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Das Haus in der Feldgasse

von Herta Weghaupt

Ich wurde am 13. August 1935 in Wullersdorf im Weinviertel, Niederösterreich, geboren. Mein Vater stammte aus Opponitz im niederösterreichischen Mostviertel und kam während der großen Arbeitslosigkeit in unser Dorf. Er arbeitete bis zu Kriegsbeginn im Sägewerk als Zimmermann in der Nähe der Bahnstation.

Unser Haus musste mühsam instand gesetzt werden, doch Vater konnte die meisten Arbeiten selbst machen. Auch meine Mutter war sehr fleißig und praktisch und hatte die Gabe, immer alles auf den einfachsten Nenner zu bringen. Die kargen Jahre konnten nur mit großer Sparsamkeit und Fleiß bewältigt werden. Die ersten Erinnerungen, die ich habe, sind mit dem Arbeitsleben meines Vaters und mit unseren Haustieren verbunden. Von der Straße gesehen, wohnten rechts von uns Nachbartante und -onkel, die Mattes hießen, und über sieben Ecken mit meinem Großvater verwandt waren. Links wohnten die Hundeggers. Der Ausblick auf die Mauer des Hundeggerhauses störte meine Mutter sehr. Sie färbelte sie im Frühjahr immer weiß an, damit wir eine freundliche Aussicht hätten, wie sie meinte. Vom Haustor kam man in eine überdachte Einfahrt, „das Motta“. Vor der ersten Türe rechts, die in die Küche führte, war der Brunnen mit einem betonierten Grand. Ich saß immer gerne in der Küche auf der Holzkiste neben dem Ofen, wenn meine Mutter einheizte. Von der Küche ging rechts eine Türe zum Gassenzimmer. Wenn man hier aus dem Fenster schaute, sah man an klaren Tagen den Galgenberg bei Oberstinkenbrunn. Der „Golingberi“, wie man im Dialekt sagte, ist ein ungefähr 350 Meter hoher Hügel. Vor allem in der Reformations- und Gegenreformationszeit wurden dort die Urteile vollstreckt.

In unserer Kindheit und Jugend bekam man nur einseitige Information über andere Religionen. Mutter und Großvater respektierten Andersgläubige, und achteten stets darauf, deren Gefühle nicht zu verletzen. Doch in der Schule mit den Lehrern über Religionsfehden zu reden, war nicht möglich, ein Buch über eine andere Religion zu lesen, wäre ein arges Vergehen gewesen, aber dazu hätten wir sowieso keine Gelegenheit gehabt.

Auf der anderen Seite kam man ins Hofzimmer, in unserem Sprachgebrauch nur als hinteres Zimmer bezeichnet. Es war unser eigentliches Wohn- und Schlafzimmer. Im langgestreckten Hof war zuerst die Türe zur Futterkammer. Für die Ziegen wurden hier mit der Hand auf einem großen „Reißer“, das ist ein massives Reibeisen, circa 60 Zentimeter lang, mit starkem Holzrahmen und scharfem metallenem Reibgitter, die Raunassen (Futterrüben) zerkleinert („gerissen“). Unsere Ziegen liebten diese mit Schrot vermischte Rohkost sehr. Das Futter für die Schweine („das Sautrank“) wurde aus gekochten Kartoffeln („gschwöten Erapfön“) und Schrot zusammengerührt und mit s-förmigen Metallstampfern zerstampft. Anschließend war die Türe zum Ziegenstall, und die letzte Türe führte zum Saustall und zum Hühnerkobel. Nach dem Misthof war noch die Werkstatt meines Vaters, für mich das Interessanteste an dem ganzen Haus. Er hatte dort alle Werkzeuge und seine Hobelbank stehen. Alles, was er für seine Zimmermannsarbeiten brauchte, musste auf engstem Raum Platz finden, es wurden auch noch Holz und Kohle gelagert.

Mein Vater hatte durch seine schwere Arbeit gut trainierte Muskeln. Wenn er den Bizeps springen ließ, fand ich das sehr lustig. Von der Hobelbank fielen die Hobelscharten und ich probierte, ob ich meiner Puppe damit Stoppellocken verpassen könnte. Nach der Werkstatt, durch ein Holztor abgeteilt, war noch ein langgestreckter Garten, der als Küchengarten und als Futterwiese für die Tiere genutzt wurde. Wenn das Kraut reif war und die Zeit zum Sauerkrauteinlegen gekommen war, holte mich die Nachbartante, und ich durfte im Schaff das Kraut festtreten. Es machte mir überhaupt nichts aus, wenn das  Salz auf meiner Haut brannte, ich konnte meine ganze Wut auslassen und sprang fest im Schaff auf und ab. Die Blasen bekam ich ja erst nachher. Auf der anderen Seite, durch einen Zaun abgetrennt, befand sich die  Hundehütte. Der erste Hund, an den ich mich erinnern kann, war Puffi, langhaarig und weiß mit schwarzen Flecken. Dann hatten wir noch Lumpi und Fipsi. Für mich war es immer besonders schlimm, wenn eines unserer Haustiere verendete.

Frau und Kind mit Hund
Meine Mutter und ich mit dem Hund Puffi

Meine Mutter konnte sehr böse werden, wenn ein Hund davonrannte. Einmal, als das Tier nach ein paar Tagen abgerissen und verdreckt zurückkam, schlug sie es mit dem Besen so fest, dass der Besenstiel entzwei brach. Dass sie sich ihre Wut so ausließ, empörte mich, in diesen Momenten hasste ich sie. Zum Glück kam das nicht allzu oft vor. Jetzt weiß ich, dass solche Anlässe meinen Freiheitsdrang und mein Bestreben, jegliche Unterdrückung abzuschütteln, begründet haben. Schläge waren zu dieser Zeit etwas „Normales“. Über diese Art der Strafe dachte damals niemand nach, das musste man hinnehmen, wie das wöchentliche Bad in der Küche. Trotzdem bekam ich nicht allzu viel ab, denn ich zappelte viel  zu viel hin und her und konnte meistens entkommen. Egal, ob es sich um Kleinigkeiten oder größere Vergehen handelte, die Bestrafung war immer gleich hart. Diese Art der „Seelenhygiene“ hat viele seelische Narben hinterlassen. (...)

Aquarell Titelbild
Informationen zum Artikel:

Das Haus in der Feldgasse

Verfasst von Herta Weghaupt

Auf MSG publiziert im September 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Erinnerungsbücher, Orte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Weinviertel, Wullersdorf
  • Zeit: 1935 bis 1965

Anmerkungen

Auszug aus dem Buch "Trauma versunken im Fluss" von Herta Weghaupt, S. 7-9.

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