Sie sind hier:
  1. Startseite >
  2. Lesen > 82 Bücher

Ab 1954 in Wien

von Herta Weghaupt

Erste Arbeitsstelle

Im Herbst 1954 war es endlich soweit. Über ein Stellenangebot in der Kirchenzeitung bekam ich über Vermittlung der Caritas eine Stelle als Kindermädchen bei einer amerikanischen Familie. Ich hatte es mir wunderbar vorgestellt, doch es sollte buchstäblich der Sprung ins kalte Wasser werden. In einer Hinsicht hatte ich Glück, Mr. S. konnte als Angestellter der amerikanischen Botschaft problemlos die Arbeitsbewilligung beschaffen.

Ich wartete also mit meinem geringen Gepäck vor dem Eingang seiner Dienststelle, und wir fuhren gemeinsam in den 18. Bezirk. Das Haus, in dem die Familie wohnte, war villenartig gebaut, lag in der Nähe des Pötzleinsdorfer Schlossparks und hatte einen schönen Garten. Die Familie bestand aus zwei Erwachsenen und fünf Kindern, ein fünfjähriges Mädchen war geistig behindert. Ich hatte große Schwierigkeiten, den amerikanischen Dialekt zu verstehen. Das Arbeitsklima war ziemlich mies, die antiautoritäre Erziehung tat noch ein Übriges. Das behinderte Kind hätte eine Behandlung gebraucht, es war extrem schwierig, mit ihm umzugehen.

Nach einiger Zeit kam ein deutschsprachiges Stubenmädchen, doch ich fand keinen Zugang zu ihr. Sie hatte immer dubiose Freunde und wir hatten kaum Gemeinsamkeiten. Nur wenn ab und zu die Köchin kam, wurde es etwas besser. Es fehlte mir auch das soziale Umfeld des Dorfes, ich war so an das strenge Korsett gewöhnt, dass ich es nicht sofort ablegen konnte. Die scheinbaren Freundlichkeiten der Wiener stellten sich bald als misstrauisches Verhalten einer „Nichtwienerin“ gegenüber heraus, insbesondere, weil ich bei einem Ausländer arbeitete. Die Kriegsereignisse waren noch lange nicht vergessen, die Mauerreste der Bombenruinen waren mit „Ami go home“ beschmiert. Das erstaunte mich sehr, ich dachte, die Amerikaner wären nicht so verhasst wie die Russen.

Sehr lange würde ich das alles nicht aushalten. Ich begann mit einem Stenographie- und Maschinenschreibkurs in der Handelsschule Neumann im 7. Bezirk, den ich leider nicht bis zum Abschluss besuchen konnte. Die Straßenbahnverbindung war so schlecht, dass ich nie vor 23 Uhr nach Hause kam. Ich hätte nie üben können, auch in der Mittagspause nicht, selbst wenn ich eine Schreibmaschine mieten hätte können.

Also fuhr ich jedes Wochenende nach Hause, was mein Budget leider enorm belastete. Nach einem halben Jahr gab ich die Stelle auf, obwohl ich wusste, dass die Arbeitssuche schwierig werden würde. Noch dazu musste ich eine Stelle im 1. Bezirk finden, dem von den Alliierten gemeinsam verwalteten Sektor. Für einen anderen Sektor hätte ich keine Arbeitserlaubnis bekommen. (...)

Meine Freundin Resi

Seit 1954 arbeitete ich im 1. Bezirk als Kindermädchen. Wir vier Freundinnen, Franziska, Käthe, Resi und ich, wurden immer als „vierblättriges Kleeblatt“ bezeichnet, wenn wir gemeinsam ausgingen. Resi war eine kleine quirlige Person, für jeden Spaß und Unfug zu haben, die Lustigste von uns vieren. Resi war die Einzige, bei der ich ab und zu über Nacht bleiben konnte. Die Arbeitgeber fühlten sich für ihre Angestellten moralisch verantwortlich und verlangten Rechenschaft über unsere Freizeitgestaltung. Ich schwindelte und gab vor, dass ich zu meiner Mutter aufs Land fahren würde, sonst hätte ich nicht über Nacht wegbleiben dürfen. Doch leichtsinnig in Bezug auf Partnerschaft waren wir vier nicht.

Resi arbeitete in einer Villa im 19. Bezirk in der Hasenauerstraße. Wenn die Herrschaft verreist war, packte ich am Samstag meine Tasche und marschierte in die Hasenauerstraße. Die Straßenbahnverbindung war ziemlich schlecht und die Fahrt teuer. Leider musste ich nach ein paar Mal Hin- und Hermarschieren die Absätze der Schuhe reparieren lassen, was auch nicht billig war.

An der Villa faszinierte mich besonders die Küche mit Altwiener Flair. Auf Holzborden standen Zinnteller, Kupferkessel und -pfannen in allen Größen, die bei künstlichem Licht flimmerten, und es herrschte eine gemütliche Atmosphäre. Wir machten uns eine gute Zeit, wir konnten den Plattenspieler benützen und hatten von der Klassik bis zur modernen Musik alles zur Verfügung. Wir spielten in voller Lautstärke, das störte niemanden, denn die Villa lag etwas abseits.

