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Meine zweite Alkoholentziehungskur

von Sebastian Haselsberger

Seit Mitte November 1972 stand es fest, ich musste wieder mal etwas gegen meine Sauferei unternehmen, denn so konnte es nicht weitergehen. Den letzten Anstoß bekam ich von unserem alten Hausarzt Dr. Hans Höfler in Rottendorf. Meine Frau und ich suchten die von Dr. Höfler empfohlene Suchtberatungsstelle der Caritas in Würzburg auf. Herr Georg Mayer, der Leiter dieser Stelle, besprach mit uns meine Schritte. Er versprach mir, dass ich so bald wie möglich einen Platz in Annabrunn bekommen würde. Allerdings räumte er ein, ich müsste mich schon auf bis zu 10 Monate Wartezeit einstellen, deshalb sei es auch vorteilhaft, dem Arbeitgeber vorerst noch nichts davon zu melden. Erst wenn ich von der Kuranstalt den Termin bekäme, sollte ich die Firma von meiner Kur unterrichten, was ich dann auch so machte. Außerdem sollte ich bis dahin die Mayer-Gruppe, einen Freundeskreis von Suchtbetroffenen in Würzburg, alle 14 Tage aufsuchen, es wäre für mich sicher vorteilhaft. Ich ging mit Wiltrud fast regelmäßig in diese Gruppe, wenn auch manchmal sternhagelvoll.

Die Suchtberatungsstelle der Caritas Würzburg schickte damals wohl alle männlichen Trinker nach Annabrunn bei Mühldorf am Inn (vor über dreißig Jahren gab es praktisch noch keine alkoholkranken Frauen, die kamen erst später).

(...)

Krankenhaus
Fachkrankenhaus für alkoholkranke Männer in Annabrunn bei Mühldorf am Inn, 1973

Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, meine Frau brachte mich früh zum Bahnhof nach Würzburg. Herr Mayer kam auch bald, er besorgte die Fahrkarten. Unter dem Vorwand „ich muss noch mal wohin“ verschwand ich schnell und besorgte mir zwei kleine Flaschen Weinbrand, die ich dann auf der Fahrt heimlich leerte. Dar war also mein letzter Alkohol am 13. Juni 1973 in der Zeit zwischen 9 und 11 Uhr im österreichischen Schnellzug zwischen Würzburg und Regensburg.

„Was ist los Schorsch?“ sagte ich in Mühldorf, „trinken wir noch im Bahnhofslokal ein Bier zum Abschluss? Ich lade dich ein.“ „Es geht sich nicht mehr aus“,  meinte Mayer, „wir haben schon etwas Verspätung und im Kurheim wartet unser Mittagessen.“ Also, nichts geht mehr!

Mit dem Taxi waren wir schnell im etwa fünf Kilometer entfernten Annabrunn (damals noch zur Gemeinde Oberflossing, heute zur Großgemeinde Polling gehörend). Es gab also kein Bier. Was es gab, war ein Essen, doch an diesem Tag brachte ich keinen Bissen hinunter. Dazu kamen bald die ersten Entzugserscheinungen: Gliederzittern und Schweißausbrüche. Der Mayer Schorsch blieb noch einige Tage in Annabrunn, spannte aus und warf wohl einen Blick auf seine Schäfchen. Meine erste Station war bei Schwester Alfredis: Koffervisitation! Alles, was verboten war, wurde abgenommen und aufbewahrt. Das waren in erster Linie Zigaretten, Tabletten, Kaffee, Radio, Tauchsieder sowie sämtliches Bargeld. In den ersten Tagen kam ich ungefähr vier Tage in ein Krankenzimmer, zusammen mit meinen sieben am gleichen Tage angereisten Leidensgenossen. Drei von denen mussten dann noch länger unter Aufsicht bleiben, sie waren völlig am Boden zerstört, hatten schwere Entzugserscheinungen wie Gliederzittern und Schweißausbrüche, ihre Nerven waren aufs Äußerste strapaziert.

