin überfuhren musste). Ich blieb eine Woche bei Wiltrud und ihren Eltern. Hier stellte sie mich vor die Entscheidung: entweder Heirat oder Auflösung der Beziehung.

Es waren noch einige Behördengänge notwendig, auch musste beim Dorfwirt in Going die Hochzeitsfeier besprochen werden, die ungefähre Anzahl der Gäste und der Speiseplan. Doch wenn mich heute wer fragt, ich weiß von fast nichts mehr, ich erinnere mich auch nicht mehr an die kurze Vorsprache bei Pfarrer Rupert Schnöll. Auf jeden Fall ist Wiltrud deswegen schon zwei Tage vorher nach Going gekommen, die Schwiegereltern folgten am 1. Mai mit Wiltruds Schwester Karin und deren Ehemann Karl.

Wo sollte der Polterabend stattfinden? Keine Frage – natürlich in meiner Stammkneipe bei der Sonei beim Rautner in Going! Es wurde ein turbulenter Abend: Je später es wurde, desto mehr Geistiges durchrieselte die Gurgeln, desto mehr gab es zu diskutieren zwischen den Gästen, von denen die Hälfte Deutsche waren, die andere Hälfte Einheimische. Jeder wollte Vorreiter sein und das bessere Vorbild als Mensch. Die Deutschen fühlten sich (wie meist) auch hier als die Besseren und die Gescheiteren. Dass es nicht zu einer massiven Prügelei kam, war alleine der Sonei zu verdanken. Vor ihr schienen alle Respekt zu haben, auch der wuchtige Goinger Dorfschmied, der einen vorlauten Germanen schon an einem Ohrwaschl in die Höhe gehoben hatte. Aber wie fast immer war auch hier der Hauptschuldige der Alkohol.

Der Dorfschmied meinte zu den Franken: ,,lhr könnt doch nicht unseren tollsten Burschen nach Deutschland ködern!" Dabei muss auch mein Schwiegervater allerhand abgekriegt haben, er fuhr mit dem Zug noch in der Nacht nach Hause. Doch das bekamen Wiltrud und ich nicht mehr mit. Wir waren schon fort. Als wir gegen 23 Uhr das Lokal verließen, schneite es.

Braut und Bräutigam tauschen die Ringe, in Anwesenheit von Pfarrer und Messdiener
Hochzeit in Going mit Pfarrer Rupert Schnöll

Der 2. Mai 1970 schien ein schöner Tag zu werden, obwohl über Nacht etwa 20 cm Schnee gefallen waren. Deshalb musste uns auch Bruder Hans chauffieren. Er war zur Hochzeit von der Schweiz gekommen und hatte glücklicherweise noch die Winterausrüstung auf seinem Fahrzeug. Zuerst ging es zu unserer Schwester, der Frisörin, die musste noch Wiltruds Haar machen. Danach den Hochzeitsstrauß abholen und dann auf zum Standesamt nach St. Johann.

Im Standesamt muss ich wohl selten dämlich aus der Wäsche geglotzt haben, als Herr Niedrist, der Standesbeamte, nach der obligatorischen Ansprache Wiltrud fragte, ob sie auch die österreichische Staatsbürgerschaft annehmen wolle. Es entstünden ihr dadurch keinerlei Nachteile, im Gegenteil eher nur Vorteile, sie hätte dann also zwei Staatsbürgerschaften. Auch unsere beiden Trauzeugen, meine zwei Onkel Matthias und Hans, haben dumm geschaut. Sie konnten es auch nicht auf Anhieb schlucken, als Wiltrud wie ein preußischer Soldat dastand und sagte: ,,Ich bin Deutsche und bleibe Deutsche." Ich war zwar vom Vorabend noch ziemlich benebelt, aber hier ahnte ich schon: ,,Ich verlier meine Hosen."

Aber es wurde (auch ohne Schwiegervater) noch ein schöner Tag. Dieser Tag, vor dem ich so viel Angst hatte und an dem ich mich am liebsten verkrochen hätte. Doch einen Rückzieher wollte ich dann doch nicht machen. Da hätte ich mein Gesicht verloren, so viel Stolz und Ehrgefühl hatte ich dann doch noch. Und so sagte ich auch in der kleinen schönen Dorfkirche in Going ,,ja". Wir waren nur ein ganz kleiner Kreis in der Kirche, außer meinen Geschwistern (der Heis war nicht dabei) kamen nur einige Tanten vaterseits. Natürlich waren vor der Kirche auf dem Dorfplatz zahlreiche Zaungäste, die ja niemals fehlen dürfen, besonders wenn so ein Unikum und Saufkopf wie ich seine Krallen verliert und Fesseln angelegt bekommt.

Die Sonne schien, als die kirchliche Trauung vorbei war. Schnell schnappten einige Burschen Wiltrud und entführten sie. Auch ich wurde von zwei Frauen verschleppt. Anna, die Frau des Bürgermeisters, und Kathi, die Frau vom Taxi-Hofer, ergriffen mich und ab ging's nach Ellmau zum Café Widauer. Braut und Bräutigam stehlen ist heute noch hierzulande ein beliebter Brauch. Wer jedoch die Zeche zahlt, die von den Entführern und Entführten gemacht wird, ist unterschiedlich. Bei uns musste der jeweilige Trauzeuge die Braut und den Bräutigam auslösen, also die Zeche bezahlen. Leider wird da manchmal Unfug getrieben, so fahren die Entführer in weit entfernte und noble Lokale und bestellen dazu teuren Sekt. Meine Onkel kamen jedoch glimpflich davon.

Zum Hochzeitsmahl beim Dorfwirt war jedoch wieder alles da, und mein Onkel Matthias, der Mühlpointbauer von Going, ließ es sich nicht nehmen, die ganze Gesellschaft nach Kirchdorf zum Gasthaus Habach einzuladen. Hier war es sehr lustig, es wurde auch getanzt. ,,Tu-Ta-Ru!", jauchzte Onkel Heis immerzu. Er war so richtig in Fahrt, das letzte Mal in seinem Leben, wie sich später zeigen sollte. Als 14 Tage nach mir sein Sohn heiratete, hatte er bereits einen Knacks. Gleich danach musste er in ein Fachkrankenhaus nach Salzburg, um endlich einmal seine Kriegsverwundung kurieren zu lassen. Es war leider zu spät – im 54. Lebensjahr verstarb er am 1. August 1970 in Salzburg. Doch bleiben wir noch einmal kurz beim Hochzeitstag: Von Kirchdorf ging es die 12 Kilometer wieder zurück nach Going. Es gab noch ein Abendessen beim Dorfwirt. Zwei Tanten von Söll überreichten mir je ein Kuvert mit einem Hochzeitsgeschenk in Form von Geldscheinen. Es war zwar nicht die Welt, doch ich konnte es gut gebrauchen – für meinen Getränkeverbrauch. Mit etwas Gesang und Tanz endete dieser Tag, vor dem ich solchen Bammel gehabt hatte. Was aber hatte noch beim Abendessen mein Vater zu den Festgästen gesagt – er stand dabei sogar auf: ,,Drei Buben habe ich. Zwei sind noch ledig, einer ist ab heute erledigt!" Ja, das hat er gesagt!

Cover
Informationen zum Artikel:

Polterabend und Hochzeit

Verfasst von Sebastian Haselsberger

Auf MSG publiziert im Oktober 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Tirol, Unterland, Going, Kirchdorf, St. Johann
  • Zeit: 1970

Anmerkungen

Auszug aus dem Buch "Neue Heimat" von Sebastian Haselsberger, S. 9-13.

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