Einmal kam unerwartet der Sohn des Hauses nach Hause und schimpfte uns aus, weil wir so argen Krach machten. Doch wir konnten ihn besänftigen, machten ihm ein gutes Nachtmahl und die Stimmung besserte sich wieder. Resi erzählte mir, dass er ein ganz altmodisches Zimmer hätte, doch es war immer versperrt. Er war nur einige Jahre älter als wir und der Respekt war nicht gar so groß. Wir beredeten ihn so lange, bis er wirklich aufsperrte und uns einen Blick in sein „Allerheiligstes“ gestattete. Ich war etwas enttäuscht, denn es war eigentlich kein richtiges Zimmer, nur ein größerer Verschlag mit Bett, das von schweren dunkelgrünen Vorhängen eingeschlossen war. Man musste über einige primitive Holzstufen hinaufsteigen. Er sollte bald heiraten, dieser Raum war für das junge Paar bestimmt. Mir tat für seine zukünftige Frau leid, dass sie in so einer muffigen Atmosphäre würde leben müssen. Er ging bald darauf wieder und wir konnten unsere Unterhaltung fortsetzen. Wir kamen zu dem Schluss, dass es die Kinder der Reichen auch nicht immer leicht hatten, denn auch sie waren von ihren Eltern abhängig und auf andere Weise durch gesellschaftliche Verpflichtungen eingeengt.

In den Stunden mit Resi fühlte ich mich von jedem Druck befreit. Heute noch denke ich gerne an diese langen Samstagabende zurück. Am nächsten Tag konnten wir ausschlafen und am Abend marschierte ich wieder in den 1. Bezirk zurück, denn sonntags musste ich um 22 Uhr zu Hause sein. Solange ich meine Freundinnen hatte, war das Wohnen am Arbeitsplatz erträglich. Leider dauerte die Freundschaft mit Resi nur kurze Zeit. Sie ging wieder ins Burgenland zurück und wir verloren uns aus den Augen.

Freizeitgestaltung - Grenzenlose Tanzbegeisterung

Bis 1953 hatte ich wenig Abwechslung in punkto Freizeit. In unserem Dorf konnten wir höchstens auf der Landstrasse oder im Park neben der Schule spazieren gehen. Fürs Kino hatte ich zu wenig Geld. Es zerbrachen viele meiner Freundschaften, denn ich hatte für sinnlose Blödeleien wenig Verständnis, und ich kannte niemanden, mit dem ich ernsthafte Diskussionen führen hätte können.

Als ich 1954 nach Wien kam, hatte ich viel nachzuholen. Ich wurde richtig tanzwütig. Dreimal in der Woche gab es in verschiedenen Tanzschulen „Perfektion“. Am liebsten ging ich zu „Dick Roy“ in der Rathausstraße, auch in die Tanzschule Irmler im 9. und im 18. Bezirk ging ich gern. Oft war ich auch im Kärntner Trachtenverein im „Grünen Tor“ auf der Lerchenfelder Straße. Besonders rhythmische Musik gab es im 4. Bezirk in der Karolinengasse, wo die „Tamburizza“, eine burgenländisch-kroatische Musikgruppe spielte. Manchmal ging ich auch in „Fatty’s Saloon“, das war der Jazzkeller, den der legendäre Jazzklarinettist Fatty George am Petersplatz im 1. Bezirk betrieb. Leider konnte ich mir das nicht oft leisten, der Eintrittspreis war ziemlich hoch.

Eine Gruppe von schön gekleideten Personen um einen Tisch
Sylvesterball in Wien mit Wullersdorfern

In den Sophiensälen besuchte ich öfters kleine Ballveranstaltungen. Einmal war ich dort beim Ball der Wiener Stadtgärtner. Es gab eine phantastische Blumendekoration, und als besondere Attraktion machte Heinz Conrads die Pausen-Conference.

Ich hatte immer sehr gute Tanzpartner. Einmal hätte ich Gelegenheit gehabt, in eine Tanzturniergruppe aufgenommen zu werden. Es tat mir sehr leid, dass meine Teilnahme am Zeitproblem scheiterte. Meine Arbeit ließ mir zu wenig Freiraum, und die vielen Fahrten ins Ausland zu den Tanzturnieren wären für mich überhaupt nicht möglich gewesen.

Das Tanzfieber steigerte sich dermaßen, dass ich mir kaum Zeit für Theaterbesuche nahm. Aber ich erinnere mich an eine wunderschöne Aufführung der „Lustigen Witwe“ von Franz Lehár im Raimundtheater mit Martha Eggerth und Jan Kiepura. Häufig war ich auch in der Volksoper, wenn Rudolf Schock sang.

Oft taten mir alle Knochen weh, wenn ich zu viel Rock ’n Roll getanzt hatte. Trotz allem war es für mich eine wunderschöne Zeit.

Aquarell Titelbild
Informationen zum Artikel:

Ab 1954 in Wien

Verfasst von Herta Weghaupt

Auf MSG publiziert im September 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 18. Bezirk, 19. Bezirk, 1. Bezirk
  • Zeit: 1954

Anmerkungen

Auszug aus dem Buch "Trauma versunken im Fluss" von Herta Weghaupt, S. 96-101.

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.