Und dabei sollte man noch an sämtlichen Kleidungsstücken, auch an den Taschentüchern, seine Nummer annähen. Bis ich meine Nr. 46 überall angenäht hatte, habe ich mich unzählige Male gestochen. Die Wäsche wurde von den Patienten maschinell gewaschen und gebügelt. Natürlich musste man sich strikt an die Hausordnung halten, Verstöße wurden streng geahndet: während meiner Kur wurden einige Männer nach Hause geschickt, die sich heimlich Alkohol besorgt hatten und durch eine Urinprobe erwischt worden waren. Es soll auch schon Fälle gegeben haben, in denen solche Sünder die Kur selbst bezahlen mussten. Auf jeden Fall wurde denen so bald keine Kur mehr genehmigt. Auch mein Zimmerkollege Heinz sündigte, er hatte nämlich meist jede Menge Zigaretten im Vorrat. Einige Male schüttete er eine ganze Tasche voll mit solchen Glimmstängeln auf den Zimmerboden, kniete sich dazu und wühlte darin mit beiden Händen, als wäre es ein Goldschatz, wie ein kleines Kind freute er sich dabei.

Außer einigen Aufbauspritzen gab es keine Medikamente. Man hatte dreimal in der Woche ,,Gruppe", und nach einem Monat durfte man bis zum nächsten Dorf Oberflossing gehen, jedoch nicht allein. Oft gab es Kontrollen aus heiterem Himmel. Ab der Halbzeit durfte man bis nach Mühldorf gehen. Sonntags bekam man drei Mark mit, im letzten Monat fünf Mark, damit konnte man in einem Gasthaus einkehren und ein Spezi oder eine Limo trinken.

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Aber was waren da für Menschen zur Kur? Zunächst mal waren alle alkoholkrank. Hier war alles vertreten, vom einfachen Hilfsarbeiter bis hin zum Oberstudienrat. lm Haus Sophie waren oft etliche geistliche Herren, deshalb wurde dieses Haus bald nur noch ,,der Vatikan" genannt. Von einem gesellschaftlichen oder Klassenunterschied war hier also nichts zu spüren, es mussten alle eine Arbeitstherapie mitmachen. Man wurde aber gefragt, was man gerne tun möchte. Ich meldete mich mit meinem Zimmerkollegen für den Küchendienst. Der Kollege Karl-Heinz Schiefer aus Schweinfurt war ein richtiger Streber, schon bald meinte er, ohne ihn wurde in der Küche nichts mehr laufen. Er stand am Herd, machte Speisen fertig; ich dagegen blieb lieber im Hintergrund, schälte Kartoffeln und Ruben, putzte Obst und Gemüse, half beim Spülen und Abtrocknen. Wenn dann das Gröbste getan war, schickte mich Heinz nach Hause in unsere Bude. Ich hielt dort alles in Ordnung und bekam dafür von Heinz oft eine extra Ration Schinken, Wurst oder Käse. Wir verstanden uns auch sonst ganz gut.

Leider blieben wir nur die Hälfte der Zeit, also drei Monate, zusammen, mit dem Umzug vom ,,Haus Anna" zum ,,Vatikan" wurden wir getrennt. Heinz blieb weiter in der Küche, ich aber sollte den Hausmeisterposten vom ,,Vatikan" übernehmen. Ungefähr sechs Wochen vor Ende seiner Kur hatte Heinz jedoch einmal Krach mit Schwester Alfredis, worauf Heinz die Koffer packte und nach Hause fuhr. Viele meinten damals, der Heinz würde bald wieder versumpfen und ruckfällig werden. Gott sei Dank sollten sie nicht Recht behalten. Soviel ich weiß, sind wir zwei die Einzigen von den acht Männern unserer Gruppe, die heute noch total trocken und abstinent sind.

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Wie schon gesagt, stand dieses Kurheim unter katholisch-geistlicher Leitung, vor und nach jeder Mahrzeit wurde ein kurzes Gebet gesprochen. Außer dem Annakirchlein gab es im Untergeschoss einen Mehrzweckraum, in dem wöchentlich zweimal (sonntags und mittwochs) Gottesdienste abgehalten wurden. Zu denen kamen auch 30 bis 40 Einwohner von Annabrunn. Geistliche waren ja fast immer im Hause zur ,,Kur", ansonsten wurde dieser Mehrzweckraum für Gymnastik, Vorträge u.a. genutzt.

Wir ließen uns die Zeit nicht langweilig werden, außer Gruppenarbeit und Arbeit blieb noch genügend Zeit. Da machten wir verschiedene Bastelarbeiten. Manche waren aufs Töpfern spezialisiert, manche fertigten verschiedene Wanduhren, wieder andere machten Holzschnitzereien oder werkten mit Moltofill. Ich fertigte zwei Wanduhren, unterschiedliche Vasen und Tongebilde, vier Madonnen aus gebeizten Lindenholzbrettern und eine schöne Weihnachtskrippe mit Beleuchtung. Diese durfte ich zur Adventszeit im Speisesaal aufstellen, worauf ich sehr stolz war. 500 Mark bot mir die Leitung des Kurheims dafür. Aber ich lehnte ab, weil ich glaubte, so ein Stück nicht noch einmal fertig kriegen zu können, Noch heute steht sie zu Hause unter dem Christbaum, vom Heiligen Abend bis Sebastiani oder auch bis Mariä Lichtmess, wenn der Christbaum so lange seine Nadeln behält.

Kurz vor der Adventszeit fragte mich der Schleibinger einmal, der auch Patient gewesen war und 1973 nach Kurende im Kurheim angestellt wurde (er ist heute der Einzige, der von den Alten in der Kuranstalt verblieb), ob ich nicht jemanden wüsste, man brauchte mindestens drei Adventskränze. ,,Na ja", meinte ich darauf scherzhaft, ,,so schwer kann das doch nicht sein, so einen Kranz zu binden" Das war ein Fehler, denn prompt musste ich einen Kranz machen, und es wurde bei weitem der Schönste, obwohl ich noch nie zuvor einen gebunden hatte. Auch er kam in den Speisesaal. Dabei habe ich gelernt, dass der Mensch oft mehr kann, als er sich selbst zutraut, man braucht dazu meist nur einen kleinen Anstoß.

Außerdem gingen wir viel spazieren, der Heinz, der Max aus Salzburg und der Klosterbruder Kosmas (Ernst Lichtenberg) von der Benediktiner-Abtei Munsterschwarzach (der war Schlosser und hatte eine Trompete, wenn er gute Laune hatte, konnte man ihn vom Balkon des ,,Vatikan" hören, meist die Arie ,,Oh, wie so trügerisch sind Frauenherzen"). Manche Mitpatienten spielten in der Freizeit Faustball. Auch ein Schwimmbad war da, aber manchmal waren ziemlich viele Frösche im Wasser.

Nach drei Monaten, zur Halbzeit, wurden die Frauen zum sogenannten Eheseminar eingeladen. Wir hatten unsere Frauen drei Monate nicht gesehen, nur brieflich oder telefonisch hatten wir mit ihnen Verbindung gehabt. Ein Wochenende und zwei Tage sollte die gemeinsame Zeit mit unseren Frauen dauern. Da hättet ihr die einst versoffenen, teils brutalen Ehemänner sehen sollen! Schön zusammengerichtet und geschniegelt empfingen die meisten lammfromm ihre Frauen mit großen Blumensträußen. Das Seminar leitete die Oberin, auch der Hausgeistliche war manchmal dabei. Es war an und für sich eine feine Sache. Die Leitung war gar nicht streng, und wir durften zwei Ausflüge machen. Da Wiltrud mit unserem kleinen Auto da war, nahmen wir auch Herrn und Frau Schiefer mit. Einen Tag fuhren wir zu meinem Vater auf die Alm, auch den zweiten Tag fuhren wir nach Tirol und zwar nach Erl: Es war gerade Passionsspielzeit, und so schauten wir uns eine Vorstellung an. Es waren zwei wunderschöne Tage für mich Patrioten, zu Hause in der Heimat zu sein.

Wir machten auch einmal einen Busausflug, alle Patienten und das halbe Personal gingen für einen Tag ins Gebirge, verschiedene Getränke und belegte Brote wurden mitgenommen. Wir fuhren Richtung Rosenheim und bei Brannenburg rechts hoch zum Tatzelwurm beim Sudelfeld am Wendelstein. Als wir beim Tatzelwurm die Schlucht besichtigten und an einem Kiosk vorbeikamen, kam ich aus dem staunen nicht mehr heraus: Jeder kaufte etwas, ein Eis, eine Ansichtskarte, ein Souvenir . . . Jeder hatte plötzlich Geld! Aber woher, wo doch keiner Geld haben durfte? Als mir Heinz etwas borgen wollte, lehnte ich dankend ab, ich war so viele Wochen ohne Geld ausgekommen, da brauchte ich auch jetzt keines. Erst fühlte ich mich ein wenig hintergangen, dann gefiel es mir aber, dass ich auch der einzige war, der ohne Geld bei der Kur zurechtkam. Ich war ein bisschen stolz auf mich,  obwohl ich meiner Wiltrud gerne einen Kartengruß geschrieben hätte. (...)

In der Zeit, als ich ungefähr sechs Wochen Hausmeister im „Haus Sophie" war, pflanzte ich auf einer kleinen Grünfläche vor dem Haus eine etwa zwei Meter hohe Kiefer, die ich aus dem nahen Wald geholt hatte. Ich band das Bäumchen an einem Pfahl fest, damit es nicht schon im ersten Winter geknickt würde. Das Bäumchen wuchs zum Baum heran. Bei einem meiner letzten Besuche fürchtete ich schon, es sei gefällt worden, da gerade wieder mal eine Baustelle dort war. Zum Glück hatte ich mich getäuscht. Ich sagte zum Cheftherapeuten Herrn Nodes: ,,Solange mein Sprössling am Leben ist, solange komme ich auch gerne zum Jahrestreffen". Alle zwei Jahre finden Treffen ehemaliger Patienten statt. Ich habe kein Treffen versäumt, aber ist das heute noch das wohlvertraute Refugium von damals? Heute ist alles steif und amtlich-anonym. Die Harmonie, das fast Familiäre von einst ist nicht mehr zu spüren. (...)

Manchmal frage ich mich noch heute, warum ich ein Trinker wurde.
Ich trank aus Geselligkeit - und bekam Streit.
Ich trank vor Glück - und wurde unglücklich.
Ich trank aus Freundschaft - und schuf mir Feinde.
Ich trank und fühlte mich stark - und war doch schwach.
Ich trank mir Mut an - und wurde doch ängstlich.
Ich trank, damit ich besser sprechen konnte - und stammelte.
Ich trank, um mich himmlisch zu fühlen - und hatte doch die Hölle.
Ich trank, um zu vergessen - und wurde gejagt.
Ich trank, um frei zu werden - und wurde zum Sklaven.
Ich trank, um Probleme zu lösen - und sie vermehrten sich.
Ich trank, um mit dem Leben fertig zu werden - und lud den Tod ein.
Und ich weiß, wenn ich diese Kur nicht gemacht hätte, hätte mich der Teufel Alkohol und der Tod geholt.

(...)

Dorf
Informationen zum Artikel:

Meine zweite Alkoholentziehungskur

Verfasst von Sebastian Haselsberger

Auf MSG publiziert im Oktober 2009

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Deutschland, Bayern, Annabrunn bei Mühldorf am Inn
  • Zeit: 1973

Anmerkungen

Auszug aus dem Buch "Neue Heimat" von Sebastian Haselsberger, S. 35-42.

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